Vom Verlust der Freiheit in Zeiten der Pandemie - Das Ausbrechen aus dem Käfig ist keine Option mehr

Viele Ältere sagen inzwischen: Welch ein Glück, dass ich bessere Zeiten erlebt habe – in der heutigen möchte ich nicht mehr jung sein. Die Art und Weise, wie so etwas als Selbstverständlichkeit akzeptiert wird, macht sprachlos.

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Martin Stadtfeld / picture alliance

Autoreninfo

Martin Stadtfeld (Foto dpa) ist einer der bekanntesten deutschen Pianisten. Er konzertierte mit Orchestern wie den Münchner Philharmonikern, der Academy of St Martin in the Fields, dem Leipziger Gewandhausorchester, der Staatskapelle Dresden und den Wiener Symphonikern. Stadtfeld, 1980 in Koblenz geboren, wurde viermal mit dem Echo Klassik Preis ausgezeichnet.

So erreichen Sie Martin Stadtfeld:

Es mag banal klingen, wie eine Selbstverständlichkeit in einem pluralistischen Staat: Wir sollten dringend abrüsten, auf unsere Worte achten und jedem Menschen eine persönlich geprägte Sicht auf die momentane Situation zugestehen. Oder ist das etwa schon zu viel verlangt?

Dazu zählt sicher, dass sich das Leugnen von Leid nicht gehört, denn Leid ist womöglich die am persönlichsten wahrgenommene Empfindung. Doch Leid ist in einer Gesellschaft so vielfältig wie die Lebensentwürfe und Wirklichkeiten dieser vormals recht bunten Welt. Um leicht abgewandelt mit Tolstoi zu sprechen: Alle glücklichen Menschen gleichen einander, jeder unglückliche Mensch ist auf seine eigene Weise unglücklich.

Die Antwort auf die Frage, ob die Maßnahmen gegen die Pandemie mehr Leid als Nutzen brachten, findet jeder für sich. Es bleibt so viel Unmessbares angesichts der Vielfalt dessen, woraus eine Gesellschaft besteht. Und jeder sieht ja auch nur seinen Ausschnitt der Welt. Wer meint, eine objektive Antwort darauf zu haben und etwa nur die Toten einer einzigen Krankheit zählt (und diese Summierung zum sich selbst legitimierenden Maßstab für Bekämpfungsmaßnahmen gegen eben diese Krankheit macht), der verkürzt. Nach dieser „Logik“ haben Maßnahmen solcherart immer einen Nutzen; je repressiver sie sind, desto nützlicher. 

Von hohlem Pathos hinweggefegt

Aber man muss doch immer wieder die oben genannte Frage stellen, zulassen, dass sie gestellt wird, dass jeder sie nach seiner Maßgabe und seinen persönlichen Erfahrungen beantworten darf. Auch, dass er es vielleicht gar nicht will, es ihn oder sie überhaupt nicht interessiert – all das ist in Ordnung. Nur eines kann nicht sein: Dass solcherart Diskurs vom hohlen Pathos machtberauschter Instagram-Kerzenhalterpolitiker hinweggefegt wird. Das spaltet und ist unverantwortlich.

Nun ist es ja mitnichten so, dass die Opfer der „Kollateralschäden“ keine Rolle in der Berichterstattung spielen. Sie sind durchaus präsent. Bloß ähnelt die Art und Weise, wie über sie berichtet wird, der situativen Darstellung von Naturkatastrophen. Kinder, Gewerbetreibende, Jugendliche: Sie haben durchaus unser Mitleid, und das mit der Kultur ist auch irgendwie schlimm. Den einen trifft es halt, den anderen nicht – wie bei einem Erdbeben oder einer Überschwemmung. Wahrscheinlich verfängt diese Erzählung auch deshalb, weil eine Krankheit ja tatsächlich etwas Naturhaftes, letztlich Unbeherrschbares ist. 

Der kalte Blick der Modellierer

Aber es sind doch politische Maßnahmen, die für die Schäden an der Zukunft und die Zerstörung von Existenzen verantwortlich sind. Selbst das wäre im Prinzip in Ordnung, wenn dem ein nachvollziehbarer Abwägungsprozess zugrunde liegen würde. Doch genau diese, andere Sichtweisen wirklich in die Entscheidungsfindung einbeziehende Gesamtschau fehlt.

Kinderärzte, Psychologen, Grundrechtler werden gerne mal angehört, und vielleicht auch Virologen, Epidemiologen, die andere Perspektiven einbringen. Gleichwohl wirkt es, als seien sie bloß politisch-mediales Feigenblatt. Letztlich entscheidet immer der kalte Blick der Virologen, Physiker und Modellierer aus der „Zero-Covid“-Fraktion: Eine Denkschule, die gleichsam religiöse Züge hat und vom gesunden vielfältigen Miteinander einer Gemeinschaft nichts weiß oder wissen will.

