Brexit - Reisende soll man nicht aufhalten

Theresa May spricht in ihrer Neujahrsansprache von einem „neuen Kapitel“ für Großbritannien, Doch wie soll das aussehen? Die Briten können sich nicht so recht entscheiden, die Unruhe in der EU wächst. Gibt es noch einen Ausweg?

Eine britische und eine EU-Fahne
Wie viel britischen Nationalismus verträgt Europa?/ picture alliance

Autoreninfo

Frank Elbe war deutscher Botschafter in Polen und Indien sowie Leiter des Planungsstabes im Auswärtigen Amt. Als Rechtsanwalt betreut er heute Mandanten aus allen Teilen der Welt, auch aus Russland.

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Man sollte nicht kleinlich sein: Zu wichtigen Fragen der Nation sollen sich Politiker, Parlamentarier und Journalisten schon einmal ordentlich fetzen dürfen. Wir kennen das aus den hitzigen Debatten über die deutsche Ostpolitik und über die Stationierung von Cruise Missiles und Pershing II in Deutschland. 

Politische Schlammschlacht

Großbritannien diskutiert zur Zeit den Austritt aus der Europäischen Union – eine vergleichbar schwere Entscheidung. Sie beruht auf dem Ergebnis eines Referendums, in dem sich eine knappe Mehrheit für den sogenannten Brexit entschieden hat. Inzwischen wächst aber die Unruhe, welche Folgen der Brexit für die Nation und für einzelnen jeden Bürger haben könnte. In einer solchen Situation darf man eine besonnene Diskussion erwarten. 

Wir sind hingegen Zeugen einer politischen Schlammschlacht  – im Fall der Konservativen sogar einer grotesken Selbstzerfleischung – , bei der die parteipolitische Nabelschau weder Rücksicht auf die Sorgen der britischen Wirtschaft und Gesellschaft nimmt, noch die Interessen und Empfindsamkeit der europäischen Nachbarn in Rechnung stellt. 

Rettung einer traumatisierten Nation?

Großbritannien feiert eine nationalistische Orgie. Es ist kaum noch wiederzuerkennen. Den schrillen, nationalistischen Ton im Unterhaus gibt ein aus dem Requisitenboden von Covent Garden entsprungener Tory, Jacob Rees Mogg, vor, der unbeirrt einen „harten Brexit“ fordert. Ein bezeichnendes I-Tüpfelchen setzte bei dem diesjährigen Konzert der „Last night of the PROMS“ der Dirigent, der das Publikum gleich drei Mal aufforderte, das vor nationaler Überheblichkeit strotzende Lied „Britannia Rule The Waves“ zu singen. 

Kaum jemand kümmert sich darum, die Folgen eines möglichen Brexits zu erklären. Nach dem überstandenen Misstrauensvotum beeilte sich Theresa May, der Nation eine bessere Zukunft zuzusichern – ein Versprechen, das die Konservativen kaum einlösen können. Sie würde die nationale Souveränität zurückbringen und Kontrolle über das eigene Geld, die nationalen Grenzen und das britische Recht wiederherstellen, sagte die Premierministerin. Gerade so, als gelte es, nach Jahrzehnten einer erfolgreichen Mitgliedschaft in der EU eine traumatisierte Nation aus einer Geisterbahn zu retten.

Alleingang mit Folgen

Jede der in Frage stehenden Möglichkeiten – ob ein harter oder weicher Brexit oder der bisher nicht vorstellbare Verbleib in der EU – wird den Interessen Europas und Deutschlands erheblichen wirtschaftlichen, politischen und emotionalen Schaden zufügen. Nichts wird mehr so sein wie es einmal war. Die Vorstellungen reichen nicht aus, sich die Folgen des Risses auszumalen, den die nationalistische Verirrungen der Briten herbeiführen werden.

Politische Vernunft gebietet, nach einem Ausscheiden Großbritanniens aus der EU das freundschaftliche Verhältnis zu den Briten aufrechterhalten. Wenn die ersten nachteiligen Wirkungen eines Brexits auf der Insel und auf dem Kontinent spürbar werden, werden diese Absichten jedoch wie eine Seifenblase zerplatzen. Jeder wird dem anderen die Schuld zuweisen. In einer derart vergifteten Atmosphäre bleibt wenig Raum für ein freundschaftliches Verhältnis.

