Ehemaliger Bundesbank-Chef Axel Weber - „Ich beobachte mit Sorge die Diskussion um Steuererhöhungen“

Als Bundesbank-Chef mahnte Axel Weber einst zu Sparsamkeit. Die Corona-Pandemie stellt sich für den heutigen UBS-Chef als so absehbar dar wie der Klimawandel. Dennoch reagiere die Politik darauf ungenügend. Eine Föderalismusreform fordert er ebenso wie eine Banken- und Kapitalmarktunion.

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Fordert einen „regulatorischen Big Bang“: Axel Weber / dpa

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Bastian Brauns leitet das Wirtschaftsressort „Kapital“ bei Cicero. Zuvor war er Wirtschaftsredakteur bei Zeit Online und bei der Stiftung Warentest. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er an der Henri-Nannen-Schule.

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Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

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Herr Weber, erst die Finanzkrise und Mario Draghis „Whatever it takes“, jetzt kommen Corona und die Corona-Bonds in dreistelliger Milliardenhöhe der EU sowie die Bazooka von Finanzminister Olaf ­Scholz. Zweimal kurz hintereinander pumpen die EZB und die EU-Staaten noch und nöcher Geld ins System. Kann das gut gehen?
In dieser außergewöhnlichen Situation war es absolut notwendig und auch richtig, massiv zu intervenieren, bei aller Kritik im Detail. Im ersten Halbjahr 2020 hatten wir in Deutschland einen historischen Rückgang des Brutto­inlandsprodukts von 12 Prozent. Bei früheren Rezessionen bewegte sich dieser Rückgang üblicherweise im unteren einstelligen Prozentbereich. Das jetzt aber ist die tiefste Rezession in der gesamten Nachkriegsgeschichte. Man kann sogar in die Vorkriegsgeschichte zurückgehen und findet wenige solcher außergewöhnlichen Konjunktureinbrüche. Aber die Ursache dafür ist eine andere als bei früheren Krisen: ein Wirtschaftsstillstand als Folge von politischen und medizinischen Entscheidungen.

Die Wirtschaft ist also eigentlich gesund?
Vielfach ja. Wegen des erneuten Lockdowns werden wir wahrscheinlich sowohl ein negatives viertes als auch ein negatives erstes Quartal 2021 mit rückläufigem BIP sehen. Laut unseren Prognosen bei UBS werden wir im Laufe des zweiten Halbjahrs 2021 in Deutschland schon wieder das Vorkrisenniveau erreichen. Gegen Ende des Jahres werden wir in den Industrieländern die erforderliche Massenimmunität erreicht haben. Aber auf dem Weg dorthin dürfen wir nicht zu viele Unternehmen verlieren, die eigentlich ein funktionierendes Geschäftsmodell haben, das auch nach der Krise trägt. Zugleich werden die Massenimpfungen die hohe Sterblichkeitsrate verringern.

Lässt sich die Corona-Pandemie zumindest in ihren Folgen mit der Finanzkrise vergleichen?
Ich vergleiche die Pandemie eher mit den Problemen, die bei den Themen Nachhaltigkeit und Klimakrise auf uns zukommen. Die Pandemie war ein Risiko, das der Politik latent bekannt war. Aber es wurde zu wenig vorgesorgt und erst in einen Aktivitätsmodus umgeschaltet, als sich das Risiko materialisiert hatte. Dabei hätte man Vorkehrungen treffen können, um dieses Risiko im Vorfeld einzudämmen. Auch der Klimawandel ist ein latentes Risiko, das sich langsamer, aber unweigerlich materialisiert. Die von den Regierungen ergriffenen Maßnahmen gegen die Klimakrise sind bislang absolut mangelhaft. Die Politik droht so in den gleichen fatalen reaktiven Modus wie in der Pandemie zu geraten. Ich nenne das notorisches Lernen: Die Probleme immer erst dann angehen, wenn sie akut geworden sind und massives Gegensteuern notwendig ist.

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Das Gegensteuern der Notenbanken hat seit der Finanzkrise dazu geführt, dass die Geldmenge um mehr als 40 Prozent erhöht wurde. Wie bekommen wir das jemals wieder aus dem System?
Die Notenbanken werden auf Jahre hinaus gezwungen sein, die jetzige Geldpolitik mit niedrigen Zinsen zur Reduktion der Zinslast der Staaten weiterzufahren. Damit ist die Freiheit, die Geldpolitik zu normalisieren, selbst wenn Inflation aufkommt, deutlich eingeschränkt. Die Staatsschulden drohen in den nächsten Jahren weiter aus dem Ruder zu laufen. Deutschland ist im europäischen Vergleich noch in einer günstigen Situation. In Italien ist die Staatsverschuldung durch diese Krise vergangenes Jahr von 135 Prozent des BIP auf rund 160 Prozent gestiegen. In Griechenland haben wir trotz Schuldenschnitt eine Staatsverschuldung, die bereits auf über 200 Prozent des BIP angestiegen ist.

Wie hoch ist das Risiko einer Inflation?
Allgemein wird das Risiko bislang als sehr gering eingeschätzt. Meines Erachtens zu Unrecht. Anders als in der Finanzkrise verbleibt ein Großteil der jetzigen Finanzierungen, Staatsinterventionen und Finanzmittel der Notenbanken nicht mehr im Finanzmarkt, sondern fließt etwa über Arbeitslosenunterstützungen und Unterstützungen für Unternehmen direkt in den Wirtschaftskreislauf und in die Realwirtschaft. Insofern erachte ich das Inflationsrisiko als deutlich höher als nach der letzten Krise.

