Wolfgang Thierse über SPD-Streit um Identitätspolitik - „Viele in der Partei schämen sich“

Wegen der Kritik von SPD-Parteichefin Saskia Esken an seinem Essay über Identitätspolitik hatte Wolfgang Thierse seinen Parteiaustritt angeboten. Dem ehemaligen Bundestagspräsidenten ist eine Welle der Solidarität aus der eigenen Partei entgegengeschwappt. Aber wer kauft der SPD jetzt noch das Wahlkampfmotto „Respekt“ ab?

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Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) sieht sich von seiner Parteispitze attackiert / dpa

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Antje Hildebrandt hat Publizistik und Politikwissenschaften studiert. Sie ist Reporterin und Online-Redakteurin für CICERO.

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Marko Northe hat die Onlineredaktion von cicero.de geleitet. Zuvor war er Teamleiter Online im ARD-Hauptstadtstudio und Redakteur bei der "Welt". Studium in Bonn, Genf und Berlin sowie am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 

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Wolfgang Thierse hat 20 Jahre lang die Grundwertekommission der SPD geleitet. Der Germanist und Katholik gehörte zu den Wegbereitern der Wende in der DDR. Er war Bundestagspräsident und Bundestagsvizepräsident. 

Herr Thierse, auf einer Skala von null bis Hengameh Yaghoobifarah, wie woke sind Sie?

Mit mir müssen Sie in der alten deutschen Sprache reden. Sonst verstehe ich Sie nicht.

Das heißt, Sie wissen nicht, was „woke“ bedeutet, und Sie kennen auch Hengameh Yaghoobifarah nicht?

Doch, ich kenne beides. Aber ich bin an einer Stelle leicht störrisch, wie Sie merken. Ich möchte mich nicht immerfort dem Sprachgebrauch anderer unterwerfen müssen. Wir haben eine sich gewiss verändernde, verbindende Sprache, der ich mich gerne bediene. Vielleicht habe ich einen Germanistenschaden. Ich bin ja Germanist von Beruf.

Für Saskia Esken und Kevin Kühnert sind Sie offenbar nicht woke genug. Nach Ihrem FAZ-Gastbeitrag über die Gefahren der sogenannten Identitätspolitik haben sich die beiden gegenüber der Queer-AG in der SPD dafür entschuldigt, dass „einzelne Vertreter der SPD ein rückwärtsgewandtes Bild“ haben. Was haben Sie gedacht, als Sie das gehört haben?

Da überlegte ich kurz: Wen könnten sie gemeint haben? Da aber nach dem jour fixe der Grundwertekommission und des Kulturforums nur ein einziger Text zum Thema Identitätspolitik erschienen ist, nämlich mein Essay in der FAZ, musste ich annehmen, dass ich gemeint war. Ich hatte den Eindruck: Meine Parteivorsitzende distanziert sich öffentlich von mir. Deshalb hab ich zurückgefragt und sie gebeten, mir ebenso öffentlich mitzuteilen, ob mein Bleiben in der SPD schädlich ist oder nützlich.

Sie sagen das so unbeteiligt. Haben Sie sich gar nicht geärgert?   

Nein, nicht so sehr. Da hatte ich ja schon den Shitstorm überstanden, der nach der Veröffentlichung meines Gastbeitrags über mich hereinbrach, organisiert vom Lesben- und Schwulenverband. Wissen Sie, da zuckt man kurz zusammen und denkt: Was hab ich da nur geschrieben?

Sie waren einen Moment über sich selbst erschrocken?

Ja, und dann habe ich schwule Freunde gefragt: Lest doch bitte nochmal meinen FAZ-Essay. Ob da irgendeine Spur von Homophobie durchschimmert. Sie lasen das und teilten mir mit: Nein, nichts. Wir unterstützen ausdrücklich, was Du geschrieben hast. Ich bin der Überzeugung, dass ich einen zutiefst sozialdemokratischen und grundvernünftigen Text geschrieben habe. Deswegen erschien mir die Distanzierung von Saskia Esken unangemessen.

Frau Esken hat hinterher behauptet, sie hätte Sie gar nicht gemeint. Kaufen Sie ihr das ab?