Exit vom Brexit?

Der Verbleib Großbritanniens in der EU wird gegenwärtig nicht angestrebt. Er ist aber auch nicht auszuschließen. Diese Möglichkeit wird durchaus diskutiert – ob mit oder ohne neues Referendum. Der Europäische Gerichtshof hält eine einseitige Rücknahme der Brexit-Erklärung für möglich und zieht dabei kaum Grenzen. 

Ein Rücktritt vom Brexit würde kaum an die Verhältnisse anknüpfen können, wie sie vor dem britischen Referendum über den Brexit bestanden haben. Die Härte der innenpolitischen Auseinandersetzung würde einen veränderten Partner in die Reihen der Europäer zurückkehren lassen, der kaum noch europafähig wäre.

Euroskepsis mit Tradition

Wie viel britischen Nationalismus verträgt Europa? Die Briten haben traditionell ein skeptisches Verhältnis zu Europa. Zwar hat Winston Churchill 1946 in seiner Rede in Zürich zur Bildung der Vereinigten Staaten von Europa aufgerufen, aber gleichzeitig klargestellt, dass eine Beteiligung Großbritanniens nicht in Frage komme. Die europäische Idee erzeugte unter Briten niemals Herzblut. Es blieb eine Angelegenheit wirtschaftlichen und politischen Kalküls. Sie schwankten zwischen halbherzigem Mitmachen, Bewahrung einer Sonderrolle und traditioneller Verbundenheit mit den USA. 

Das führte schon in der Vergangenheit zu erheblichen Misstönen. Wenn die EU über notwendige Reformen diskutieren wollte, war auf die Briten wenig Verlass. Heute ist der Bedarf an Reformen unverhältnismäßig höher. Beladen mit der Hypothek einer europafeindlichen Brexit-Diskussion würde sich im Fall eines Verbleibs in der EU jede britische Regierung hüten, allfällige Veränderungen in der EU mitzutragen. Auch in dieser Situation hilft es, Trost in der Weisheit zu finden, Reisende nicht aufhalten zu wollen.

Joachim Wittenbecher | Di, 1. Januar 2019 - 18:23

… so analysiert Herr Elbe. Man wird den Eindruck nicht los, dass die EU durch harte Austrittsbedingungen ein Exempel statuieren will. Diese Sichtweise lässt wichtiges außer Acht: wenn die USA sich aus der NATO - offen oder verdeckt - zurückziehen, ist Europa, was seine Verteidigung anbelangt, auf sich selbst gestellt. Eine europäische Verteidigung benötigt eine atomare Abschreckung, für alle Fälle. Ob hierbei die französische Option ausreichend ist, kann bezweifelt werden. Eine Einbeziehung Groß-Britanniens wäre deshalb erstrebenswert. Schon aus diesem Grund sollte die EU Groß-Britannien fairer behandeln.

Manfred Westphal | Di, 1. Januar 2019 - 18:31

Das böse Erwachen wird m.E. EU und insbesondere Deutschland härter treffen als Großbritannien. Den Briten sind Freiheit, Unabhängigkeit, nationale Interessen u.ä. mehr wert, als anfängliche wirtschaftliche Einbußen und Schwierigkeiten.

Christa Wallau | Di, 1. Januar 2019 - 19:16

Als ob die Briten die einzigen in der EU wären,
denen die ganze "Gemeinschaft" lediglich eine Sache des "Kalküls" (= Kosten-Nutzen-Rechnung) war u. ist !
Was hält denn Portugiesen, Polen, Tschechen, Griechen u. andere in der EU, wenn nicht einzig u. allein der Gedanke, daß es ihnen ohne die Mittel, die ihnen aus den Geberländern zufließen, schlechter ginge???
Etwa die Begeisterung für das "europäische
Friedensprojekt"? Daß ich nicht lache! Diese idealistische Sicht auf Brüssel u. die dort tätigen Hansel haben n u r die Deutschen (u.einige wenige andere Träumer in den Mitgliedsländern).
Die Briten wären in der EU verblieben, wenn ihre bereits große Skepsis gegenüber dem
Brüsseler Einmischungsrecht in ihre inneren Angelegenheiten nicht noch befeuert worden wäre
durch das irrsinnige Handeln Angela Merkels im
September 2015. D a s war der ausschlaggebende Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte.
Evtl.ärmer, aber selbstbestimmt - so lautet die vernünftige Devise in GB heute.