Auf welcher Seite des Käfigs?

Es trifft nicht zu, dass Kritik verboten ist. Man darf zum Beispiel über Sinn und Unsinn einzelner Maßnahmen streiten, auch über Verhältnismäßigkeit, über Konzepte, die doch Öffnungen ermöglichen sollten wie Testungen, Abstandsregeln, Kontaktverfolgung. Mit solchen Argumenten bewegt man sich durchaus im konventionellen Rahmen, sie sind zulässig und können ausgetauscht werden. Und doch muss ich gestehen: Fast ist mein Unbehagen am größten, wenn ich diesem Argumente-Pingpong lausche. Es geht mir dann wie Rilkes Panther: Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe, und hinter tausend Stäben keine Welt.

Denn wir dürfen quasi darüber debattieren, auf welcher Seite des Käfigs wir künftig in welcher Position leben wollen. Das Ausbrechen aus demselben ist aber keine Option mehr.

Die Gefahr der Gewöhnung 

Ein Freund sagte zu mir: Wäre es denn nicht hilfreich, dass Veranstaltungen wieder durchgeführt werden könnten – mit Maske, Tests, Abstand und so weiter? Dann hätten unsere Kollegen, die von großer Not betroffen sind, doch wenigstens eine Perspektive? Und so geneigt ich war, zuzustimmen, so unwohl wurde es mir doch bei dem Gedanken, dass wir uns an all das gewöhnen werden. Irgendwann wird uns so vorkommen, dass eine Massenveranstaltung ohne gesundheitliche Sicherheitsvorkehrungen undenkbar, der fahrlässigen Tötung nicht unähnlich ist.

Wer möchte in einer solchen Dystopie leben? Manch einer wird sagen: Warum nicht, wenn es Leben rettet? Auch eine solche Haltung muss akzeptiert werden.

Doch das typisch europäisch-russische Element der Spontaneität von Entscheidung und Empfindungshaftem wird dann zerstört sein. Dostojewskis Protagonist in „Weiße Nächte“, der für viele schönsten Liebesgeschichte der Welt, begegnet seiner schicksalhaften Angebeteten mit FFP2-Maske? Ein Kafka wird sodann in sein Tagebuch schreiben: „Im Kino gewesen. Smartphone mit elektronischer Nachverfolgungs-App und digitalem Impfpass vergessen. Nicht eingelassen worden.“ Nein, wird er natürlich nicht, denn einen Kafka wird es in einer solchen Welt gar nicht geben.

Manch einer wird sagen: „Ist mit egal, lese ich eh nicht.“ Verstehe ich auch.

Nun ist nicht jeder ein Dostojewski oder ein Kafka. Doch dass es oft die spontanen Entschlüsse und Gefühlserlebnisse sind, die das Leben ausmachen und manchmal sogar entscheidend sind, das dürften viele Menschen schon erlebt haben. Und dass die wahrhaftige Begegnung mit unverhülltem Antlitz einer Annäherung ans andere (oder eigene) Geschlecht zuträglich ist – und wohl jeder junge Mensch ein Recht auf dieses zukunftsweisende Spiel hat –, ist sicherlich auch den meisten klar.

Viele Ältere sagen jetzt: Was für ein Glück, dass ich in einer besseren Zeit gelebt habe; in der heutigen möchte ich nicht mehr jung sein. Die Art und Weise, wie so etwas als übergeordnete Selbstverständlichkeit akzeptiert wird, macht sprachlos.

Wer leugnet, gilt als rechts

Doch wer all das fundamental kritisiert, der leugnet. Und wer leugnet, der ist rechts. Was macht es eigentlich mit der Sprache, wenn man jeden, der nachts nicht schlafen kann, weil er sich sorgt – um die Zukunft, um die Kinder, um europäisch liberale Geisteshaltung – als rechtsoffen oder gar Nazi bezeichnet? Es soll sogar Menschen geben, die keine Kinder haben und die es dennoch quält, dass die Kleinen Masken tragen müssen, dass sie keinen Kontakt mit anderen haben sollen, dass sie ein Schuljahr, ein Sportjahr, ein Musikjahr verloren haben. Dass viele ihre Lebensfreude einbüßen.

Menschen dieser Art sind fast zu sensibel für die Zumutungen dieser Welt. Es sind oft dieselben, denen das Leid von Massentierhaltung und sonstigen Gemeinheiten tiefen Kummer bereitet. Ist dies das Material, aus dem Nazis gemacht sind? Was für eine groteske Verkehrung. Wie nennen wir dann künftig einen, der Molotowcocktails in die Flüchtlingsunterkunft mit Kindern wirft? Wie nennen wir jemanden, der Andersdenkenden, anders Empfindenden den Tod wünscht? Wie einen, der mordet, weil er Menschen, die er nicht versteht, das Lebensrecht abspricht? Als was bezeichnen wir jemanden, der alles Schöne, Spontane, Verrückte hasst, weil es seiner Lebenswirklichkeit widerspricht und ihm unkontrollierbar erscheint?