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Klaus knorr | Sa, 6. März 2021 - 09:08

Danke, Herr Thierse, sie haben im Interview meine SPD-DNA, die DNA des Sattlermeisters Friedrich Ebert angesprochen und durchschimmern lassen, was wahrhafte SPD-Politik sein sollte. Danke! Ich stamme aus einem klassischen SPD-Arbeiterhaushalt des Ruhrgebiets. Ich leide regelrecht an der inhaltlichen Verschiebung meiner geliebten SPD zu den linkskulturellen-universitären Kreisen; diese haben die Partei mit ihrer selbstgerechten Abgehobenheit schon längst von der Parteibasis entfremdet. Wäre ich der Vater oder Großvater von Kevin Kühnert (was hat der eigentlich bisher für die Gesellschaft geleistet?), würde ich ihm folgenden Rat geben: Kevin, mach‘ doch erst mal eine vernünftige Ausbildung, die Oma bezahlt dir dann auch den Mopedführerschein!“ ich selbst kann meine Geliebte nicht mehr wählen, sie hat mich völlig düpiert.
Klaus Knorr

Wie Ihnen geht es Millionen von ehemaligen SPD-Wählern. Da sind Sie nicht allein.
Die SPD ist völlig aus ihrem "Kulturrahmen" gefallen und möchte sich zukünftig nur noch auf LGBTIQ-Minderheiten mit Migrationshintergrund (Menschen mit Kommunikationbarriere, als neuerVerschleierungsbegriff) konzentrieren.

KLASSE!
Ich habe das stante pede an eine ganz tolle Kollegin gepostet!
Nein, sie erfüllt nicht die beiden von Ihnen angemahnten Mindestvoraussetzungen zur Kanzlerkandidatur.
Sie ist ein "Spreissel" wie man hier sagt, also der Typ "durchgängig sehr schlank".
Mehr wäre unnütz!

Herr Thierse ist hier mMn der absolute Überflieger - und diese Frau Esken
... bedarf keiner Erwähnung!
Sehr gutes Interview!

Da geht es ihnen wir mir.Nach knapp 50 Jahren ist die Liebe erkaltet.Es geht im Übrigen allen meinen früheren Kampfgenossen und vor allem meinen ehemaligen Kolleginnen so.Wir waren mal Mandatsträger,heute für uns unvorstellbar.Vielleicht hätte eine neu zu gründende Partei der SPD-Frustrierten mehr Mitglieder als das Orginal.

"Vielleicht hätte eine neu zu gründende Partei der SPD-Frustrierten mehr Mitglieder als das Orginal."
Gute Idee. Da wäre ich mit dabei!

Annette Seliger | Sa, 6. März 2021 - 09:27

fasse ich es zusammen: Die SPD ist keine Volkspartei - sie gleicht einer Sekte. Sie ist gefangen in der Gedankenwelt einer Gesellschaft in dekadenter Endzeitstimmung. Eine Utopie, die überhaupt nichts mit der realen Welt, der hart arbeitenden Menschen zu tun hat. In den Netzwerken der SPD lässt es sich feudal leben (siehe z.B. AWO ) und Langzeitstudenten wie Kevin Kühnert, dessen bis dato geleistete Sozialversicherungsbeiträge sicher auf einen Bierdeckel passen, sind auf den Sprung in den Bundestag, dem Ort wo Milch und Honig fließen und wo man sich aufopfernd um Maskenbeschaffung oder den Beziehungen zu Aserbeidschan kümmert.
Thierse hat gespürt, welche Mächte der "Zauberlehrling" (unzählige NGOs, bezahlt aus den Geldtöpfen zum Kampf gegen Rechts) freigesetzt hat. Nun ist er mit seinen berechtigten Thesen, die einem gesunden Menschenverstand entspringen, selbst Opfer dieser geworden.

In Eskens Heimatland sind demnächst Wahlen. Die SPD wird sicher einstellig - wollen wir wetten?

Sie haben folgerichtig geschrieben: :"Sie gleicht einer Sekte"

Und Sekten kämpfen bis zum Totalen mit allen Mitteln verfügbaren Mitteln.