ging es vor der EU, viel besser. In jeder hinsicht. Griechenland hatte Kleinindustrie, nun ist alles kaputt oder aufgekauft. Arbeitslosigkeit war sehr niedrig, Kriminalität fast nicht vorhanden. Fast jeder aus meinem Dorf hatte Arbeit, nun die wenigsten. Es gibt keine Geberländer. Alles haben sich diese Länder vielfach zurückgeholt. Alles wurde von deutschen, französischen, italienischen, usw, Großkonzernen zu einem Spottpreis aufgekauft, mit tatkräftiger Hilfe der korrupten griechischen Politikern. Ich und die meisten Griechen können es vergleichen. Und jedem kleineren Land geht es ähnlich. Das war immer der Plan, nur etwas verdeckt. "Reisefreiheit, keine binnen Grenzkontrollen, eine Währung. GB, wird nicht ärmer wenn sie austreten. Das Merkels Handeln, 2015 Irrsinn ist, das sehen auch wir in Griechenland. Recht gebe ich Ihnen mit dem Wort, das der Gedanke, das es schlechter ginge, diese Länder noch hält. Tiefer geht ohnehin nicht.

Ich will das nicht in Abrede stellen, obwohl es hier auch viele Gastarbeiter aus Griechenland gab. Nur, stelle ich den Vergleich mit den baltischen Ländern an oder anderen Ländern aus dem ehemaligen Ostblock, denke ich, dass noch andere Gründe eine Rolle spielen am wirtschaftliche Niedergang Griechenlands. Konkurrenz durch aufstrebende Länder, überbordender Sozialstaat, sehr früher Renteneintritt, Kindergeld bis ins Rentenalter. Korruption und Vetternwrtschaft. Ich sage es ungerne, aber das ging jahrelang durch die Medien.

Die tief verankerte demokratische Kultur der Briten ist mit einer zunehmend zentralistischeren EU schlicht und ergreifend unvereinbar. Lange und vergeblich haben die Briten auf diesbezügliche Reformen gedrängt, sind jedoch letztendlich am Widerstand Frankreichs und Deutschlands gescheitert. Hätte die EU der Idee eines Europas der Regionen und der Subsidiarität eine Chance gegeben, würde es uns allen besser gehen und die Briten wären immer noch dabei.

Stine Bading | Di, 1. Januar 2019 - 21:48

MMn hat die EU aber auch wenig angeboten, um die Briten zu halten. Um ja nicht den Hauch des Anscheins aufkommen zu lassen, die Briten könnten sich "Rosinen herauspicken" (und damit andere Länder zu einem Exit animieren), wollten die führenden Köpfe der EU, dass die Briten weiter zahlen, aber kein Stimmrecht mehr haben. Da würde ich auch den harten Weg wählen, zumal für mich nicht sicher ist, dass, perspektivisch gesehen, die Nachteile für England so massiv sind, wie gerne behauptet wird. Ich denke eher, dass die EU in den nächsten 10 Jahren krachend scheitern wird, denn es gibt zu viele Probleme (Target, Migration, Außengrenzen, Eingriffe in die individuelle Lebensgestaltung etc.), die die EU nicht löst/ lösen kann/ lösen will. Dazu die überschuldeten Länder, z.B. Frankreich, Italien, Griechenland usw. Ich denke, wir werden die Briten noch beneiden, ob ihres rechtzeitigen Austritts. Diese EU ist ein failed state. Und das ist auch gut so!

