Sahra Wagenknecht
Sahra Wagenknecht bei einer Wahlkampfveranstaltung in Bonn im September 2021 / dpa

Linkspartei in der Krise - „Wenn nur noch die Wohlhabenden wählen gehen, ist das keine Demokratie mehr“

Energiekrise, Inflation und soziale Verwerfungen: Eigentlich scheinen die Zeiten prädestiniert für eine Partei, die sich Die Linke nennt. Doch die ist zerstritten und fährt ein schlechtes Wahlergebnis nach dem anderen ein. Im Interview spricht Sahra Wagenknecht über das Linkssein, ihre Vorstellungen von vernünftiger Politik sowie die Krise der Linkspartei und verrät, ob sie plant, eine neue politische Kraft zu gründen.

Autoreninfo

Ben Krischke ist Redakteur bei Cicero und lebt in München.

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Sahra Wagenknecht ist Politikerin und Autorin. Sie sitzt für die Partei Die Linke im Deutschen Bundestag. 

Frau Wagenknecht, als Einstieg in unser Gespräch möchte ich Sie um eine kurze Definition bitten: Was ist aus Ihrer Sicht politisch „links“? 

Links heißt für mich, sich in erster Linie für die zu engagieren, die aus keiner wohlhabenden Familie kommen und auch heute noch sehr viel schlechtere Bildungs- und Aufstiegschancen haben; für Menschen, die sich mit harter, in der Regel wenig inspirierender Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Links heißt natürlich auch, sich um eine produktive, innovative Wirtschaft zu kümmern. Aber das Kernanliegen ist, dass alle ihren gerechten Anteil erhalten und niemand in Armut leben muss. Außenpolitisch bedeutet links für mich, für Frieden, die diplomatische Lösung von Konflikten und globale Abrüstung einzutreten.  

Wie bewerten Sie vor dem Hintergrund dieser Definition die bisherige politische Arbeit der Ampelregierung? Denn da sitzen ja immerhin zwei Parteien drin, die sich wohl mehr oder weniger als links bezeichnen würden. 

Na ja, die ist typisch für das, was heutzutage unter „links“ verstanden wird. Ich finde die Cannabis-Legalisierung nicht falsch, mit dem sogenannten Selbstbestimmungsgesetz“ habe ich große Probleme. Aber entscheidend ist: In sozialer Hinsicht macht die Ampel das genaue Gegenteil klassisch linker Politik. Die sozialen Probleme in unserem Land verschärfen sich. Die Explosion der Energiekosten trifft die Ärmeren am schlimmsten, aber sie zerstört auch unseren Mittelstand. Außenpolitisch setzt die Ampel stur auf die militärische Karte. Es gibt überhaupt keine Bemühungen um Friedensgespräche und eine diplomatische Lösung. So trägt man dazu bei, dass der Ukraine-Krieg immer mehr eskaliert. 

Darüber sprechen wir gleich. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis gibt es einige Menschen, die sich wohl als „links“ bezeichnen würden und die Grünen wählen. Sind diese Menschen also gar nicht links? Oder sind die Grünen nur besonders gut darin, den linken Schein zu wahren? 

Gerade die Grünen sind eben das, was man heutzutage unter „links“ versteht. Das ist dann mehr so ein Lebensgefühl: Ich fahre Lastenfahrrad oder E-Auto und kaufe im Bioladen. Ich will das gar nicht herabsetzen. Ich kaufe auch ab und an im Bioladen. Und es ist im allseitigen Interesse, wenn Leute in der Innenstadt für kurze Wege nicht ihr Auto benutzen. Aber das Problem ist, dass sich viele aus diesem Milieu wegen ihres Lebensstils für die besseren Menschen halten. Sie sehen herab auf Leute, die zum Beispiel im ländlichen Raum überhaupt keine Alternative zum Auto haben oder sich weder E-Auto noch Bioprodukte leisten können. Das Problem ist der missionarische Erziehungseifer, mit dem man anderen vorschreiben will, wie sie zu leben haben. Wenn sich dieser Ansatz mit politischer Macht verbindet, wird es gefährlich.

Vor wenigen Tagen haben Sie den Grünen vorgeworfen, die „gefährlichste Partei im Bundestag“ zu sein. Warum sind denn die Grünen gefährlicher als die AfD? 

Ich habe gesagt „gemessen an dem Schaden, den sie anrichten“. Die AfD kann nur reden. Die Grünen besetzen Schlüsselressorts in der Regierung. Habeck hat entschieden, zum Jahresende auch noch den Kauf von russischem Öl zu beenden, ohne bezahlbare Alternative. Die Grünen sind besonders realitätsfremd und ignorieren die Probleme, die vielen Menschen zur Zeit den Schlaf rauben. Sie vertreten ein wohlhabendes, großstädtisches Akademikermilieu, in dem die Ansicht populär sein mag, dass nur teure Energie gute Energie ist. Auch Frau Baerbock halte ich als Außenministerin für eine Fehlbesetzung.

Inwiefern? 

Ihre naive Moralisierung von Außenpolitik hat das Zeug, uns in einen großen Krieg hineinzutreiben. Die Aufgabe wäre doch jetzt, dass Deutschland gemeinsam mit Frankreich und anderen europäischen Ländern zu Friedensgesprächen aufruft, dazu, den bisherigen Weg zu verlassen, immer mehr Waffen zu liefern und zuzuschauen, wie der Krieg eskaliert. Europa muss die USA unter Druck setzen, indem man die bedingungslose Gefolgschaft aufkündigt. Denn wenn der Krieg sich ausweitet, werden vor allem wir betroffen sein. Man kann sich moralisch aufblasen und zu den „Guten“ zählen, weil man den allseits verhassten Putin mit militärischer Stärke bekämpft. Aber am Ende sitzt Putin am Atomknopf, und er wird sich aus der Ukraine nicht mal eben so zurückziehen, ohne alle Möglichkeiten, die er militärisch hat, ausgereizt zu haben. Es darauf ankommen zu lassen, halte ich für verantwortungslos. 

Sie sprachen gerade das geplante Selbstbestimmungsgesetz an: Was stört Sie daran? 

Ich halte es für hochproblematisch, sehr jungen Menschen in der ohnehin schwierigen Phase der Pubertät fast schon nahezulegen, in einem Geschlechterwechsel die Lösung ihrer Probleme zu suchen. Viele junge Frauen hadern zu Recht mit der sozialen Geschlechterrolle, mit den geringeren Verdienst- und Aufstiegschancen, die sie im Vergleich zu Männern heute immer noch haben. Aber wir sollten sie nicht motivieren, deshalb ihr biologisches Geschlecht zu verändern.