PS: Das Gelemma erinnert mich an den CDU-Parteitag nach der Grenzöffnung für sogenannte Flüchtlinge. Dort hatte ich persönlich noch angenommen, dass Frau Merkel für ihre einseitige Entscheidung einen "watschen" von ihrer Partei bekommt. Statt dessen "Klatschorgienen" wie zu Honeckers Zeiten, dass mir jetzt noch die Ohren schallen.

Eigentlich müsste die SPD doch als Arbeiterpartei die klassische Industriepartei, die Fortschrittspartei, die Technikpartei sein. Stattdessen lockt man die Menschen aber sektenähnlich mit Erlösungsversprechen und läuft den Grünen hinterher. Was nichts anders bedeutet als die Deindustrialisierung des Landes, Kapitalflucht und massive Arbeitslosigkeit.

Wenn Merkel die CDU politisch neu positioniert, warum dann nicht auch die SPD? So falsch ist das auch nicht, das Thema Minderheiten, statt Sozialismus, zu reiten. Schließlich gibt es mehr Minderheiten als klassische Arbeiter. Ist im übrigen keine nur deutsche Entwicklung, bsw Frau Clinton in der USA versuchte das auch schon. Ihr Gegenpart bei den Demokraten ist Bernie Sanders, der dort aber auf verlorenem Posten steht. Wenn er auch mit seinen Umverteilungsideen einige Zustimmung bekommt. Ich denke einfach, in einem Einwanderungsstaat, wie das USA und Deutschland sind, ist das Minderheitenthema erfolgreicher als Umverteilung. Jedenfalls für eine linke Partei, die traditionell Umverteilung international möchte: Internationale Solidarität. Die rechte AfD bsw befürwortet dagegen eine rein nationale Solidarität, weshalb sie zB die EU und die Einwanderung kritisch sieht und damit auch Linke abholt.

Ingo frank | Sa, 6. März 2021 - 09:35

Endlich hat jemand den Mut, das auszusprechen was uns bedrängt und was wir uns nicht mehr trauen zu sagen.

Sicherlich, das Zitat steht im Zusammenhang mit der Identitätspolitik.
Sicherlich, nur ein Teil unserer derzeitigen Diskussionsthemen.
Spiegelt aber dieses Zitat nicht nur die Probleme mit der Identitätskriese wieder? Wie ist es in unserem Land um anders denkende bestellt?
Eine andere, abweichende Meinung wird mit der Nazikeule od. wie im Fall v. H. Thierse als rückwärts gewand und nicht zeitgemäß abgebügelt.
Das ist die neue (alte) Diskussionskultur der Parteien der nationalen Front der DDR 2.0 wer nicht für uns ist, ist gegen uns.

Mit freundlichen Grüßen aus der Erfurter Republik

Ihre Kritik ist aller Ehren wert. Herr Thierse ist allerdings, in dem von Ihnen geschilderten Zusammenhang, nicht allein. Nur, er traut sich Probleme anzusprechen. Die Meisten, in gleicher Position, leben ihr "abgesichertes" Dasein nur noch aus. Es geht aber um viel mehr, nämlich um die Zukunftsausrichtung dieses Landes. Herr Thierse hat eine absolut notwendige D I S K U S S i O N angestossen. Diese ist zwingend notwendig um in einer mittlerweile absolutistischen, moralgeschwängerten Gesellschaftsdiskussion, Orientierung zu behalten. Das ! , verdient Respekt und Hochachtung. Respektlos ist es hingegen, Respekt einzufordern, um im Anschluss respektlos von rückwärts Gewandtheit zu sprechen, nur weil jemand es wagt von der offiziellen Parteilinie abzuweichen. Diese, offizielle SPD, entfernt sich in riesen Schritten von der gesellschaftlichen Wirklichkeit, ganz in SED Manier. So läuft das schief in diesem Land, mit den bekannten Auswirkungen.

Walter Bühler | Sa, 6. März 2021 - 09:52

... und Ihrem eigenen Kopf vertrauen, auch wenn ein steifer Wind weht.

