Gläubige beten zu Beginn des Pessach-Fests im Jüdischen Bildungszentrum Chabad Lubawitsch Berlin
Gläubige beten zu Beginn des Pessach-Fests im Jüdischen Bildungszentrum Chabad Lubawitsch Berlin / dpa

Antisemitismus in Deutschland - Einzelfall, Tagesordnung, Einzelfall

Die öffentliche Kritik an den antisemitischen Werken bei der Documenta 15 in Kassel ebbt bereits wieder ab, da zeigt ein aktueller Jahresbericht, dass die Fälle von Antisemitismus in Deutschland zugenommen haben. Es ist das immer gleiche Muster, das sich im Land beobachten lässt: Konkrete Fälle werden öffentlich verurteilt, mit ganz viel Gestus und stets in der Selbstvergewisserung, nicht verantwortlich zu sein - und dass es handfeste Konsequenzen geben muss. Bis zum nächsten „Einzelfall“...

Autoreninfo

Ben Krischke ist Redakteur bei Cicero und lebt in München.

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Hubertus Knabe berichtete an dieser Stelle jüngst über ein neues NS-Dokumentationszentrum, das in Berlin geplant sein soll. Das größte seiner Art, auf einer Fläche von 15.000 Quadratmetern und mit jährlichen Millionenkosten, um es zu betreiben. Obgleich Knabe berechtigte Kritik am Konzept, weniger an der Idee an sich äußert, zeigt das Vorhaben einmal mehr, dass die deutsche Erinnerungskultur mit Blick auf die eigene NS-Vergangenheit und in Gedenken an die Abermillionen ermordeter Juden im Prinzip funktioniert im Land. Wahrscheinlich sogar besser, als in anderen Ländern dieser Welt Erinnerungskultur gelebt wird.

Es gibt zahlreiche Museen, Ausstellungen und Organisationen, die Teil dieser deutschen Erinnerungskultur sind, zudem unterstützt Deutschland jüdische Gemeinden im Land finanziell und strukturell. Auch Bemühungen, Antisemitismus präventiv zu begegnen, gehören dazu. Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Man muss nur die Nachrichten verfolgen oder, sagen wir, an der jüdischen Gemeinde in Berlin vorbeigehen, sich den Sicherheitszaun ansehen und die Polizisten, die davor patrouillieren, um zu begreifen, dass die deutsch-jüdische Vergangenheit und ihre Aufarbeitung das eine ist, die deutsch-jüdische Gegenwart aber etwas ganz anderes. Das zeigen auch die Zahlen.

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Georg Kammer | Do, 30. Juni 2022 - 12:05

Und Antisemitismus, durch tausende Muslime in Deutschland, kommt wieder nicht vor, nur immer der böse Deutsche.

Ronald Lehmann | Fr, 1. Juli 2022 - 01:46

In reply to by Georg Kammer

Danke Herr Kammer & auch lieber Cicero, dass ihr auch SCHREIBT & SAGT :-) (!!!),
was gesagt werden muss & wie euch der Schnabel gewachsen ist.
Denn nur solche können die Welt ein wenig zum besseren verändern & zum nachdenken animieren.
Shalom

Markus Michaelis | Do, 30. Juni 2022 - 12:29

Der Artikel scheint zu suggerieren, dass es DEN richtigen Umgang mit DEM Antisemitismus gäbe. Das glaube ich nicht. Alle großen Themen haben viele Feinde: es gibt zur Genüge Europagegner, USA-Gegner etc., auch mit viel Emotion und tiefer Abneigung. Gerade weil das Thema Antisemitismus eines unserer großen Themen ist, wird es auch immer Gegner geben. Die sind vielfältig - es ist auch unsere Wahl, was wir zusammenfassen oder getrennt sehen wollen. Als Jude kann ich natürlich berechtigt alle gegen mich gerichteten Kräfte aufsummieren. Je nach Fragestellung ergeben andere Zusammenstellungen Sinn. Es gibt da nicht die eine Wahrheit.

Politische Themen sind auch allgemein gewalttätiger geworden.

In der biodeutschen Gesellschaft laufen die ganz großen Emotionen heute oft mehr über Themen der Migration, EINEN Menschheit, universellen Gerechtigkeit - Antisemitismus ist da oft nur ein etablierter Andockpunkt.

Deutschland klammert sich daran, dass das Werte-Koordinatensytem ganz fest sei.

