- Warum wir von Asien noch immer nicht lernen wollen
Der Westen versagt im Umgang mit der Corona-Pandemie und stolpert von Lockdown zu Lockdown. Statt von asiatischen Ländern zu lernen, werden dortige Erfolge reflexhaft abgelehnt. Schuld ist ein folgenschweres vermeintliches Überlegenheitsgefühl. Warum es uns so schwerfällt, zu lernen.
Ein Déjà vu. Europa hat sich wieder selbst lahm gelegt. Dabei sollte gerade das nach dem ersten Lockdown im Frühjahr um jeden Preis verhindert werden. Was ist schief gelaufen beim Umgang mit der Corona-Pandemie? Am Herbstwetter alleine kann es nicht liegen. Mit der Euphorie der Sommermonate, als Deutschland vom Rest der westlichen Welt für seine niedrige Corona-Fallsterblichkeit gepriesen wurde, ist es jetzt vorbei. Egal welchen Indikator man heranzieht, es lässt sich kaum von der Hand weisen: die europäischen Pandemie-Strategien sind gescheitert.
Die aktuelle Kritik am Pandemie-Management fokussiert sich auf vermutete Verfassungsbrüche, den mangelhaften Schutz vulnerabler Gruppen, die Belastung für Kulturschaffende, Kleinbetriebe und Selbstständige, und die Frage, wie lange der Finanzminister Olaf Scholz die Kurzarbeit und Insolvenzverschleppung noch bezahlen kann. Alles wichtige und legitime Fragen. Nur müssten wir sie vielleicht nicht stellen, hätte man schon vorher eine robuste Manöverkritik gewagt und die epidemische Entspannungsphase zwischen den beiden Wellen nicht ungenutzt verstreichen lassen.
Lockdown-Eiertanz im Rest der Welt
Vor allem ist die systematische Auseinandersetzung mit erfolgreichen asiatischen Strategien der Corona-Bekämpfung unterblieben. Zum genauen Hinsehen gab und gibt es gute Gründe. In Taiwan starben gerade mal sieben Menschen an Corona. In Vietnam sind es 35. Seit 200 Tagen sind keine neuen lokalen Ansteckungen in Taiwan entdeckt worden. Südkorea schafft es die täglichen Neuinfektionen bei ca. 100 Fällen zu halten. In beiden Ländern, ähnlich wie in Japan, gab es gar keinen Lockdown. Auch China ist es, bei aller berechtigten Kritik an den anfänglichen Vertuschungsversuchen der Parteiführung in der Provinz Hubei gelungen, mit strikten Maßnahmen das Infektionsgeschehen schnell und vollständig unter Kontrolle zu bringen. Dadurch ist der Ausbruch im Wesentlichen ein lokales Phänomen geblieben.
Chinas Volkswirtschaft boomt wieder. Unbeeinträchtigt vom Lockdown-Eiertanz im Rest der Welt konzentriert sich Peking mit dem eben beschlossenen Fünfjahresplan (2021-2025) darauf, sich endgültig auf die technologische Überholspur zu begeben. Im Großraum Asien, in dem eben ein gewaltiges Freihandelsabkommen unterzeichnet worden ist, blickt man insgesamt ungläubig nach Europa. Gerade Deutschland, das wegen seiner Ingenieurskunst und Philosophie in den asiatischen Ländern große Anerkennung genießt, wurde immer als extrem präzise, geordnet und kompetent gesehen. Wie kann es sein, dass ausgerechnet in Deutschland die Gesundheitsämter bei der Nachverfolgung der Infektionsketten versagen? Mehr noch, dass sich in Teilen der Bevölkerung eine Wissenschaftsskepsis breitgemacht hat?
Debatte über Herdenimmunität fand nicht statt
Tatsächlich haben sich Regierungen in Europa und Asien nach dem Corona-Schock und den ersten Lockdowns für sehr unterschiedliche Strategien entschieden. Das lange Warten bis lokale Hotspots über die Sommerferien außer Kontrolle gerieten, steht dem schnellen „Austreten der Glutnester“ gegenüber. Dem nur begrenzten Einsatz von Tests, vielerorts nicht öffentlich finanziert, stehen die gezielten Massentests finanziert durch die öffentliche Hand gegenüber. Irrationalen Skeptizismus gegenüber Gesichtsmasken gab es in Ostasien nicht. Die eingeschränkte und verzögerte Nutzung digitaler Instrumente, die ja gerade mit der europäischen Datenschutzverordnung unter der Berücksichtigung der Privatsphäre möglich gewesen wäre, steht im Kontrast zum unmittelbaren Einsatz digitaler Plattformen und streng überwachter Quarantäne.