Auch die Gefahr einer Deflation wird immer wieder beschrieben. Wie steht es damit?
Das Deflationsrisiko halte ich vor dem Hintergrund des erwarteten Anziehens der Wirtschaftsentwicklung für relativ gering – zumindest für deutlich geringer als die Gefahr, dass die Inflation die Zielwerte überschießt. Die Wirtschaft ist wie gesagt aufgrund der politischen Lockdown-Maßnahmen sozusagen in diese Rezession gepresst worden. Sobald man aufgrund der Impfprogramme die Mobilitätsrestriktionen zurücknehmen kann, wird auch die Wirtschaft wieder in ihrer alten Stärke anspringen. Die Politik wird also nicht die Erholung der Wirtschaft befeuern müssen. Sie muss dort Strukturmaßnahmen ergreifen, wo einzelne Teile der Wirtschaft das Wachstum bremsen, weil sie die Transformation nicht angehen.

Welche weiteren Folgen wird diese Form der Geldpolitik haben?
Die hohen Notenbankbilanzen sind eine enorme Belastung für Anleger, weil kaum mehr Nominalzinsen gezahlt werden. Wer normalerweise über Zinserträge sein Verdientes und sein Vermögen anlegen konnte, bekommt keine Erträge mehr für diese Vermögensanlage in festverzinslichen Anleihen. Der viel riskantere Aktienmarkt ist derzeit bei allen Unternehmen und bei allen Investoren die präferierte Investition. Es gibt kaum eine Alternative zu Aktien. Unsere Ökonomen sprechen von einer Tina-Welt, in der wir uns befinden – There Is No Alternative.

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Karl-Heinz Weiß | Do, 28. Januar 2021 - 11:28

Kompliment, dass Sie Herrn Weber für dieses Interview gewinnen konnten. Die Finanzkrise war ebenfalls voraussehbar. Und was ist geschehen? Dank Blackrock und Co. schlafwandelt die Finanzwelt zur nächsten Krise-erneut auf Kosten der Steuerzahler. Und was ist die Quintessenz? Ein Lobbyist dieser Parallelwelt ist (fast) mehrheitsfähig.

Christa Wallau | Do, 28. Januar 2021 - 11:39

der Jahrhundertherausforderungen Digitalisierung und Nachhaltigkeit."

Wer, bitte, ist denn genau mit d e m gemeint, welcher hier handeln soll?
EUROPA besteht aus sehr vielen höchst unterschiedlichen Ländern mit e i g e n e n Interessen, Sprachen u. Regierungen.
Herr Weber kann also nur die EU meinen.
Diese wiederum ist gar nicht in der Lage, zügig zu "wagen", weil sie so uneins ist wie einst die Kesselflicker u. zudem undemokratisch strukturiert, daher nicht legitimiert.

Welche Tatkraft u. Rückendeckung aller Völker kann man von einem solch überteuerten Monstrum allen Ernstes erwarten?

Gerade j e t z t, in dieser prekären Lage, zeigt sich, daß Deutschland tausendmal besser dastünde, wenn es sich o h n e Einbindung in die EU mit den Resten seiner Wirtschaftskraft selber aus dem Sumpf ziehen könnte, wie dies die Schweiz, Norwegen, jetzt auch GB u. andere erfolgreich tun werden.
Der Euro-Raum wird nicht ohne große Einbrüche (wahrscheinlich Inflation) aus dieser Lage herauskommen.

Markus Michaelis | Do, 28. Januar 2021 - 12:06

Ist Sparen für D wirklich sinnvoll, wenn nicht die ganze Eurozone spart?

Das Problem bei der MMT scheint mir zuerst zu sein, dass man die Steuerungsfunktion von Geld aussetzt. Der Staat bekommt beliebige Mittel. Aus linker Sicht ist das gut, weil der Staat sich um Schulen, Bildung, Armut, unterbezahlte Leistungsträger etc. kümmern kann - das klingt fast alternativlos, weil fair und es die Gesellschaft stärker macht. Wahrscheinlich überwiegen aber die Ausgaben in nicht nachhaltige und nicht mehr abzustellende staatliche Verpflichtungen.

Die Bankenunion ist glaube ich genauso ein theoretischer Traum, dass dann das Geld dorthin fließt, wo man am meisten erreicht, also die ärmeren EU-Länder zu entwickeln. Wären Menschen Marionetten, beliebig folgend, beliebig solidarisch, beliebig an der gemeinsamen EU-Zukunft arbeitend, wäre das sicher ein Ansatz.

Es geht zuerst um die Köpfe der Menschen - MMT und Banken können das nur begleiten.

Yvonne Stange | Do, 28. Januar 2021 - 14:49

... eingeschossen: Digitalisierung und Nachhaltigkeit, die Großen überleben und fressen die Kleinen, NWO wir kommen, no broder no nations.... an die Bevölkerung denkt keiner, ob die das wollen oder nicht: es ist EGAL!! Klein-Sparer? Das Kroppzeug kommt eh bald weg. Sparen?
Am Ende des Geldes ist eh zu viel Monat übrig, wie jetzt schon bei vielen. Wie ich dieses selbstzufriedene, satte Geschwafel hasse.

Demnächst ist hier also Kaiser Klaus I an der Macht, oder eben jene, die die Neuen Weltordnung als Resultat des "Großen Resets" in seinem Auftrag bzw. nach seinen Planspielen durchsetzen werden.

Denn: Corona ist ja nur Mittel zum Zweck, wahrscheinlich nur eine Erfindung der Mächtigen, die im Hintergrund die Fäden ziehen und demnächst die gesamt Menschheit versklaven werden...so sicher wie es das Amen in der Kirche gibt!

Traurig.

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