In Großbritannien gibt es inzwischen Klagen gegen Ärzte, die entsprechende Operationen bei jungen Menschen durchgeführt haben. Die Patienten haben diese Eingriffe später schwer bereut. Auch die Idee, dass jeder durch einen Eintrag beim Amt mal eben sein Geschlecht ändern kann und Männer dadurch Zugang zum Frauensport, zu Frauenhäusern oder Frauengefängnissen bekommen könnten, halte ich für gefährlich. Es gibt nun einmal zwei Geschlechter. Wer die biologischen Unterschiede leugnet, erweist dem Anliegen der Gleichberechtigung einen Bärendienst.

Das heißt, das Selbstbestimmungsgesetz wäre jetzt kein linkes Vorhaben?  

Nein. Ich halte die ganze Gender-Diskussion für maßlos überzogen. In den seltenen Fällen, in denen reife, erwachsene Menschen sich tatsächlich im falschen Körper fühlen, muss ihnen geholfen werden, und niemand darf deshalb diskriminiert werden. Aber man sollte aufhören so zu tun, als wäre das ein Massenphänomen. Schon gar nicht sollte die Politik den Weg bereiten, dass immer mehr junge Leute Pubertätsblocker nehmen oder irreversible operative Eingriffe an ihrem Körper durchführen lassen. 

Wären dann, um ein anderes Beispiel zu nennen, zumindest die Entlastungspakete der Bundesregierung linke Politik? Die politisch Verantwortlichen sagen ja, die Entlastungspakete würden doch zeigen, dass man die Sorgen der Bürger ernstnimmt. 

Das ist, als wenn ein Brandstifter ein ganzes Dorf anzündet, dann hilft, ein Haus zu löschen, und dafür als großer Feuerwehrmann gefeiert werden möchte. Nicht Putins Krieg, sondern die in der Folge beschlossenen Wirtschaftssanktionen gegen Russland sind der Grund dafür, dass die Energiepreise explodieren. Und zwar besonders in Deutschland, weil andere westliche Länder die Sanktionen umgehen oder von ihnen kaum getroffen werden. Gas ist zur Zeit in Deutschland achtmal so teuer wie in den USA. Und ein Zuschuss hier, eine Erleichterung dort, das federt die riesigen Mehrkosten doch nicht ab. Ich habe Gespräche mit Handwerkern, Bäckern und Landwirten geführt, die trotz der Entlastungspakete um ihre Existenz fürchten müssen. 
 

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Wie erklären Sie sich denn, dass Sie im Jahr 2022 massiven Gegenwind erhalten, wenn Sie sagen, wir müssen zuerst darauf schauen, dass es den Menschen im Land gut geht? 

Ja, das ist eine seltsame Debatte. Es war früher eine Selbstverständlichkeit, dass eine Regierung in erster Linie dafür zu sorgen hat, dass es der eigenen Bevölkerung gut geht. Wenn man das heute ausspricht, wird man verdächtigt, ein Nationalist zu sein. Das zeigt einfach nur, dass wir verlernt haben, vernünftige Diskussionen zu führen. Wir erleben eine emotionale und moralische Aufladung von Debatten, die unserer Demokratie nicht guttut. 

Aber ist die „internationale Solidarität“ nicht ein ur-linkes Anliegen? 

Ich bin für internationale Solidarität. Das, was Deutschland zurzeit macht, hat damit aber wenig zu tun. Wir haben den Gaspreis zusätzlich hochgetrieben, weil wir, um die Gasspeicher zu füllen, zu irren Preisen eingekauft haben. Ärmere Länder hatten da keine Chance mitzuhalten. Die Sanktionen gegen Getreide und Dünger aus Russland tragen dazu bei, dass die Weizenpreise steigen und der Hunger in der Dritten Welt wächst. Die Rechtfertigung dieser Politik mit einer hehren Moral ist also auch noch ziemlich verlogen. Sie sagen etwa, dass man bei einem Diktator und Kriegsverbrecher wie Putin kein Öl und Gas kaufen darf. Gleichzeitig reisen Scholz und Habeck zu den islamistischen Diktatoren und Kriegsverbrechern im Nahen Osten, um dort – wesentlich teurer! – Energie zu kaufen. Das ist das Problem jeder Gesinnungsethik: Man bedenkt die Folgen nicht. Am Ende ist der Schaden riesengroß, nur dass meistens nicht die Verursacher darunter leiden, die sich stattdessen als besonders gute Menschen fühlen.

Energiekrise und Inflation, während der Corona-Pandemie haben wir einen übergriffigen Staat erlebt. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. In München, wo ich lebe, findet ein normaler Arbeiter eigentlich keine Wohnung mehr, die er bezahlen könnte. Das sind alles unschöne Entwicklungen. Gleichwohl sind die Zeiten doch eigentlich prädestiniert für linke Politik – und damit insbesondere auch für eine Partei, die sich selbst Die Linke nennt, oder? 

Ich denke, dass eine glaubwürdige Partei für Frieden und soziale Gerechtigkeit ein sehr großes Potenzial hätte. Es gibt viele Menschen, das zeigen die Umfragen, die sich von den vorhandenen Parteien nicht mehr vertreten fühlen. Die Linke war einmal eine glaubwürdige politische Kraft. Da hatten wir zweistellige Bundestagswahlergebnisse, selbst 2017 waren es noch über 9 Prozent. Diese Wähler hat man mit der inhaltlichen Umorientierung der letzten Jahre mehr und mehr vertrieben. 

Erleben wir derzeit also den Anfang vom Ende der Linkspartei

Eine Partei, die immer wieder miese Ergebnisse einfährt, sollte sich fragen, was sie falsch macht. In der Linken dagegen macht die Führungsmannschaft jedes Mal irgendwelche externen Ursachen verantwortlich. Es gab eigentlich nie eine selbstkritische Debatte, ob die Wahlniederlagen nicht irgendwas mit dem Führungspersonal und der aktuellen Ausrichtung der Partei zu tun haben könnten. Das ist schon ein Trauerspiel: Wenn die Menschen sich eine andere Politik wünschen, profitiert davon aktuell nur die AfD. Wir sehen das auch in anderen Ländern: Wenn es keine vernünftige Politik und keine seriöse Opposition mehr gibt, übernimmt die Rechte. Eigentlich stehen Parteien, die sich demokratisch nennen, in der Verantwortung, das zu verhindern. 

Wie sehr fürchten Sie einen Rechtsruck? Deutschland ist ja nicht Italien oder Schweden. Hierzulande ist die AfD weitgehend isoliert vom restlichen politischen System. 