Für mich ist es ein Trost, dass es trotz der massiven Mehrheiten unter den Politikbetreibern und unter den Medienschaffenden noch ein paar Persönlichkeiten gibt, die ihren eigen Kopf oben behalten.

Eine SPD, in der die Queer-AG das alleinige Sagen hätte, wäre vollkommen uninteressant. Wähler, die bewusst queer wählen wollen, wählen im Ernstfall sowieso nur die Grünen. Insofern verstärkt die sklavische Anpassungspolitik an die Grünen, die die Linke und die SPD zur Zeit betreiben, nur die Grünen und macht Linke und SPD immer mehr überflüssig.

Vielleicht verbreitet sich ja allmählich bei klügeren Politikern die notwendige Erkenntnis, dass die "Zivilgesellschaft" mit ihren Netzwerken die Demokratie wirklich nachhaltig beschädigen kann, wenn ihre professionellen Funktionäre in den Medien und in den politischen Gremien weiterhin alleine anstelle des Volkes auftreten und damit die Sicht auf das Volk verdunkeln dürfen.

Thierse, hat das nicht verdient. Wobei Kritik an seinen Worten ja durchaus berechtigt ist. Nur kommt es mal wieder auf das WIE an.
Ich halte Thierse für über jeden Populismus-Verdacht erhaben. Allerdings macht er, wie Frau Wagenknecht, einen fundamentalen Fehler - er sehnt sich nach einer Politik, wie sie vor 25 Jahren gut war, heute aber schlicht mangelhaft ist.

Thierse wäre gut beraten, einen Blick dahin zu werfen, wo soziale Gerechtigkeit (angeblich) am meisten ausgeprägt war. Um zu sehen, was passiert, wenn Identität außen vorgelassen wird - das Thema wird sofort von Rechten missbraucht.

In der DDR ist die rechtsextreme AfD doppelt so stark wie im Westen. In den sozialdemokratischen Musterstaaten in Nordeuropa gibt es gleichfalls starke Rechtspopulisten und -extremisten. Es reicht eben nicht, nur auf Löhne, Arbeitsbedingungen und Sozialstandards zu schauen.
Jeder Sozialdemokrat muss auch gegen Diskriminierung von Minderheiten aufstehen. Sonst stirbt allmählich die Demokratie.

Das sterben der Demokratie erkennt man zum einen daran daß sich die Altparteien dem sozialistischem Einheitsparteien-System der ehemaligen DDR annähern.
Zum anderen daran daß mit Steuergeldern die politische Opposition ("Kampf gegen Rechts") durch dritte (NGO´s, wie Amadeu-Antonio-Stiftung und andere), nicht demokratische Strukturen, politisch-ideologisch verhetzt, diffamiert und durch Terrorgewalt (Antifa) drangsaliert wird.
Damit ist klar wo die Anti-Demokraten verortet sind.

ist der BRD vor mehr als 30 Jahren beigetreten. Ist Ihnen Herr Lenz das entfallen?

Diskriminirung von Minderheiten entgegenwirken? Ja da bin ich so gar bei ihnen.
Aber, wenn eine Hand voll Menschen in Berlin die Umbenennung der U Bahnstation
Mohrenstraße fordert, ist das eine Minderheit gegenüber 3.78 Mio. Einwohner die Berlin hat?
Oder wenn von den Wahlberechtigten 1,73 Mio.Thüringern nur 64 % wählen und dabei 254 000 Stimmen auf eine Partei entfällt sind dann diese Wähler eine Minderheit?
Es kommt immer auf den Blickwinkel und die Perspektive an.

Mit freundlichen Grüßen aus der Erfurter Republik

von Minderheiten aufstehen ?

Das ist ja gerade eines der Probleme der SPD.
Eine Partei, die sich zu sehr auf Minderheiten und Randgruppen konzentriert, die wird dann eben auch nur noch von Minderheiten und Randgruppen gewählt.

Und wenn man dann auch noch Probleme mit gewissen Migranten ignoriert, wie es z.B. die Sozialdemokraten im sozialdemokratischen Musterstaat Schweden lange getan haben, dann stärkt man die rechten Parteien im Lande.
Die rechten "Schwedendemokraten" sind daher jetzt die stärkste Partei in Schweden.
Die Dänen dagegen haben es begriffen :
Realpolitik, vor allem in der Migrationsfrage, und schon verschwinden die rechten Parteien, da sie kaum noch jemand wählt.
Diesen Schritt hat Deutschland noch vor sich, hoffentlich.

Jens Böhme | Sa, 6. März 2021 - 09:54

Mit der sogenannten Querdenker- und Pegidaszene kann man keinen Diskurs führen, weil nicht willens und auch nicht intellektuell aufgestellt. Warum die SPD-Spitze und u.a. die Queer-AG bei Thierse ähnlich handelt, ist noch dessen Geheimnis. Man kann es der SPD-Spitze nicht verübeln, ist doch selbst eine Duden-Redaktion anmaßend genug, ein deutsches Rechtschreib- und Grammatikbuch an der Gesellschaft vorbei umzuschreiben und somit vorzuschreiben, wie man zu denken, zu sprechen und zu schreiben habe. Solch "Kultur" von z.B. von SPD, Queer oder Duden-Redaktion, also von Demokratieverteidigern, aufgetischt zu bekommen, lässt tief blicken, in welche Richtung Demokratie abdriftet. Herr Thierse gehört zur Schule der echten Demokratie, Freiheit, Offenheit, Diskussion ohne Scheuklappen und Verbissenheit. Er ist Teil einer aussterbenden Spezies.

Karl Napp | Sa, 6. März 2021 - 10:43

. . . als Wahlkampfmotto kaufe ich als ehemaliger alter Genosse der SPD längst nicht mehr ab.
In leichter Abwandlung eines Zitats von Bertrand Russel, meine ich:
Die SPD-Vorderen haben zwei Arten von Moral: Eine, die sie predigen, aber nicht anwenden
und
eine andere, die sie anwenden, aber nicht predigen.

Günter Johannsen | Sa, 6. März 2021 - 11:53

"Ich möchte mich nicht immerfort dem Sprachgebrauch anderer unterwerfen müssen."
Genau das scheint es mir zu sein, was die Gender-Diktator*innen hintergründig bezwecken: Unterwerfung! Auch hier triff die Analyse des US-amerikanischer Psychiaters Berne zu. Der beschrieb in seinem Buch “Spiele der Erwachsenen” ein ungesundes Verhaltensmuster zwischen Menschen. Das Ur-Kinderspiel "Meins ist besser als deins" kann man oft bei Gruppen von Vierjährigen registrieren. Und Psychiater T. A. Harris versteht die zugrundeliegende Verhaltensweise als „eine Form der defensiven Vorwärtsverteidigung. Das Kind, welches sich als unterlegen und hilflos erlebt, versucht sich Abhilfe zu schaffen." Kompensation der Minderwertigkeitsgefühle kann dann im Erwachsenenalter ein schneller Sportwagen, also eines Statussymbols sein. Einige Menschen - bevorzugt Politiker - spielen dieses infantile Spiel im Erwachsenenalter gern auch auf politischer Ebene weiter: Meine Ideologie ist besser als deine Ideologie!"

hermann klein | Sa, 6. März 2021 - 12:48

Was ist nur aus der einst stolzen SPD geworden?
Helmut Schmidt, Carlo Schmidt, Hans Apel, Karl Schiller, Egon Bahr, Hans Joachim Vogel, Fritz Erler, Georg Leber, Peter Struck, Hans-Jürgen Wischnewski usw. würden sich im Grabe umdrehen, wenn sie sehen könnten, was für ein desolates Führungspersonal derzeit zu Verfügung steht.
Gewiss, nicht nur ein SPD-Problem.

Heidemarie Heim | Sa, 6. März 2021 - 13:47

Dazu haben sie m.E. auch jeden Grund! Zugleich sind diese Beschämten aber auch für mich persönlich der letzte Rest von parteipolitisch ausgerichteten Anständigen, denen ich wiederum meinen Respekt gegenüber ausdrücken möchte! Denn allein die Bewertung der hier geschilderten "Episode" von harsch ausgedrückt gelebter Hinterfotzigkeit innerhalb, und durch diese Queer-Truppe in der Partei, deren Beurteilung was das Leben, das politische Engagement und vor allem die Person des Herrn Thierse betrifft, dürfte Jeden zu dem Ergebnis und der Einsicht bringen, dass hier von Respekt und Anstand nicht annähernd die Rede sein kann! Und wenn das Aussprechen einfacher Beobachtungen und eigener Rückschlüsse darauf schon als zu "konfrontativ" (Frage 10) erachtet wird oder von jeglichem "frei geführten Diskurs!" heutzutage ausschließt, machen wir alle hier am besten gleich das Licht aus und ergeben uns den zerstörerischen shit-storms einer neuen schönen Welt! MfG

Rainer Mrochen | Sa, 6. März 2021 - 14:00

Herr Thierse, den gewinne ich allmählich vor Ihnen. Ihre standhafte Haltung, auch und insbesondere vor dem sehr griffigen Nachfragen der Interviewer, was nicht immer der Fall ist, zeigt ihre kluge Weitsicht und Ihre überlegene Argumentationstiefe. Ich denke, sie haben nur ausgesprochen, was der weitaus grösste Teil, der in der Debatte Involvierten, denkt. Sie gehen mutig voran, ein zweites mal, wie in der Zeit vor 1989. Ich denke, Sie und/oder Frau Gesine Schwan wären jeweils sehr viel würdigere Vertreter für das Bundespräsidentinnen Amt. Schade, um im Kontext zu bleiben, sind Sie nur ein alter, weisser Mann und eine alte, weisse Frau. Wie beschämend für die SPD und die Gesellschaft insgesamt. Bleiben Sie standhaft, denn nur "gerade, klare Menschen sind ein schönes Ziel, Leute ohne Rückgrat haben wir schon zu viel".

Fritz Elvers | Sa, 6. März 2021 - 16:32

hat Frau Esken in der SPD das Sagen. Eine Politikerin, die vor der absurden Idee mit der Doppelspitze niemand kannte und niemand wirklich wollte.

Wenn Olaf Scholz bei der Wahl untergeht, wird sie noch immer da sein und den Fraktionsvorsitz einer stark verkleinerten SPD wahrnehmen. Ein Herr Thierse wird dann nur noch geduldet sein, wenn überhaupt. Die SPD ist dann nur noch ein obskurer Debattenclub.

Bernd Muhlack | Sa, 6. März 2021 - 16:47

Das ist ein sehr, sehr gutes Interview!
AAA

Mir fielen spontan die Gespräche des früheren Kanzlers Helmut Schmidt mit der Talkdame Sandra Maischberger ein.
Schmidt konsumierte jeweils mind. eine Schachtel Menthols, inzw. sind sie verboten, warum auch immer. Ich bin seit Nov 2016 NR.
Er überlegte vor jeder Antwort eine Weile, fragte ab u an nach: "Das habe ich jetzt nicht verstanden."
"Das ist Tagespolitik, dazu äußere ich mich nicht, nein!" Nächste Frage, Zigarette. Souverän!

"Mit mir müssen Sie in der alten deutschen Sprache reden. Sonst verstehe ich Sie nicht."
Herr Thierse ist hier der absolute Überflieger, souverän! (s. o.)
Mir ist das FAZ-Interview bekannt, ich unterschreibe jedes Wort!
Das sind keine retro-Ansichten sondern die Inkarnation der Vernunft!
Nicht jede Veränderung, "Fortschritt", ist auch eine Verbesserung, Benefit!

Wie auch Hr. Thierse habe ich einige queere Freunde*.
Das ist eine künstliche Diskussion der üblichen Verdächtigen!

"Er hat Jehova gesagt!"
Aha, soso

... die sich durch phrasenhafte Fragen NICHT zu einer phrasenhaften Sprache und zu einer phrasenhaften Positionierung verleiten lassen ("Ich sage es nochmal, weil Sie es offenbar nicht hinnehmen wollen..."): solche Politiker sind leider selten geworden.

Wenn man sich die heutige Mehrzahl der Politiker ansieht, dann kann man verstehen, warum heute so viele Journalisten dazu verführt werden, sich als die besseren oder gar die besten Politiker zu verstehen, obwohl sich ihre tatsächliche Begabung in Wahrheit nur auf das Verfassen von routinierten und phrasenhaften Texten beschränkt.

Wahre Politik verlangt mehr als nur die Bereitschaft, sich zu einer Ideologie zu bekennen, und mehr als die Fähigkeit, sich bei der Selbstdarstellung möglichst routiniert rhetorisch behaupten zu können. Wahre Politik setzt eine kluge und selbst denkende Persönlichkeit voraus, die das Gemeinwohl und den klaren Menschenverstand niemals aus dem Blick verliert.

So wünsche ich mir das wenigstens.

Urban Will | Sa, 6. März 2021 - 17:48

Wie von einem fremden Stern, wo einst einmal eine Traditionspartei die Interessen von Menschen vertrat, die dieser auch bedurften.
Und nach einer kurzen Phase, wo man hätte glauben können, dass diese Schicht eigentlich am Verschwinden und allgemeiner Wohlstand im Vormarsch war, sind wir nun seit einigen Jahren auf einem Weg, wo eine SPD als Vertretung der a r b e i t e n d e n , aber gering verdienenden Menschen mehr als notwendig wäre.
Aber sie will nicht. Lieber hechelt sie dem grünen Zeitgeist hinterher, dem blinden Glauben an das universell Gute im dauerhaften Irrsinn des Geldverbrennens für andere.

Man ist heute lieber „woke“ als sozial. Verrät und verkauft diejenigen, die einem einst vertrauten. Thierses Fürsprecher sind aus der Abteilung „Aussterben“.

Heute präferiert die einzackige „Doppelspitze“ unter Esken den grün getünchten Rotzlöffel – Sozialismus eines Kühnert.
Hohle Phrasen, basierend auf dem Geld derjenigen Dummen im Land, die noch arbeiten.

Werner Winter | Sa, 6. März 2021 - 19:44

der CDU, der endlich die Fenster aufstößt und den Mief der letzten 16 Jahre hinauslässt ?

Markus Michaelis | Sa, 6. März 2021 - 21:30

Ich sehe, dass die Empörung ganz offensichtlich berechtigt ist, einfach weil sehr viele Menschen in Deutschland das so empfinden. Ich sehe auch, dass es mir an Empathie für viele Gruppen mangelt, ich sehe auch, dass ich in den Augen vieler rückwärtsgewandt bin. Ich sehe, dass das nicht nur für "queer", sondern für einige aktuelle gesellschaftliche Themen gilt.

Ich sehe aber auch, dass "diese Gruppen" nicht für die Menschheit reden, nicht für alle Gruppen, nicht für alle Schwachen etc., dass sie auch keine Empathie für viele haben, für viele noch nicht mal Aufmerksamkeit.

Das dürfen sie auch alles - die Basis unserer Demokratie ist es nicht Empathie für alle Gruppen zu haben, das geht kaum.

Demokratischer Diskurs muss auch nicht zart sein, er muss erstmal offen dafür sein, dass die Welt vielfältig ist - echt vielfältig mit Widersprüchen. Unsere Gesellschaft ist bunt geworden und ändert sich - da sollte jeder Bereitschaft zum Diskurs haben, nicht einseitige Wahrheitsverkündigungen.

Til Stranden | Sa, 6. März 2021 - 22:55

Die Argumentation von Thierse gegen den Identitäts-Irrsinn ist sehr auf den Punkt gebracht ohne dabei zu polarisieren. Nachdenklich und scharf in der Analyse. Was auffällt ist das immense Gefälle des intellektuellen Niveaus zwischen den Beteiligten. Ich vermute, viele Kritiker Thierses werden nur Bahnhof verstehen von dem, was er sagt - einschließlich der lustigen Schwarzwälderin. Es geht mir hier nicht darum, Kritiker Thierses zu beschimpfen sondern um meine Fassungslosigkeit ob der Plattheit der Vorwürfe ihm gegenüber.