Den letztgenannten, den sollten wir auch nicht Nazi nennen. Sondern ihm die Hand reichen, ihm zeigen, dass die Welt schön sein kann, dass erst aus dem Ungeplanten wahres Glück entsteht und es die Akzeptanz des Unkontrollierbaren ist, die uns zu halbwegs freien Menschen macht. 

Aber wenn einem schwarzen Block der „Antifa“, der im Machtrausch des vermeintlichen Bessermenschen gegen alles pöbelt und prügelt, was anders ist, mutiges Eintreten gegen rechts attestiert wird, haben sich die Dinge in absurder Weise verschoben. 

Es liegt in unserer Hand, der Aufhetzung zu widerstehen und auf unsere Worte zu achten. Worte, die sonst bald nichts mehr wert sind. Vielleicht finden wir dann auch gemeinsam den Weg aus dem Käfig.

Dorothee Sehrt-Irrek | So, 9. Mai 2021 - 11:20

Ich möchte die Handelnden dennoch ein bisschen in Schutz nehmen. NEIN, nicht wenn sie Kritik evtl. als nicht hilfreich bezeichnen, sich mit Kindern treffen, das offene politische Gespräch mit Erwachsenen aber scheints scheuen.
Ich vermute, dass es vor allem daran liegt, dass sie wenig wissen und noch weniger, was die Zukunft bringt.
Ihr geringes Wissen setzen sie dann evtl. extrem rigide durch, damit sich wenigestens irgendetwas "bewahrheitet".
Wie ich schon schrieb, empfinde ich persönlich die Biontech-Impung als zu stark und hoffe, dass bei Jugendlichen und Kindern besonders auf die Dosierung geachtet wird.
Ich scheue mich ebenfalls davor, den Tod in einer hochmodernen Gesellschaft nur zu verwalten, wenn man auch differenziert und umsichtig handeln kann.
Gestern kam mir beim Spaziergang der Gedanke, dass nicht alle in einer Hochtechnologiewelt leben.
Woanders sterben schon Kinder an harmlosen Coronaviren?
Ich hoffe also, dass vlt. schon diese Impfung Corona-Leid weltweit lindert.

Aber dafür müssten wir schon den Kapitalismus beseitigen!

Wer möchte die Macht und Herrlichkeit der Finanz- und Monopolbourgeoisie, der Multimillionäre und Milliardäre unter der derzeit ideologisch-demagogischen Corona-Flagge beseitigen?

Wer möchte [dauerhaft und ernsthaft] die bestehende weltweite kapitalistisch-imperialistische Gesellschaftsformation beseitigen?

Wenn nicht die Corona-Flagge, dann erfolgt von den Ideologen und Eliten der Finanz- und Monopolbourgeoisie der Verweis auf die wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Implosion des historischen Realsozialismus. Eine ernsthafte Beschäftigung mit einer wirtschaftspolitischen, sozialpolitischen und gesellschaftspolitischen Alternative zum Kapitalismus-Imperialismus bleibt weiterhin unerwünscht.

Fazit: Wir brauchen demokratisches Gemeineigentum an gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsmitteln. Gemeineigentum an Grund und Boden, Rohstoffen und Bodenschätzen, Luft und Wasser, Tier -Natur- und Pflanzenwelt.

sondern gebändigt, reglementiert werden. Dafür ist der Staat zuständig. Er muß die vernünftigen Rahmenbedingungen schaffen.

Daß es Gewinne aus Kapital geben muß, die ein einzelner bzw. eine Gruppe einheimst, wenn er/sie besonders fleißig und findig ist, das gehört für mich zum menschlichen Dasein unbedingt dazu. Dieser Anreiz war und ist eminent wichtig für die Fortentwicklung der Zivilisation.

ABER: Die Gewinnmaximierung muß viel strikter als heute beschränkt werden durch Obergrenzen, hohe Besteuerung und sittliche Gebote.
Jeder, der sich als Ausbeuter bzw. schamlos reicher Prasser erweist, muß die Ablehnung durch die Gesellschaft spüren und darf nicht - wie heute üblich - als bewundertes Beispiel gelten.