Ich glaube auch nicht, dass die AfD kurz vor der Machtübernahme steht. Aber es macht unsere Gesellschaft sicher nicht zu einem besseren Ort, wenn eine Partei, die in ihren Reihen Rechtsextremisten und Nazis duldet, immer stärker wird. Vor allem aber ist es ein Problem für die Demokratie, wenn sich immer mehr Menschen gar nicht vertreten fühlen und daher bei Wahlen zu Hause bleiben. Darüber wird viel zu wenig diskutiert. Wir haben ja nicht nur steigende AfD-Ergebnisse. Wir haben auch einen starken Trend zur Wahlabstinenz, und zwar gerade bei jenen, denen es nicht gut geht. Man kann von der Wahlbeteiligung eines Wohngebietes heute zuverlässig auf das Durchschnittseinkommen schließen. Die Ärmeren gehen nicht mehr zur Wahl, weil sie merken, dass keine Partei ihre Interessen vertritt. Doch eine Demokratie, in der irgendwann nur noch die Wohlhabenden wählen, ist keine mehr. 

Wie groß wäre in dem Zusammenhang das Wählerpotenzial der Die Linke? Und warum ist sie partout nicht in der Lage, dieses abzurufen? 

Beim Wählerpotenzial kann ich mich nur auf Umfragen stützen. Es gab vor kurzem eine von INSA, wonach eine Partei mit einem Profil wie dem, wofür ich werbe, aktuell ein Wählerpotenzial von 30 Prozent hätte und ziemlich sicher von etwa 10 Prozent der Wahlberechtigten gewählt würde. Ich glaube, dass sich ganz viele Menschen eine politische Kraft wünschen, die die Ampel unter Druck setzen kann, ihre Politik zu verändern. Als die Linke relativ stark war, hat sie die reale Politik verändert. Die SPD hat in der Folge eine Reihe sozialer Korrekturen vorgenommen. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie unser Land in ein oder zwei Jahren aussehen wird, wenn die Ampel mit ihrer derzeitigen Politik nicht gestoppt wird.

Sie gehören nach wie vor zu den populärsten Politikerinnen in Deutschland. Gleichwohl, las ich, soll es nach ihrer jüngsten Rede im Bundestag zu einer „Austrittswelle“ bei ihrer Partei gekommen sein. Welchen Anteil haben Sie persönlich am desolaten Zustand Ihrer Partei? 

Richtig ist: In den letzten Wochen sind besonders viele Menschen aus der Linken ausgetreten. Bei mir haben sich allerdings viele gemeldet, die das deshalb getan haben, weil die Parteispitze sich derart von den Inhalten meiner Rede distanziert hat. Tatsächlich habe ich wohl noch nie auf eine Bundestagsrede so viel positive Resonanz aus der Bevölkerung bekommen. Nun mag es natürlich auch Mitglieder gegeben haben, die wegen mir ausgetreten sind. Aber die reinen Austritte sagen über die Ursachen nichts aus. Man muss außerdem wissen: In dem Zeitraum ist die Entscheidung gefällt worden, dass die Linke das bedingungslose Grundeinkommen unterstützt. Auch das dürfte zu den Austritten beigetragen haben. 

Sind Sie gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen? 

Ja. Ich finde, jeder Mensch sollte das Recht haben und die Möglichkeit, mit einer guten Arbeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Wer unschuldig arbeitslos wird, muss durch eine ordentliche Arbeitslosenversicherung abgesichert werden, die sich am letzten Einkommen orientiert und so lange gezahlt wird, wie derjenige trotz aller Bemühungen keine angemessene Arbeit findet. Das bedingungslose Grundeinkommen kann nie das Level einer soliden Arbeitslosenversicherung erreichen, weil das nicht finanzierbar wäre. Es kann bestenfalls eine Leistung auf Armutsniveau sein, aber trotzdem ist es sehr teuer, weil es eben jeder bekommen soll.

Bekanntermaßen sind Sie sehr streitlustig. Jetzt sagen Sie, dass Sie für ihre Ansichten sehr viel positive Resonanz bekommen. Aber gleichzeitig bekommen Sie auch sehr viel negative Resonanz. Manche Kritiker schimpfen Sie eine „Putin-Versteherin“. Außerdem wird Ihnen vorgeworfen, auch Zustimmung aus Teilen der AfD zu erhalten. Gibt Ihnen das nicht zu denken? 

Das zeigt eher, dass viele nicht mehr in der Lage sind, sachlich zu diskutieren. Ich verurteile diesen Krieg, ich finde ihn verbrecherisch. Aber ich werbe dafür, ihn auf dem Weg der Diplomatie zu beenden, um weitere Eskalation zu vermeiden. Dass man für solche Positionen heute als „Putin-Versteher“ oder „Kreml-Propagandist“ diffamiert wird, zeigt, wie niveaulos unsere Debatten geworden sind. Und zum Beifall der AfD: Wollen wir wirklich zum Referenzpunkt der Diskussion machen, was die AfD meint? Also wenn die AfD sagt, der Himmel ist blau, dann müssen alle behaupten, er sei gelb, weil sie sonst „Beifall von der falschen Seite“ bekommen könnten? Das hat schon in der Flüchtlingskrise nicht funktioniert, als niemand mehr die Probleme der Zuwanderung thematisieren durfte, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, ein „Rassist“ zu sein. Also hatte die AfD ein Alleinstellungsmerkmal, das sie in den Bundestag getragen hat.
 

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Wer sich von Ihrer Partei nicht mehr vertreten fühlt, ist beispielsweise der Schriftsteller Christian Baron. Wir hatten ihn neulich im Interview. Baron verordnet sich klar links und ist in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Er sagt: „Es braucht eine neue linkspopuläre Kraft in Deutschland.“ Wenn ich Sie bisher richtig verstanden habe, würden Sie ihm zustimmen? 

Ja. Und ich schätze ihn sehr, auch als Schriftsteller. Er hat großartige Bücher geschrieben. Das eine handelt von seinem Vater, das andere von seinen Großvätern, Menschen, die unter Verhältnissen leben mussten, von denen man in der wohlstandsverwöhnten grünen Blase keine Vorstellung hat, und die in ihrer Härte und dem täglichen Überlebenskampf natürlich prägen. Baron schildert die Enge und Zwänge des Lebens ganz unten und was das mit den Betroffenen macht. Es ist eben leichter, ein fröhlicher, netter Mensch zu sein, wenn man wohlbehütet und umsorgt im Wohlstand aufgewachsen ist. Heutzutage wird auf diese Menschen oft genug herabgesehen, sie werden verächtlich gemacht. Dagegen schreibt Baron in seinen Büchern an. Ich finde das sehr wichtig. 

Stichwort „neue linkspopuläre Kraft“, die Baron fordert: Sie haben vor vier Jahren versucht, mit „aufstehen“ eine neue linke Sammelbewegung zu gründen. Warum ist das Vorhaben gescheitert? 

