Freiheit und Verbote - Unterm Joch der Zwangsbeglücker

Wer die Freiheit liebt, hat zunehmend schwer. Denn von allen Seiten wird uns die Verpflichtung zu einem angeblich vernünftigen Lebensstil aufgedrückt. Diese Einstellung ist Symptom einer alternden Gesellschaft und hat gravierende Folgen

Ein geschmolzener Schokoladenweihnachtsmann
Kräftige Bisse in den Schokoladenweihnachtsmann sind für Verbotsfetischisten kein gesundes Fressen / picture alliance

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“. Im Oktober erscheint sein Essay „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer“ bei zu Klampen.

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Alexander Grau

Vergangenes Jahr traf es die Strohhalme und das Einweggeschirr. Dann folgten innerstädtische Fahrverbote für Dieselfahrzeuge. Auch der Zucker in Fertigprodukten geriet ins Visier staatlicher Fürsorgewut. Die Deutsche Umwelthilfe würde gerne ein allgemeines Tempolimit auf deutschen Autobahnen durchsetzen. Und wenn die Schlagzeilen und Kommentare der vergangenen Woche nicht trügen, wird das Silvesterfeuerwerk bald das nächste Opfer aller Verbotsfetischisten und Zwangsbeglücker.

Triumph des Neopaternalismus

Während der traditionelle Paternalismus auch lange nach seinem Ableben noch mit allem Mitteln bekämpft wird, triumphiert seit Jahren eine Art Neopaternalismus, der mit steigender Regelungswut in die Privatsphäre des Bürgers eingreift. Denn der Mensch ist faul und träge und hat ungute Angewohnheiten. Also gilt es, sein Konsumverhalten zu reglementieren und zu steuern.

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Sandra Lehmann | Sa, 5. Januar 2019 - 10:05

Inhaltlich bin ich absolut bei Ihnen, auch wenn ich den Eindruck habe, diese neupaternalistischen Vorstellungen entstammen eher den Gehirnen der jüngeren Generation, die sich einzelne Ältere zu eigen machen, um vielleicht den Eindruck zu erwecken, noch zu den jung Gebliebenen dazuzugehören. Die Richtung, die diese Entwicklung politisch nimmt, ist in meinen Augen brandgefährlich, denn man nähert sich in der Tat chinesischen Verhältnissen an. Also ja, wehret den Anfängen!
Irritierend finde ich allerdings, dass sich in diesem Text mindestens sechs Rechtsschreibfehler tummeln. Nicht so toll.

Jürgen Keil | Sa, 5. Januar 2019 - 10:37

Darauf trinke ich einen Whisky, Herr Grau. Diese zunehmende, unterschwellige Bevormundung ist nur im Suff zu ertragen. :-) Soziologen, Politologen, Philologen und ...*_-logen haben natürlich ihre Berechtigung. Aber bitte nicht so viele! Die wollen doch verständlicher Weise alle etwas Wichtiges und Bleibendes tun. Und deshalb zerpflücken sie unser Leben, unsere Gesellschaft, und natürlich finden so vieles Unzulängliches, was es gilt zu ändern und möglichst sofort. Techniker und Ingenieure braucht das Land. Menschen die sachlich und logisch denken, die noch Wissenschaft praktizieren, die diesen Namen auch verdient. Die sich um die Dinge kümmern, die unser Land stark und reich gemacht hatten.

Monika Schmidt | Sa, 5. Januar 2019 - 10:45

Also für mein Umfeld stimmt das mit der 'alternden Gesellschaft' und ihrer Rechthaberei und dem Verbotswahn überhaupt nicht.
Es sind bei mir die 'jungen' Leute knapp unter 40 die in den völlig verblödeten Verbotswahnsinn einsteigen. Man kann mit denen auch nicht diskutieren. Ich kenne auch keinen Grünwähler der über 40 ist. Die junge/mittlere Generation hat . ihrer eigenen Meinung nach, den Alleinanspruch auf die 'Wahrheit'. Wir Alten sind nur doof, ungebildet, nicht welterfahren und haben sowieso keine Ahnung usw.
Ich hab's inzw. wirklich aufgegeben. Die jungen Leute gefallen sich in ihrer Rolle als 'Schuldzuweiser' statt selbst wenigstens für ihr eigenes Leben Verantwortung zu übernehmen. Noch nicht einmal 'Familie' schaffen sie. Lieber zwingen sie andere dazu ihren blödsinnigen Forderungen zu folgen.
Ich persönlich habe allerdings die Schnauze voll davon mit die Schuld für deren 'Unglück' zuweisen zu lassen.

