Russische Rubel
So stark wie lange nicht: russische Rubel / picture alliance

Russische Währung im Höhenflug - Das Rubel-Paradoxon

Trotz der Sanktionen des Westens haben Russlands Einnahmen aus Öl- und Gasexporten ein Rekordniveau erreicht. Und der Rubel notiert gegenüber dem Dollar so hoch wie seit 2015 nicht mehr. Doch die starke Landeswährung ist keineswegs von Vorteil für die russische Wirtschaft. Die Inflation jedenfalls bleibt hoch, die Kaufkraft der Bürger geht zurück.

Autoreninfo

Ekaterina Zolotova ist Analystin für Russland und Zentralasien beim amerikanischen Thinktank Geopolitical Futures.

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Nach einem abrupten Fall zu Beginn des Ukrainekriegs und der Verhängung umfangreicher westlicher Sanktionen hat sich der russische Rubel in den vergangenen zweieinhalb Monaten wieder erholt. Während der US-Dollar am 11. März noch 120 Rubel kostete, liegt der Wert der Währung jetzt bei rund 55 Rubel pro Dollar, und Banken können Dollar für nur 44 Rubel kaufen. Ein starker Rubel bedeutet jedoch nicht unbedingt eine starke Wirtschaft. Im Gegenteil: Die Stärke des Rubels in Verbindung mit den Anstrengungen der Regierung und der Banken, um die Auswirkungen der Sanktionen zu begrenzen, könnte das Leben der einfachen Russen noch mehr erschweren als die Sanktionen selbst.

Die westlichen Sanktionen gegen Russland seit dem 24. Februar haben die Lieferketten unterbrochen, und viele ausländische Unternehmen haben sich aus moralischer Entrüstung oder wegen der Schwierigkeit, Finanztransaktionen durchzuführen, aus dem russischen Markt zurückgezogen. Die Liste der sanktionierten Personen wurde erweitert, und viele russische Banken – meist in Staatsbesitz – wurden vom internationalen Zahlungssystem Swift abgekoppelt. Die Maßnahmen hatten bisher jedoch nur minimale Auswirkungen auf die russischen Verbraucher, die für die meisten Produkte russische oder andere ausländische Ersatzprodukte finden und über einige Privatbanken weiterhin Geld über Swift überweisen können. Noch wichtiger ist, dass die russische Ölproduktion weiter wächst und im Mai gegenüber April um 5 Prozent gestiegen ist.

Netflix und Amazon gekündigt

Die wichtigste Auswirkung für Unternehmen und Privatpersonen betrifft jedoch den Finanzsektor, der mit Devisenbeschränkungen, starken Schwankungen des Rubelwerts und einer unberechenbaren Devisenpolitik der Banken zu kämpfen hat. Es ist nicht einfach, alternative Möglichkeiten zu finden, um Online-Einkäufe auf ausländischen Websites zu tätigen, Geldüberweisungen durchzuführen, Fremdwährungskonten zu verwalten oder Währungen zu Preisen und Bedingungen umzutauschen, die mit denen vor dem Krieg vergleichbar sind. Ich persönlich musste meine Abonnements bei Netflix, Amazon und einigen Zeitungen und Zeitschriften aufgeben, weil ich einfach nicht mehr die technischen Möglichkeiten habe, sie zu bezahlen. Natürlich haben die Russen sofort Schlupflöcher gefunden, aber das Verfahren ist in der Regel umständlich und teuer.

Ein weiteres Problem, mit dem die Russen konfrontiert sind: Trotz der Aufwertung des Rubels werden inländische und importierte Waren und Dienstleistungen nicht billiger. Theoretisch sollte ein stärkerer Rubel die Kosten für importierte Waren senken, aber stattdessen haben sich die Preise seit März und April – als der Rubel am schwächsten war – nicht verändert. So kostete beispielsweise ein iPad Air vor dem Krieg etwa 1.100 Dollar; während der anfänglichen Sanktionspanik schnellte der Preis in die Höhe, und beim derzeitigen Wechselkurs kostet es 2.500 Dollar.

Währungen reagieren immer sehr empfindlich auf geopolitische Verwerfungen. Russland hat einen frei schwankenden Wechselkurs eingeführt, was bedeutet, dass die russische Zentralbank den Wert der Landeswährung nicht direkt festlegt. Die Zentralbank kann den Wechselkurs nur auf indirektem Wege – beispielsweise durch Devisenmarktinterventionen – ändern, während der Wert in erster Linie von den Marktbedingungen bestimmt wird. Zu Beginn des Krieges wertete der Rubel vorhersehbar stark ab. Neben der großen Unsicherheit eilten viele Russen zu den Banken, um Devisen zu kaufen oder vorhandene Ersparnisse umzutauschen, was den Wechselkurs weiter ansteigen ließ. Die Panik war einer der Hauptgründe für den Anstieg der Warenpreise.

Heute ist der Rubel gegenüber dem Dollar so stark wie seit 2015 nicht mehr. Dies ist vor allem auf zwei Faktoren zurückzuführen: die weltweit hohen Öl- und Gaspreise und die Kapitalverkehrskontrollen. Der Krieg, die vorgeschlagenen und in Kraft gesetzten Embargos gegen russische Energie und die Drosselung der russischen Gaslieferungen nach Europa (der Kreml gibt den Sanktionen die Schuld, der Westen dem Kreml) haben die Öl- und Gaspreise in die Höhe getrieben. Die Erdgaspreise in Europa liegen bei über 1.450 US-Dollar pro tausend Kubikmeter, und Rohöl der Sorte Brent wird mit fast 120 US-Dollar pro Barrel gehandelt, dem höchsten Stand seit April 2011. Die Preise werden wahrscheinlich noch eine ganze Weile hoch bleiben.

 

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Rekordeinnahmen aus Ölexporten

Vor diesem Hintergrund stärkte ein enormer Zustrom von Deviseneinnahmen aus dem Export hochpreisiger Rohstoffe den Rubel und gab der russischen Wirtschaft Auftrieb. Russlands Einnahmen aus Öl- und Gasexporten haben ein Rekordniveau erreicht. Die Einnahmen aus Ölexporten erreichten in vier Monaten 4,75 Billionen Rubel (circa 90 Mrd. US-Dollar) – die Hälfte der Summe, die Moskau für das ganze Jahr erwartet hatte. Früher wurden diese Devisenzuflüsse durch Devisenkäufe des Finanzministeriums und Kapitalabflüsse ausgeglichen, aber wegen der Sanktionen ist die Nachfrage nach Devisen für Importe und Investitionen zurückgegangen.

Darüber hinaus verlangt Russland von ausländischen Firmen aus sanktionierten Ländern, Konten bei der Gazprombank zu eröffnen, um für Gas zu bezahlen und die Dollar oder Euro in Rubel zu konvertieren, was einem 100-prozentigen Verkauf von Deviseneinnahmen entspricht. Nach Prognosen der Zentralbank wird Russland in diesem Jahr einen Leistungsbilanzüberschuss von 145 Milliarden Dollar erzielen, 19 Prozent mehr als 2021.

Im Inland verschärfte Russland seine Devisenkontrollen und führte vorübergehende Änderungen bei Devisentransaktionen ein. Um den Rubelkurs zu halten und die Inflation einzudämmen, verpflichtete das Finanzministerium die russischen Exporteure, 80 Prozent ihrer Deviseneinnahmen zu verkaufen. (Jetzt, wo die Lage stabiler ist, hat das Ministerium diesen Anteil auf 50 Prozent gesenkt). Vorübergehende Beschränkungen für den Kauf von Devisen wurden auch für russische Bürger eingeführt. Die Einteilung von Ländern in „befreundete“ und „unfreundliche“ Regierungen – wie sie Moskau vorgenommen hat – hat Geldtransfers selbst von Banken, die nicht unter Sanktionen stehen, drastisch erschwert. Für russische Bürger und Ausländer aus befreundeten Ländern führte die Zentralbank im April Beschränkungen ein (grenzüberschreitende Überweisungen durften 10.000 Dollar pro Monat nicht überschreiten, seit Juni sind es 150.000 Dollar), aber viele Banken sorgten für Verwirrung durch die Einführung von Gebühren für die Führung von Fremdwährungskonten, Überweisungen und für den Empfang von Überweisungen.

Inflationsrate bei über 15 Prozent

Theoretisch ist ein starker Rubel sowohl für Importeure als auch für Verbraucher von Vorteil, denn er macht importierte Waren billiger und leichter zugänglich. Auch für Moskau wäre er vorteilhaft, denn die Importsubstitution ist ein langwieriger Prozess. Ein starker Rubel hilft außerdem der russischen Zentralbank bei der Bekämpfung der Inflation, die bei über 15 Prozent liegt. Und er dürfte dazu beitragen, die Preise für importierte Waren zu senken, von denen einige Sektoren Russlands immer noch abhängig sind – was die Inflationserwartungen verringern, das Geld billiger machen und das Wirtschaftswachstum fördern würde.

Das Paradoxe am Rubel ist jedoch, dass mit seiner Aufwertung die Importe nicht billiger werden und die Inflation nicht wesentlich zurückgeht. Die jährliche Inflationsrate sank im Juni nur auf 16,7 Prozent, verglichen mit 17,1 Prozent Ende Mai und 17,8 Prozent Ende April. Angesichts der derzeitigen Sanktionen und der Unsicherheit der Lieferketten sinken die Preise auch bei einem starken Rubel nicht. Das reale Haushaltseinkommen wird voraussichtlich um fast sieben Prozent sinken, was die Kaufkraft der Bürger weiter schmälert.

Ein starker Rubel ist also sowohl auf kurze wie auf lange Sicht schlecht. Russland ist ein riesiges und ungleichmäßig entwickeltes Land, das seit jeher Umverteilung in großem Stil betreibt. Aber es muss auch über Mittel verfügen, um sie umverteilen zu können. Die Gesamteinnahmen des Haushalts für das Jahr 2022 werden voraussichtlich etwas mehr als 25 Billionen Rubel betragen, darunter Öl- und Gaseinnahmen in Höhe von fast vier Billionen Rubel, während der Nationale Wohlfahrtsfonds umgerechnet etwa 155 Milliarden Dollar einbehält. Steuern sorgen für einen stetigen Zufluss in diese Kassen, wobei ein großer Teil davon Steuern von Öl- und Gasunternehmen und Erlöse aus dem Verkauf von Energieressourcen im Ausland sind.

Moskau muss den Rubel schwächen

Moskaus Hauptaufgabe im Rahmen der Sanktionen besteht also nicht nur darin, die Importsubstitution zu maximieren und die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung abzusichern, sondern auch dafür zu sorgen, dass durch den Verkauf von Waren im Ausland Geld in die Staatskasse fließt. Mit einem starken Rubel wird dies schwieriger. Denn die Gewinne der Exporteure sinken, wenn der Rubel im Vergleich zu anderen Währungen an Wert gewinnt, was bedeutet, dass auch der Wert der russischen Exporte sinkt. Einfach ausgedrückt: Der Rubel ist zu stark – eine Einschätzung, die kürzlich auf dem Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg geteilt wurde. Unter strengen Sanktionen, die jedoch hohe Ausgaben erfordern, ist ein Rubelkurs von 70 bis 75 zum Dollar wahrscheinlich der beste Weg.

Moskaus Aufgabe wird im nächsten halben Jahr darin bestehen, den Rubel zu schwächen, und die Regierung diskutiert bereits über Instrumente, um die Währung in den Kursbereich von 65 bis 80 zum Dollar zurückzubringen, wie es vor dem Krieg der Fall war. Die Regierung ist sich jedoch darüber im Klaren, dass der Rubel angesichts der strengen Beschränkungen des Kapitalverkehrs weiter an Wert gewinnen könnte. Die Zentralbank und der Kreml haben früher als erwartet damit begonnen, ihre Restriktionen zu lockern, aber bisher hat dies keine Auswirkungen auf den Rubel gehabt. Angesichts des Sanktionsdrucks wird es schwierig sein, die Nachfrage nach der Währung auf demselben Niveau wie vor der Krise zu halten.

Wir erleben den sehr ungewöhnlichen Fall, dass ein starker Rubel ebenso wie ein sehr schwacher Rubel zu einer Herausforderung für die russische Wirtschaft wird.

In Kooperation mit

GPF

Christoph Kuhlmann | Fr, 24. Juni 2022 - 12:28

Man kann in der Zeitung lesen um wieviel sie einen ärmer machen. Ganz ohne patriotische Aufrufe Kriegsanleihen zu kaufen oder den Helden an der Front warme Socken zu stricken. Aber vielleicht ist das in Russland noch anders. Diese ganzen Wirtschaftssanktionen sind Maßnahmen, deren Folgen so nicht abzusehen sind. Es sind einfach zu viele Akteure im Spiel und die Märkte tun ein Übriges. Was Russland trifft, ist der Technologieboykott, aber auch der hat eine Kehrseite. Wenn in russischen Marschflugkörpern Chips aus westlichen Handys gefunden werden und Militärfahrzeuge mit einer Motorelektronik von Bosch ausgerüstet sind, die niemals zu diesem Zweck verkauft wurden, so spricht das Bände. Irgendwann wird jemand ausrechnen wieviel Geld es die Welt gekostet hat um ein par hunderttausend Ukrainer umzubringen. Das werden nicht einmal die schlimmsten Opfer an Menschenleben sein. 345 Millionen Menschen sind von Hunger bedroht. Der einzig rationale Ausweg ist die Demokratisierung Russlands.

um zu erkennen wie ich, politisch initiiert, immer ärmer werde. Das würde eine "Demokratisierung" Russlands in keiner Weise verhindern. Patriotische Aufrufe gibt es doch gerade im dekadentesten De, das wir jemals hatten, nämlich frieren und hungern für den "Frieden". Nur indoktrinierte Narren erkennen das nicht. Diese unsägliche Politik, die massiv gegen die Interessen ihrer Bürger handelt, lebt von solchen ihnen.