Helmut Bachmann | Do, 30. Juni 2022 - 12:42

Der Elefant im Raum wird zaghaft angedeutet: bei allen dumpfen Rechten, selbstverliebten Linken, die weiterhin alten Antisemitismus aus rassistischer oder sozialistischer Tradition heraus propagieren, werden Juden in D zu 80% von Muslimen attackiert. Komisch, dass die dazugehörige Umfrage nie besprochen wird.

Georg Kammer | Do, 30. Juni 2022 - 15:07

In reply to by Helmut Bachmann

Herzlichen Dank für ihre Ausführungen, wie wahr wie wahr !!!

Karl-Heinz Weiß | Do, 30. Juni 2022 - 14:26

Leider klingt auch in diesem Beitrag die Gleichsetzung Israelkritik=Antisemitismus durch. Kritik an einer Siedlungspolitik, die sich auf 2000 Jahre zurückliegende Eigentumsverhältnisse beruft, ist aber kein Antisemitismus, eher das Gegenteil. In diesem Punkt sind sogar viele Israelis, denen die ultraorthodoxe Szene zunehmend auf den Geist geht, weiter.

Dirk Weller | Do, 30. Juni 2022 - 16:52

Zitat :
"Warum aber, lässt sich fragen, kommt es ausgerechnet in einem Land zu derlei Gedankengut und Übergriffen, das sich seit Jahrzehnten derart intensiv mit der eigenen antisemitischen Vergangenheit auseinandersetzt . . "

Könnte die Zunahme antisemitischer Vorfälle zum Teil auch daran, dass viele "Neubürger", die noch nicht lange hier leben, quasi zum Antisemiten erzogen wurden, und das diese Tatsache gerne von der Politik und den Qualitätsmedien verschwiegen wird ?

Ich zitiere mal wieder aus einem Artikel der "Jüdischen Allgemeine" vom Mai 2019 :

"Bei Umfragen unter Juden in Deutschland, die Opfer von antisemitischen Taten wurden, wurden demnach bei 62 Prozent der Beleidigungen und 81 Prozent der körperlichen Angriffe muslimische Personen als mutmaßliche Täter angegeben."

Quelle :
https://www.juedische-allgemeine.de/politik/kritik-an-polizeistatistik/

Wie schreibt der Autor doch selbst so schön :
"Nur wer versteht, kann auch begreifen"

Niemand bestreitet, dass es bei Rechtsextremen Antisemitismus gibt. Aber bereits bei der Differenzierung zu anderen Gruppen hapert es gewaltig. Das linke und linksextreme auch Antisemiten in ihren Reihen haben wird versucht zu verschweigen. Dass die Hauptakteure in den Reihen islamischer, vor allem illegal eingereister oder vom Staat selbst gefördert ins Land geholt wurden, wird in jeder Weise versucht zu verschweigen. Malt ein Linker oder ein Islamist ein Hakenkreuz irgendwo hin, zählt das unter Straftaten von "Rechten". Das macht das Gedankengut rechtsextremer nicht besser und relativiert nichts, sollte aber Grundlage dafür sein, die Dinge richtig einzuordnen. Die Hauptgefahr geht eben nicht von denen aus, die natürlich genauso verfolgt gehören, wie ... Ja,, wie? Da hat die Politik das linke Auge zugekniffen und verschließt die Augen beide, wenn es um das selbst verursachte Problem geht. Ich stimme Ihnen deshalb absolut zu. Bei 80% importierten Antisemitismus stimmt da einiges nicht.

Christoph Kuhlmann | Fr, 1. Juli 2022 - 05:07

kommt darin zum Ausdruck, dass die Documenta zur Plattform für die millionenfache Verbreitung eines Bildes mit teilweise antisemitischen Inhalten durch die Medien wurde. Genauso wie Stürmer - Karikaturen in kritischen Aufklärungsmedien Jahrzehnte nach der Shoa / dem Holocaust verbreitet wurden und werden. Sicher, man lernt daraus wie die Stigmatisierung von Menschen funktioniert. Doch weiß niemand, wie die Darstellung von Menschen als Karikatur die Wahrnehmung der Rezipienten (unbewusst) verändert. Wer etwas gegen rassistische Vorurteile tuen will, erliegt oft dem Irrtum, dass er dieselben Kriterien zur Einteilung von Menschen benutzt und lediglich die damit verbundenen Wertungen verändert. Das macht mit Sicherheit rassistisch. Ke mehr auf vermeintlichen ethnischen Differenzen herumgeritten wird, desto wirksamer werden sie, unabhängig von der moralischen Bewertung dieser Kategorie. Wer sich dessen nicht bewusst ist, dessen Handeln mein gut gemeint sein, es ist aber schlecht getan.