Wir hatten in den 50er bis 80er-Jahren des vergangenen Jhdts. noch eine gute Einstellung zu Kapital + Wirtschaft bei uns in D. Das nannte sich "soziale Martwirtschaft" und stammte nicht von der SPD (wie A. Baerbock gerade von sich gab!), sondern war Kern des CDU/CSU-Programms.

die sich aus dem Absolutismus, bürgerlichem Parlamentarismus und dem Kapitalismus heraus entwickeln könnte und sich auch heraus-entwickelt hat.
Ich denke doch Kapital als höchste Form gesellschaftlicher Produktion.
Die Debatten, von denen Sie zurecht schreiben sind meines Wissens alle gelaufen und laufen immer noch.
Jede Partei hat ihren Anteil an diesem gesellschaftlichen Fortschritt, aber nicht nur der Produktion, sondern auch der politischen Teilhabe. Also bei der AfD habe ich sehr große Probleme.
Komplexe und föderale Systeme bewältigen als verständigte und verfasste JEDE KRISE.
Politische Öffentlichkeit und Verfassungsstaat sichern das ab.
Nicht zu vergessen, fried-liebende Menschen.
Vergessen wir das bitte nicht.
Die wiedervereinigte Bundesrepublik Deutschland ist ein historischer Glücksfall, ein Geschenk an uns, nicht nur von uns, aber wieder auch ein Geschenk an Alle.
Mein Kompliment und meine Verneigung und die Zusicherung meiner Liebe.

Yvonne Stange | So, 9. Mai 2021 - 11:21

... Ihr Künstler-Kollege, Herr Levit, spricht AfD-Wählern sogar das Menschsein ab. Ja wie nennen wir ihn nun?? ;-)
Ich bin sehr froh, bereits so alt zu sein, ich hatte eine sehr schöne, behütete Kindheit und eine tolle Jugend. Leider bin ich noch nicht alt genug um das bittere Ende noch miterleben zu müssen. Hoffnung? Habe ich schon lange keine mehr. Lebe jeden Tag wie den letzten. Endzeit ist angebrochen aber nicht wegen dem Klima sondern wegen den "Klimaschützern"...

Liebe Yvonne,
ich bin in der gleichen Situation wie Sie. Ich habe immer gedacht, dass in der Demokratie die bessere Argumente siegen und die Gesellschaft ein Schritt weiter kommt. Wenn aber die Qualität-Medien die Wahrheit schon vorher wissen, wird der Irrende auf den Scheiterhaufen gestellt. So wird es nichts mit der Diskusion. Aber wer nicht hört, muss fühlen. Uns bleibt nur abzuwarten. Ich möchte,dass Sie wissen,dass es noch Leute gibt, die so denken wie Sie. Gruss M.V.

Ramona Starmberger | So, 9. Mai 2021 - 19:50

In reply to by Milan Vokroj

Das wirklich Interessante ist, dass bei diesem, zigsten eher meinungsorientierten Artikel sich unzählige Kommentare tummeln, während der Corona Artikel zu Indien anscheinend keine Leser findet. Oder will man das am Liebsten ignorieren, da es so gar nicht in die eigene Argumentationwelt passt.

Ronald Lehmann | So, 9. Mai 2021 - 22:48

In reply to by Milan Vokroj

Die allermeisten haben jedoch nicht den Mut dazu, offen darüber zu reden oder zu schreiben.
Hinzu kommt, dass Menschen bewusst von der Politik entwurzelt worden, weil sie so leichter manipulierbarer sind.
Entwurzelt vom Familienband, der Arbeitskollegen, den sportlichen & kulturellen Veranstaltungen für Körper & Geist.
Wichtig ist nur, dass man sich durch diese Situation nicht den Dingen des Verderbens der Seele hin gibt, egal ob es zuviel Alkohol ist oder das man sich durch Hass innerlich zerfressen wird. Als Tipp kann ich persönlich nur sagen: ab & zu mal auch mal nach unten schauen. Es gab & gibt Menschen, die auch ihr Päckchen zu tragen haben. Wer schrieb mal so schön (?), das Leben ist kein Ponnyhof. Die Kehrseite: Wir lassen uns oft zu viel blenden & uns in eine Ecke drengen.
Lass deinen Geist frei sein, dann wird auch dein Körper & deine Seele frei sein. LG

Quirin Anders | So, 9. Mai 2021 - 11:22

Ich bin geneigt zu fordern: "Stadtfeld for President!"
Als Realist hadere ich allerdings etwas mit der Befürchtung: Schön, aber wahrscheinlich in den Wind gesprochen ..

hebt sich ab von den "Denkern" und "Lenkern", wie wir sie kennen und wie wir sie aushalten müssen – all die Merkels, Scholzens, Steinmeiers etc. Weshalb sind solche Menschen nicht in der Politik? Weil sie wohl niemals so etwas wie Karrieristen in einer Partei werden wollen.

ja, und nicht nur das: - Im gewählten Beispiel des Gedichts von Rilke, "Der Panther", wird die Gemütslage vieler Betroffener sichtbar, die sich ohnmächtig und kraftlos fühlen. Ganz besonders nachvollziehbar trifft m.E. die ausweglose Stimmung des einst stolzen Tieres die Vertonung von Udo Lindenberg (you tube). Hörenswert! Zur Corona-Lage hat dieser sich als Künstler aber wohl nicht geäußert?