Wolfgang Selig | Di, 1. Januar 2019 - 22:02

Die Vorstellungen reichen nicht aus? Mit Verlaub, das halte ich für Panikmache. Das gilt für einen Atomkrieg oder dem langfristigen Scheitern des Pariser Klimaabkommens, aber doch nicht für den Brexit. Wenn Großbritannien nur noch eine Kooperation mit der EU in der Liga von Schweiz, Norwegen oder Island ausübt, bricht die Welt nicht zusammen und keiner verhungert. Es gibt halt eine Durststrecke im Übergang. Lasst die Briten einfach ihre interne Meinungsbildung in Ruhe abschließen, macht Eure eigenen Hausaufgaben und habt Geduld. Und wenn nebenbei künftig europapolitische Alleingänge wie der von Frau Merkel im September 2015 zur Ignoranz der Dublinregeln unterbleiben, kommen auch die kontinentalen Aufgeregtheiten mal wieder zur Ruhe. Es ist nur ein EU-Austritt, keine Kriegserklärung und keine Naturkatastrophe.

Wie beim Klima, Diesel...
Der Alleingang von Merkel, war ein Brandbeschleuniger. Das soll die EU sein. 2 bis 3 entscheiden und die anderen sollen sich fügen? Merkel soll in Deutschland nach den rechten schauen und ihre Arroganz behalten.

Dieter Erkelenz | Mi, 2. Januar 2019 - 08:05

Ich kann Ihnen nur beipflichten, Herr Elbe.
Sollen die Briten ihre"splendid isolation" wieder neu beleben oder in ihr verharren.
Desto wichtiger ist es für unser Land die Beziehungen zu Frankreich und insbesondere zu Polen weiter zu festigen.

Birgit Fischer | Mi, 2. Januar 2019 - 08:33

Es gehört zur Demokratie, Entscheidungen der Wähler zu akzeptieren und entsprechend umzusetzen. Großbritannien wird die EU verlassen. Das ist gut und richtig so. Gut ist es, weil sich die EU längst überdehnt hat und nicht effizient funktioniert. Richtig ist es, weil die Briten so abgestimmt haben. Zudem wird Großbritannien für viele in der EU zu einer freien Alternative außerhalb der EU. Das bietet große Chancen, die es in der EU nicht mehr hat. So entsteht Wettbewerb. Kapitalismus lebt vom Wettbewerb.

Christoph Kuhlmann | Mi, 2. Januar 2019 - 09:35

Es gibt etliche sachliche Argumente, die für den Verbleib Englands in der EU sprechen. Dieses Land ist immerhin die Nummer zwei der europäischen Volkswirtschaften und zahlt seit Eintritt in den Staatenbund erheblich mehr ein, als es aus Brüssel zurückerhält. Außerdem ist es nicht bis unter die Halskrause verschuldet wie die Nummern drei und vier, Frankreich und Italien. Außerdem vertrat es in der Vergangenheit innerhalb der EU marktwirtschaftliche Positionen und verteidige diese gegen Frankreich und die Südeuropäer. Ein Kompromiss zwischen diesen Positionen lag meistens ziemlich exakt auf der deutschen Linie. Die wirtschaftlichen Folgen eines Austritts wären ebenso fatal, wie die politischen. Denn als Kernland der anglo-amerikanischen Welt, verbindet es Europa mit zahlreichen anderen Kontinenten. Beziehungen, die seitens der EU erst allmählich nachvollzogen werden. Europa würde ein ganzes Stück bedeutungsloser und ärmer ohne das UK. Das gilt auch für den militärischen Bereich.

Bernhard K. Kopp | Mi, 2. Januar 2019 - 09:36

Die Briten waren spätestens seit Maastricht und der mangelhaften Euro-Konstruktion EU-skeptisch. Vieles ist noch viel schlimmer geworden als man in den 1990ern befürchtet hat. Das Bundesstaats-Gespenst ist immer noch am Leben und verwirrt den Blick auf Erfordernisse eines repräsentativen Parlamentarismus und auf die Notwendigkeit von demokratische Legitimität. Für 'weiter so ' und 'mehr Europa-ever closer union', ist jedes Herzblut zu schade. Leidenschaft ist nur für ein erstrebenswertes Ziel und einen gangbaren Weg sinnvoll.

Peter Gentsch | Mi, 2. Januar 2019 - 09:46

Bin mit Ihrer Schlussfolgerung zu den "allfaelligen Veraenderungen in der EU" gar nicht einverstanden. Es waere sehr im Interesse von D gewesen, GB in der EU zu halten, schon als Schutzwall gegen die "allfaelligen" Vergemeinschaftungstendenzen des Suedens. Ob der Brexit sich als Nachteil fuer GB erweisen wird, wie es in der deutschen Presse allgemein dargestellt wird, ist nach meiner Meinung noch lange nicht entschieden.

gabriele bondzio | Mi, 2. Januar 2019 - 09:48

einer erfolgreichen Mitgliedschaft in der EU eine traumatisierte Nation aus einer Geisterbahn zu retten."...unberücksichtigt bleibt aber, dass "erfolgreich" der Vergangenheit angehört! Und die EU im Begriff ist, zu einer Geisterbahn zu mutieren. Die deutsche Lust am Untergang, ist genauso greifbar, wie die zunehmende Tendénz zur Pleite in wirtschaftl. und politisch Sicht einiger EU-Länder. Trost in der Weisheit zu finden, Reisende nicht aufhalten zu wollen.Könnte man, aus deutscher Sicht, auch in Richtung werten,dass die Briten sich letztendlich als "die lachenden Dritten", erweisen.

Lars Freudenberg | Mi, 2. Januar 2019 - 09:59

Die Briten wieder rein zu holen sollte für uns oberstes gebot haben, da dieses Land eines der größten Nettozahler einer der größten Wirtschaftsnationen und einer der größten Militärs in der EU ist. Außerdem entert sich die gesamte Machtbelangs innerhalb der EU zu Gunsten der Südländer, wen England geht. Das veralten der EU gegenüber GB ist das eines kleinen bockigen Kindes, als wehre die Euroäsche Union die DDR wo Mann in den Knast kommt oder erschossen wird wen Mann Raus will. Hans Werner Sinn (YouTube: Die Bedeutung des Brexit für Deutschland und Europa) hat dazu vor kurzen in Meinen Augen einen guten Vorschlag Gemacht, allerdings wen ich mir die Politik Kliente in der EU anschaue,wird mir schlecht! England muss sein gesichtswahrend können dann ist auch nicht abwegig das sie Drin bleiben.

Gerdi Franke | Mi, 2. Januar 2019 - 10:07

Ja, das könnte der EU und Großbritannien gut tun, über eine neue gemeinsame EU zu reden. GB hatte schon immer gute Ideen zur EU und eine gemeinsame Zukunft wäre sicher besser als der absehbare Niedergang dieser EU und Großbritanniens. Aber im Moment sind auf beiden Seiten die Fronten zu verhärtet.

Ernst-Günther Konrad | Mi, 2. Januar 2019 - 10:33

Der Brexit hat für mich viel mit einer Scheidung zu tun. Da gab es eine Zweckehe aus anfangs durchaus vernünftigen nachvollziehbaren Gründen. Da gab es klare Absprachen und jeder ließ zu Beginn dem anderen noch seinen nationalen Freiraum. Nur als die EU begann, immer mehr Kompetenzen einzuforden bzw. unsere Weltverbesserin alles daran setzte, alles und jeden in der EU gleich machen zu wollen, landes- spezifische Eigenarten, Tradition und Identitäten zu Gunsten einer reinen europäischen Nationalität auszutauschen, fing der Ärger an. Die Menschen wollen ein Europa, sie wollen aber auch nationale Identität behalten, was eigentlich das normalste der Welt sein sollte. Jetzt der britischen Regierung vorzuwerfen, dass sie das tut, was eine Mehrheit, wenn auch eine nur eine kleine Mehrheit der Bevölkerung in einem Referendum entschieden hat, zeigt doch ein merkwürdiges Demokratie-verständnis. Wir sollten uns aus der britischen Politik heraus halten und lieber selbst neu überlegen.

Michael Sander | Mi, 2. Januar 2019 - 10:53

Auch der Cicero nervt mit penetrant einseitiger Berichterstattung zum Brexit.
Ich habe wahrlich nichts gegen die Auffassung von Herrn Elbe, die vor allem eine tiefe Enttäuschung zum Ausdruck bringt, auch wenn diese Enttäuschung zu meiner Meinung nach unberechtigten Unterstellungen und fragwürdigen Prognosen führt. Der Cicero sollte jedoch auch mal die andere Seite zu Wort kommen lassen. Vor allem stört dieser ständige Tenor, wonach ausgerechnet und ausschließlich die EU zu wirtschaftlicher Properität, Frieden, Toleranz und was auch immer führen soll. Statt den Briten Exit als Weckruf zu verstehen und die EU über radikale Subsidiarität zu einer Organisation zu reformieren, der sich auch freiheitsliebende, souveräne Nationen gerne anschließen, spielen die EU-Verantwortlichen in Brüssel, Berlin und Paris beleidigte Leberwurst auf Kindergartenniveau. Das ist wahrlich kein Konzept für eine bessere Zukunft. Auf diese Weise wird die EU zurecht und endgültig scheitern.

Wie bei fast jedem Thema. Objektivität wo bist du? Die es anders sehen, kommen nicht zu Wort. Der Weckruf wird nicht gehört und beleidigte Leberwurst, wird gespielt. Schön haben sie es formuliert. Die Jahrelange Hetze, vor allem aus Deutschland, wegen der Bankenkrise, vergessen wir im Griechenland nicht. Das war regelrechter Hass. Alle Banken wurden gerettet und das Volk soll bezahlen. Das Problem in der EU hat 3 Namen. Berlin, Paris, Brüssel. Genau mit dieser Reihenfolge. Ihr Kommentar ist sehr erhellend. Gratuliere

Ich gebe meinen beiden Vorkommentatoren grundsätzlich Recht. Nur eines sollten wir alle bedenken. Würde der Cicero nur "uns genehme" Berichte veröffentlichen, wäre er nicht besser, wie die Medien, die wir mit Recht kritisieren. Ich teile Herrn Elbes Meinung nicht. Ich bin aber auch dafür, solchen Leuten Gelegenheit zu geben, sich hier zu äußern. Wir dürfen bei Cicero dafür auch kritisieren. Das geht nicht bei jedem Presseorgan. Also fair play.:)

erscheinen. Das ist eine Grundsatzfrage. Bei fast allen bekannten Zeitungen, wird aber immer die eine Meinung vertreten , wurden die Foren, komplett geschlossen. Oder es wird zensiert wie in Saudi Arabien. Darum suchen sich die Menschen, Alternativmedien. Wenn auch hier das gleiche kommt, das stößt halt an. Ich wurde aus fast allen Zeitungen gesperrt. Die ertragen keine andere Meinung. Das wird dann Meinungsfreiheit genannt und mit dem Finger auf andere Länder gezeigt.

Das ist richtig. Zu 90Prozent berichtet ja Frau Szyskowitz aus und über Großbritannien. Und durch diese Gewichtung wird das Thema Brexit sehr einseitig und alles andere als ausgewogen dargestellt. Die EU-Sicht auf die Dinge ist ja bereits aus allen anderen Medien bekannt, deswegen wärs schön, wenn man wenigstens hier auch mal die "Gegenseite" zu Wort kommen ließe.

Dimtri Gales | Mi, 2. Januar 2019 - 14:25

May setzt sich durch, oder das Vereinigte Königreich steht vor dem Austritt. Ein wiederholtes Referendum wäre absurd, denn damit würde sich die Nation lächerlich machen; künftige Volksabstimmungen hätten dann noch einen sehr relativen Wert.
Übrigens wird anlässich "Last Night of the PROMS" die erwähnte Hymne immer gesungen; die Musik dazu stammt von einem Deutschen, Georg Friedrich Händel. Daneben wird natürlich auch die Nationalhymne, sowie der Marsch von Elgar gespielt. Man kann England nicht vorwerfen, dass es stolz auf seine Identität ist und sich der Gleichmacherei durch Brüssel-Europa nicht anschliesst.