Ich war damals Fraktionsvorsitzende und wollte keine neue Partei gründen. Deshalb sollte „aufstehen“ eine Bewegung werden, die die linken Parteien, speziell die Linke und die SPD, in ihrer Ausrichtung verändert. Wir wollten die Führung beider Parteien wachrütteln, wieder die Menschen zu vertreten, für die diese Parteien mal gegründet worden waren. Wir haben mit diesem Anliegen 170.000 Menschen angesprochen, hatten aber überhaupt keine Struktur, keine Organisation. Bei den Parteien wiederum ist „aufstehen“ auf taube Ohren gestoßen und auch deshalb letztlich gescheitert. 

Dann wäre ein logischer Schritt doch, nicht eine Sammelbewegung, sondern direkt eine neue Partei zu gründen. Laut Umfragen könnte sich jeder Zehnte vorstellen, eine „Liste Sahra Wagenknecht“ zu wählen. 

Da stellen sich aber ähnliche Probleme wie bei „aufstehen“. Wenn eine neue Partei entsteht, bei der dann viele Menschen mitmachen wollen, kommen nicht nur ehrliche, redliche und engagierte Mitstreiter, sondern auch solche, die den anderen das Leben schwer machen, die destruktiv wirken und womöglich ganz andere Ansichten und Absichten haben. Im schlechtesten Fall führt das dann in eine Richtung, die mit dem ursprünglichen Projekt nichts mehr zu tun hat. So wie das ja bei der AfD und leider auch bei der Linken geschehen ist. 

Ich formuliere es anders: Haben Sie vor, eine eigene Partei zu gründen? 

Ich bin Mitglied der Linken, aber ich sehe den Bedarf einer glaubwürdigen Partei für Frieden und soziale Gerechtigkeit. 

Gönnen Sie unseren Lesern dennoch ein Gedankenspiel: Was müsste drinstehen im Grundsatzprogramm einer neuen linken Partei? Wie müsste die ausgerichtet sein? 

Ich glaube, dass es eine Partei braucht, die einerseits für die klassischen sozialen Themen steht: gute Löhne, soziale Sicherheit, ein gutes Rentenniveau. Es kann nicht sein, dass immer mehr Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, im Alter arm sind. Aber sie sollte auch für eine Wirtschaft mit starkem Mittelstand und fairem Wettbewerb eintreten und für Meinungspluralismus und Toleranz. Auch der Platz eines vernünftigen Liberalismus ist ja im politischen Raum verwaist. Mit ihrer Energiepolitik wie schon mit der Corona-Politik zerstört die Regierung vor allem kleinere und mittlere Betriebe, während die Großen Marktanteile dazugewinnen. Mit einer fairen Marktwirtschaft hat unsere Wirtschaftsordnung immer weniger zu tun.

Selbst ein moderner Konservatismus im Sinne der Bewahrung von Zusammenhalt stiftenden gemeinsamen Werten und Traditionen hat heute im politischen Spektrum keine wirkliche Adresse mehr. Kurzfristig allerdings geht es nicht um große programmatische Entwürfe, sondern darum, zu verhindern, dass wichtige Branchen unserer Wirtschaft nachhaltig zerstört werden. Die Politik sollte begreifen, dass preiswerte Energie eine Existenzbedingung unserer im Vergleich zu anderen Ländern relativ hohen industriellen Wertschöpfung ist. Außerdem müssten wir in der Außenpolitik wieder auf Diplomatie und Verständigung setzen und die Scheinmoral beenden. Wenn es lauter lupenreine Demokratien gäbe, von denen wir unsere Energie und unsere Rohstoffe beziehen könnten, wäre das wunderbar. Aber das ist eben nicht der Fall. 

Dann fasse ich abschließend kurz zusammen: Es geht Ihnen weniger um „links“ oder „rechts“, sondern im Prinzip um einen gesunden Pragmatismus. 

Ich glaube, dass viele Menschen mit der Einordnung in „links“ und „rechts“ immer weniger anfangen können. Es geht mir um eine Politik im Interesse der großen Mehrheit der Menschen in unserem Land. Dafür brauchen wir eine Wirtschaft, die innovativ und produktiv ist, was funktionierenden Wettbewerb voraussetzt. Zugleich brauchen wir Gesetze, die die Schwachen schützen, und natürlich auch solche, die verhindern, dass wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen zerstören.

Aber das erreichen wir nicht, indem wir mit hohen Umweltauflagen unsere heimische Produktion killen und dann Produkte importieren, die unter viel problematischeren Bedingungen produziert wurden. Die Grünen sind ja auch in ihrer Klima- und Umweltpolitik verlogen und richten selbst da größeren Schaden an als die Vorgängerregierungen. Denken Sie an das Wiederanwerfen der Kohlekraftwerke, den großflächigen Einkauf von Fracking-Gas oder die LNG-Terminals vor der deutschen Küste, die Habeck von der Resterampe gekauft hat und die woanders wegen der hohen Chlor-Belastung des Wassers nicht mehr eingesetzt werden durften.

Das Gespräch führte Ben Krischke. 

Christoph Kuhlmann | Sa., 5. November 2022 - 18:16

In diesem Interview auf der ganzen Linie. In der Russland Frage gibt es sicherlich Differenzen. Der Einsatz von Atomwaffen hätte sehr schwere Konsequenzen für Russland, die es in seiner Existenz gefährden würde. Man muss sich nicht in die Reihe rechtsradikaler Nationalisten und Militärblogger aus Russland stellen. Man hätte die Sanktionen sicher auf die Technik begrenzen können, allerdings hätte man dann auch hunderte von Panzern liefern müssen, um die Demokratie vor der Diktatur zu verteidigen.

Christa Wallau | Sa., 5. November 2022 - 18:20

bringt Sahra Wagenknecht auf den Punkt.
Das ist ihre Hauptleistung u. daraus leitet sich ihre Beliebtheit ab.
Die strikte Ablehnung von Menschen, die eher "rechts" stehen bzw. nicht aus der Ecke des Kommunismus/Sozialismus kommen wie sie, behält sie jedoch bei; denn sonst müßte sie ehrlicherweise sagen: Auch in der AfD gibt es Leute, mit denen ich zusammenarbeiten könnte; denn sie vertreten ähnliche Standpunkte wie ich.

So lange es noch immer Scheuklappen nach rechts oder links gibt bei denen, die nach einer "Partei der Mitte" oder auch einer "Partei für's Wohl des deutschen Volkes" rufen, kann u. wird es eine solche niemals geben. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Wagenknecht hat im übrigen absolut recht, wenn sie anmerkt, daß jede Partei-Neugründung "Schmeißfliegen" (Karrieristen/Querulanten usw.) anlockt wie der Honig die Bienen. Ich kann das aus eigener Anschauung nur bestätigen. Sahra ist daher klug genug, eine Parteigründung gar nicht erst ins Auge zu fassen.

"Das Problem ist der missionarische Erziehungseifer, mit dem man anderen vorschreiben will, wie sie zu leben haben. Wenn sich dieser Ansatz mit politischer Macht verbindet, wird es gefährlich."
Da stimme ich ausdrücklich zu. Das war und ist aber auch hauptsächlich bei der SED-Nachfolgepartei Die Linke damals wie heute zu finden. Und ich habe aus eigenen Erleben den Eindruck, das gehört zur DNA der Kommunisten. In großen Teilen ist die Linke nach wie vor eine kommunistische Partei!
Ist Frau Wagenknecht in der falschen Partei?

Heidemarie Heim | Sa., 5. November 2022 - 18:26

Jedoch nicht weil man Aussagen von Fr. Dr. Wagenknecht gekonnt verkürzt wiedergibt und man sie in den eigenen Reihen als Enfant Terrible führt, oder ein Herr Merz den Affen Futter gibt indem er von Sozialtourismus schwafelt, den er auch noch falsch adressiert weil er das von Frau Dr. Merkel primär verursachte Migrationsproblem weiter ausklammern möchte, bzw. ins gleiche Horn trötet wie alle wahren Demokraten minus AfD und die dafür gescholtene Fr. Wagenknecht. Es fliegt uns um die Ohren weil wir seit zig Jahren und Regierungskoalitionen minus echter Oppositionsarbeit bei zeitgleicher Aufblähung aller Apparate samt Funktionsträgern nur Schönwetter-Politik beherrschen. Alles an Problemen und krisenhaften, was mit Geld, phrasierter Rhetorik, auf Sicht fahrend oder der Dauer einer Legislaturperiode und versäumter Reformen zu wuppen war, ließ uns bis jetzt mit einem blauen Auge davon kommen. Aber nun haben wir ein "echtes" Qualitätsproblem bzgl. Politik, Medien und Gesellschaft! Lösbar? FG

Hanny | Sa., 5. November 2022 - 19:25

Volle Zustimmung!!
Herzlichen Dank für dieses Interview

Ingo Frank | Sa., 5. November 2022 - 19:30

mit Frau Wagenknecht sagen. Das gleiche wie ich zu Palmer‘s Aussagen bei Illner vor wenigen Tagen sagen würde:
Ich bin weder ein Anhänger von den SED- Altkader Partei inkl. Ihrer sozialistischen Westträumer noch von den Woken Links Grünen die gläubig sind in der Annahme, dass der Strom in der Leitung gespeichert werden kann. Aber in dem was Wagenknecht & Palmer sagen haben beide schlicht & ergreifend Recht.
Auch wenn vom frühlingshaften Hügel sofort die „Gleichsetzung“ oder gar die „gedankliche Nähe“ zu AfD beiden gebetsmühlenartig bescheinigt wird.
Wobei ich das als Nonsens betrachte, weil ich nur in falscher od. eben richtiger Aussage unterscheide. Da ist’s mir egal, welches Mitgliedsbuch der Betreffende in der Tasche hat. An den Anschauungen und Aussagen sollte man Politik beurteilen und das Parteibuch außer acht lassen..
Mit freundlichen Grüßen aus der Erfurter Republik

und das Parteibuch außer acht lassen."

Ja, lieber Herr Frank. das wäre v e r n ü n f t i g.
Ich kann Ihnen da nur vorbehaltlos zustimmen.

Aber leider ist ja das genaue Gegenteil in Deutschland der Fall: Wennn eine Problembeschreibung und ein Lösungsvorschlag von der "falschen" Partei kommen bzw. vom politischen Gegner, dann bleiben sie unbeachtet bzw. werden sogar verteufelt, o b w o h l sie sinnvoll wären.
Wir haben es ja gerade wieder am Beispiel der Atomkraftwerke erlebt:
In dieser akuten Notlage ist der vorläufig unbefristete Weiterbetrieb aller Kraftwerke das einzig Vernünftige, aber nur deshalb, weil die Grünen dagegen sind, unterbleibt diese notwendige Entscheidung seitens des Kanzlers und der FDP.
Dasselbe gilt für die Maßnahmen in der Migrationspolitik, welche die AfD vorschlägt. Obwohl sie vernünftig und dringend nötig sind, unterbleiben sie, weil sie ja von der Partei der "Nazis" kommen.

Was dabei rauskommt, kann nur MURKS sein.
Bei uns ist er an der Tagesordnung!

Peter Sommerhalder | Sa., 5. November 2022 - 20:24

ich finde Sahra Wagenknecht vernünftig. Vor allem nehme ich ihr es ab was sie sagt...

Bin zwar schon x-Mal bei Politiker reingefallen, bin deswegen extrem misstrauisch geworden. Und wenn ich sogar bei Wagenknecht reinfalle würde, dann gebe ich es auf...

Menzel Matthias | Sa., 5. November 2022 - 20:55

Da kann man der guten Frau in fast 100% der Aussagen nur zustimmen. Logik ist aber eben nicht jedermanns Sache, leider. Den Kelch werden wir wohl doch bis zu Ende austrinken müssen.

Fritz Elvers | So., 6. November 2022 - 00:18

widerspruchsfrei:
Russland hat die Lieferung von Erdgas nach und nach vertragswidrig eingestellt. Deshalb werden Kohlekraftwerke reaktiviert. Auch ist der Ausstieg aus der Kernenergie stets Forderung er Linken gewesen.

Die Grünen sind derzeit ein leichter Gegner, da intellektuell vollkommen unterlegen. Die Linke als Partei ist für Wagenknecht auch nur Fallobst, wie der Boxer sagt. Also ist sie faktisch heimatlos.

Russlands Führung wird den Überfall auf die Ukraine wohl mittlerweile als schweren Fehler erkannt haben und sucht nach Auswegen. Das machen aber die Ukraine und USA offenbar vorerst nicht mit. Die deutsche feministische Außenpolitik scheint da völlig irrelevant zu sein. Vielleicht kann Friedensengel Erdogan wieder helfen, er will ja die nächste Wahl weniger fälschen, als üblich. Wir bezahlen dann den Marshall-Plan und bekommen einen Morgenthau-Plan zurück..

Das ist falsch. Europa hat auf Einhaltung der Erdgaslieferung bestanden, nachdem man Sanktionen gegen Russland anstrengte, weil Russland die Ukraine überfiel. Konkret: die Konten wurden für den Zugriff Russlands gesperrt, auf denen Europa Gaslieferungen begleicht. Russland hat auf den Vertragsbruch Europas reagiert und wer nicht zahlt, bekommt auch nichts. Schon nicht einfach Weltwirtschaft zu durchschauen, wenn man Wirtschaftsbeziehungen und Krieg verflechtet.

Kai Hügle | So., 6. November 2022 - 06:35

Jemand, der drei oder vier Tage(!) vor dem russischen Überfall auf die Ukraine (bei Anne Will sitzend) behauptet, Putin habe "faktisch kein Interesse, in die Ukraine einzumarschieren", weil: "Was soll ihnen denn das bringen?", der sollte vielleicht zunächst einmal darüber nachdenken, was ihn zu weiteren außen- und sicherheitspolitischen Einlassungen qualifiziert, anstatt Baerbock als "Fehlbesetzung" zu bezeichnen und den Kauf russischen Gases zu fordern, was nichts anderes bedeutet, als sich für die Finanzierung eines Regimes einzusetzen, welches Zivilisten systematisch deportiert,
vergewaltigt und massakriert.
Nun gut, jeder blamiert sich so gut er kann. Auch das gehört zu den Freiheiten, die Ihnen ein System bietet, in dem Sie auch nach über 30 Jahren offensichtlich noch nicht so richtig angekommen sind.
Immerhin beschert Ihnen das viel Zuspruch von Leuten, die mit dem sog. "Wertewesten" ähnlich fremdeln wie Sie und die Ihnen sicher gerne eine neue parteipolitische Heimat anbieten.

Urban Will | So., 6. November 2022 - 10:23

Antwort auf von Kai Hügle

prominente Person, die sich in Sachen Krieg (oder anderswo) geirrt hat. Ok, sie hat nicht Ihre Kenntnisse, der ja anscheinend alle Hintergründe zu kennen scheint.
Ich darf sie – in Bezug auf Ihre Aussage zum Kauf von Gas von einem Regime, das Menschenrechts – Verbrechen begeht – aber daran erinnern, dass D nach wie vor Gas von R kaufen würde, hätte Putin nicht den Hahn zugedreht, bzw. hätten – wer auch immer – nicht die Röhren zerstört. Nur sind sich alle Helden, Sie wohl eingeschlossen, darin einig, dass Gas aus NS 2 auf keinen Fall geht, da politisch komplett inkorrekt, aber aus NS 1 weiterhin gehen würde.
Und Fakt ist, wir haben noch zu Zeiten von R Gas gekauft, wo diese Verbrechen bekannt waren.
Ist Ihre hier vorgetragene Moral neu?
Ist sie relativ? Sprich, solange man Gas noch bekommt, nimmt man es, da benötigt und tönt aber schon mal kräftig, dass man aber sofort d Kauf einstellen wird, wenn...
Wagenknecht möge geirrt haben, aber d Scheinheiligkeit liegt bei Ihrer Seite.

Heute stimme ich Ihnen zu!

Sie selbst haben - wie üblich in allerhöchster Empörung und in gewohnt schroffer Manier - ausgeschlossen, dass Putin die Ukraine überfallen könnte. Da solle etwas herbeigeredet werden!

Und, wie immer in Ihren Kommentaren, haben Sie Leute, die das dachten, entsprechend "bezeichnet", ich lasse die Details mal weg, heute ist ja Sonntag.

Am Anfang des Krieges, ich räume das ein, haben Sie ja auch Putins Einmarsch klar verurteilt, so wie auch andere hier im Forum, darunter eine Frau C.W.. Mittlerweile jedoch sind Sie wieder voll auf die AfD-Parteilinie eingeschwenkt, und klagen lieber die Amis an.

Da haben Sie mit Frau Wagenknecht durchaus was gemein!

Natürlich haben sich in dieser Frage auch andere gründlich disqualifiziert, darunter Vizeadmiral Schönbach, der sich wenige Wochen vor dem russischen Überfall ähnlich äußerte wie Wagenknecht bei Will und dessen (erzwungener) Rücktritt unter Ciceronen viel Empörung auslöste. Folgende Zeilen dürften Ihnen bekannt vorkommen, Herr Will: "Seine [Schönbachs] Sätze sind wohl die einzig richtigen, die in all dem Wirrwarr von Unfähigkeit und einseitigem Säbelrasseln (von Seiten des „Westens“), die überhaupt je gesprochen wurden. Die BuReg ist zum Fremdschämen. Wie schon oft gesagt, hätte Putin die Ukraine angreifen wollen, säßen die Russen schon seit Wochen in Kiev."
Dass jemand wie Wagenknecht westliche Geheimdiensterkenntnisse in Frage stellt, ist klar, aber ihre Aussage zeigt, dass sie die Sachlage grundsätzlich vollkommen falsch einschätzt. Hinzu kommt, dass sie sich ja nicht nur für die Öffnung von NS2 ausspricht, sondern für die Aufhebung der Sanktionen.
Große Klappe, nichts gelernt.

Urban Will | Mo., 7. November 2022 - 13:57

Antwort auf von Kai Hügle

dass Sie Fehleinschätzungen als „Disqualifikation“ einstufen. Ich führe keine Zitaten – Sammlung und kann Ihnen somit keines bieten, wo auch Sie mal daneben lagen.
Ich weiß aber, dass Sie es taten und dass Ihnen das Zugeben von Fehlern schwer fällt. Spricht nicht für Selbstsicherheit.
Nun denn, ich stehe zu dem, was ich sage, auch dazu, dass meine Einschätzung damals falsch war. Und ebenso zu dem, was Sie Wagenknecht als „große Klappe“ anhängen. Zur Öffnung von NS 2 und Aufheben d Sanktionen. Die Begründung spar ich mir, Sie sollten sie kennen.
Steht ja wohl auch in Ihrer Sammlung,

@ Lenz:
Wie Sie darauf kommen, dass ich oder die AfD den Krieg Putins nun nicht mehr verurteilen, bleibt Ihr Geheimnis.
Dass man die Amis da nun als Beteiligte ansieht, hat doch mit der Schuldfrage nichts zu tun. Wohl aber bei d Frage d Ursachen...
Wenn das mal ordentlich aufgearbeitet würde, wäre man bedeutend weiter.
Immerhin hört man nun auch von Sam ein Flüstern in Richtung Verhandlungen...

Jeder irrt sich mal, das ist keine Schande. Aber bei Wagenknechts Einlassungen zu Russland liegt eine derart fundamentale Verkennung von Realitäten vor, dass man schon von - vermutlich sozialisationsbedingter - ideologischer Verblendung sprechen muss. Nach so einem analytischem Knieschuss wäre Sie gut beraten gewesen, den Ball eine Weile lang flach zu halten und in sich zu gehen, anstatt Baerbock als "Fehlbesetzung" und die Bundesregierung als "die dümmste Regierung der Welt" zu bezeichnen. Aber im Gegensatz zu ihren rhetorischen Fähigkeiten gehören Bescheidenheit und Selbstkritik nicht zu jenen Eigenschaften, die ich an dieser Frau bewundere.

Ihr Bonmot, Herr Will, unter dem Schönbach-Artikel war übrigens nicht in meiner Zitatsammlung, sondern das Ergebnis einer etwa einminütigen Google-Recherche. Schon toll, dieses Internet...

Bernd Windisch | So., 6. November 2022 - 12:47

Antwort auf von Kai Hügle

haben andere auch. https://taz.de/Deutschlands-Fehleinschaetzung-von-Putin/!5834219/

Ihre Entwertungsabwehr verstärkt sogar die blitzgescheite Argumentation von Sarah Wagenknecht. Zitat: „Das zeigt einfach nur, dass wir verlernt haben, vernünftige Diskussionen zu führen. (Sarah Wagenknecht)

Es ist die Infantilisierung linker Ideologie die sprachlos macht. Aus Leuten werden Kinder. Aus Kindern werden verbohrte Kinder.

Ihr "System" in dem Frau Wagenknecht angeblich nicht ankommen will heißt Bullerbüs und ist ein böser linker Traum.

Hier Sarahs Gegenentwurf: "Die Selbstgerechten: Mein Gegenprogramm - für Gemeinsinn und Zusammenhalt" Von der Autorin selbst geschrieben und verfasst.

Annalena Baerbock: "Jetzt" wird nicht mehr verkauft. Sie wolle sich um die im Buch geforderte Modernisierung des Landes kümmern und habe keine Zeit die abgeschriebenen Passagen mit ordentlichen Quellen zu versehen. Schade! Was wäre uns nicht alles erspart geblieben.

Brigitte Simon | So., 6. November 2022 - 08:40

Besten Dank lieber Herr Krischke für dieses
gelungene Interview!

Lisa Werle | So., 6. November 2022 - 09:24

Dann soll sie nur endlich eine neue Partei gründen und sich für den organisatorischen Aufbau Unterstützung holen. Das kann für sie so schwer nicht sein. Das vorgeschobene Argument, dass dann nicht nur Leute kommen, die 'ein reines Wesen' haben, ist weltfremd. Ja klar, so wird es kommen, denn so ist es in ALLEN anderen Parteien auch, nicht nur in der AfD. Ich könnte in allen Parteien Leute aufzählen, die ich für unfähig undemokratisch, Menschen-verachtend und sogar kriminell halte. Von Lügnern gar nicht zu reden, das gehört ja inzwischen zur politischen Vorgehensweise. Ich denke, dass Sarah Wagenknecht Geduld mit anderen und Akzeptanz anderer 'Leader' neben sich schwer fallen würde. Kann man aber lernen, wenn das Ziel wichtig genug ist. Und das ist es.

In dieser Hinsicht, liebe Frau Werle, irren Sie gewaltig, wenn Sie schreiben:
"Das kann für sie so schwer nicht sein."
Oh, doch!
Es ist verdammt schwer, eine Partei zu gründen, die nicht bereits in ihren Anfängen wieder zugrunde geht. Ich kann da aus eigener Erfahrung mitreden.

Sie brauchen keine Mitläufer u. Schwätzer, sondern vor allem Leute, die aus Idealismus viel Z e i t und G e l d in dieses Unternehmen investieren. Zudem müssen es zuverlässige Menschen sein, die regelmäßig bei dem mithelfen, was es alles zu besprechen, zu organisieren u. zu beschließen gibt - vom Programm u. der Struktur angefangen bis hin zur praktischen Arbeit des Plakate-Klebens. Es ist wichtig, daß alle, die beim Aufbau helfen, von der Notwendigkeit der neuen Partei nicht nur überzeugt sind, sondern geradezu dafür brennen.
Lucke u. seine Gefährten hatten das Glück, solche Menschen zu finden. Sonst gäbe es die AfD heute nicht.

Aber: Ist die Partei erst etabliert - bedient sich ihr jeder ganz ungeniert!

Urban Will | So., 6. November 2022 - 09:35

es blendend, sich darzustellen.
Ihr Angriff auf die Bundesregierung neulich, wo sie diese als „dümmste Regierung Europas“ bezeichnete und ihre Aussage, die Grünen seien die „gefährlichste Partei“ im BT waren gut und richtig, da sie stimmen.
Aber sie vergisst, dass sie noch immer eine wichtige Figur in der Partei ist, die immer wo es geht, mit den Grünen koaliert (u.a. hat man Berlin zum „failed state“ herunter gewirtschaftet) und dies auch im Bund getan hätte. Viel fehlte damals nicht an Stimmen...
Und dann säße sie im Kabinett und ich bin mir nicht so ganz sicher, ob sie dann das gleiche sagen würde.
Sie kann gar nicht anders als die Linke zu verlassen und eine wirkliche Neugründung, wie hier angedeutet, anzustreben. Auch bei der Gefahr des erneuten Scheiterns. Erst dann wäre sie überzeugend.
Im Moment schwimmt sie auf der von unserer durch und durch unfähigen Regierung verursachten Welle des Irrsinns.

Kurt Walther | So., 6. November 2022 - 13:33

Ein durchweg gut geführtes Interview mit Dr. Sahra Wagenknecht. Vielen ihrer Aussagen kann ich als bekennender Blauwähler zustimmen.  Nur gut, dass es solche zu umfangreichen Analysen fähige intelligente Politiker(innen) noch gibt und sich immer wieder einmischen, denn dieses Land - so mein Eindruck auf meine alten Tage hin - wird zunehmend von Idioten regiert. Langsam aber sicher bekommen wir die Folgen  zu spüren. Aber der deutsche Wähler wollte es so.
Der Zustand der Linken und ihre  Wahlergebnisse  interessieren mich hierbei  weniger. S.  Wagenknecht ist eine Intellektuelle, kann sicherlich viele gute Bücher schreiben. Als Parteiführerin halte ich sie für  ungeeignet. Sie allein wird die LINKE nicht retten können.  Zudem werden etliche ihrer Positionen auch  von der AfD vertreten, und die liegt in den aktuellen Meinungsumfragen derzeit  bei fast 15 %. Abwarten und Tee trinken ...
Grüße von der "Oder-Neiße-Friedensgrenze" (DDR-Jargon)   

Keppelen Juliana | So., 6. November 2022 - 14:22

mit unserem Land und in der EU passiert empfehle ich den Beitrag von Johannes Hübner FPÖ vom 6. Oktober 2022 vor dem österreichischen Parlament. Der Beitrag ist bei YouTube gut zu finden. Er zeigt mit Fakten die nachzuprüfen sind dar, wie genau gezielt auf dieses Desaster hingearbeitet wurde.

für Ihren Hinweis auf die Rede des Abgeordneten Hübner von der FPÖ vor dem österreichischen Parlament. Seine Informationen zum Thema "Sanktionen als politisches Druckmittel" gehörten in ein politisches Magazin, das zur besten Sendezeit im ZDF oder in der ARD gesendet wird.

