F.C. Delius
Chronist der Bundesrepublik und Ästhet: F.C. Delius / dpa

Zum Tod von F.C. Delius - Mit Kraft und Zärtlichkeit

Mit Friedrich Christian Delius stirbt nicht nur ein literarischer Chronist der Bundesrepublik, sondern auch ein Erzähler, der Zärtlichkeit zum Prinzip erhob. Ein Nachruf.

Autoreninfo

Björn Hayer ist habilitierter Germanist und arbeitet neben seiner Tätigkeit als Privatdozent für Literaturwissenschaft als Kritiker, Essayist und Autor.

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Der Zweifel war sein Element, aus ihm gingen viele seiner Romane hervor, die sich immer wieder an den Gemütslagen, Dissonanzen und gesellschaftlichen Problemen seiner Zeit abarbeiteten. Unter Beweis stellte Friedrich Christian Delius, der vorgestern im Alter von 79 Jahren verstarb, dies erstmals in seinem noch heute berüchtigten Werk „Unsere Siemens-Welt“ (1972). Mit satirischem Ton widmet er sich darin der wechselvollen Geschichte des Konzerns, der ob der vermeintlich verleumderischen, antikapitalistische Tendenz der Schrift direkt die Gerichte zu bemühen wusste.

Der Schriftsteller war daher schon früh in aller Munde und wurde auch in nachfolgenden Büchern nicht müde, mit gesellschaftskritischem Elan auf Missstände hinzuweisen. Seien es wie in seinem Großstadtroman „Adenauerplatz“ (1984) die Situation von Migranten in der jungen, wertkonservativ geprägten BRD oder sei es wie in dem fulminanten Text „Amerikahaus und der Tanz um die Frauen“ (1997) die moralische Empörung über den Vietnamkrieg – Delius war stets ein Mahner, wenn auch nicht einer von dem lauten Schlag eines Günter Grass oder Heinrich Böll. Zu sehr war er eben auch ein durchweg klassischer Erzähler, einer, der ein Sensorium für gute Stoffe und Geschichten hatte. Zahlreiche seiner Storys basieren daher auf realen Vorbildern. So etwa die vielgelesene Erzählung „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ (1997) über Klaus Müllers Flucht mit einem Segelboot über die Grenzen der DDR oder die berührende Annäherung an das letzthin tragische Schicksal des Konrad Zuse, einem der Erfinder des mit binären Codes operierenden Rechners, in „Die Frau, für die ich den Computer erfand“ (2009).

Mit ihm geht ein Stück moderner Literatur- und Geistesgeschichte

Während der promovierte Germanist mit jedem neuen Buch sein Panorama der Geschichte der Bundesrepublik, bisweilen auch der westlichen Welt allgemein, erweiterte und sich dabei stets einer schnörkellosen, klaren Sprache bediente, hat er sich andererseits seine Haltung als Ästhet bewahrt. Mit „Die Zukunft der Schönheit“ schrieb er 2018 – bei allen politischen Beiklängen – eine Hommage an den Jazz, mit dem Libretto „Von Zauberern und Hexen“ eine Eloge auf die Kraft der Oper, die Delius als einem 1949 in Rom Geborenen natürlich schon im Blut lag.

Getragen durch sein Leben und Schaffen hat den 2011 mit dem Georg-Büchner-Preis prämierten Autor und Sohn eines Pfarrers übrigens bis zuletzt seine tiefe Auseinandersetzung mit dem Glauben. Noch in seinem letzten Buch „Die sieben Sprachen des Schweigens“ (2021), das wie so manches andere seiner späten Werke deutlich autobiografische Spuren trägt, ringt er mit großen biblischen Fragen: Was kann das nur für ein Gott sein, der seinen ergebensten Diener, nämlich Abraham, dazu zwingt, ihm seinen Sohn Isaak zu opfern? Und wie konnte er den Nationalsozialismus und den Holocaust zulassen?

Dass in der sehr bewegenden Kompilation von persönlichen Geschichten eine von einer Intubation auf der Intensivstation berichtet, zeigt möglicherweise schon die Nähe zum Tod, die Delius in den vergangenen Monaten gespürt haben dürfte. Mit ihm geht nun ein Stück moderner Literatur- und Geistesgeschichte sowie ein Hinhörer, der all seinen Figuren und Mitmenschen mit unverwechselbarer Empathie und Zärtlichkeit begegnet ist.

gabriele bondzio | Di, 31. Mai 2022 - 19:26

moderner Literatur- und Geistesgeschichte"...das kann frau so sagen, werter Herr Hayer.

Berührend fand ich seinen (letzten?) Roman-
"Die sieben Sprachen des Schweigens"
Ganz viele Fragen an das Leben, melancholisch-kluge Rückschau mit vielen gegensätzlich-und facettenreichen Schilderungen.

"Intelligenz und Intelligenzquotient werden als unbekannte Begriffe im nächsten Jahrhundert nur noch im Lexikon verewigt sein, denn die gesetzlich gesicherten 24 Fernsehstunden schließen aus, daß überhaupt noch jemand schreiben und lesen kann." (Josef von Ferenczy)

Karl-Heinz Weiß | Di, 31. Mai 2022 - 21:39

Bitte das Geburtsjahr ändern (1943, nicht 1949).

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