Stine Bading | Sa, 5. Januar 2019 - 10:47

Klasse Artikel! In den letzten Jahrzehnten hat die Gängelung des Individuums in seiner Lebensführung deutlich zugenommen. War es am Anfang noch vergleichsweise subtil, unter dem Mäntelchen des Guten und Wahren als fürsorgliche Erziehung getarnt, bricht es sich heute Bahn in gesetzlichen Verboten, gestützt durch analoge Rechtsprechung. Für "Wehret den Anfängen" ist es zu spät. Heute müsste man "Wehrt euch endlich" sagen.
Widersprechen möchte ich der Aussage, dass diese Gängelung ein Problem der alternden Gesellschaft ist. Ich halte es eher für ein Problem einer satten Gesellschaft, und ich finde es zunehmend beängstigend, wenn eine Politik befürwortet wird, in der gerade die jüngeren Politiker eine innovative, die Welt rettende, gerechte, soziale usw. Gesellschaft fordern, und gerade die jüngeren Wähler begeistert mitlaufen. Keine Kritik von denen, nirgends! Dass sie damit immer mehr Freiheit, Wohlstand, aber auch Selbstverantwortung abgeben, merken die nicht. Das wird nicht gutgehen!

Fritz Gessler | Sa, 5. Januar 2019 - 10:49

selten einen dümmeren und demagogischeren artikel gelesen als diesen hier: das bestehen auf durch und durch gesundheitsschädlichem, uns von der industrie aufgezwungenem DRECK soll zeichen von freiheit und mündigkeit des p.t. konsumenten sein?
pardon, haben wir nicht schon genug diabetes (jeder dritte!), asthma/lungenkrebs durch feinstaub und tabakqualm der letzten jahrzehnte?
fehlt nur noch das volkstümliche koma-saufen und die erzliberale forderung nach freiem schusswaffenbesitz, um das mass bürgerlichen freiheiten hier vollzumachen.

Christoph Kuhlmann | Sa, 5. Januar 2019 - 10:52

verpflichtet dem Trinkwasser Fluor beizumischen, was den Zähnen der Bevölkerung zugute kommt. Ich finde das sinnvoll. Was spricht gegen zuckerfreie Lebensmittel? Wer die winzigen Angaben auf den Packungen liest, ist oft erstaunt, dass ein Joghurt oder anderes zu einem großen Prozentsatz aus Zucker besteht. Dasselbe gilt für viele Getränke. Viele dieser Lebensmittel gaukeln dem Verbraucher Gesundheit und Energie vor. Doch sie bewirken Krankheit und Fettleibigkeit. Das belastet uns alle mit vielen Milliarden an Krankenversicherungsbeiträgen. Warum keine Zuckersteuer, wenn es auch Tabaksteuer gibt? Wenn man dafür die Mehrwertsteuer senkt, oder andere Steuern ist es OK für mich.

gabriele bondzio | Sa, 5. Januar 2019 - 10:56

"... so sind den neuen Materialisten die Tischmanieren vollkommen schnuppe," ...mit verkommenen Tischmanieren fängt es an. Und endet bei einem zunehmend aus dem Ruder geratenen Rechtsstaat. Und es trifft absolut zu, die Wortführer kommen genau aus dem Milieu, die ihren Lebensunterhalt ohnehin staatsalimentiert führen. Es müsste zudem in vielen unproduktiven Bereichen, kräftig aufgestockt werden (z.b auch der Justiz) um den Aufgaben des Staates, aus der unproduktiven Einwanderung und ihren Folgen, noch gerecht zu werden. Der unproduktive Teil der Gesellschaft fordert hierdurch, eine stetig-steigende Abgabenlast vom produktiven Teil der Gesellschaft. Und weil diese nicht unter dem Aspekt der Freiwilligkeit zu haben ist. Muss geradezu, die Freiheit des Individuums eingeschränkt werden. Um sie durchzusetzen. Und daran wirken in der Regel, alle staatsallimentierten Bereiche kräftig mit, sonst könnten sie ja nicht ihr Einkommen absichern und ausweiten.