Auch die gesamtgesellschaftliche Haltung gegenüber dem Virus unterscheidet sich. Nach den Erfahrungen der Sars-Epidemie von 2003 wurde in Ostasien die Bedrohlichkeit des Virus in der Bevölkerung kaum angezweifelt. Niemand zog epidemiologische Expertise über den Umgang mit Sars-Cov-2 in Zweifel. Dessen Ausrottung, nicht einfach nur das Abbremsen seiner Verbreitung, wurde zum obersten strategischen Ziel erklärt. Eine Debatte über Herdenimmunität fand nicht statt. Stattdessen ging es den Gesundheitsbehörden in Taiwan und Vietnam um schnelles Reagieren. Bereits Anfang Januar wurde, ohne gesichertes Wissen zu den Übertragungswegen des Keims, ein Gesundheitsscreening für Einreisende aus China eingeführt.
Das eigene Totalversagen
Noch grundsätzlicher ist der Unterschied bei der strategischen Zielsetzung. In Europa gilt selbst die prinzipielle Möglichkeit der Eradikation, also der Keimeliminierung, als schwer vorstellbar und keinesfalls praktisch umsetzbar. Die Ansicht, man müsse mit dem Virus eben leben lernen und letztlich eine Durchseuchung akzeptieren ist unter Expertinnen und Experten weit verbreitet. Das grenzt an Fatalismus.
Rein Faktenbasiert kann man diese Sichtweise nicht bezeichnen, wie die Beispiele in Ostasien beweisen. Dabei handelt es sich keineswegs nur um Länder mit einer Insellage oder einer autoritären Gesellschaftsstruktur, sondern um auch um liberale Demokratien, mit ähnlicher Bevölkerungsdichte.
Die offenkundig abweichende epidemiologische Expertise von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Ostasien ist bisher weder in Talkshows noch bei der zweiwöchentlichen Runde der Ministerpräsidenten gehört worden – weil es die Europäer vermeintlich besser wissen? Das eigene Totalversagen in dieser globalen Krise anzuerkennen, ist unsere Sache nicht. Die logische Konsequenz daraus, die Leuchttürme der Seuchenbekämpfung, ob in Ostasien, Afrika oder Lateinamerika zu imitieren, wird nicht gezogen.
Mysteriöse kulturelle Eigenschaften
Rationale Argumente für die Nichtbeachtung der Eliminierungsstrategie gibt es keine. Natürlich sind Vorbehalte gegen das autoritären China verständlich, doch unterläge das Lernen von Südkorea oder Taiwan und ebenso von Australien und Neuseeland nicht den gleichen ideologischen Sensitivitäten. Die im Kanzleramt beschlossene Rückkehr zum Lockdown schmerzt daher in doppelter Hinsicht.
Statt nach replizierbaren ostasiatischen Konzepten und Instrumenten zu suchen, legt die Politik in einer Verzweiflungstat das Gesellschaftsleben und wichtige Teile der Wirtschaft ein weiteres Mal lahm, vorerst bis Anfang Advent. Und danach? Muss die Lernfähigkeit westlicher Gesellschaften, ein Merkmal der europäischen Aufklärung, grundsätzlich in Zweifel gezogen werden? Die Frage, warum die Europäer nicht von den Erfolgsmodellen in Ostasien, und vielleicht sogar von Chinas Ansatz lernen wollen, bleibt so folgenschwer wie unbeantwortet.
Kommt man in Europa auf die Gründe der ostasiatischen Erfolge zu sprechen, werden meist mysteriöse kulturelle Eigenschaften ins Feld geführt. Asiatische Gesellschaften seien konfuzianisch, kollektivistisch oder autoritär. Die pragmatische Frage, welchen Ansätze sich bei der Pandemie-Bekämpfung als effizient erwiesen haben, wird von der moralischen Schuldfrage nach dem Ursprung des Virus überlagert.
Wir erleben pauschalisierende Beteuerungen unserer europäischen Charaktermerkmale – wir, die Liberalen, Individualistischen, Freiheitsliebenden gegen die angeblich kollektivistischen und staatsgläubig-unterwürfigen Anderen. Ausgeblendet werden zudem die Erfolge von Ländern wie Senegal, Tansania oder Uruguay, die in scharfen Kontrast zu den Katastrophen stehen, die Experten für den globalen Süden vorhergesagt haben.
Der epidemische Orientalismus
Es fällt schwer, diese unerwartete Verschiebung von Realitäten in der Pandemie kognitiv zu verarbeiten. Die schrumpfende Lernfähigkeit deutet auf mehr hin, als eine spontane Form der kollektiven Realitätsverweigerung. In den von der Pandemie gebeutelten euro-atlantischen Gesellschaften – von denen nicht wenige eine humanitäre Katastrophe erleben, wie der Neurochirurg und Medizinreporter Sanjay Gupta mit Bezug auf die USA bei CNN konstatierte – fällt man auf tiefsitzende mentale Muster zurück. Aussagen, die oft ohne genauere Prüfung oder ohne Kenntnisse über die Region getroffen werden, reproduzieren eingefleischte binäre Stereotype, die den europäischen Blick nach Asien und Afrika seit der Kolonialzeit prägen.