Ellen Wolff | So, 9. Mai 2021 - 11:38

Wir sollten dringend abrüst Beitrag, ich stimme weitgehend zu, und dennoch, der Satz: „Wir sollten dringend abrüsten, auf unsere Worte achten...“ birgt auch Spatungspotential. Ja, wir sollten abrüsten, aber ich möchte nicht unter einer Sprachpolizei leben, und Worte können einem im Munde verdreht werden und aus dem Kontext gerissen eine fundamental andere Bedeutung bekommen. Wir sollten uns also auch angewöhnen, nicht immer genau zu wissen, was der andere mit seinen Worten tatsächlich gemeint hatte und sagen wollte. Sprache ist komplex, Ironie und schwarzer Humor für mache schon nicht mehr erträglich oder zu verstehen. Wir brauchen mehr Geistige Freiheit, mehr Toleranz usw. Aber auch mit der Toleranz ist es nicht so einfach, wenn wir gegenüber den Intoleranten tolerant sind, bauen wir uns damit auch wieder unser eigenes Gefängnis. Ja, und ich denke auch immer öfter, das ich froh bin, schon so alt zu sein weil mir der mediale Mainstream zu sehr mit dem erhobenen Zeigefinger daher kommt.

Gerne las ich Ihre Gedanken zu dem doch komplexen Recht "die Gedanken sind frei". Mit wahrer Inbrunst sangen wir in der Schule dieses Verslied. Es gab uns die Freiheit
im Denken. Diese Freiheit war niemals Selbstverständliches. Dieses Privileg stand lange Zeit nur den Herrschenden zu. Wir, die Untertanen, müssen sich auch im Denken unterordnen. Wenn nicht, werden wir dem rechten Milieu zugeordnet. Wehe uns!

"Wir sollten uns auch angewöhnen nicht immer zu wissen, was der Andere mit seinen Worten...", Aber gerade das ist doch wichtig. Um keine gedanklichen Halb-Wahrheiten entstehen zu lassen hinterfrage ich. Ich hinterfrage nur Gedanken, die mich interessieren. Das bedeutet für mich die Anerkennung meines Gegenüber. Häufig wird dies als Kritik empfunden. Wie sehen Sie das, liebe Frau Wolff?
Finden wir zurück zu unserem Ego.

Es gibt wohl kaum ein Volkslied, das so oft von Rock- und Punkmusikern gespielt wurde wie "Die Gedanken sind frei". Eine Freiheit für alle Zeiten.

Karl-Heinz Weiß | So, 9. Mai 2021 - 12:00

Ein anregender Beitrag, der zum Widerspruch einlädt. Die Käfighaltung, virtuell in China schon umgesetzt, gilt auch in Deutschland für nicht wenige als Vorbild und als Blaupause für Maßnahmen zum Klimaschutz. Vielleicht sind deshalb auch viele Menschen in den neuen Bundesländern empfindlicher gegen die Corona-Maßnahmen: sie konnten das Sozialpunktesystem der Stasi 40 Jahre kennenlernen. Pessimismus in der jungen Generation kann ich wenig feststellen, nur extremes Genervtsein von Impffdränglern, die ihr Recht auf einen Ballermann-Urlaub einfordern.

Klaus Funke | So, 9. Mai 2021 - 12:23

Wir alle leben im Hier und Jetzt! Das ist das Menschsein. Hier müssen wir klarkommen. Hic salta! Aber jeder Mensch hat Erinnerungen, hat sein Herkommen. Viele meiner Bekannten aus dem Osten sagen: Dafür sind wir 1989 nicht auf die Straße gegangen. Das ist nicht die Freiheit, die wir gewollt haben. Was ist passiert? Die sog. Pandemie ist die eine Seite. Doch was wird daraus gemacht? Die Bekämpfung eines gewöhnlichen Virus wird politisch instrumentalisiert. Wie immer in der Politik geht es um die Macht. Frau Merkel, weil intelligent, ist sich ihrer Fehlentscheidungen, von Eurokrise über Energiekrise bis Migrationskrise (unvollständige Aufzählung), durchaus bewusst, sie benutzt jetzt die Pandemie als Korrektiv ihrer zerbröckelnden Macht. Sie setzt auf Grün und die Niederlage der CDU, um keine Nachfragen zuzulassen. Alles auf Grün mit ungewissem Ausgang. Grüne Farbe über den Rost. "Gegen Rechts" ist zur Universalausrede geworden. Schlimm sind Vergesslichkeit und Gleichmut! Quo vadis?