Carola Schommer | Sa, 5. Januar 2019 - 11:33

diejenigen, die laut und umfassend nach Verboten rufen, sind größtenteils solche, die keine eigenen Kinder haben. D.h., sie sind einerseits selbst Kinder geblieben, da sie nicht Verantwortung für eigene Nachkommen zu übernehmen gelernt haben. Sie selbst sind weiterhin die “Jüngsten”. Gleichzeitig möchten diese Personen das Gefühl von eigener Wichtigkeit und Elterrollen(spiel) auch mal erleben. Das Resultat sind zutiefst intolerante Egozentriker mit begrenzter menschlicher Reife, die es nunmehr ersatzweise brauchen, alle anderen als Kinder zu betrachten, die es zum Guten zu erziehen gilt. Der Grad der erlebten Freiheitsbeschränkung korreliert dabei negativ mit der überbordenden Freiheit die diese Menschen für ihren "Erziehungsauftrag" beanspruchen. Betätigungsgebiete scheinen unerschöpflich: neben erwähnten Rauch- und Alkoholverboten, kann ich mir gut Verbote unkorrekter Sportarten, staatliche Gewichtskontrollen, verpflichtende Organentnahmen nach "Hirntod" und vieles mehr vorstellen.

Yvonne Walden | Sa, 5. Januar 2019 - 11:38

Eine Vielzahl von Autofahrerinnen und Autofahrern würde auch auf deutschen Fernstraßen (Autobahnen und Bundesstraßen) ein generelles Tempolimit befürworten.
Hierbei geht es nicht um "Zwangsbeglückung", wie Alexander Grau dies formuliert, sondern um die Durchsetzung von Vernunft und Achtsamkeit auch beim Autofahren.
Es ist an der Zeit, sich über ein solches generelles Tempolimit auch hierzulande ernsthaft Gedanken zu machen. Was spricht ernsthaft dagegen?

Gisela Fimiani | Sa, 5. Januar 2019 - 11:46

„Freiheit ist ein Wert an sich.“
Vor allem die Freiheit zu Etwas und nicht nur von Etwas. Der all-versorgende Staat befreit jedoch von Allem, vor allem auch von der Freiheit zu Etwas. Die Aufklärung hat sich die Freiheit zum selbstständigen Denken genommen. Die Freiheit selbstbestimmt zu denken und zu handeln, das „sapere aude“ war Voraussetzung, um Demokratie zu verwirklichen. Deshalb nannte Kant bereits den „väterlichen Staat“ den größten denkbaren „Despotismus“. Erst Orwell hatte später die Weitsicht, den modernen, perfiden, arglistigen und verschlagenen Despotismus des gelenkten Staates zu erkennen. Dieser Staat führt zwangsläufig in die Unmündigkeit und schafft das sapere aude des Individuums ab. Die Änfänge, Herr Grau, sind leider längst erfolgreich gemacht. „Optimismus ist Pflicht“ (Popper), darum wehren wir uns mit aller Kraft dagegen, dass uns das kritische und rationale Denken ausgetrieben werden soll. Kämpfen wir gegen Denkfaulheit und für „gesunden Menschenverstand“.

Lisa Werle | Sa, 5. Januar 2019 - 12:04

Insgesamt stimme ich mit Ihren Ausführungen völlig überein, Herr Grau: „Freiheit ist ein Wert an sich – wehret den Anfängen.“ Ja!!! In einem Punkt stimme ich Ihnen nicht zu: es sind nicht die überwiegend alten und älteren Menschen, die sich als die 'Pharisäer' der richtigen Ernährung, des richtigen Lebens aufspielen, sondern die Jungen – und dabei vor allem die grün-linken.