Volker Eichler | Mi, 2. Januar 2019 - 15:15

Der Begriff der "Europafähigkeit", also die Frage, ob die Briten bei einem Verbleib in der EU überhaupt noch europafähig sind, gefällt mir ausgesprochen gut!
Glück Auf
Volker Eichler

Bernhard K. Kopp | Mi, 2. Januar 2019 - 16:12

In reply to by Volker Eichler

Wenn man die EU-27 als absurde Konstruktion anerkennt, die aus einer immer schon absurden Zielvorstellung entstanden ist - Vereinigte Staaten von Europa / Bundesstaat, Zentralparlament, Zentralregierung, EuGH, alles in 21 Sprachen- dann ist es geradezu vernünftig nicht 'EU-fähig' zu sein. Das was ist wird scheitern, wenn man nicht den Mut zu einer konföderalen Neukonstruktion findet.

Thomas Nichterlein | Mi, 2. Januar 2019 - 17:00

Wie wäre es denn, wenn auch die EU sich bewegte, das Beste für Alle EINMAL wenigstens versuchte? "Wir haben aus dem Brexit-Referendum gelernt"- und so? Die Möglichkeit, eines Zurück zur Wirtschaftsunion steht wie der weisse Elephant im Raum und wird dennoch penetrant verschwiegen. Vielleicht fiele Einigen Un- und Halbverbrauchten auch noch eine neue Qualität der Wirtschaftsunion ein, eine wirkliche Fortentwicklung ohne Euro? Ausser den Gerontokraten überall in der EU könnten hierbei nur Alle gewinnen.

Sylvia Zarnack | Mi, 2. Januar 2019 - 18:59

Schon als Kind habe ich nach dem Krieg alles über ein damals noch nicht existierendes eventuelles vereintes Europa gelesen. Zwar war man mehr oder weniger vorsichtig bezüglich einer Mitgliedschaft Englands in diesem geplanten Europa, aber es war eine positive Vision. Wie sehr freute ich mich dann über den Beitritt Großbritanniens! Wie sehr aber auch ärgerte ich mich über die von den Briten stets reklamierten Sonderrechte, die aus gutwilligen Gründen von den anderen akzeptiert wurden, bis an manche Schmerzgrenze. Und immer taten die Briten so, als wären sie noch die frühere Welt-macht und der Kontinent hätte sich dem zu fügen. Wenn nun die jungen Leute, die jetzt klagen, bei der Brexit-Abstimmung zur Wahl gegangen wären und für den Verbleib gestimmt hätten, sähe heute alles anders aus. Ein sehr knappes Plus-Ergebnis hätte vielleicht tatsächlich zu neuen EU-Überlegungen führen können. Aber die Zeiten, wo Politiker und(!) Wähler Weitsicht haben, sind vielfach vorbei. Schade um Europa.

Marc Gause | Mi, 2. Januar 2019 - 21:32

Die gesamte deutsche Presse tönte vor der Abstimmung, dass ein Brexit das Land ins Chaos stürzen würde.

Untergangsszenarien ohne Ende, die Presse in Deutschland ist ja immer soooo gut informiert und vor allem neutral.

Dann kam die Results, JA zum Brexit ... und Monate später trotzdem Wachstum in GB! Laut der dt. Presse, (egal welches Blatt) müsste GB längst in einem gigantischen Abschwung stecken und zusammenbrechen. Aber nein, immer noch Wachstum, ein Plus, kein Untergang.

Ja ja, die dt. Presse, bisher lag sie mit ihren Vorhersagen zum Brexit falsch, aber nun soll sie nun aus heiterem Himmel richtig liegen?

Die selbe dt. Presse, sie uns übrigens versprochen hatte, dass wir nie die Schulden anderer Euro Länder bezahlen würden, diese Spreche soll nun beim Brexit richtig liegen? Schwer zu glauben.

Brigitte Simon | Mi, 2. Januar 2019 - 21:55

"Reisende soll man ziehen lassen". Wirklich? So lasch ist es in Berlin zu hören. Immerhin ist England nicht nur eine von 2 Nuklearmächten incl. Frankreich in der EU, auch die zweitgrößte Volkswirtschaftsmacht in
Europa.Bereits diese Tatsachen genügen für eine Unterstützung innerhalb der EU. Der Beitritt GB
verhinderte die einseitige Abhängigkeit von Frank-
reich. Siehe Macron und die hörige Kanzlerin.
Frankreich, das Land das seit 1999 besondere
Nachsicht innerhalb der EU-höre Juncker-erhält.
Der Brexit könnte vermieden werden, wäre Camer-
on 2016, insbesondere von Merkel wenig unter-
stützt, seinerzeit nicht mit leeren Händen nach
London zurückgekehrt, um ein positives Referen-
dum durchzubringen. Warum wurde Merkel nicht
aktiv? Sie stand wegen ihrer Flüchtlingspolitik
unter Druck, ohne Zeit, sich diesem Thema zu
stellen. Sie war nicht handlungsfähig und mochte
Frankreich nicht verprellen, auf dessen Unterstüt-
zung sie bei der Umsetzung der Flüchtlingsquoten-

Brigitte Simon | Mi, 2. Januar 2019 - 22:05

regelung ausgeliefert war!
Doch auch hier würde Merkel es schaffen, Deutsch-
land und die EU, zu verlieren. Der Rückzug von GB
wird Deutschland auch im Europaparlament
schwächen. Eine Betrachtung des Brexits aus dieser
Perspektive wäre durchaus interessant. Ein Entge-
genkommen gegenüber GB ist m.E. angebracht.

Dieter Erkelenz | Do, 3. Januar 2019 - 08:15

Mir auch , Herr Eichler!

Alfred Simon | Do, 3. Januar 2019 - 12:50

Nach einem Austritt GB aus der EU geht nicht nur der zweitgrößte Beitragszahler nach Deutschland verloren, sondern auch die "politische Macht" an
die südlichen EU-Länder.

Im Umkehrschluß ist die Folge deren entsprechen-
de finanzielle "Alimentierung". Wenn man aber jetzt an das Griechenland-Debakel denkt und viel-
leicht auch noch an Osteuropa, wird der" Sozial-
fonds" der EU noch leerer. Der finanz- und wirt-
schaftspolitische Schaden wäre enorm. Und Deutschland müßte noch mehr zahlen.
Doch wird man hoffentlich aus Schaden klug.
Dieser Wunsch als" Wort in Gottes Ohr".

Wichtig wäre auch GB als wichtigster Verbündeter der EU im Klima und Umweltschutz.

Maria Bohm | Do, 3. Januar 2019 - 21:21

Meine englische Verwandtschaft bedauert es, da das Reisen wohl verkompliziert wird. Den nichtreisenden Cousins ist es egal, da sie nicht mal einen Ausweis besitzen. Ein wenig beneide ich die Briten. Der Zentralismus Brüssels kann nur in eine Diktatur führen. Auch wenn Frankreich und Deutschland unterschiedliche Interessen haben, wollen sie am Ende beide das Gleiche. Der Neomarxismus ist eine Krake, Gr. Br. ist eines der wenigen Länder, die dafür nicht so empfänglich sind. Am Ende wird alles auseinander fallen, wenn es wirtschaftlich bergab geht, denn jeder ist sich selbst der Nächste.

Mathias Trostdorf | Do, 3. Januar 2019 - 23:27

...sind nicht in der EU.
Wie machen die das nur?
Neulich erfuhr man beim ZDF in einem Nebensatz, daß beim G20 Gipfel viele Teilnehmer gar nicht zu den gemeinsamen Veranstaltungen erschienen, sondern sich hinter den Kulissen trafen, um "bilaterale Vereinbarungen" zu treffen. Wenn man sieht, wie langsam auch bei der EU die Mühlen mahlen, dann versteht man mehr denn je, daß viele Staaten lieber wieder schneller zu Lösungen kommen möchten.