...möchten Sie wissen lieber Herr Funke. In dem heutigen Cicero "Morbus Palmer" erfahren Sie wohin die Reise geht. "Morbus Palmer" ist für mich die Fortsetzung "Das
Ausbrechen aus dem Käfig ist keine Option". Und welche Option wird uns noch ge-
währt? Quo vadis?

Ernst-Günther Konrad | So, 9. Mai 2021 - 12:29

"Es liegt in unserer Hand, der Aufhetzung zu widerstehen und auf unsere Worte zu achten."
Ein für mich richtiger und wichtiger Satz zum Ende Ihres sehr gefühlvollen Artikels, den ich inhaltlich in allem teile.
Ich würde mir wünschen, dass mancher Forist hier im Forum sich das mal zu Herzen nimmt.
Man soll und muss inhaltlich streiten, es darf um die Sache gehend auch mal laut werden, aber jeder persönlich Angriff auf die Foristen, jede Form der Einteilung in welche Ecke auch immer, das bewusste und gewollte "Nichtverstehen wollen" und damit einhergehend das Umdeuten von Aussagen ist gerade der falsche Weg zum Diskurs. Niemand muss hier die Meinung des anderen übernehmen. Aber jeden sehe ich in der Pflicht, die Meinung des anderen zu achten.
Es gibt nicht die eine Wahrheit. So unterschiedlich die Menschen so unterschiedlich die Sichtweisen. Das macht das Menschsein aus. Ich fürchte nur, Ihr guter Appell an die Vernunft prallt an der Unvernunft ab. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt.

Leider haben Sie recht. Wir sind mittlerweile in einem System angekommen, in dem man sich schon dafür entschuldigen muss, dass man ein Mensch sein will und zwar mit allen Fehlern, Irrungen etc. Es gibt mittlerweile zuviele Politiker, Medienmenschen und insbesondere auch Mitläufer, die uns im Namen der "Wissenschaft" absprechen wollen, Mensch mit eigenem Urteilsvermögen, eigenen Erfahrungen, eigenen Ansichten zu sein. Häufig genug stellt sich dann heraus, dass genau die, die unser Menschsein in Abrede stellen, diejenigen sind, die am wenigsten können, am wenigsten wissen und mangels Bildung von der "Wissenschaft" am wenigsten verstehen. Das sieht man exemplarisch an der Corona-Pandemie, aber auch an der ganzen Klimadiskussion. Und man sieht, dass es diesen Personen nur um ganz eigene Machtambitionen geht. Nicht um das Land und nicht um die Menschen.

der hier über die Corona-Lüge schwadroniert, Verbrechen gegen das eigene Volk zu erkennen glaubt, Andersdenkende als "von den Mainstreammedien" manipuliert bezeichnet. Der sich selbst als eine Art schreibenden Widerstandskämpfer begreift. Ständig andere Foristen ermuntert, wegen angeblicher Gesetzesbrüche, die kein Gericht attestiert, auf die Strasse zu gehen.
Wer den demokratischen Diskurs missachtet, weil er im Grunde einen anderen Staat möchte, sollte sich über entsprechende Kritik nicht beschweren.
Da kann es kein Appeasement geben.

des Termines, an dem Sie sich ohne persönlich adressierte Polemik zu Wort/Schrift melden und das ist nicht polemisch gemeint.
Zur Sache oder Nicht - das ist hier die Frage.

Ralf Rosmiarek | So, 9. Mai 2021 - 12:38

Demokratie kennt kein Ziel. Ideologie hingegen schon. Denn wer Heils-Ziel und Heils-Weg vorgeben kann, der weiß sich auch im Besitz der Wahrheit. Demokratie aber ist nicht starr, sondern in Bewegung und ermöglicht Leben: Farbe und Kunst und Freiheit und Genuß und Sinnlichkeit und „vielfältiges Miteinander“ und Aushalten (auch des Ungeliebten). Das deutsche Grundgesetz ist die Spielregel zur Gestaltung. Regierende haben nun offensichtlich beschlossen, es müssen neue Spielregeln her. So ermächtigt man sich wieder selbst. Eine eilig ausgerufene Pandemie wird zum Idealfall. Und nun kann ausgegrenzt und gepiesackt werden: „Du willst mein Spiel nicht spielen? Dann bist Du raus!“. Auch das Sprachspiel sei nun anders! Als „rechts“ und „nazi“ wird verortet, wer sich nicht im Spielfeldrahmen bewegt. Ungebremste Anmaßung, dabei wähnt man sich vernünftig und gut, das vor allem auch. Das Spielfeld der Ideologen wird stahlhartes Korsett. Das Recht auf Autonomie ist ausgeschlossen wie vieles mehr.