Horst Weber | Sa, 5. Januar 2019 - 17:12

Der Freiheitsbegriff ist beliebig geworden. Auf Seiten derjenigen, die ihre Freiheit bedroht sehen, wie auf Seiten derjenigen, die an vielen Stellen unseres Lebens durch Gesetze, Verordnungen, Verbote und Gebote einschränken wollen.
Ohne die Anschnallpflicht für Autofahrer hätte kaum jemand freiwillig die Dinger angelegt.
Ohne die Kriminalisierung und Strafgesetzgebung gegen suchterzeugende Drogen wie Heroin, Kokain etc. lägen wir vielleich längst im Koma.
Die klimaschädlichen Abgase wären sicher längst ein generelles Verbot wert. Aber niemand regt sich
über 8600 Starts und Landungen von Jumbos am Weihnachtswochenende - allein vom Düsseldorfer Flughafen auf. Kreuzfahrtschiffe drohen nicht verboten zu werden. Im Gegenteil: sie werden immer monströser und naturschädlicher bis in die Antarktis hinein. Freiheit ? Zu welchem Preis ?
Da sind Fahrverbote für Diesel lächerliche Versuche, den nachlassenden Autokauf - mit E-Autos anzukurbeln.
Schädliche "Freiheit" dagegen gehört verboten.

dieter schimanek | Sa, 5. Januar 2019 - 19:29

Ich bin 72 und sehe durchaus woher die Volksbeglückung kommt, jedenfalls nicht von den Alten. Die grüne Heilsbringersekte will zurück zu den Wurzeln, zurück zu Pferd und Kutsche, weg vom Opa im Diesel mit Hut auf dem Kopf. In meinem Alter haut man nochmal alles raus was noch drin ist, schließlich hat man ja nicht mehr allzulange. Nach der Prognose dieser meist grünen Weltverbesserer aus den 60ern, dürfte heute kein Baum mehr stehen. Der sauere Regen hätte alles dahin gerafft. Der Club of Rome, damals mit Global 2000 bringt jetzt den nächsten Schmöker mit Global 3000. Die Treffequote liegt wie bei unseren Wirtschaftsweisen meist daneben, obwohl die nur für ein Jahr im voraus wahrsagen müssen. So eine Glaskugel bringt es eben auch nicht immer. Wenn sich die Jugend das Leben schwer machen will, bitte schön. Bei und Alten wird geraucht, gesoffen und an Sylvester geballert.

gerhard hellriegel | So, 6. Januar 2019 - 09:37

Mit Allem einverstanden, aber es dann den Alten in die Schuhe zu schieben, im Ernst? Wer sind denn die Helikopter-Eltern, wer die Vegan-Apostel, welche Parteien zeichnen sich durch besonders intensiven Einsatz der Moralkeule aus? Das sollen die Parteien der Alten sein? Die Alten haben missionarische Anwandlungen, im Ernst? Wo wurden denn all diese schönen Vorschriften entwickelt? Waren es denn die Alten, die die Gleichstellung von Schwulen und Lesben betrieben haben? Haben sich die Alten durch Sprachdiktate besonders hervorgetan? Den Gendersprech, die political correctness, wer hat's erfunden? Die Alten? Also, diese These müsste erst noch belegt werden. Mir scheinen das eher Haltungen des Mittelalters zu sein. Und das könnte mit einem überhöhten Selbstbild zu tun haben, mit Selbstdarstellung und Selbstausbeutung.

Willi Mathes | So, 6. Januar 2019 - 13:27

Stimme zu, Herr Dr. Grau !

In diesem ( unseren ? ) Lande, herrscht vorauseilender Gehorsam sowie die allseits beliebte Obrigkeitshörigkeit.
Somit ein guter " Nährboden " für unsere selbsternannten Zwangsbeglücker !

Herzlichen Dank und freundliche Grüsse