RBB-Gebäude in Berlin / dpa

ARD im Selbstzerstörungsmodus (Teil III) - Exklusiv für Xing-Leser: 90 Thesen für eine haltbare Zukunft der ARD

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steckt in der Krise. Unser Autor formuliert 90 Thesen, um die Loyalität und Akzeptanz des breiten Publikums nach und nach durch konkrete Maßnahmen und überzeugende Arbeit zurückerobern zu können.  

Autoreninfo

Jens Peter Paul war Zeitungsredakteur, Politischer Korrespondent für den Hessischen Rundfunk in Bonn und Berlin, und ist seit 2004 TV-Produzent in Berlin. Er promovierte zur Entstehungsgeschichte des Euro: Bilanz einer gescheiterten Kommunikation.

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Wenn selbst der amtierende Vorsitzende keine Zukunft mehr sieht für seinen Senderverbund, ist das einerseits tragisch, andererseits aber lediglich ein weiterer Beweis für die Richtigkeit der vor zehn Jahren erstmals von mir aufgestellten Behauptung, dass die ARD von innen kaputtgemacht wird, nicht von außen. Und da war noch lange keine Rede von Schlesinger und Konsorten. Es sind nur zu oft die Intendanten und die von ihnen berufenen Direktoren, die es an Loyalität gegenüber den ihnen anvertrauten Häusern, ihrem Personal und der öffentlich-rechtlichen Idee mangeln lassen, damit jene Krise heraufbeschworen haben, in denen sie sich nun befinden, und den eigenen Chef „Das Ende ist nah“ murmeln lassen. 

Immerhin war Tom Buhrows Vortrag in Hamburg vor einem Monat in jeder Hinsicht – formal und inhaltlich – so schlecht und substanzlos, dass er in den eigenen Reihen nicht viel mehr erzeugte als fassungsloses und schweigendes Entsetzen. Die Begeisterung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über ihren Coup, Buhrows Auftritt und auch den Redetext exklusiv zu haben, hielt folgerichtig nicht lange vor. Mit seinem angeblichen Reformplan, der tatsächlich nur ein pessimistischer Ausblick auf das Jahr 2032 war, der selbst der AfD des Saarlands zu weit ging (was man erst einmal hinbekommen muss), ist schlicht nichts anzufangen.

Verhältnis von Input und Output

Deutschland kann zwei große öffentlich-rechtliche Senderfamilien auch in zehn Jahren sehr gut gebrauchen und vertragen, sobald sie sich wieder als echte Konkurrenz verstehen und nicht als eingetragene Partnerschaft. Bei fairer Beurteilung ist das Preis-Leistungs-Verhältnis gar nicht schlecht. Es könnte aber noch viel besser sein – in Relation zum finanziellen und personellen Input ist der Output an qualitativ hochwertigem Programm miserabel. Seit dem RBB-Desaster weiß man immerhin im ganzen Land, woran das liegt und wie man es ändern könnte.
 

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Erst recht würde das mit dem guten Preis-Leistungs-Verhältnis gelten, folgte man meiner Empfehlung, teure Sport-Events in einen Pay-Kanal für fünf Euro im Monat auszulagern und die Monatsgebühr im Gegenzug auf 15 Euro zu verringern. Nach der vergeigten Fußballweltmeisterschaft dürfte das leichter fallen. ARD und ZDF müssten nur endlich wieder ihren Job machen und sich als unabhängige, distanzierte, kritische Instanzen und Korrektive neu erfinden, wie es die Rundfunkgesetze und das in der Gebührenfrage heillos desorientierte Bundesverfassungsgericht verlangen. 

Widerspruch nur aus links-grünem Motiv

Tatsächlich haben seit der Jahrtausendwende alle Regierungen in Bund und Ländern Widerspruch von ARD und ZDF nur noch dann zu befürchten, wenn irgendein Gesetz, eine „Maßnahme“ den Redaktionen nicht links-grün genug erscheint oder gar die Gefahr besteht, ein Kanzler, eine Ministerpräsidentin könnte sich an der Mehrheitsmeinung der Bevölkerung orientieren, der aber natürlich der notwendige Überblick fehlt.

So kommt es, dass „Tagesthemen“-Kommentare seit 2005 genauso gut vom Regierungssprecher stammen könnten (mit der seit einem Jahr geltenden Einschränkung, wäre dieser ein wenig sprachbegabter) und manchmal fliegt das halt auch auf. In ihrer alles andere als staatsfernen Haltung sind sich die Sender einig mit dem Großteil der Verlage, was zum Teil opportunistisch bedingt ist, was Monat für Monat die Auflagen schrumpfen lässt, zum Teil aber auch schlicht an den historisch aus der Bismarck-Ära gewachsenen Eigentumsverhältnissen liegt. 

Dass SPD, Grüne und Linke schon seit einigen Jahren nichts mehr von Volksentscheiden wissen wollen, sie vielmehr das Thema scheuen wie der Teufel das Weihwasser, hat einen guten Grund: Sie wissen ganz genau, dass ihre Politik regelmäßig eigentlich keine Mehrheit in der Bevölkerung hat – je essentieller das Thema, desto grösser die Repräsentationslücke. Dabei wären Volksentscheide das Mittel der Wahl, um die Politik endlich wieder zu erden und die Verdrossenheit über die Ergebnisse unserer parlamentarischen Demokratie zu bekämpfen. Dass es der Schweiz so viel besser geht als Deutschland, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass dem dortigen Bundesrat und den Schweizer Parteien regelmäßig wenigstens der größte Blödsinn, etwa in der Einwanderungspolitik oder in Währungsfragen, verweigert wird.   

Es muss nicht so destruktiv kommen

Vielleicht hat Buhrows Hamburger Rede aber wenigstens einen positiven Effekt: Wenn SWR-Intendant Kai Gniffke in drei Wochen von ihm den ARD-Vorsitz übernimmt, könnte er es nun leichter haben mit funktionierenden Reformen, weil es so destruktiv wie von Buhrow skizziert gar nicht kommen muss. Dass ausgerechnet Gniffke den Journalismus für die ARD oder die Öffentlich-Rechtlichen insgesamt neu erfinden und in den Mittelpunkt stellen wird, ist freilich eher nicht zu erwarten. Wäre es anders, wäre Malu Dreyer nach ihrem Totalversagen in der Flutnacht und den Monaten danach 2022 nicht mehr Regierungschefin von Rheinland-Pfalz. Ihr hat er aber seinen Job zu verdanken – wie indirekt auch der neue ZDF-Intendant Norbert Himmler den seinen, indem Dreyer ihre Kandidatin Tina Hassel im letzten Moment am 2. Juli 2021 vor dem dritten Wahlgang im ZDF-Fernsehrat zurückzog.

Kein Wunder, dass der investigative Elan des SWR nach dem überfälligen Rücktritt von Innenminister Roger Lewentz bis auf weiteres wieder aufgebraucht ist. Dreyer arbeitet unterdessen längst an ihrem nächste Coup: Hassel (möglichst sogar vorzeitig) zur WDR-Intendantin zu machen. Was links-grüne Vorlieben angeht, darf sie als zuverlässiger gelten als Irrlicht Tom Buhrow. Für die führende Strippenzieherin in Medienpersonalfragen ist Hassel damit eindeutig erste Wahl. 

Auch auf Grund solcher Machtkonzentrationen ist das Niveau der Reformideen und -forderungen aus den Reihen der Politik erschütternd niedrig. Alle Parteien sagen auch jetzt, was sie schon immer gesagt haben. Der Bund hat bei diesem Thema nicht viel zu melden. Entsprechend dünn sind Abgeordnete gesät, die sich im Thema wirklich auskennen und nicht nach der dritten Frage passen müssen, weil das Detail- und Praxiswissen fehlt. Die CDU verfügt seit über einem Jahrzehnt über gar keinen Medienpolitiker von Gewicht mehr. Als Rainer Robra 2020 mit seiner Staatskanzlei in Sachsen-Anhalt offiziell den Kampf gegen Gebührenautomatismus aufnahm, ließen ihn die eigenen Parteifreunde hängen, was es Karlsruhe erleichterte, übergriffig zu werden und per Beschluss die Zustimmung eines frei gewählten Landtages zu ersetzen. 

Doch die jahrzehntealte Ausrede der Anstalten, sie würden ja gerne, täten sich auch trauen, hätten vielleicht auch gewollt, nur leider, leider gebe ja „die Politik“ Anzahl und Struktur der Programme vor, sie selbst könnten da rein gar nichts machen – diese Ausrede zieht mit dem neuen Medienstaatsvertrag nicht mehr. Er wird ARD und ZDF in die Lage versetzen, weitgehend selbst zu entscheiden, wie und zu welchem Zweck sie ihre Ressourcen einsetzen.

90 Thesen für eine haltbare Zukunft der ARD

Das ist der Hintergrund meiner in der Urfassung erstmals 2018 den Intendanten ohne nennenswerte Resonanz übermittelten Reformvorschläge, die im Folgenden in aktualisierter Form dokumentiert werden: 90 Thesen für einen nützlichen, bezahlbaren und attraktiven öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der sich die schon zu drei Vierteln verlorene Loyalität und Akzeptanz des breiten Publikums nach und nach durch überzeugende Arbeit zurückerobert. 
  
1.    Die ARD muss sich neu erfinden angesichts grundlegender Veränderungen des technischen, gesellschaftlichen und politischen Umfelds. Macht sie das nicht selbst, werden es andere tun – und zwar nicht zum ihrem Vorteil. Digitalisierung ist dabei kein Allheilmittel, sondern nur ein Mittel zum Zweck von mehreren. Radio und Fernsehen haben unverändert große Kraft, werden aber systematisch kleingeredet und vernachlässigt. Dass die Sender sogar jetzt noch den Landesregierungen und damit der Politik die Initiative überlassen und abwarten, was von dort an Reformideen kommt, ist verkehrt.

2.    Diskussion vom Kopf auf die Füße stellen. Erst Aufgabendebatte, dann Strukturdebatte, dann Gebührendebatte. Und zwar nicht fremdbestimmt, sondern endlich von den ARD-Intendanten selbst in Gang gesetzt. Wenn Kai Gniffke umgehend gleich von einem ganzen Bundesland verhauen wird, wenn er selbst die Initiative ergreift, soll das wohl Nachahmer abschrecken, ist aber kein konstruktiver Umgang mit den Notwendigkeiten.

3.    Zweiwöchiger öffentlicher ARD-Konvent im Bundesrat unter Beteiligung der Landtage; kommentierbar von jedermann live auf Facebook und im Chat. Raus aus der Konfrontation, rein in einen konstruktiven, ergebnisoffenen Dialog.

4.    Herausarbeitung und Schärfung des ARD-Markenkerns: Verzicht auf Gemeinschaftsproduktionen mit dem ZDF und auf Orientierung am Sendeschema der Konkurrenz.

5.    Konsolidierung A: Verzicht auf tagesschau24, ARD one, 3sat, BR-alpha, kritische Überprüfung der arte-Beteiligung, Neuformulierung der Phoenix-Aufgaben.

6.    Konsolidierung B: Abgabe von „MoMa“ und „MiMa“ komplett an das ZDF.
 
7.    Konsolidierung C: Schaffung eines einheitlichen, 14- bis 18-stündigen Rahmenprogramms für alle Dritten Programmen mit regionalen Fenstern morgens und abends, in der Perspektive, je nach Erfolg, auch mittags.

8.    Erweiterung A: Gründung von ARD24 als 24/7- Nachrichtenkanal mit eigener Infrastruktur und Hauptsitz zentral in Kassel, Filiale im ARD-Hauptstadtstudio, Büros in jedem ARD-Sender und nebenberuflichen Stringern in jeder größeren deutschen Stadt ab 30.000 Einwohner.

9.    Erweiterung B: Auslagerung der teuren Sportevents in Pay-TV-Sportkanal ARD Sport; Zusatzgebühr fünf Euro, geschätztes Jahresaufkommen bei fünf oder zehn Millionen Interessenten 300 oder 600 Millionen Euro p. a. (Standardpaket).

10.    Erweiterung C: Aktuelles Regional-TV-Morgenmagazin, das die Ereignisse des Vorabends und der Nacht aus dem Bundesland abbildet – „Morgenschau“ nach dem Vorbild der „Abendschau“.

11.    Erweiterung D: Nutzung der dramatischen Vereinfachung und Verbilligung der Übertragungstechnik: Schaffung einer flächendeckenden, live-fähigen Produktions-Infrastruktur für regionale Sportereignisse unterhalb der Fußball-Bundesligen, Handball, Basketball, Schwimmen in enger Zusammenarbeit mit den Verbänden und Vereinen des Sendegebiets.

12.    Erweiterung E: Breite Ausweitung der Live-Sportberichterstattung und journalistischen Begleitung in den Dritten Programmen, dafür zusätzliche Regionalfenster an den Wochenenden, um die Verankerung in den Vereinen des Sendegebietes zu stärken.

13.    Erweiterung F: Ausweitung der Berichterstattung (analog zu Vorschlag 9, Regionalsport) über regionale Kulturereignisse, soweit sie nicht bundesweit dafür in Frage kommen.
 
14.    Neues Prinzip: Jeder Mitarbeiter einer ARD-Anstalt, ob fest oder frei, muss sich künftig auch als Vertreter, Botschafter und sogar als Reporter betrachten, wenn er zufällig oder absichtlich bei Ereignissen dabei ist, die andere Menschen ebenfalls interessieren könnten (Wirbelsturm, Verkehrsunfall, Geldautomatensprengung etc.). „Haben wir noch nie gemacht“ fällt als Ausrede genauso aus wie „Dafür werde ich nicht bezahlt“. Vorruhestand ist out, Umschulung ist in.

15.    Jede Arbeit, jede Planstelle in einem Funkhaus, die ihre Programmrelevanz nicht wirklich überzeugend nachweisen kann, steht zur Disposition.

16.    Das Verhältnis zwischen Input (Geld und Personal) und Output (Programm) ist schon lange indiskutabel schlecht. Es muss nicht nur dringend deutlich besser werden – es  kann auch deutlich besser werden, was allerdings ein neues Selbstverständnis aller Mitarbeiter erforderlich macht, vor allem der Festangestellten in Führungspositionen.

17.    Verankerung der Assoziation: „ARD = Heimat“ und „Heimat = ARD“

18.    ARD. Wir kennen uns hier aus.

19.    Das derzeitige Senderbouquet versteht kein Mensch. Schlüssig erklären können es nicht einmal die Verantwortlichen selbst. Es ist Ergebnis einer Serie von Kuhhandeln, die viel mit örtlichen Befindlichkeiten, aber wenig mit den Interessen des Publikums zu tun haben. Eine Umschichtung der Ressourcen – etwa eine Aufgabe erfolgloser Nischenangebote zugunsten eines eigenen Nachrichtenkanals – trauen sich die Intendanten aber nicht zu. Sie haben Angst, am Ende mit leeren Händen dazustehen.

20.    Der Generationenabriss, von den öffentlich-rechtlichen Sendern seit Jahren beschworen, findet längst statt und frisst sich naturgemäß in immer weitere Jahrgänge hinein. Allein die Tatsache, dass sich RTL, Sat.1 oder Pro7 in ihrer Programmgestaltung noch dusseliger anstellen und das Ringen um eine wie auch immer definierte, vielleicht noch halbwegs jugendaffine Qualität weitgehend eingestellt haben – zugunsten von Verkaufsgeschäften, die nichts mehr mit Fernsehen im eigentlichen Sinne zu tun haben –, bewahrt  ARD und ZDF bislang vor einem Quotendesaster im linearen Fernsehen.

21.    Was politische und gesellschaftliche Aufklärung betrifft, droht den etablierten Anstalten bei den Unter-60-Jährigen die Irrelevanz. Politische und gesellschaftliche Irrelevanz aber wäre für die ARD tödlich.

22.    Brutalstmögliche Entlineaisierung als Gegenmittel ist in dieser Form aber genauso gefährlich, denn die Konzentration auf Streaming zerstört den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Band, das den Laden Bundesrepublik zusammenhält. Ortlosigkeit und Zeitlosigkeit bei ständiger Verfügbarkeit liefert kein Gemeinschaftsgefühl mehr, sondern bewirkt Vereinzelung.

23.    Ausgerechnet ein Privatunterhalter wie Klaas Heufer-Umlauf hat den politischen Kern des Themas verstanden, wenn er sagt, dass man in einer Zeit, in der viele Zuschauer nur noch das sehen, was sie via Algorithmen mitbekommen sollen, im linearen Fernsehen manchmal noch Leuten etwas vorsetzen kann, die nicht damit gerechnet haben. Und genau das sei die große Stärke des normalen, des sogenannten alten Fernsehens.

24.    Die mit einem fetten finanziellen Nachschlag verbundene Atempause, die die Einführung der Haushaltsabgabe 2013 zur Folge hatte, wurde von der ARD nicht genutzt für eine grundlegende Anpassung an neue Gegebenheiten unter damals noch finanziell und politisch eher komfortablen Bedingungen, sondern missverstanden als Bestätigung der Bestands- und Entwicklungsgarantie. Es bedurfte einer fragwürdigen Intervention des BVerfG, um die Bundeseinheitlichkeit der Haushaltsabgabe zu retten. Den Intendanten dämmert allerdings inzwischen, dass sie 2025 nicht ein weiteres Mal mit einer höchstrichterlichen Gebührenerhöhung rechnen dürfen. Karlsruhe ist hier ultra vires gegangen. Es sollte sich im Interesse der Landtage selbst und der parlamentarischen Demokratie insgesamt nicht wiederholen.

25.    Der große Fußballsport ist für die ARD nicht mehr finanzierbar; das gleiche gilt wahrscheinlich für Olympia. Sich an dieser Stelle zu verkämpfen, anstatt sich den Tatsachen zu stellen, engt neben den ohnehin horrenden Fixkosten und Pensionslasten den Handlungsspielraum mehr und mehr ein und gefährdet so die Legitimität des öffentlich-rechtlichen Systems auf den wirklich wichtigen Feldern: Politik, Gesellschaft, Dokumentationen, Debatte, Kultur, Wissen. Fußball wird einschließlich der Weltmeisterschaften zur Pay-TV-Angelegenheit; im Moment erleben wir nur noch die letzten Zuckungen.

26.    Wenn es wirklich gut läuft, können ARD und ZDF einen gemeinsamen verschlüsselten Sportsender gründen. Zusatzbeitrag zum Beispiel für ein Standardpaket mit 1. und 2. Bundesliga: Fünf Euro. Diese Lizenz der Politik abzutrotzen, wird angesichts des Sturms der Entrüstung von Privatsenderseite sehr schwer, aber unmöglich ist es nicht im Rahmen eines schlüssigen Gesamtkonzeptes, zumal ein solcher Schritt ein oder zwei Gebührenerhöhungen entbehrlich machen könnte.

27.    Vorbei ist auch die Zeit, in der man bei der ARD glaubte, sich eine klare Abgrenzung zum ZDF, eine klare und öffentlich nachvollziehbare Aufgabenverteilung ersparen zu können. Die Forderung der Staatskanzlei von Sachsen-Anhalt, die ARD möge sich auf das Regionale konzentrieren, ist keineswegs abwegig oder gar unverschämt, sondern angesichts einer generellen Rückbesinnung auf Heimat und Identität sogar unabdingbar.

28.    Das Regionale ist politischer als je zuvor und verlangt nach einer journalistischen Aufarbeitung weit jenseits der zum Überdruss abgenudelten Heimatkitschserien á la „Hessens schönste Kuhställe“. Die Provinz hat den USA Donald Trump beschert und Großbritannien den Brexit. Die Provinz wird Deutschland noch größeren AfD-Einfluss bescheren, wenn man nichts aus diesen Ereignissen lernen will und die Landbevölkerung mit Herablassung behandelt. Fünf Minuten Erweiterung der „Tagesthemen“ können nicht die Lösung sein.

29.    Der „Tatort“ ist auch deshalb unverändert beliebt, weil er das föderale Prinzip lebt und Kiel mit Konstanz und Dresden mit Münster ideell verbindet und die dortigen Mentalitäten anschaulich und verständlich macht. Zeigte man den Hessen nur noch Frankfurter oder Wiesbadener „Tatorte“, wäre es damit vorbei. Bayern und Holsteiner sind mental mindestens so weit auseinander wie Flamen und Wallonen, aber die Deutschen gehen geschickter mit ihren Unterschieden um.
 
30.    Der in mehreren Spielfilm-Redaktionen mittlerweile übliche volkspädagogische Ansatz der Drehbücher hat aber schon wiederholt die „Tatort“-Quoten erodieren und hinter jene der „Polizeiruf 110“-Folgen fallen lassen. Linksgrüne Kammerspiele, deren Cast quotengerecht zusammengestellt wurde und deren Protagonisten nur noch erwartbare Floskeln von sich geben, mit Kriminalfilm aber nichts mehr zu tun haben, kommen gerade noch auf sechs Millionen Zuschauer.

31.    Dass Deutschland, entstanden einst aus einem bunten Sammelsurium evangelischer und katholischer Klein- und Kleinststaaten mit höchst unterschiedlichen Interessen, trotz aller Wirbelstürme der Geschichte eine Balkanisierung erspart geblieben ist, ist einem zwar oft belächelten, aber höchst erfolgreichen Proporzdenken zu verdanken – konfessionell, politisch und eben auch regional. Was natürlich nur funktionieren kann mit einem national agierenden Senderverbund.

32.    Insofern ist Medienpolitiker Rainer Robra spätestens dann zu widersprechen, sollte sein Plan auf eine Abschaffung der Arbeitsgemeinschaft, auf ein Zurückstutzen der ARD-Sender auf ihr jeweiliges Sendegebiet hinauslaufen. Der politische Preis wäre enorm; die Republik driftete noch weiter auseinander, als es zwischen West und Ost, teilweise (etwa in der Energiepolitik oder im Streit um den Länderfinanzausgleich) sogar zwischen Nord und Süd heute schon anhand feiner Bruchlinien erkennbar ist.

33.    Zu beobachten, wie die Produktionsabteilungen der ARD-Sender die phantastischen Möglichkeiten ignorieren, ja bekämpfen, die sich aus der Miniaturisierung, Verbilligung und Vereinfachung der Aufzeichnungs- und Sendetechnik ergeben, tut weh. Für den Gegenwert eines einzigen großen Ü-Wagens ließe sich die flächendeckende aktuelle Berichterstattung eines mittleren Bundeslandes technisch sicherstellen.

34.    Doch ehe man nicht nach den im Kern noch aus den 50er Jahren stammenden Parametern sendet, die zentimeterdicke Vorgabenhefte füllen, sendet man lieber überhaupt nicht. Damit läuft die ARD Gefahr, mit ihren technischen Vorgaben Antworten auf Fragen zu geben, die niemand mehr gestellt hat.

35.    Bis der Heimatsender berichtet, hat der U80-Zuschauer im Netz längst das siebte Update vom Ereignisort gesehen, kommentiert und geteilt. Um das zu ändern, müssten die Intendanten freilich zu einer Radikalreform ihrer Strukturen schreiten, die sie in einen schweren Konflikt mit Personalräten, Gewerkschaften und Besitzstandswahrern zwänge.

36.    Die Festangestellten könnten sich nicht mehr gegenseitig selbst verwalten, sondern liefen Gefahr, aus dem warmen Büro und ihrem sinnlosen, weil unproduktiven Dauerkonferenzmodus vertrieben zu werden und eine Kamera in die Hand gedrückt zu bekommen, um plötzlich Reporter zu sein: Rausgehen und nachgucken, was los ist. Livestream ins Funkhaus. Material aus eigener, vertrauenswürdiger Quelle, wofür der öffentlich-rechtliche Rundfunk ja stehen sollte. Kein Hexenwerk, kann man lernen, hat technisch jeder Zehnjährige heute drauf.

37.    Dass ARD und ZDF jeweils eigene Redaktionen und Produktionsapparate für „Morgenmagazin“ und „Mittagsmagazin“ vorhalten, die dann wochenweise abwechselnd ins Koma verfallen, weil dann der andere Sender dran ist, ist niemandem mehr zu erklären. Das war eine idiotische Idee vom ersten Tag an, die auch durch wolkige Hinweise auf Pluralitätserfordernisse nie zu rechtfertigen war. Alle vier Redaktionen unterscheiden sich in ihrer grundsätzlich von Zustimmung geprägten Herangehensweise an die jeweilige Regierung oder gesellschaftliche Entwicklungen, besser bekannt als von Minderheiten geprägter Zeitgeist, nicht einmal in Nuancen.

38.    Wenn das „Mittagsmagazin“ durchgehend vom ZDF in Berlin produziert wird, ohne dass der Sendebetrieb zusammenbricht, zeigt dies nur, wie groß der Korrekturbedarf auch auf diesem Feld ist.

39.    Die Dritten Programme der ARD sind in der vorhandenen Form nicht überlebensfähig und in dieser Form auch nicht sinnvoll. Streng genommen waren sie es noch nie, weil die Ressourcen für ein ernsthaftes 24-Stunden-Vollprogramm von Anfang an („Bildungsprogramme“) nicht ausreichten. Das weiß niemand besser als die Intendanten selbst, aber sie würden sich eher die Zunge abbeißen, als es zuzugeben. Und das, obwohl hier der Reformbedarf so klar auf der Hand liegt, dass hier Realitätsverleugnung vorliegt.

40.    Wenn der summierte Tagesanteil der Dritten über dem des Ersten liegt, ist das kein Widerspruch, sondern wirft vielmehr die Frage auf, warum das ZDF der ARD im Hauptprogramm immer weiter davonläuft – 2021 so weit wie noch nie –, was  im Ersten also ganz grundsätzlich schief geht.

41.    Ihre nun schon traditionelle Schockstarre im Verhältnis zu ihren strukturell defizitären Dritten hat noch eine weitere Konsequenz: Die Intendanten zucken regelmäßig zusammen, wenn sie nach einem beliebigen Großereignis, das sich jeder vorbereitenden Planung entzogen hat, weil es etwa von einem Attentäter ausgelöst wurde, der Forderung nach einem echten ARD-Nachrichtenkanal begegnen. Einen solchen zu gründen, sei Sache der Politik, heißt es dann stets.

42.    Dieser News-Channel ist nach der zuverlässig gruseligen Performance, die die ARD nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine, der Terrorserie von Paris, dem Putschversuch in der Türkei, dem Massenmord von Nizza oder dem Attentat auf den Berliner Weihnachtsmarkt zeigte, derart überfällig, dass man sich später fragen wird, warum seine Realisierung mit der Brechstange durchgesetzt werden musste – vorausgesetzt natürlich, die ARD überlebt ihr unentschuldbares Versäumnis und er entsteht irgendwann doch.

43.    Es gibt in den Führungsetagen der Anstalten keinen erkennbaren gestalterischen Willen. Strategieabteilungen sind sehr wohl vorhanden, aber ihre Arbeit hat vor allem die Bewahrung des Vorhandenen und die Abwehr des Konkurrierenden zum Gegenstand; Lob und Tadel der Beteiligten orientieren sich exakt an diesem Maßstab.

44.    Wer dem Senderchef etwa mit dem Gedanken kommt, Vorhandenes aufzugeben, weil es sich überlebt hat oder nicht bewährt oder gar – horribile dictu – etwas Anderes wichtiger wäre, um also im Gegenzug etwas Neues aufzubauen, macht sich des Hochverrats verdächtig, mindestens aber der Nestbeschmutzung. Diese Mikado-Mentalität ist sehr ausgeprägt.

45.    Alleine der Gedanke, man könnte der Politik mit Argumenten kommen, gar auf Überzeugung setzen, weil eine Reformidee für sich selbst sprechen könnte, gilt als geradezu irre. Für die Vorstellung, in der Auseinandersetzung mit den demokratisch legitimierten Politikern habe man es mit Pokerspielern zu tun, die keine Chance auslassen, falsch zu spielen und die Sender über den Tisch zu ziehen, gibt es aber – bisher jedenfalls – in der gesamten Geschichte der ARD-Anstalten keinen triftigen Beleg. Allerdings könnte sich dieses Zeitfenster irgendwann schließen.

46.    Unbedingt festhalten, was man hat, aber jederzeit schauen, ob die Großwetterlage vielleicht im geeigneten Moment doch noch die eine oder andere Ausweitung erlaubt, für die man aber nichts hergeben muss – diese Strategie hat sich bereits Ende der 90er Jahre mit der Gründung von Phoenix erschöpft.

47.    Dass die Rundfunkräte ihre Intendanten und Direktoren in dieser Haltung seit Jahr und Tag unverändert sogar noch bestätigen, als Motoren von Erneuerung und Verbesserung von Hamburg bis München komplett ausfallen und immer häufiger sogar an ihrer Kernaufgabe krachend scheitern, der Ermittlung und Wahl eines fähigen Intendanten, rundet das deprimierende Bild ab.

48.    Reaktionäre Rundfunkräte braucht kein Mensch; sie schwächen die öffentlich-rechtliche Idee an einer entscheidenden Stelle, anstatt sie zu stärken und wetterfest zu machen. Rundfunk ist Sache der Allgemeinheit und die Rundfunkräte die Vertreter eben dieser – aber wenn diese Allgemeinheit komplett desinteressiert ist daran, was die jeweiligen Rundfunkräte treiben, und deren wertvolle Pressetexte auf Textbausteinen bestehen, die zuletzt 1998 aktualisiert wurden, dann gibt es dafür einen Grund. In Berlin (RBB, Schlesinger) hat sich nun dramatisch gezeigt, wohin das führt und wie es einen eigentlich auskömmlich finanzierten Sender in Insolvenzgefahr bringen kann.

49.    Die politische Krise der BBC, die sich durch ein eklatantes Führungsversagen in eine Existenzkrise auszuwachsen drohte, wurde überwunden, weil die BBC zwar Politik und Zeitungen zum Gegner hatte, die Bevölkerung, also die Zuschauer und Zuhörer, aber zum –wie sich zeigen sollte: machtvollen – Verbündeten. Letztere erwiesen sich vorläufig als überlegen; nur mit ihrer Hilfe gelang es der BBC, den Angriff auf ihr finanzielles Fundament weitgehend abzuwehren und sich neu zu erfinden, ohne ihre Qualitätsstandards zu verraten.

50.    Außer Gefahr ist die BBC damit, wie sich zuletzt wiederholt zeigte, aber noch lange nicht. Sie muss täglich aufs Neue ihre Existenz- und Gebührenberechtigung beweisen und verteidigen; ihre Fehlerkultur hinkt diesem Anspruch stets ein wenig hinterher, was aber bei ARD und ZDF noch viel deutlicher der Fall ist.

51.    In Deutschland hatte sich nach 1950 eine eher gegenteilige Konstellation herausgebildet: SPD, CDU, später die Grünen, mit Abstrichen je nach Tagesform auch CSU und FDP hielten jahrzehntelang aus zum Teil durchaus eigensüchtigen Motiven ihre schützende Hand über ARD und ZDF, sodass eventuelle Vorbehalte, Proteste oder Entziehungsversuche der Bevölkerung wirkungslos blieben: Per Gebührenpflicht wurden und werden Hörer und Seher zu ihrem Glück gezwungen; wer sich dauerhaft verweigert, dem wird das Konto gepfändet; ersatzweise Haftantritt.

52.    Das ist eine andere Situation als in Großbritannien, die in Deutschland zur Folge hatte, dass die Loyalität des Publikums von den Intendanten als für die eigene Existenz nicht ganz so wichtig eingeschätzt wurde und wird wie die Loyalität der Politik. Das Schmähwort vom „Staatsfunk“ (oder „Staatssender“) hat hier seinen Ursprung – die Orientierung an den Interessen derjenigen, die über das eigene finanzielle Wohl entscheiden, blieb vom Publikum ungeachtet aller gegenteiligen Beteuerungen nicht unbemerkt.

53.    Eben diese Loyalität der Politik erodiert jedoch in einem Augenblick, in dem es den grundsätzlich ARD-freundlichen Parteien selbst an den Kragen geht und sie den Unmut eines – augenscheinlich wachsenden – Teils der Bevölkerung über Gebaren und Produktqualität der Sender nicht länger nonchalant ignorieren können. 

54.    Nichts wäre natürlich in dieser Lage – siehe BBC – wertvoller als die möglichst uneingeschränkte Loyalität der Bevölkerung. Doch daraus wird nichts. Vielmehr wurde sie in den zurückliegenden 25 Jahren schwächer. Das hat nur zu einem geringen Teil seine Ursache in der Digitalisierung und ihren Folgen, also in einer sagenhaften und von niemandem aufzuhaltenden Ausweitung des Programmangebots.

55.    Hauptgrund für eine fortschreitende und langsam gefährlich werdende Entfremdung zwischen ARD und Publikum sind vielmehr eigene und sehr gravierende inhaltliche Fehler, kumulierend in einer erstaunlichen Distanzlosigkeit gegenüber der deutschen Politik und ihren Irrtümern, wie sie nun als solche zu Tage treten.

56.    Bundeskanzler Kohl hätte es ohne die fast durchgehend sehr wohlwollende, mindestens aber harmlose und gerne geradezu bewundernde Berichterstattung und Kommentierung seines Lebensprojektes, der Europäischen Währungsunion, sehr viel schwerer gehabt, den Euro zwischen 1991 und 1998 gegen den Widerstand einer zu fast drei Vierteln skeptischen Bevölkerung durchzusetzen. Kritik an Umfang und Zeitplan des Euro wurde über Jahre unisono und auch mit Hilfe von ARD und ZDF als nationalistisch, europafeindlich und hinterwäldlerisch denunziert.

57.    Die aktuelle Lobhudelei zugunsten der Grünen bei gleichzeitiger Ausblendung der fatalen Folgen, die Robert Habecks vermeintliche Energiewende für die weniger Betuchten bereits hat und noch haben wird, schürt weitere Zweifel an der Urteilskraft der ARD-Journalisten.

58.    Euro, Einwanderung, Energiepolitik, Abwrackung der Autoindustrie – große Teile der Bevölkerung sehen ihre Vorbehalte weitgehend bestätigt, während Politik, Experten und Leitmedien, etwa wegen ihrer Europa-Seligkeit und der Positionierung von weltweiter Klimarettung als Staatsziel Nummer 1, an Glaubwürdigkeit einbüßten. Historisch hohe Inflationsraten werfen Fragen auf, nicht nur an die Adresse der dafür letztlich verantwortlichen Politik, sondern auch an ARD und ZDF, deren journalistische Weitsicht durch exorbitante Preissteigerungen dementiert wird. Zu glauben, die Entstehungsgeschichte des Euro in den 90ern sei beim Publikum in Vergessenheit geraten, wäre ein weiterer Fehler.

59.    Weitere Beispiele sind die Elitenprojekte „Energiewende“ mit ihrer beispiellosen Umverteilung von Unten nach Oben, Verdrängung des Diesel-Autos bei milliardenschwerer Förderung von E-Autos, „EU-Osterweiterung“, die speziell in den Großstädten unter anderem zur Verwahrlosung ganzer Stadtteile und einer krassen Zunahme der grenzüberschreitenden Kriminalität führte, und in jener unterschiedslosen Förderung unkontrollierter Einwanderung, welche die AfD ungeachtet ihrer strukturellen Politikunfähigkeit am Leben erhält, weil alle anderen Parteien sich taub zeigten und weiter zeigen für die Skepsis der einheimischen Bevölkerung.

60.    Bei keinem der oben genannten Megathemen fand und findet die Bevölkerung ihre Vorbehalte, ihre Fragen und ihre Sorgen ausreichend im ARD-Programm repräsentiert. Schon gar nicht fand sich jemand zu einem Eingeständnis bereit, etwa der Euro sei – mit Blick auf das Elend in Griechenland, die Krisen in Italien und in Spanien, den Dauerkonflikt mit Frankreich um die Politisierung der Währung und nun die höchste Inflation seit 70 Jahren – keineswegs das geniale Friedensprojekt, als der er jahrzehntelang der kleinen dummen unwissenden Bevölkerung gepriesen worden war. Die galoppierende Geldentwertung in Kombination mit einer handlungsunwilligen EZB lässt die schlimmsten Befürchtungen der Euro-Skeptiker wahr werden. Und sollte die Abschaltung von Atomkraftwerken tatsächlich zu einem großen Blackout führen, werden ARD und ZDF am Pranger stehen und die Bundesregierung vor dem Rücktritt.

61.    Keines der von Angela Merkel auf oft fragwürdiger Legitimationsbasis durchgesetzten Großprojekte wie Atomausstieg, Energiewende mit Moskau als heimlichem Sponsor oder Masseneinwanderung wurde von den programmprägenden ARD-Journalisten vor und hinter der Kamera ernsthaft in Frage gestellt. Diese fungierten vielmehr als zuverlässige Hilfstruppen, wenn es darum ging, gegen „Populismus“ anzusenden oder die jüngsten angeblichen Integrationserfolge in den höchsten Tönen mit einfühlsamen Reportagen zu loben, während Mordanschläge verrohter Neubürger als regionales Ereignis abgetan und von der „Tagesschau“, wo immer möglich, ferngehalten wurden, was niemand anderes besorgte als der nächste ARD-Vorsitzende Kai Gniffke.

62.    Die Diskrepanz zwischen Lebenswirklichkeit und Sendungswirklichkeit führte zu einem Vertrauensverlust, der sich nur durch eine durchgreifende Rückbesinnung auf journalistische Kriterien heilen lässt, die nicht die mutmaßliche politische Wirkung einer Nachricht kalkulieren, sondern die Relevanz des Ereignisses in den Augen der eigenen Zielgruppen. Journalismus anstelle von Aktivismus ist der Schlüssel zur Behebung vieler Probleme dieser ARD.

63.    Natürlich müssen die Relevanzkriterien eines „Tagesschau“-Redakteurs nicht identisch sein mit denen eines Rentners in Kandel. Das hätte groteske Folgen. Aber sie müssen für den Rentner noch mit gutem Willen nachvollziehbar sein. Nimmt der pädagogische Impetus des Redakteurs aber überhand, verbindet sich gar mit Motiven, die eher einen Aktivisten als einen Journalisten vermuten lassen, dann kommt es zum Bruch. Schaut man sich unter diesem Aspekt Formate an wie „Funk“, muss man alle Hoffnung fahren lassen. Das ist linksgrünes Appeasement der Extraklasse, in der abweichende Meinungen und Fragen nicht den Hauch einer Chance haben.

64.    Das Verhältnis zwischen Input (Geld und Personalaufwand) und Output (Programm) ist im Laufe der Jahrzehnte immer schlechter geworden und inzwischen hochkritisch. Redakteure und erst recht die freien Mitarbeiter fragen sich schon lange, wo eigentlich die ganze Kohle bleibt, wenn sie wieder einmal mit ihrem Verlangen gescheitert sind, eine journalistisch wichtige Dienstreise genehmigt zu bekommen oder eine Sondersendung anzusetzen. Selbst direkt programmrelevante Kleinigkeiten scheitern inzwischen an angeblichem Geldmangel.

65.    Dass große, zeitkritische Dokumentationen oder Fernsehspiele wie „Bad Banks“, „Charité“, „Gladbeck“ oder „Babylon Berlin“ ohne umfangreiche staatliche und privatkonzernmäßige Unterstützung, harmlos „Fördertöpfe“ und „Kooperationen“ genannt, gar nicht mehr denkbar sind, ist ein untragbarer Zustand. Die einflussreichste Intendantin Deutschlands hieß in den vergangenen Jahren nicht etwa Karola Wille oder Patricia Schlesinger, sondern Monika Grütters – Kulturstaatsministerin mit Sitz im Kanzleramt, eine Etage oberhalb von Angela Merkel, und einem Etat von mittlerweile zwei Milliarden Euro. Claudia Roth wird diesen Staatseinfluss noch auszubauen versuchen. Zu glauben, dies könne ohne Folgen für Programminhalte und Glaubwürdigkeit bleiben, wäre hoffnungslos naiv.

66.    Die ARD braucht also nicht lauter unterfinanzierte Dritte, schon gar nicht braucht sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit werkelnde „Tagesschau“-, Kultur-, Bildungs- und Nischenkanäle, die nur Insidern ein Begriff sind – sie braucht endlich einen ernstzunehmenden, schnellen, professionellen, mit modernsten – und zugleich in der Regel billigen – Geräten ausgestatteten Nachrichtenkanal, auf den rund um die Uhr Verlass ist.

67.    Unausgesprochen steht längst die Frage im Raum, ob man es mit der Zusammenarbeit zwischen ARD und ZDF nicht übertrieben hat, weil darunter die Sinnhaftigkeit der Unterhaltung zweier riesiger Apparate notwendig leiden musste. Inzwischen lässt sich für diesen Aufwand ja nicht einmal mehr das noch im 20. Jahrhundert so beliebte Muster als Rechtfertigung heranziehen, die ARD sei eher evangelisch und SPD-nah, das ZDF eher katholisch und CDU-nah. In ihrer Herangehensweise an politische und gesellschaftliche Themen unterscheiden sich die Senderfamilien nicht einmal mehr in Nuancen. Experten mögen noch handwerkliche Details identifizieren – allerdings keineswegs immer zugunsten der ARD.

68.    Wenn bereits den Medienexperten in CDU-geführten Staatskanzleien der Markenkern der ARD nicht länger einleuchtet, ist dies ein Warnzeichen. Schon aus diesem Grund sollte ein waschechter öffentlich-rechtlicher Nachrichtenkanal eine waschechte ARD-Veranstaltung sein, allenfalls – siehe unten – mit Phoenix als Zulieferer. Ohnehin würde das ZDF versuchen, umgehend mit einem eigenen Newschannel nachzuziehen. Die ARD wäre allerdings sehr gut beraten, hier einmal schneller zu sein als das ZDF.

69.    „ARD aktuell“ hat in den vergangenen Jahren immer wieder bewiesen, dass es mit der Funktion als Nukleus eines Nachrichtenkanals überfordert ist, was zunächst niemandem vorzuwerfen war, denn dafür wurde die Abteilung nicht konstruiert. „Tagesschau“-Sonderausgaben werden speziell vom jüngeren Publikum nicht länger als Ersatz und Lückenbüßer akzeptiert, wenn es irgendwo richtig geknallt hat. Dazu sind die Online-Medien längst viel zu schnell.

70.    Dieser Entwicklung weiterhin mit verschränkten Armen zuzuschauen und – darauf angesprochen – achselzuckend auf „die Politik“ zu verweisen, kann sich die ARD schlicht nicht leisten. Dass sie es trotzdem seit Jahren tut, ist in seinen Folgen bald kaum noch zu reparieren. Wenn reihenweise prominente Gesichter zu den Privatsendern abhauen, was nicht nur am Gehalt liegen kann, wäre eine gewisse Nachdenklichkeit ebenfalls langsam am Platze.

71.    Phoenix ist als Nachrichtensender weder gedacht noch geeignet und was tagesschau24 eigentlich sein soll, weiß man nicht einmal beim NDR selbst. Phoenix sollte in ARD24 aufgehen und jene Sendestrecken füllen, in denen aktuell wenig passiert, sowie weiterhin die Übertragung von politisch oder gesellschaftlich wichtigen Live-Ereignissen gewährleisten.

72.    Auch in diesen Live-Strecken muss jedoch jederzeit gewährleistet werden, dass sie zugunsten relevanter aktueller Ereignisse unterbrochen werden können. Der Zuschauer muss die Gewissheit haben, dass er nirgendwo schneller und präziser als auf ARD24 unterrichtet wird, wenn auf seinem Smartphone eine – auch nach Meinung von ARD24 relevante – Eilmeldung hochpoppt.

73.    Technisch ist es ohnehin aus aktuellem Anlass kein Problem mehr, notfalls die von Phoenix bereitgestellte Ereignisübertragung online separat bereitzustellen, falls sich jemand partout einen achtstündigen SPD-Parteitag oder eine 14-stündige Bundestagssitzung mit 23 Teilnehmern im Plenarsaal unterbrechungsfrei reinziehen will.

74.    Alternativ ist zu überlegen, ob man Phoenix – sofern sich das ZDF das zutraut – ganz in die Hände des ZDF gibt, verbunden mit einem Vertrag als wichtiger Zulieferer. Im Gegenzug könnte man überlegen, ob man dem ZDF vertraglich Zugriff auf die eigenen Produktionen von ARD24 gewährleistet, die es live übernehmen darf, bis es mit eigenen Mitteln und aus eigenen Quellen berichten kann. Die Zuschauer blieben dann ohnehin bei ARD24.

75.    Inwieweit ARD24 und Phoenix allerdings wirklich nebeneinander sinnvoll als Vollprogramme koexistieren könnten und sollten, wäre gründlich zu beraten – natürlich auch im Hinblick auf die Kosten. Der Jahresetat von 37 Millionen Euro wirkt allerdings alles andere als übertrieben. Phoenix arbeitet kostengünstig.

76.    Das stündliche Nachrichtenkorsett von ARD24 sollte so knapp wie möglich gehalten werden, zugeliefert von „ARD aktuell“ nach speziellen Vorgaben.

77.    Die für eine authentische Live-Coverage notwendige Hardware ist in den vergangenen zehn Jahren derart billig geworden, dass die für einen ununterbrochenen Sende- und Übertragungsbetrieb erforderlichen Investitionen kein echtes Hindernis mehr darstellen.

78.    Bereits mit einem Grundkapital von 50 Millionen Euro sowie einem Jahresetat von 100 Millionen ließe sich dieses Projekt realisieren, vorausgesetzt, ein Sender hat die alleinige Federführung und der Chef von ARD24 bekommt freie Hand bei der Auswahl und Führung von Technik und Personal bei weitgehendem Kleinstaaterei-, Arbeitsgruppen-, Kommissions-, Dauerkonferier- und Von-Draußen-Reinlaber-Verbot.

79.    Ein Jahresetat von 100 Millionen Euro entspräche weniger als einem Achtzigstel der jährlichen Gesamteinnahmen von ARD und ZDF. Bevor ein Intendant sagt, dieser Betrag sei ohne Gebührenerhöhung „nicht darstellbar“, sollte er kurz innehalten und überlegen, ob ein solcher Satz wirklich eine gute Idee ist. Die Entlastung um teure internationale und nationale Sportrechte durch Gründung – siehe oben – eines ARD-ZDF-Pay-TV-Sportkanals stellte bereits einen Großteil der Refinanzierung dar.

80.    Hinz und Kunz gehen inzwischen mit ihren Smartphones von jedem beliebigen Ort der Welt aus komplett ungefiltert live auf Sendung. Die Ereignisberichterstattung – speziell jene von Katastrophen, Unglücken, Anschlägen, Boulevard-Themen aller Art – befindet sich in einer epochalen Umwälzung. Wenn die großen Sender darauf keine Antwort finden – und zwar schnell und nicht erst in fünf Jahren –, bricht ihnen ihr Kerngeschäft weg. Was aber erst einmal weg ist, kommt nicht wieder.

81.    Als Prinzip von ARD24 sollte gelten: Aus Deutschland wird mit eigenen Mitteln und Reportern berichtet, denen die übrigen ARD-Anstalten jeweils zwei oder drei Büros an ihren Standorten zur Verfügung stellen, von denen eines auch als multimediales Studio fungiert, idealerweise neben den örtlichen Kollegen von ARD aktuell. Im Ausland stehen die Korrespondenten zur Verfügung.

82.    Natürlich muss dieser News-Kanal so zentral angesiedelt werden wie möglich. Auf der Hand liegt als Zentrale das HR-Studio Kassel in der Mitte Deutschlands am Schnittpunkt der wichtigsten Nord-Süd- und Ost-West-Autobahnen A7 und A4.

83.    ARD24 bezieht darüber hinaus fünf Büros im ARD-Hauptstadtstudio, von denen zwei ohne großen Aufwand als Live-Studios ausgerüstet werden.

84.    Wenn die Redaktion einen Hubschrauber braucht, weil in Kleinkleckersdorf fernab jeder Autobahn eine Kohlengrube oder ein Tanklastzug explodiert ist, ganze Landstriche unter Wasser stehen oder ein Wahnsinniger einen Politiker angegriffen hat, dann nimmt sie den Hubschrauber, der rund um die Uhr vor der Tür steht. Wie Bild am 15. Juli 2021 ARD und ZDF gnadenlos vorgeführt hat mit ganztägigen Live-Bildern von oben aus dem Ahrteil, sollte als Lektion eigentlich genügt haben. Irgendwann nachmittags kam dann die ARD auf die gleiche Idee, aber man mag sich nicht vorstellen, wieviel Abstimmungs- und Genehmigungsbedarf dem vorangegangen ist.

85.    Der erfolgreichste Newschannel wird derjenige sein, der es am geschicktesten versteht, die Zeit bis zum Eintreffen des eigenen Reporters durch die Nutzung von Amateurquellen zu überbrücken.

86.    Ziel muss es sein, zwei Jahre nach der Gründung von ARD24 in jeder der 106 deutschen Kreisstädte einen ausgebildeten Journalisten zu haben, der bei Bedarf innerhalb einer Stunde vom Ereignisort live in Bild und Ton berichten kann, wobei als Übertragungsweg Mobilfunk zunächst absolut ausreicht. Das dafür notwendige Equipment inklusive HD-Kamera und Reportermikrofon kostet pro freiberuflichem Reporter derzeit noch 4.500 Euro.

87.    Wichtig sind Tempo, Authentizität, Verlässlichkeit. Diese 106 Mitarbeiter bildet ARD24 im Hinblick auf seine besonderen technischen und formalen Ansprüche zentral selbst aus und hält sie anschließend mit einer fairen Monatspauschale von 500 Euro als Frei- oder Nebenberufler bei der Stange und in Bereitschaft. Gehen sie auf Sendung, live oder mit einem Beitrag, wird dies für jeden Einzelfall gesondert bezahlt. Sie sichern die aktuelle Berichterstattung, bis im Bedarfsfall aus dem nächsten Studio oder Funkhaus technische und personelle Unterstützung kommt.
 
88.    Bei der Nutzung von Amateurquellen ungewisser Provenienz die Spreu vom Weizen immer wieder aufs Neue zu trennen, und zwar innerhalb weniger Minuten, entwickelte sich zu einer eigenen journalistischen Kunstform, die herbe Fehler, böse Blamagen und großartige Chancen zugleich bereithält.

89.    Oberste Priorität in der Philosophie von ARD24 muss die Schaffung und Nutzung eigener Quellen haben. Diesem Ziel haben sich alle Strukturen und Methoden unterzuordnen. Die Gründe dafür liegen in Zeiten globaler Desinformation, die einhergeht mit einer Delegitimation öffentlich-rechtlicher Medien weltweit, auf der Hand.

90.    Eine Fusion von ARD und ZDF ist in dieser Lage weder notwendig noch sinnvoll. Die beteiligten Anstalten paralysierten sich vielmehr für zehn Jahre gegenseitig und fielen aus für ihre eigentliche Aufgabe. Übrig bliebe ein Monolith, ein Fremdkörper ohne Verankerung in der Region. Das kann sich Deutschland weniger denn je leisten. Wenn das ZDF in diesem Reformpapier nur eine Nebenrolle spielt, dann deshalb, weil es am ehesten in der Lage sein wird, selbst zurecht zu kommen, und es alle Landtage hinter sich wissen kann. Die ARD-Anstalten, gerade die kleinen und mittleren, sind deutlich verletzlicher.    

Stand: 01. Dezember 2022