Wenn Die Linke ihr Klientel aus den Augen verliert, muss es vielleicht wer anders richten / dpa

Ukraine-Krieg, Energiekrise, Existenzängste - Eine neue Linke braucht das Land

Die Linke scheint planlos und heillos zerstritten. Die Zerwürfnisse innerhalb der Partei gehen so weit, dass das Ende nur noch Formsache scheint. Dabei wäre eine linke Kraft, die modern ist, aber nicht dem Zeitgeist hinterherrennt, linke Ideen liberal interpretiert, pragmatische Lösungen für soziale Ungleichheiten bietet und sich vehement stemmt gegen zu viel Staat, eine Bereicherung für die deutsche Parteienlandschaft – und überaus zeitgemäß. 

Autoreninfo

Ben Krischke ist Leiter Digitales bei Cicero, Mit-Herausgeber des Buches „Die Wokeness-Illusion“ und Mit-Autor des Buches „Der Selbstbetrug“ (Verlag Herder). Er lebt in München. 

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Die Linkspartei befindet sich in einer grotesken Situation. Obwohl in der Ukraine Krieg ist, Inflation, Wirtschafts- und Energiekrise die Gemüter erregen, die Existenzängste nicht nur der Unterprivilegierten, sondern auch der gewöhnlichen Mittelschicht zunehmen, weshalb ein „heißer Herbst“ mit Protesten aus der Mitte der Gesellschaft droht, ist ausgerechnet Die Linke mehr mit internen Streitereien beschäftigt als mit der Welt um sie herum – und zerlegt sich dabei konsequent und für den externen Beobachter bisweilen durchaus unterhaltsam selbst. 

Der letztlich missglückte Versuch einzelner Genossen, Sahra Wagenkecht aus der Bundestagsfraktion auszuschließen – obwohl sie in jener Bundestagsrede, die Stein des Anstoßes war, nicht mehr gefordert hatte, als die Sanktionen gegen Russland so zu gestalten, dass die deutsche Bevölkerung darunter nicht leiden müsse – ist nur die Spitze des Eisbergs. Und Wagenkecht scheint letztlich auch nur Projektionsfläche für die Wut mancher Genossen, dass sich die Leute im Land mehr für den eigenen Geldbeutel und die nächste Stromrechnung interessieren, als für identitätspolitischen Kram und weltfremde Symbolpolitik. 
 

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Ingo Frank | Di., 4. Oktober 2022 - 13:19

Mit Verlaub H. Kirschke, noch eine linke Partei im Buntland Germany? Die Sozen, Dunkelroten, die Links/ Grünen und eine mit Macht immer weiter nach links gerückte CDU reichen dem Land nicht ,um es zu deinduatrialisieren, zu einer nicht nachvollziehbaren Energiewende (ohne jegliche Voraussetzungen an Alternativen erneuerbaren Energien) und damit endgültig in den Abgrund zu führen? Nee, wir brauchen sehr vieles in diesem Land, aber bestimmt keine neue linke Partei.
Mit freundlichen Gruß aus der Erfurter Republik

Das habe ich schon verstanden! Selbst wenn die Atkaderpartei der SED und die paar stahlharten Kommunisten aus dem Westen vereint in der „Linken“ den Historischen Bach runtergehen, bleiben doch wohl die Sozen, Links Grüne und die vergrünte links von der Mitte verortete CDU immer noch übrig…… wie ich es bereits beschrieb. Und das reicht Ihnen immer noch nicht? Wo ist denn das austarierende Gegengewicht wenn so alle Gewichte der Waage nur auf der linken Seite liegen? Außer vielleicht die „Niemand will sie Partei“. Ich habe die Erfahrungen bis 89 lange genug „genießen dürfen“ ich habe mit Verlaub, von linken Spinnereien, den Kanal mehr als voll und bin was linkes Gedankengut angeht, mehr als sensibel um es höflich auszudrücken.
Mit freundlichen Grüßen aus der Erfurter Republik

Jens Böhme | Di., 4. Oktober 2022 - 13:28

Da war wohl die "Verschmelzung" von WASG und PDS in Die Linke ein weiterer Schuss in den Ofen linker, historischer Vereinigungsphantasien. Links wird immer am Problem scheitern, gutmeinende Ideen nicht mit der Realität vereinbaren zu können. So wird auch die linke Idee der Grünen und Ökos scheitern, die Deindustrialisierung und die begleitende Mangelwirtschaft als Fortschritt zu preisen.