Weil ich mir nie hätte vorstellen können, dass ich mein Leben lang ins Gesundheits-System einbezahle (mal die Vorschul- und Schulzeit ausgenommen) und dann mit knapp 70 erleben muss, dass junge Männer (die zum Großteil garnicht hier sein dürften!) nicht nur vor mir geimpft werden, sondern auch noch mehr Freiheiten genießen können.
Wenigstens durfte ich heute (Bayern...) noch meinen Waldlauf machen und dabei feststellen: I run better than my government ...

dass dabei soviel gedacht wurde und/oder wird.
Der Karren kam auf abschüssigem Gelände, Glatteis wurde nicht bedacht, ins rutschen und seither wird panisch gekurbelt um nicht im Graben oder Schlimmerem zu landen.
Vor den Frontsitzen sind Airbags installiert.
Bei den hinteren nicht.
Mehr ist da m.E. nicht.

Romuald Veselic | So, 9. Mai 2021 - 13:35

meiden den zentralen Punkt, indem die Frage, warum Menschen so denken, wie sie denken, ausgelassen wird.
Denn die Lebenserfahrungen basieren an den pers. erlebten Zusammenhängen, m. ihren Ursachen und Wirkungen, die subjektiv (wir sind Subjekte/Individuen) unterschiedlich gewichtet werden. Wenn sich diese Erfahrungen v. diversen Menschen gleichen, dann entsteht gewisse mentale Zugehörigkeit, die sich in dem Erlebten u. Bevorstehenden summiert. Meistens verlief dieser Aspekt auf der Generationsschiene, die ca aus 20-Jährigen Altersblöcken besteht. Was dazu führt, dass jemand dem stets Supervisionen eingebläut wurden (in ersten 20 Lebensjahren), mit der Erkenntnis, es war nur Verblödungspropaganda, glaubt nicht mehr an politische Erlösungskonzepte. Das Ideale ist das Eine, Machbare, das Andere. Man erkennts daran, dass UdSSR wollten die USA 1970 überholen.
Deshalb glaube ich nicht, dass die aktuellen Öko-Klima-Zielmarkierungen je erreicht werden. Nicht mit dieser Politgarnitur.

Karsten Paulsen | So, 9. Mai 2021 - 13:46

Moin, ich bin Jahrgang 55, geboren in Westdeutschland. Seit Jahren beobachte ich mit Unbehagen die freiwillige Selbstbeschneidung und Aufgabe vieler kleiner, in der Summe aber mächtig wachsend fehlenden Freiheiten durch die jüngere Generation. Corona hat diese Prozess in atemberaubender Weise beschleunigt. Die gleichen Menschen, die früher wegen jeden noch so popeligen Eingriffs des Staates auf die Straße gingen schleichen jetzt von Angst gebrochen maskiert in den Straßen und Geschäften rum und schwärzen auch noch ihre Nachbarn an.

Freiheitsliebe, Selbstverantwortung, Selbstbehauptung Beschneidung staatlicher Eingriffe, mehr Bürgerwillen (einstmals FDP), alles ist dahin. Mir fehlt die Freiheitsliebe meiner Mitmenschen.

Gisela Fimiani | So, 9. Mai 2021 - 13:57

Alles Despotische, alles Totalitäre, alle Ideologie lassen die kleinlichsten menschlichen Laster erkennen: Arroganz, Rechthaberei, Besserwissen, Einbildung, Ehrgeiz und vor allem Eitelkeit. Unglücklicherweise schicken sich diese kleinlichsten Laster an, das große Laster der Grausamkeit nach sich zu ziehen. Einer Grausamkeit, die uns unserer Menschlichkeit beraubt, weil sie das Gewissen des Individuums durch eine despotische Hypermoral ersetzt. Hier richtet nicht mehr das Gewissen die Macht. Die Macht richtet das Gewissen und - zwangsläufig - die Freiheit des Individuums. Kann es ohne politische und individuelle Freiheit eine demokratische Gesellschaft geben?

Wolfgang Borchardt | So, 9. Mai 2021 - 14:00

die Inquisition. Vorerst moralisch - psychische Vernichtung und Parteiausschluss, wie geht es weiter? Für die "Erleuchteten", die sich auf der "richtigen" Seite meinen, ist das mit keinerlei Risiko verbunden. Das 16. Jahrhundert lässt grüßen, mindestens die DDR. Aber historische Erfahrungen sind nicht ht vererbbar und müssen immer wieder neu erworben werden. Bitteres Ende eingeschlossen.