Seien Sie versichert, bei einem Blick auf die "demokratische" Deutsche Regierung würde selbige in Russland, sollten die Russen und -Innen die Wahl haben, einen deutlichen zweiten Platz machen. Man könnte auch sagen: den Trostpreis abräumen.

Gerhard Lenz | Fr, 24. Juni 2022 - 12:29

Den gibt es ja nach wie vor, sogar beim Discounter.

So immun gegen Sanktionen, wie von manchem dargestellt, ist die russische Wirtschaft durchaus nicht.

Es ist ja nicht so, dass in Russland vor dem Überfall auf die Ukraine durchweg in Saus und Braus gelebt wurde. Im Gegenteil: Es gibt zwar bekanntermaßen einige steinreiche Oligarchen, die auch in teuren Lagen schon mal ganze Straßenzüge einkaufen oder mal eben einen traditionsreichen Fußballklub erwerben, der auch nicht gerade zum Schleuderpreis zu haben war.
Die Masse der Menschen in Putins korruptem, heruntergewirtschafteten Staat darbt jedoch. Nach den üblichen Listen ist der Lebensstandard in Russland niedriger als in Staaten wie Bosnien oder dem einen oder anderen afrikanischen Land. Und das trotz enormer Rohstoffvorkommen.

Der Krieg wird einen weiteren Beitrag zu Verteuerung und Verschlechterung der Lebensbedingungen leisten.

Aber die Menschen dort sind ja gewohnt, von Verbrechern regiert und in relativer Armut zu leben.

Die moralgetriebene Sanktonspolitik gegen Russland entwickelt sich zu einem grandiosen Eigentor. Im Ergebis wird die Achse Russland - China gestärkt, ebenso die USA; die EU und D werden zu Regionalmächten (Obama) degradiert. Aber unsere Politiker haben ja die Moral auf ihrer Seite. Da kann man wirklich nur noch Wodka Gorbatschow trinken.
Merke: In der Politik gibt es keine Freunde (oder Moral), sondern nur Interessen (De Gaulle).

Armin Latell | Fr, 24. Juni 2022 - 13:55

mehr Gedanken darüber, wie es hierzulande weitergehen soll. Denn klar ist doch, dass "unsere" Regierung, bestehend aus hochgradig ignoranten Ideologen, ahnungslosen Ausbildungsanalphabeten, dieses Land noch schneller und mit aller Macht in den wirtschaftlichen Abgrund fahren. Wie sieht es denn faktisch bei uns aus? Sämtliche Preise schießen Dank einer fast schon galoppierenden Inflation ins uferlose. Niemand kann glauben, dass wir unseren bisherigen Wohlstand halten werden können, von wenigen Krisengewinnlern abgesehen. Das alles gewollt und politikgemacht. Mit der willfährigen EZB und ihren bezahlten Demokratieabschaffern in den Führungetagen. Da hängt nix mit nix zusammen...

Christoph Kuhlmann | Sa, 25. Juni 2022 - 12:59

Russland erwirtschaftet zu viele Devisen, die es nicht verwenden kann. Das wirkt sich besonders negativ auf den Staatshaushalt aus - las ich gerade in der Zeit - denn dieser Staatshaushalt wird primär mit Öl und Gaseinnahmen finanziert. Da die Devisen aber immer weniger Wert sind sinkt trotz steigender Preise und Gesamteinnahmen in Dollar und Euro der Wert der Exporte in Rubel. Solange die Sanktionen fortgesetzt werden wird der Staatshaushalt vermutlich weniger Rubel einnehmen. Putin hat noch genug davon und die Wirkung der Sanktionen wird allmählich erodieren. Doch dieser Hinweis auf die leidende Exportfähigkeit der russischen Industrie ist nicht der Punkt. Es geht um die Staatseinnahmen und Kriege sind teuer. Wir brauchen also einen niedrigen Ölpreis und einen hohen Rubelkurs um Russland an den Verhandlungstisch zu zwingen. Außerdem bleibt abzuwarten inwieweit der Boykott die Förder-bzw, Exportfähigkeit des Energiesektors in Russland einschränkt. Gegenläufige Faktoren. Toller Artikel

Jochen Rollwagen | Sa, 25. Juni 2022 - 17:21

Frau Zolotova hat ein Thema mit dem Preis eines "iPad Air" in Russland.

In Deutschland gehen demnächst die Lichter aus und die Küche bleibt kalt. Und der Winter sieht dann aus wie bei "Game of Thrones". Oder wie eine "Mad Max" Folge, falls es eine Winter-Variante davon gäbe.

Aber es ist ja wegen der Demokratie und der Freiheit. Oder Dingsbums.