Frieda Frey | Di., 4. Oktober 2022 - 13:45

Die Beschreibung der idealen neuen Linken finde ich gut, nur bleibt die Personalfrage (wer sollen die Parteimitglieder sein) offen und wie verhindert man, dass die neue Linke wieder aus den üblichen Gestalten besteht, die durch Ideologie das Ganze in den Abgrund ziehen? Vielleicht könnte der Ansatz auch nicht marxistisch, sondern bürgerlich in neuem Sinne sein - auch der Arbeiter und Unterprivilegierte ist ja schließlich Bürger mit Rechten und Pflichten und trägt seinen Teil bei.

Christa Wallau | Di., 4. Oktober 2022 - 14:06

lieber Herr Krischke bzw. mit einer "linken Alternative", die Ihnen vorschwebt.
Wie allerdings Frau Wagenknechts lobenswertes Unterfangen (Aufstehen") gezeigt hat, ist es nicht einfach, eine neue Partei ins Leben zu rufen.
Aus eig. Erfahrung kann ich Ihnen versichern, daß es sehr vieler, hoch motivierter und opferbereiter Menschen bedarf, wenn es gelingen soll, das äußerst komplizierte Projekt einer Partei-Neugründung zu bewerkstelligen.
Immer noch erscheint es mir wie ein kleines Wunder, daß es uns 2013 aus dem Stand gelungen ist, die AfD zu installieren!
Sie haben grundsätzlich recht:
Jedes gesunde demokratische Staatswesen
braucht eine dezidiert linke u n d rechte Partei bzw. Positionen (Flügel) innerhalb von Großparteien. In D gibt es jedoch inzwischen nur noch einen grün-gefärbten Mischmasch aus allem Möglichem u. Unmöglichem. Sowohl die arbeitende Unterschicht als auch die Konservativen (zus. ca. 50% d. Bevölkerung) kommen praktisch nicht mehr vor in der politischen Agenda.

Günter Johannsen | Di., 4. Oktober 2022 - 14:33

Reicht es nicht, dass unser Land längst linksdominiert ist? Die Sozis haben sich zum zweiten Mal zwangsvereinigen lassen von den "alten Seilschaften": alter Wein in neuen Schläuchen?! Die SPD muss erst einmal wieder zur Sozialdemokratie zurückkehren, dann hätten wir eine akzeptable demokratische Linke. Und die Grünen? Die hatten die SED-Erben solange im Genick, dass sie nun nicht mehr erkennbar sind: außen zwar grün, doch innen knallrot. Naja, so ist es nun mal, wenn man sich vom SED-Regime "fördern" lässt. Schon Ulrike Meinhof stand seinerzeit als Chefredakteurin von "Konkret" in Lohn und Brot der SED!

Stefan Forbrig | Di., 4. Oktober 2022 - 15:28

"...müsste eine moderne Linke in etwa so aussehen: Sie bräuchte ein marxistisches Fundament, sollte sich aber nicht scheuen, linke Ideen modern und liberal zu interpretieren..."

Auf gar keinen Fall. Das haben wir alles gehabt. Auf einem marxistischen Fundament schon gar nicht.
Sie reihen sich ein in die Denkweisen der Marxisten und linken Utopisten, wie es u.a. auch Gregor Gysi (den ich ansonsten sehr schätze) vorschwebt mit der Einschätzung, der Sozialismus funktioniert schon, es hat bloß noch keiner RICHTIG gemacht. Aber beim nächsten Versuch klappt es bestimmt. Alles Humbug und linkes Wunschdenken.
Linke Ideen modern und liberal zu interpretieren, das machen gerade jetzt die Grünen und die SPD. Und wir sehen gerade jetzt, wohin das führt. Nämlich entweder zurück zu Mao oder nach Venezuela. Die freiheitlich-demokratische Grundordung und eine soziale Marktwirtschaft hat uns in den Wohlstand geführt und nichts Anderes. Auch wenn das alles noch nicht perfekt ist, nur das funktioniert.

Martin Falter | Di., 4. Oktober 2022 - 15:33

....obwohl sie in jener Bundestagsrede, die Stein des Anstoßes war, nicht mehr gefordert hatte, als die Sanktionen gegen Russland so zu gestalten, dass die deutsche Bevölkerung darunter nicht leiden müsse –...

Herr Krischke, war mir klar, daß man bei Ihnen nur das "richtige" fordern muss - natürlich ohne Lösungen und der Frage wie und was - um bei Ihnen beliebt zu sein.

Alles was Sara bis jetzt abgesondert hat ( Putin greift nicht an, Putin hält Verträge ein usw usw ) ist ausgemachter Quatsch.

Sie ist eine Populistin erster Güte.

Gerhard Lenz | Di., 4. Oktober 2022 - 16:57

sind höchstens wirtschaftspolitisch links; außenpolitisch paktieren sie mit dem Imperialisten Putin, gesellschaftspolitisch sind sie entweder widerlich opportunistisch oder erzreaktionär.

Wagenknechts Versuch, eine Partei zu formen, die sich auf 60er-Jahre Anti-Imperialismus beruft (mit den USA als ewigem Gegner) und Minderheitenschutz als "woke" ablehnt - und damit in den öden Gesang der AfD einstimmt - ist nicht nur heuchlerisch, er ist auch eine gezielte Sabotage linker Politik.

Wagenknecht behauptet zwar, sie habe mit der rechtsextremen AfD nichts am Hut - sie hat aber keine Probleme, wenn Linke zusammen mit rechten Extremisten demonstrieren - zugunsten eines russischen Staatschefs, der in völkisch-erzreaktionären Kreisen den Status eines Halbgottes geniesst.

Denn Wagenknechts Logik, die zweifellos auf Oskar Lafontaines altlinkes Denken zurückgreift ist absolut kurzsichtig. Mehr Lohn alleine reicht nicht - ein Nazi wird nicht durch eine Gehaltsaufbesserung zum Demokraten.

Dr.Andreas Oltmann | Di., 4. Oktober 2022 - 19:55

Das kann der Wähler ganz allein entscheiden. Und er ist gerade dabei, das zu tun. Nämlich die Linke endgültig unter die 5%- Marke zu schubsen. Wofür sie letztlich ganz allein verantwortlich ist. Und bekommt, was sie verdient. Es fehlt nix, wenn sie nicht mehr mitspielen kann.

Gisela Hachenberg | Di., 4. Oktober 2022 - 21:25

In den meisten Fällen stimme ich Ihnen ja zu, lieber Herr Krischke. Doch diesem Artikel nicht ganz. Sie nennen sich „liberal“, hegen aber viel Sympathie für die Linke, über die Sie in meinen Augen trotz kleinerer Abweichungen sehr wohlwollend schreiben. Außerdem frage ich mich, gibt es einen großen Unterschied in der Interpretation von „Wirrköpfen“ und „Wahnsinnigen“? Sie schreiben, dass sich in der AfD immer mehr Wirrköpfe sammeln. Ihr Chefredakteur, Herr Marguier, schreibt „Wir werden von Wahnsinnigen“ regiert. Damit meint er ja wohl die Ampel-Politiker. Womit er in meinen Augen den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Ich frage mich jetzt, was ist besser, von „Wirrköpfen“ oder „Wahnsinnigen“ regiert zu werden? Ich würde einfach mal sagen, Wirrköpfe gibt es in jeder Partei. Nicht nur bei der AfD!

Ernst-Günther Konrad | Mi., 5. Oktober 2022 - 09:45

Meine Mitforisten haben vieles dazu schon richtig wiedergegeben. Bis hin zur CDU haben wir schon längst nur noch linkseingefärbte Parteien mit grünen, gelben, rosaroten und schwarzen Sprengeln.
Es wird ganz pragmatisch daran scheitern, dass sich "linke" Politik nur wieder an den "alten Werten" kommunistischer und/oder sozialistischer Inhalte orientieren würde und wenn sich jemand findet, wieder nur alte SED-Kader versuchen werden, in neuem Gewand beim Wähler einzuschleimen. Nach meinem Dafürhalten gefällt mir die Idee, dass sich diese ganzen LINKEN mit ihren Untergruppierungen sich als Misthaufen kontrolliert selbst abfackelt.
Genau diesen Vorgang erleben wir gerade. Der Misthaufen kehrt sich gerade zusammen, es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann und wer ihn anzündet.

Hans Schäfer | Mi., 5. Oktober 2022 - 09:55

Wirrköpfe gibt es überall, auch in diesem Forum.
Einer den ich als Wirr(?)kopf bezeichnen würde, wird mich einen Wirrkopf nennen.
Auch hier kommt es auf die Blickrichtung an!
Das wir von Wahnsinnigen regiert werden, kann man nicht wegwischen. Die größte Schuld hierfür trägt unser Wahlsystem und die Berichterstattung der Mainstreammedien, die wider besseren Wissen permanent das Gegenteil behaupten, weil sie von der Politik der Wahnsinnigen derzeit noch profitieren. Gegen die Meinungsmachungsindustrie kommt man nicht an. Es sei denn, die Lage verschlechtert sich weiter. Dann wechseln sie das Lager.