Edward Saïd hat dies als Orientalismus bezeichnet: einen Diskurs, der den „Orient“ als das identitätsstiftende Andere des Okzidents konstruierte. Wir beschreiben das Andere als tribalistisch, rückständig, spirituell, um uns unserer eigenen Identität als individualistisch, fortschrittlich und rational zu versichern. Die „Anderen“ lassen wir bei dieser Darstellung gar nicht erst zu Wort kommen. Orientalismus wird damit, um es in Michel Foucaults Worten zu sagen, zu einem Ausschlussmechanismus aus dem Diskurs.
Von Anfang an war die Pandemiepolitik in Europa von einem derartigen Ausschlussmechanismus geprägt – einem epidemischem Orientalismus. Ostasien, insbesondere China, wurden als Gegensatz zu uns beschrieben; der Infektionsausbruch erschien uns fern, die Maßnahmen dort befremdlich. Und rückständig sowieso. Dabei wurde eine Dichotomie erzeugt: Unser liberales Selbst gegen das autoritär Andere, unsere Freiheitsliebe gegen deren Geist des Kollektivs.
Legitimitätsanspruch von Chinas Regierung gestärkt
Diese Überzeugung hielt uns davon ab, pragmatisch nach Osten (und Süden) zu schauen und best-practice Beispiele zu suchen. Anstelle des offenen Austauschs über alternative Pandemiestrategien stand die Selbstvergewisserung unser Identität im Vordergrund. Die lautstarken Rufe, die chinesische Führung für ihre Fehler zur Rechenschaft zu ziehen, blieben nicht nur wirkungslose Rhetorik. Sie trugen auch dazu bei, von unseren eigenen Fehlern abzulenken. So wurde es versäumt, die heimischen Corona-Maßnahmen und Prozesse substantiell zu verbessern – und damit letztendlich leider auch der Legitimitätsanspruch der chinesischen Regierung gestärkt.
Das ist „Identitätspolitik“ im wörtlichen Sinne, mit der wir uns nicht nur auf einer intellektuellen Ebene beschädigen. Denn ein Diskurs gespickt mit Ignoranz und Vorurteilen hat in der Krise handfeste Konsequenzen. Die Bundesregierung vergeudete beispielsweise viele wertvolle Monate, um schließlich doch einzusehen, dass das vom Helmholtz Institut Braunschweig für Entwicklungsländer entwickelte mobile eHealth System Sormas auch in Deutschland einsetzbar wäre – nachdem es bereits in Nigeria, Ghana und Nepal gegen Covid-19 zum Einsatz kam.
Dynamik globaler Identitätspolitik
Philosophisch betrachtet treten wir dabei hinter unser Selbstbild als aufgeklärte Gesellschaft, die vielfältige Positionen zulässt und miteinander in Dialog bringt, zurück. Das idealisierte Selbstverständnis Europas als Ort des rationalen Austauschs begründeter Meinungen zerschellt am Orientalismus, während die wegen der gescheiterten Eindämmung des Virus notwendig gewordenen massiven Grundrechtseinschränkungen schleichend die Legitimität unserer politischen Systeme und wissenschaftlichen Institutionen erodieren.
Auch global erschwert die Dynamik der Identitätspolitik gegenseitiges Lernen und Kooperationsbemühungen zur Seuchenbekämpfung. Der in China und in abgeschwächter Form auch in Japan und Südkorea aufkeimende „pandemische Nationalismus“ begründet den nationalen Erfolg gegen Corona mit der Überlegenheit des politischen Systems oder der kulturellen Einstellung. Ironischerweise wird so ein neuer „Okzidentalismus“ konstruiert, dem die gleiche Dichotomie Asien/Westen wie dem ursprünglichen europäischen Orientalismus zugrunde liegt.
Auf diese Weise könnte eine anhaltende Reflexionsblockade entstehen: Selbstkritik wird im chinesischen Corona-Triumphalismus verunmöglicht, die sozialen Kosten von Stigmatisierung etwa in Südkorea werden angesichts des viel schlechteren Abschneidens der Anderen im internationalen Pandemie-Wettbewerb verdrängt. Ob dies in Ostasien zu einer ähnlichen Lernunfähigkeit, wie sie sich gerade in Europa beobachten lässt, führen wird, lässt sich gegenwärtig noch nicht absehen. Die Europäer jedenfalls sollten sich besser rasch aus den Fängen des epidemiologischen Orientalismus befreien, um ein weiteres Lockdown Déjà vu zu vermeiden.
Maximilian Mayer ist Junior-Professor für Internationale Beziehungen und globale Technologiepolitik am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Universität Bonn.
Marina Rudyak ist akademische Mitarbeiterin am Centrum für Asienwissenschaften und transkulturelle Studien der Universität Heidelberg.
Marius Meinhof ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld.