Geschenkideen der Redaktion zu Weihnachten - Bücher fürs Fest

Anreize zum Lesen gab es 2020 mehr als genug. Die „Cicero“-Redaktion hat daher einmal geschaut, welche Bücher sie dieses Jahr besonders beeindruckt haben. Sieben Empfehlungen für spätentschlossene Weihnachtseinkäufer.

kultur/literatur-lesetipps-weihnachten-geschenke-buecher
2020 wird ein etwas anderes Weihnachtsfest / dpa

Autoreninfo

Hier finden Sie Nachrichten und Berichte der Print- und Onlineredaktion zu außergewöhnlichen Ereignissen.

So erreichen Sie Cicero-Redaktion:

Cicero im Januar

Grenzenlos Europäisch

wertheimer-europaAm Ausgang eines Jahres, an dessen Ende die Europäische Union endgültig eines seiner wichtigsten Mitglieder verliert, nominiere ich Jürgen Wertheimers Werk zu Europa und zur Geschichte seiner Kulturen zum Buch des Jahres.

Mit Büchern ist es wie mit der Lektüre von Zeitungen und Magazinen: Sie ist nicht nur dazu da, seine eigenen Ansichten gespiegelt zu bekommen. Debatte fängt bei zwei Meinungen an, und Wertheimer hat so manche, die völlig konträr zu jener des Autors stehen. Seine politischen Passagen, die er optisch abgesetzt immer wieder einstreut in sein gewaltiges Werk der Ideen- und Kulturgeschichte, sind getränkt und geleitet von der No-Borders-Fiktion. Mehr noch: Wertheimer versteigt sich in Thesen wie jene, dass es erst Grenzen seien, die Migration möglich machten. 

Darüber kann man trefflich und lange streiten. Aber unbestreitbar ist, dass der Komparatist Wertheimer hier ein epochales Oeuvre vorlegt, in dem es ihm gelingt, die vielen kleinen Mosaiksteinchen Europas über die Jahrtausende so zusammenzusetzen, dass bei etwas Abstand des Betrachters ein stimmiges Bild dabei herauskommt. Das ist eine ganz große Leistung und dieses Buch deshalb mein Buch des Jahres 2020.

Christoph Schwennicke

Jürgen Wertheimer: Europa - eine Geschichte seiner Kulturen, 448 Seiten, 26 Euro, Penguin Verlag, München 2020.

 

Kampf um Rom

magnis-gefallene-ritter2017 wurde zum ersten Mal in der fast tausendjährigen Geschichte des Malteserordens dessen Großmeister Matthew Festing vom Papst persönlich aus dem Amt kommandiert – ein ungeheurer Affront mit schier unglaublicher Vorgeschichte. Und eine Begebenheit, die damals in der Öffentlichkeit erstaunlicherweise keine allzu große Beachtung gefunden hat. Denn tatsächlich sind die Malteser trotz ihres caritativen Engagements in aller Welt eine äußerst elitäre und intransparente Organisation, die insbesondere vom katholischen Hochadel geprägt ist. Constantin Magnis, der frühere Cicero-Reporter, kennt dieses Milieu aus eigener Erfahrung:

Sein Vater war einst Ordensritter, und er selbst hat an vielen der traditionellen Malteser-Wallfahrten nach Lourdes teilgenommen. Deswegen bietet Magnis mit seinem soeben erschienenen Buch „Gefallene Ritter: Malteserorden und Vatikan“ einen seltenen Einblick hinter die Kulissen dieser Ordenswelt mit ihrem teils skurril anmutenden Personal, das vom verschrobenen britischen Landadeligen bis hin zum ebenso charmanten wie gewieften libanesischen Geschäftsmann reicht. Es geht um Intrigen und Religiosität, um Geld genauso wie um aufrichtige Barmherzigkeit – und vor allem um einen knallharten Machtkampf des Ordens mit dem Vatikan.

Nicht zuletzt spielt auch der geheimnisumwitterte „Circolo della Caccia“ eine Rolle – jener römische Aristokraten-Club, von dem aus schon seit jeher die politischen Geschicke Italiens entscheidend mitgeprägt werden. Ich habe „Gefallene Ritter“ an einem einzigen Abend regelrecht verschlungen.

Alexander Marguier

Constantin Magnis: Gefallene Ritter. Malteserorden und Vatikan. 304 Seiten. 24 Euro. HarperCollins. Hamburg 2020.

 

Seuche und Sinnlichkeit

Jürgen Wertheimer

Sie hatten genug: Genug Tote, genug Maßnahmen, genug Gerüchte. Selbst der radikalste Lockdown schien sich nicht zu verfangen: „Gegen dieses Übel half keine Klugheit oder Vorkehrung, obgleich man es daran nicht fehlen und die Stadt durch eigens dazu ernannte Beamte von allem Unrat reinigen ließ, auch jedem Kranken den Eintritt verwehrte und manchen Ratschlag über die Bewahrung der Gesundheit erteilte“, heißt es in der Einleitung von Giovanni Boccaccios Novellen-Sammlung „Il Dekamerone“. Angesiedelt sind die hundert Geschichten im Jahr 1348 im Umland von Florenz. Während in der Stadt selbst die Pest wütet und „kein Arzt noch Arznei förderlich“ ist, den Schwarzen Tod zu bändigen, üben sich die einen in medizinisch gebotener Mäßigung – Abstand, Home Office, das ganze Programm – , die anderen wiederum geben sich einer Art spätmittelalterlicher Pest-Party hin, die sich möglichst dadurch auszeichnet „viel zu trinken, gut zu leben, mit Gesang und Scherz umherzugehen.“

Doch so oder so, es half nichts. Die Schilderungen der Pest, die Boccaccio ein Jahr später niederschrieb, sind derart verstörend, dass sie uns Heutige noch immer ein realistisches Bild von der epidemischen Lage am Ende des Mittelalters geben können. In dieser Gemengelage also versammeln sich im nahegelegenen Fiesole sieben Frauen und drei Männer, die genug haben vom Todestaumel, Bußpredigten und der Allmacht der Angst unten in der Stadt. Zehn Tage lang und zehn Nächste erzählen sie sich nun auf einem Landgut die ausschweifendsten und lüsternsten Geschichten, die ihnen ihre Phantasie darbieten will. Ehe und Ehebruch, Wollust und Fresssucht, Tanz und Eros. Was immer das Leben an Sinnlichkeit bereithält, wird bei Boccaccio gegen das Grauen aufgefahren.

Denn am Ende, so die Einsicht, die „Il Decamerone“ als eines der ersten Zeugnisse der Renaissance darbietet, zählt nur dieses Leben. Es zu verteidigen gegen menschliche Machbarkeitswahn auf der einen und unnütze Panikmache auf der anderen Seite, das ist die Botschaft, die tief in den hundert kleinen Novellen schlummert. Wiederlesen lohnt sich also – besonders wenn man dieser Tage das menschliche Maß nicht aus den Augen verlieren will.

Ralf Hanselle

Giovanni Boccaccio: Das Decameron. Mit den Holzschnitten der venezianischen Ausgabe von 1492. Übers., komm. und Nachw. von Peter Brockmeier. 1070 Seiten. 28 Euro. Reclam Verlag. Stuttgart 2016.

 

Ungleich unter Gleichen

Deniz OhdeEigentlich hat man solche Geschichten zur Genüge gelesen: Die Erzählerin kommt zurück in ihre Heimatstadt und erlebt ihr Heranwachsen in Rückblicken noch einmal neu. Und dann noch verbunden mit dem derzeitigen Modethema Migrationshintergrund, das aus jedem Buch der Gegenwartsliteratur zu triefen scheint. Doch wenn man Deniz Ohdes Buch als politische Literatur, als noch so ein Betroffenheitsroman abtäte, würde man der Autorin und ihrem knapp 300-seitigen Debüt Unrecht tun. Es hebt sich schon durch seine dichte Sprache ab, durch die Versessenheit, alles ins kleinste Detail zu beschreiben, eine Versessenheit, die mehr über die Ich-Erzählerin aussagt als über die beschriebenen Dinge und Situationen. Es ist eine Sprachmanie, die sich eine Migrantentochter angewöhnt hat, der es einerseits an Materiellem mangelt und für die andererseits Sprache das einzige Mittel ist, um sich Geltung zu verschaffen. Ein Zwang, der dem Autor dieser Zeilen, der einen ganz ähnlichen Migrationshintergrund hat, nicht unbekannt ist.

„Streulicht“ von Deniz Ohde zeigt die eigentlich einzige Möglichkeit, dem „Biodeutschen“ zu schildern, wie es sich anfühlt, in einer Gesellschaft aufzuwachsen, die einen zwar formal gleichstellt, aber dennoch oft genug als Person zweiter Klasse behandelt, weil man einen vermeintlich exotischen Namen hat und Kind eines Arbeiters ist. Diese Momente der verdeckten Demütigungen legt Ohde mit ihrer präzisen Sprache eindrucksvoll offen, ohne Anklage, ohne Imperativ, ohne Aufschrei. Man wünschte, die Debatten über Rassismus und Klassismus des zu Ende gehenden Jahres wären auf so einem Niveau geführt worden.

Marko Northe

Deniz Ohde: Streulicht. Roman. 284 Seiten. 22 Euro. Suhrkamp Verlag. Berlin 2020.

 

Die Schwedenversteher

Deniz OhdeIn diesem Jahr wurde ein neuer Typus Mensch geboren: der Schwedenversteher. Analog zum „Russlandversteher“ versucht er zu erklären, warum die Schweden eben anders sind – und deshalb auch in der Corona-Krise ihren eigenen Weg gegangen sind. Dass die Schweden sich wirklich maßgeblich von den Deutschen, aber auch von den skandinavischen Nachbarn unterscheiden, belegen die beiden Autoren von „Ist der Schwede ein Mensch?“ überzeugend.

Henrik Berggren, Kulturchef bei Dagens Nyheter und der Historiker Lars Trägårdh erklären unter Bezugnahme auf zentrale Werke der schwedischen Literatur, wichtige politische Wegmarken und historische Besonderheiten, wie über die letzten 200 Jahre der „Staatsindividualismus“ entstanden ist, der die schwedische Gesellschaft heute prägt. Kleines amuse-gueule: Vom „schwedischen Weg“ war schon vor 100 Jahren die Rede.

Moritz Gathman

Henrik Berggren und Lars Trägårdh: Ist der Schwede ein Mensch? Was wir von unseren nordischen Nachbarn lernen können und wo wir uns in ihnen täuschen. btb Verlag. 560 Seiten. 24,99 Euro. Frankfurt 2016.

 

Die Mörderin ist immer die Nanny

Dann schlaf auch DuEs gibt Bücher die ziehen den Leser mit dem ersten Satz in ihren Bann. Man kann nicht aufhören zu lesen. Und wenn man es wieder zuklappt, ist der Film im Kopf noch nicht zu Ende. Er fängt erst an. „Dann schlaf auch du“ von Leila Slimani ist so ein Roman. Es ist ein Albtraum zwischen zwei Buchdeckeln. Am Ende sind zwei Kinder tot und die Mörderin liegt nach einem missglückten Selbstmordversuch im Koma. Es ist Louise, die geliebte Nanny der Familie. 

Wie aus dieser Frau eine Mörderin wurde, das erzählt Leila Slimani in einer so nüchternen und klaren Sprache, dass man eine Gänsehaut bekommt. Ein „dunkles Märchen für Erwachsene“ hat die französische Bestsellerautorin ihren zweiten Roman genannt. Es ist ein harmloses Etikett für eine Geschichte, die die Wucht einer antiken Tragödie entfaltet. Slimani spielt virtuos mit dem schlechten Gewissen und der Angst, die viele Eltern plagen, die ihr Kind in fremde Obhut geben, während sie sich beruflich selbstverwirklichen. Ihre Botschaft ist ebenso schlicht wie eindringlich: „Trau nie einer Babysitterin!“

Antje Hildebrandt

Leila Slimani . Dann schlaf auch du. 232 Seiten. 10 Euro.  Luchterhand Verlag. München 2017.

 

Auch vor Corona war schon Chaos

DeliusAls ich das Buch bei meiner über 90-jährigen Großtante in Travemünde auf dem Wohnzimmertisch liegen sah, dachte ich zuerst: Was ist das denn nun für ein Unsinn? Der Titel „Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich“, löste eine Art ideologische Abwehr in mir aus. Weil ich weiß, dass viele Menschen aus China und aus Asien bei uns mit Rassismus zu kämpfen haben, dachte ich zuerst: Wie die sich wohl fühlen, wenn man ihnen jetzt auch noch unterstellt, sie wollten sich den Kreidefelsen unter den Nagel reißen? Doch dann begann ich trotzdem darin zu lesen und ich konnte nicht mehr aufhören, und meine ersten Lektionen waren diese: Vergiss die Schubladen! Hör niemals auf zu lesen! Und hör niemals auf, ins Gespräch zu kommen!

Denn was ich entdeckte war ein Buch, das ohne Angst geschrieben ist. Aus der Sicht eines zwangsweise in den Vorruhestand versetzten Berliner Wirtschaftsjournalisten mit dem Spitznamen „Kassandra“ geschrieben, weist das Buch seinen Lesern den Weg, wie die Entscheidungen unserer aktuellen Regierung unter Angela Merkel zu hinterfragen sind. Dass die Handlung vor Corona spielt, ist dabei nicht nur wohltuend, sondern schärft den Blick für alle die Dinge, die wir schon längst wieder vergessen haben. Ach ja, die „Griechenland-Rettung“. Stimmt, da war ja was. Aber wie war das eigentlich? Ein vernünftige Einwanderungspolitik? Ach ja, die gab es ja auch schon vor 2015 nicht, weil nicht erwünscht. Und China? Ja, es dürfte die Leerstelle der deutschen Außenpolitik in den vergangenen zwei Jahrzehnten überhaupt sein.

Schonungslos beschreibt „Kassandra“, wie insbesondere die Kritik von links an der Regierung Merkel nahezu komplett verstummt zu sein scheint. Wozu das inzwischen geführt hat, hätte sich wohl niemand träumen lassen. Weil der Druck von rechts so groß ist, traut sich links erst recht nichts mehr. Es ist ein Buch, das nach Corona unbedingt eine Fortsetzung bräuchte.

Bastian Brauns

Friedrich Christian Delius: Wenn die Chinesen Rügen kaufen, denkt an mich. 256 Seiten. 20 Euro. Rowohlt Berlin. Berlin 2019.

Lisa Werle | Fr, 18. Dezember 2020 - 14:35

Meine Leidenschaft, meine Schwäche, eine Stärke - und deshalb sitzt da immer ein Stoss noch Ungelesener. Und der bekommt jetzt Gesellschaft von zwei neuen Büchern aus Ihren Empfehlungen. Mein Geschenk an mich. Danke, mehr davon, schöne Weihnachten.

Christa Wallau | Fr, 18. Dezember 2020 - 16:35

Aber der Tag hat leider nur 24 Stunden, und es muß immer so schecklich viel Anderes erledigt werden.
Da bleibt mir zum Lesen oft nur das Bett. Und meist übermannt mich der Schlaf allzu rasch.
Dennoch: Ohne Lesen von Büchern, Zeitungen, Zeitschriften usw. u n d auch ohne Selber-Schreiben wäre mein Leben geistlos. Hoch lebe die Sprache!!!

Ich werde ganz sicher wieder einmal ins "Decameron" schauen und mir das Buch von Leila Slimani kaufen.
Danke für die Ratschläge, liebe Cicero-Redakteure!

Liebe Frau Wallau,
ja, vierundzwanzig Stunden am Tag sind einfach zu wenig. Mit diesem Empfinden
stoßen Sie bei Gottfried Wilhelm Leibniz auf großes Verständnis. Sie befinden sich
in bester Gesellschaft! Er hatte eine tolle Idee. Seine Schlafstunden abgezogen, dem Tag hinzugefügt, verlängerte sich dieser automatisch.

Lesen, lesen immer wieder lesen. Ein wunderbares Gefühl, ein gebundenes Buch der Hand zu fühlen. Manche lese ich mehrmals. Immer wieder entdecke ich Passagen, die mir neu sind. Vorherige Passagen überlese ich. Eine Erkenntnis meiner eigenen Veränderung.

Ihren Kommentar, liebe Frau Wallau, finde ich sehr schön. Augenblicklich genieße ich in der staden Zeit erneut Lion Feuchtwangers "Erfolg". Fantastisch!

Nun wünsche Ihnen noch einen schönen vierten Leseadventssontagen.
MfG

P.S. Allerdings eine Beanstandung: Es heißt nicht mehr über-m a n nt, es heißt
feministisch über-f r a u t

gabriele bondzio | Fr, 18. Dezember 2020 - 18:18

klingt ganz nach meinem Geschmack, Bücher über geschichtliche Ereignisse mit Blicken hinter die Kulissen der Machtausübung, Intrigen und sonstige Verstrickungen, sind hoch-interessant!
Auch die Inhaltsangabe von "Auch vor Corona war schon Chaos" könnte mich interessieren.
Das Weihnachtsprogramm wird wohl die ollen Kamellen (Sissi usw.)zum x-mal auftischen.

"Ein Haus ohne Bücher ist arm, auch wenn schöne Teppiche seinen Böden und kostbare Tapeten und Bilder die Wände bedecken." (Hermann Hesse)

Hallo Frau Bondzio!

Kennen Sie "arme Ritter", diese in Öl gebackenen alten Weißbrotscheiben?
Mit Kräuterbutter oder Tsatsiki ein Hochgenuss!
„snit denne aht snitten arme ritter und backe die in smalze niht zu trüge.“
Das Buch der "Guhte Speisen" aus dem 14. Jhd; leider besitze ich es nicht!

Rittertum, Orden etc. war einmal mein Steckenpferd; als Kind nannte ich 2 edle Ritterburgen mein eigen!
Nun ja, man verändert sich - jedoch hat jede zeit ihr Gutes, nicht wahr?
Manches ist gar zeitlos gut!

Nein, aus der CICERO-Liste werde ich kein Buch kaufen; ich habe noch so einige Bücher "auf Vorrat" sowie "Repetitorien".
Hermann Hesse? - Klasse!
Einer "unserer" 4 Literaturnobelpreisträger.

In der Schule las man diese Reclam-Heftchen, das war oft nervig. Im Deutsch-GK-Abi schrieb ich just, was die Prüfer lesen wollten, 11 Punkte.
Stifters Bergkristall - OHA!
Schiller & Lessing waren, sind klasse!
In Abwandlung von Loriot:
"Ein Leben ohne Bücher (Mops) ist möglich, aber sinnlos!"
Alles Gute!