Demonstration in Berlin am 4. November 2023 / dpa

Der Fall Nancy Fraser - Die Hamas stürzt die politische Linke in die Krise

Der Hamas-Überfall auf Israel vom 7. Oktober 2023 wird Deutschland politisch mehr verändern, als auf den ersten Blick offensichtlich sein mag. Denn von heute auf morgen erschütterte muslimischer Antisemitismus Teile der politischen Linken bis ins Mark.

Porträt Mathias Brodkorb

Autoreninfo

Mathias Brodkorb ist Cicero-Autor und war Kultus- und Finanzminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Er gehört der SPD an.

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Deutschlands Weltoffenheit speist sich aus seinem anti-nationalsozialistischen Geschichtsbewusstsein. Aufgrund der eigenen Vergangenheit sieht man sich in besonderer Weise dazu verpflichtet, Menschen in Not zu helfen. Was aber, wenn sich unter ihnen in erklecklicher Zahl auch handfeste Antisemiten befinden? Genau das ist das Dilemma, vor dem Deutschlands politische Linke heute steht und das geeignet ist, ihr moralisches Kapital schrittweise in Luft aufzulösen. Und als Reaktion auf der Gegenseite die freiheitliche Gesellschaft zu beschädigen.

Ein beredtes Beispiel dafür ist der Fall der linken jüdischen US-amerikanischen Philosophin Nancy Fraser. Eigentlich sollte sie demnächst als Ehrung für ihre wissenschaftlichen Leistungen die Albertus Magnus Professur an der Universität zu Köln antreten. Der Rektor der Universität lud Fraser kurzerhand aber wieder aus. Der Grund: Sie hatte am 8. November 2023 die Erklärung „Philosophy for Palestine“ unterzeichnet.

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Volker Naumann | So., 21. April 2024 - 18:07

Solange der muslimischer Antisemitismus und die politische Linke einen gemeinsamen Feind haben, den demokratischen Westen in Gänze, wird sich wohl nichts ändern.

Ob eine Podiumsdiskussion an der Uni Köln ohne Störungen überhaupt möglich gewesen wäre,
halte ich für fraglich.

Übrigens ist er wieder da, der Finger!

Die andere Seite des Spektrums kommt nun in Versuchung, das Dilemma zu nutzen, darf sie das denn nicht oder muß sie das nicht sogar tun?

Noch eine kurze Meinung zu den Sedimentschichten, da sollte man wohl sehr vorsichtig sein, die Basis ist immer wichtig, auf der alles andere aufgebaut werden kann. Zerstören geht schnell, aber danach ist der Jammer, wie schon oft gehabt, groß.

MfG

"Solange der muslimische Antisemitismus und die politische Linke einen gemeinsamen Feind haben, den demokratischen Westen in Gänze, wird sich wohl nichts ändern.

Gerhard Lenz | So., 21. April 2024 - 18:32

Das ist atemberaubend einseitig. Es macht fast schon sprachlos, auf welche Irrwege Herr Brodkorb geraten ist. Während er in beinahe grenzenloser Toleranz Agitatoren vom rechten Rand wie Hoecke oder Kubitscheck zugesteht, ihr so wirres wie gefährliches Gequatsche über den Kampf um die Straße, über rechte Vorfeldorganisationen oder den notwendigen Systemwechsel als von der Meinungsfreiheit gedeckt unters Volk zu bringen - und den VS dabei untätig sehen möchte, tritt er bei Leuten wie Frau Fraser fast schon reflexartig auf die Bremse.
Absolut unglaubwürdig wird er, wenn er daraus eine "Krise der Linken" konstruiert, und dabei auf illegale Massenimmigration und woke Linke eindrischt, gerade so, als habe er selbst gerade das blaue Parteibuch erhalten. In seinem Übereifer, als (noch?) SPD-Mann Distanz zur Linken und gleichzeitig Offenheit zur Rechten zu demonstrieren, merkt er gar nicht, wie er sich zum Lautsprecher des rechten Randes, in dessen Blätter er gefeiert wird, entwickelt hat.

Thomas Hechinger | So., 21. April 2024 - 19:02

Sie gehen, werter Herr Brodkorb, davon aus, daß Linke logisch denken. Das tun sie in aller Regel nicht. Linkssein bedeutet, einer Gemeinschaft anzugehören, die – in ihren Augen – für die Gerechtigkeit und das Gute eintritt, im Kampf gegen die andern, die „Rechten“, die „Nazis“, eben die „Bösen“. Um welche Inhalte es bei diesem Kampf geht, ist nicht durch die Sache an sich festgelegt, sondern durch das, was in der linken Gemeinschaft gerade Übereinkunft ist. Die Inhalte können sich unvermittelt ändern. So waren zu Beginn der Corona-Krise 2020 in linken Augen alle „Nazis“, die schärfere Maßnahmen im Kampf gegen das Virus forderten, etwa Grenzkontrollen und Einreiseverbote. Von heute auf morgen wurde im Frühjahr 2020 diese Sicht geändert. Jetzt waren die „Nazis“, die für die Freiheit des Einzelnen eintraten und gegen die harten Corona-Maßnahmen angingen. Man hat sich urplötzlich um 360° gedreht. Oder waren es 180°? Da muß ich mal bei meiner Außenministerin nachfragen.

Tomas Poth | Mo., 22. April 2024 - 16:18

Antwort auf von Thomas Hechinger

Man sollte nicht zu viel erwarten!
Die Frage ist, haben die überhaupt die Möglichkeit dazu?
Es geht das Gerücht um, daß man in deren Köpfen nur zwei alte Semmeln vorfindet? Das wäre für mich plausibel, das würde den reflexhaften Neid dieser Leute erklären, zwei frische Semmeln will man doch schon haben oder. ;-)) ;-))

Christoph Kuhlmann | So., 21. April 2024 - 19:04

Wissenschaftsfreiheit in einem Land, in dem sich Juden aus Angst vor schwerer Körperverletzung nicht mehr in die Uni trauen. Die Selbstverleugnung von Nancy Fraser steht sinnbildlich für die Position der Linken. Sie räumen gewalttätigen Antidemokraten rassistisch basierte Rechte ein und erklären die toleranten Aufnahmegesellschaften für schuldig am Rassismus der Einwanderer. Und dann kommt noch eine jüdische Professorin welche den Boykott israelischer Forschungseinrichtungen fordert. Also offen zum Antisemitismus im Wissenschaftssystem aufruft. Irgendwie trifft es ja die Richtige ...

Henri Lassalle | So., 21. April 2024 - 19:12

ist auch in Frankreich deutlich zu erkennen, dass die Linken unter der Führung von Jean-Luc Mélenchon einen pro Palästina und Hamas Kurs vertreten. Die Palästinenser werden einseitig als die Opfer Israels gesehen.

Günter Johannsen | So., 21. April 2024 - 19:16

" ... von heute auf morgen erschütterte muslimischer Antisemitismus Teile der politischen Linken bis ins Mark."
Das ist absolut richtig, aber die Gnossn werden schon einen Weg finden, um es ins Gegenteil zu verkehren. Das können die doch gut, denn sie haben es 40 Jahre lang geübt .... eine der kommunistischen Methoden!

Hans Jürgen Wienroth | So., 21. April 2024 - 19:35

Von der Linken wird gerne unterschlagen, dass die „Nazis“ auch Sozialisten waren, wenn auch mit Focus aufs Nationale, im Gegensatz zum heutigen Blick auf das Internationale, die Welt. Aber es ist zu einfach, Antisemitismus mit einer ethnischen Nationalität, statt mit dem den Juden zugeschriebenen Kapitalismus in Verbindung zu bringen.

Wie weit diese einseitige Sicht auf das Judentum und Israel als deren Land fortgeschritten sind, zeigt ein Bericht in der Welt zum World-Press-Foto des Jahres. Da wird an der Echtheit gezweifelt. Kommentatoren fallen die maskulin wirkenden Hände und ggf. die Beinhaltung auf. Ist das Bild ein Fake, wird hier ein Bild international instrumentalisiert?

Jitzchak Herzog sieht in einem Interview (dto. Welt) die Attacke Teherans auf sein Land als Angriff auf den gesamten Westen. Er könnte damit recht haben und große Teile der westl. Regierungen folgen Irans heimlichen Zielen. Unterstützen wir damit den Islam und die Scharia auf dem Weg zur Weltherrschaft?

" ... Was die Marxisten gestern wie heute aber gerne mal verschweigen: Der wissenschaftliche Kommunismus von Karl Marx hat allein in der Sowjetunion, in China und in der DDR an die hundert Millionen Tote zu verantworten! ... " (aus "Als das Rote Meer Grüne Welle hatte" GHV 1991).
Die Wissenschaft wurde immer wieder von totalitären Systemen missbraucht, um ihrer schändlich-menschenverachtenden Ideologie Nachdruck zu verleihen. Es gab und gibt auch immer wieder sogenannte Wissenschaftler (Wissenschaftliche Journalisten), die sich als Sprachrohr von Diktatoren jeglicher Couleur benutzen lassen!

Markus Michaelis | Mo., 22. April 2024 - 00:46

Bei Iran und vielen anderen Fällen gibt es auch Stimmen, die sagen, man müsse gezielt Einzelpersonen boykottieren, nicht ganze Staaten/Institutionen, weil das immer auch breite Schichten, darunter auch Opfer träfe. Wie bei allem wird man keine universell-richtige Lösung finden.

Das Fraser sich gecancelt sieht, kann ich verstehen und Millionen Menschen würden das genauso sehen. Genauso wie es recht klar Cancelungen gegen Rechts gibt - die Gesellschaft ringt um die Leitkultur.

Das große Problem der Linken sehe ich dabei in der "Weltoffenheit". Dieser Begriff ist auch damit verbunden für ALLE Menschen dazusein, nicht nur egomäßig für den eigenen Vorteil und die eigene Gruppe.

Aber außerhalb der eigenen Gruppe rennt der Begriff ziemlich gegen die Wand. Offensichtlich vertritt niemand alle Menschen, auch alle linken Gruppen haben millionenfache tiefste Ablehnungen von anderen - wie rechte, religiöse und sonstige Gruppen auch. Man sollte sich ehrlicher machen, wen man vertritt, wen nicht.

Christa Wallau | Mo., 22. April 2024 - 01:25

Danke für diesen Bericht u. Ihre klaren Schlußfolgerungen daraus, lieber Herr Brodkorb.
Die Menschen, die sich im "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" zusammengeschlossen haben, bewegen mich dazu, wieder etwas Hoffnung zu schöpfen im Hinblick auf Freiheit u. Debattenkultur in Deutschland.
Dringend notwendig ist eine differenzierte Betrachtung bei allen Themen!
Es darf keine Meinungs-Tabus mehr geben - erst recht nicht an Universitäten.
So wie die "Brandmauer" gegen die AfD seitens der Altparteien ein Anschlag auf die Demokratie ist, so stellt die Ausladung von Frau Fraser durch die Universität Köln einen Verstoß gegen die Regeln der freien Wissenschaft dar.
Gott-sei-Dank gibt es noch einige maßgebliche Leute in Deutschland, die das merken u. kritisieren.
Richtig, Herr Brodkorb:
Es geht um nicht weniger als die "Ausbildung eines komplexeren Bewusstseins" und "die identitätspolitische Neuerfindung Deutschlands".
Mögen sich mehr kluge Menschen finden, denen dies ein Herzensanliegen ist

Ernst-Günther Konrad | Mo., 22. April 2024 - 10:57

Niemand hat das Recht für sich in Anspruch zu nehmen, die einzig richtige Meinung zu einem Sachthema zu vertreten. Nein, ich lehne Antisemitismus ab und mag auch nicht die Meinung einer Frau Fraser auch nur ansatzweise zu übernehmen und auch nicht die verlogene, bislang gut versteckte Haltung der LINKEN zustimmen. Dennoch halte ich ein Verbot öffentlicher Diskussion über das Thema für falsch. Die LINKEN würden gerne gar nicht darüber reden, es totschweigen oder relativieren. Das ist genauso verkehrt, wie diejenigen, die solche Positionen vertreten auszugrenzen. Auch sie müssen in einen Diskurs geholt werden, man muss die Meinung ja nicht übernehmen. Sonst bewegen wir uns alle auf dem gleichen Niveau, das der AFD entgegengebracht wird oder bei vielen Themen vorherrscht. Es gäbe nur die eine, die richtige Meinung. Wenn wir wieder zurück zu respektvollem Diskurs wollen, dann mit allen, solange die Gesetze beachtet werden. Und so sie friedlich bleiben, muss man auch demonstrieren können.

Zugegeben nicht eine meiner leichtesten Übungen lieber Herr Konrad;-)! Respektvoller "Diskurs"? Für mich persönlich inzwischen ein negativ behafteter Begriff/ Narrativ. Ich bevorzuge rein gefühlsmäßig "Gedankenaustausch" oder wegen mir auch noch "Meinungsaustausch" im Rahmen geltender Höflichkeitsregeln und einem Mindestmaß an Respekt dem Andersmeinenden gegenüber. Danach bin ich trotz persönlicher Voreingenommenheit oder schwankender Toleranzgrenzen bei gewissen Themen meist bereit mir auch den größten ideologisch vorgetragenen Schwachsinn anzuhören, egal von wem. Jedoch nur so lang es nicht in Richtung bezüglich der offenen Infragestellung meines(r) eigenen Denkvermögens/Intelligenz geht oder aus einer Meinung heraus wie im oben genannten Fall gleichzeitig ein aktiver Aufruf zu einem sogenannten "Boykott" wird, welcher mich an finsterste Methoden und Zeiten erinnert, in der die Parole lautete: " Kauft nicht bei .....!" Da ist bei mir Ende Gelände. Wissenschaft hin oder her. LG

Jochen Röschmann | Mo., 22. April 2024 - 12:54

guter Beitrag!
Interessant wäre zu erfahren, welcher Art die „Mobilisierung rechtsstaatlich fragwürdiger Methoden“ wäre, die „auf der anderen Seite des politischen Spektrums“ ggf. zu befürchten wäre.

Helmut Bachmann | Mo., 22. April 2024 - 13:07

Dass Antisemitismus auf linker Seite neu ist, ist ja schlicht falsch. Hab ich Sie da nur falsch verstanden? Selbst die Verbrüderung mit den Islamisten ist ja schon Tradition, dazu eben die alte "Kritik" am Kapitalismus in den USA und Israel. Was genau machen die USA nun besser? Auch dort pfuschen linke Antisemiten in die Politik.

Ronald Lehmann | Mo., 22. April 2024 - 18:41

sicherlich auf durch die Erfahrungen aus der DDR
der Schule & dem Elternhaus

2 prägende Erfahrungen
A
hatte in der Schulzeit durch den ständigen Geschichtsunterricht vom Großen Sowjetischen Vaterlandskrieg & den Nazis sowie den Konzentrationslagern & der Vernichtung des jüdischen Volkes im laufe der Zeit angenommen, das Juden auch automatisch Antifaschistische Widerstands-Kämpfer sind
Durch unseren Direktor, der auch Stabi & Geschichte gab

wurde ich aufgeklärt
> das JUDEN zum imperialistischen Klassen-Feind gehören, mit denen ein GUTER ..... nichts

> nach Schulunterricht nochmals von meinen Eltern, die mich bei Verpflichtung 🙊, sondern nur hören & sehen > über den Klassenkampf in der DDR aufgeklärt haben
B
hatte mal als Schulkind ein jüdisches Schimpfwort benutzt, was in der damaligen Zeit verbreitet war
> konnte mir eine Standpauke & die jüdische Geschichte mit eigenen Erfahrungen von meiner Groß&Mutter anhören, wo ich dadurch anschließend das Judentum mit anderen Augen gesehen habe

Ronald Lehmann | Mo., 22. April 2024 - 18:41

Mit dem älter werden verschärfte sich die Sichtweise bei der Betrachtung der Reden & des Handelns der roten Genossen aller Block-Parteien,
obwohl es dort wie in der Kirche oft Menschen gab, die wegen der Karriere so taten, als wenn sie mit sangen

Am schrecklichsten Empfand ich, wo später dann nach Lügenpolt Ulbricht (keiner hat eine Absicht, eine Mauer zu bauen) Honecker nur nicht nur Breschnew, sondern auch immer (fmp. den Terroristen) Arafat abküsste.

& so, wie Hitler den Islam (das osmanische Reicht) hofierte & unterstützte
so hofierte & unterstütze die DDR die PLO finanziell & militärisch

& als Erinnerung für Faeser/Haldenwang
es wurden auch PLO-Offiziere in der DDR für die Kriegs-Führung ausgebildet

& all jene, die heutzutage mit der Hamas & den Palästinensern ein Problem haben

sind keine LINKEN
sondern im Herzen SPD-ler
die wie Schmidt mit TOTALITÄR & KONTROLLE (Orwell) absolut NICHTS am Hute hatten & haben

Alle anderen sind LinXe
die nur eine andere Tarnfarbe zum Zweck verwenden