W.D. Hohe | So, 9. Mai 2021 - 14:19

weder zum 1ten und/oder 2ten Weltkrieg Soldat gewesen zu sein und, so das Schicksal es will, auch in keinem zukünftigen.
Da Sie schon so eine Äußerung sprachlos macht habe ich auch nicht weitergelesen Herr Stadtfeld
MfG WDHohe

W.D. Hohe | So, 9. Mai 2021 - 14:35

habe nun doch weitergelesen Herr Stadtfeld und festgestellt, dass Sie selbst nicht "sooo.." sprachlos sind
wie es das in Ihrem Vorwort verwendete Attribut signalisierte.
Ist wieder so ein Beispiel wie schnell durch eine missverständliche Wortwahl die Klappe des Gegenüber fällt.
Und dafür ist nicht stets Letzterer verantwortlich.
An Ihrem Vorwort Beispiel sehen Sie selbst, wie schnell....
Titel- wie Untertitel... Schlagzeilen
Nun dazu haben Sie selbst alles "gesagt"

Dr.Andreas Oltmann | So, 9. Mai 2021 - 18:43

Eine großartiger Artikel über Toleranz, Humanismus und Demokratisches Verständnis!
Besonders aktuell gerade heute, da Boris Palmer von den Gutmenschen und intoleranten Linken gecancelt wird. Weil sie sich im Besitz der einzig gültigen Wahrheit glauben...wie Hitler, Stalin, Franco und zuletzt die SED. Dass die Menschen nicht lernen wollen, ist unfassbar.

Claudia Biegler | So, 9. Mai 2021 - 18:48

Sehr geehrter Herr Stadtfeld,
danke für diesen tollen Artikel. Danke für Ihre Worte, die das beschreiben, was in mir vorgeht. Feinsinnig und überlegt sind Ihre Sätze. Sie drücken das aus, was ich denke. Wir zerstören gerade unser gesellschaftliches Zusammensein. Wir opfern unsere Freiheiten, unsere Offenheit, unsere Meinungsvielfalt... für die Sicherheit. Ich habe Angst vor der Zukunft! Wie demokratisch wir ein Deutschland sein, wenn meine Kinder groß sind? Was darf dann noch gesagt werden, ohne das die Gesinningspolizei es niederschreit und niederschreibt.

Dieter Freundlieb | Mo, 10. Mai 2021 - 09:31

Ich bin jetzt über 82 Jahre alt und würde, wenn ich, sagen wir, 20 Jahre jünger wäre, noch einmal ins Ausland gehen. Und nach den 27 Jahren, die ich in Australien verbracht habe, würde ich dann auch bis zu meinem Tod nicht mehr nach Deutschland zurückkommen. Ein erstes Anzeichen, was mit Deutschland während meiner Abwesenheit falsch gelaufen war, erkannte ich daran, dass der Begriff 'Bildung' sich völlig verwandelt hatte. Während meiner Studienzeit in Frankfurt wurde noch darüber nachgedacht und diskutiert, was Wilhelm von Humboldt mit diesem Begriff genau gemeint hatte. Als ich 2005 zurück kam, musste ich feststellen, dass 'Bildung' alles hieß, was irgendwie mit Berufsausbildung zu tun hatte. Zwar war auch schon Humboldt klar, dass ein Universitätsstudium durchaus nicht berufsfern sein musste, um durch 'forschendes Lernen' den Erwerb echter Bildung zu ermöglichen. Aber die totale Gehaltsentleerung, die das Wort Bildung inzwischen durchgemacht hat, hätte er sich kaum vorstellen können.

Urban Will | Mo, 10. Mai 2021 - 12:00

im Kreise der Familie, las ich heute erst diesen – erneut – wunderschönen Beitrag von Herrn Stadtfeld.
Aber so sehr man sich das auch wünschen mag, einen „gemeinsamen“ Weg aus diesem Käfig zu finden, halte ich für quasi ausgeschlossen.
Die Spaltung der Gesellschaft ist so tief und ausgeprägt, nicht nur in Sachen Corona, sondern allgemein in Sachen Diskussionskultur, Meinungsvielfalt, etc. dass ein „Zusammenfinden“ Dinge erfordert, die zu leisten niemand mehr bereit scheint.
Ein möglicher Weg, wäre vielleicht eine reine, wirklich 100%ig faktenbezogene Bewertung der Lage (Bsp. Corona) und Einordnung der Maßnahmen nach den – überhaupt noch gültigen, akzeptierten?? - Regeln der Logik und es Verstandes.
Und – über allem stehend – das Vertrauen in die Vernunft der Allgemeinheit, an der auch dann nicht zu rütteln ist, wenn einige ausscheren und sich entgegengesetzt verhalten.
DAS GEHÖRT ZUM LEBEN DAZU.
Und daher wird es nie einen 100%igen „Schutz“ geben.
Da hilft auch kein Käfig.