Gerhard Lenz | So., 6. November 2022 - 17:33

redet viel, wenn der Tag lang ist. Besonders gerne in Talk-Shows und Sozialen Medien. Und was sie sagt, wird, wie man sieht, auch am rechten Rand gerne gehört.

Na gut, sie schreibt in der AfD gäbe es Rechtsextremisten und Nazis. Das weiss ja nun mittlerweile jeder. Aber das hält sie nicht ab, sich dort feiern zu lassen. Und manchmal gar so zu klingen, wie Frau Weidel. Kein Wunder, dass die Foren-AfD "weiss", Wagenknecht könne sehr gut auch mit Rechtsextremisten.

Sie macht es sich im Übrigen zu einfach, immer nur darauf zu verweisen, was "wahr sei, dass sei nun mal wahr", selbst wenn es von der AfD käme, was ja nun nicht so oft der Fall ist. Und sie weiß ganz genau, dass ein Großteil ihrer "angeblichen" Fans gar nicht aus dem linken Lager kommen.

Deswegen wird sie sich hüten, eine neue Partei zu gründen. Ihre Stärke liegt in der innerparteilichen Opposition, egal welcher Partei sie angehört. Am rechten Rand jubelt man ihr vielleicht zu, aber wählen würde man sie doch nicht.

Günter Johannsen | Mo., 7. November 2022 - 13:55

Antwort auf von Gerhard Lenz

der kommunistischen Altlasten:
>>Sie macht es sich im Übrigen zu einfach, immer nur darauf zu verweisen, was "wahr sei, dass sei nun mal wahr", selbst wenn es von der AfD käme<<
Kreativität war bei den Stalinisten noch nie gefragt. Schaut man nach Nordkorea oder China, findet man dasselbe Prinzip: Alle Menschen, die mit dem eigenen Hirn denken, sind böse Klassenfeinde und würdig, dass man sie zersetzt (O-Ton Stasi!). Die kommunistische Ideologie ist resistent gegenüber jeglichen Reformen ... selbst Beton ist beweglicher!

Tomas Poth | So., 6. November 2022 - 17:59

Wenn man die erste Frage und deren Antwort ließt könnte man sogar "Links" wählen.
Aber das sind keine typisch Linken Positionen, das sind eigentlich Selbstgänger wie sie wohl jede Partei als Antwort formulieren würde.
Ihre Einlassungen zu den Grünen kann man vorbehaltlos zustimmen. Und in der Tat sind diese das schlimmste was es in Deutschland gibt und unserem Land schadet.

Ihre Einlassungen zur AfD sind der typische Kotau vor der allgemeinen Diffamierung.

Aber wir wollen nicht vergessen die SED-Linke!
"Vom ich zum wir durch die sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft" Die Inschrift einer Tafel in Beelitz, Ortsteil Schlunkendorf!

Soll Sarah eine Neue Linke gründen, dann schauen wir uns das mal an.

Dorothee Sehrt-Irrek | Mo., 7. November 2022 - 09:33

wie alle im Prinzip gehen wählen können.
Im besten Fall kann es auch ein Zeichen für eine stabile zivile Gesellschaft sein, dass bei Wahlen nicht 90% auf der Matte stehen.
60 bis 70% sind eine annehmbare Quote.
Natürlich sollte man bei sinkender Wahlbeteiligung nachschauen.
Ich kann mir übrigens nicht vorstellen, dass die Linke gut ohne Frau Wagenknecht könnte oder umgekehrt.
Denker/innen ecken mitunter an, bringen aber mehr noch nach vorne.
Das ist stressig, vor allem für die Vorangehenden.
Die andere Option wäre für Frau Wagenknecht m.E. die SPD.
Leichter würde es dort für sie auch nicht.
Ganz ohne Partei?
Vielleicht eher ohne Amt, das verringert die Reibungsfläche.
Als politische Analystin und Vordenkerin braucht sie kein Amt.
Meine Aufmerksamkeit hat sie...die der Medien auch.
Nun denn

Sabine Jung | Mo., 7. November 2022 - 09:58

aber eines sicher nicht, sie hat Mut Dinge aufzuzählen, die jeder sonstige jetzt regierende Politiker lieber sein lässt. Aber gut sie hat eh nicht mehr viel zu verlieren. Die Linken sind fast schon raus aus der Politik. Es käme auf eine Neuausrichtung Ihrerseits aus, wie dann die neue Partei auch immer heissen mag. Links gerichtet wird sie schon noch bleiben. Viele gute Ansätze von rechts hat sie ja auch, wie in der Mikrationspolitik, Waffenlieferung, Krieg u.s.w.
Aber alleine mein Glaube daran hält sich in Grenzen. Wenn unser Land total abgewirtschaftet ist, wer soll es retten?

Niemand denn dieser Zustand wurde sehenden Auges herbeigeführt. Es fehlte bislang nur das richtige Personal um unser Land dahin zu bringen wo wir heute sind dieses "Manko wurde mit den letzten Wahlen durch die Grünen "behoben". Frau Merkel war der Anfang (sie hat aber am Ende ihrer Regentschaft offensichtlich gespürt, dass da was falsch läuft und deshalb versucht die Beziehungen zu Russland und China aufrecht zu erhalten). Damit sie das besser verstehen empfehle ich unbedingt wie ich oben schon beschrieben habe den Beitrag von Herr Johannes Hübner anzuschauen.

Ronald Lehmann | Mo., 7. November 2022 - 11:49

Ich weiß, dass man sich persönlich nicht zu wichtig nehmen darf, aber

bestimmte Entscheidungen stoßen einen säuerlich auf, wie z.B.

- damals, wo das Datum der neuen Einsetzung von neuen Kommentaren verschwand
- das die Funktion SUCHE so umprogrammiert wurde, dass man Sie vergessen kann
- dass Reihenweise Kommentare (vor allem oft progressive Gedanken) dem Cleaner zum Opfer fallen, obwohl Zeit für uns Foristen auch ein kostbares Gut ist (vor allem habe ich das Gefühl, es hängt vom Artikel-Schreiber ab, ob Ja oder Nein zur Kommentar-Veröffentlichung)
- das ich das Gefühl öfters habe, die Kommentare sind nicht erwünscht, wenn diese nicht in eine bestimmte Richtung verlaufen
- das die Einstellung der Kommentare zur Laufzeit des Artikels in keinen Verhältnis stehen & man oftmals das Gefühl bekommt, bestimmte Personen sitzen direkt in ihrer Redaktion
- das ich persönlich das neue Gefühl bekommen habe, als wenn ein Damoklesschwert seit diesem Frühjahr über der Redaktion hängen würde.

Sorry