Türkei in Syrien - Den Boden bereiten für den IS

Die Türkei und Recep Tayyip Erdogan bringen den Krieg zurück in die einzige stabile Region in Syrien. Doch die kurdischen Milizen aufzureiben nützt vor allem Diktator Baschar al-Assad. Und dem IS

Türkische Soldaten in Syrien
Der Kampf gegen den IS ist noch nicht gewonnen, nur weil die Terrormiliz über keine eigenen Gebiete mehr verfügt / picture alliance

Autoreninfo

Susanne Kaiser ist als Journalistin spezialisiert auf die arabische Welt und hat über Nordafrika promoviert. Sie ist auch als politische Beraterin tätig. Foto: privat

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Wenn das erste Opfer des Krieges die Wahrheit ist, ist das zweite vielleicht das Gedächtnis. Anders lässt sich die unglaubliche Kehrtwende nur schwer erklären, welche die Türkei in Syrien vollzogen hat. Noch vor weniger als zwei Jahren war Diktator Baschar al-Assad der Hauptfeind von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Das ist inzwischen vergessen, nun sind die Kurden das Ziel türkischer Angriffe und mit ihnen die letzte stabile Region in ganz Syrien. Ankara fürchtet, dass die kurdische Miliz YPG einen Korridor unter ihre Kontrolle bringen könnte, der von Afrin im Westen an der türkischen Grenze entlang bis zum Irak führt. Nur ein kleines Stück zwischen Afrin und dem Euphrat fehlt noch.

Erdogan hat damit eine entscheidende Wende im Syrienkrieg eingeleitet und bereits angekündigt, die Aktion auf weitere kurdisch verwaltete Provinzen ausweiten zu wollen. Für Assad ist der türkische Sinneswandel ein Geschenk: In der Nachbarprovinz Idlib läuft seit Dezember eine Großoffensive seiner Truppen. Mit russischer und iranischer Unterstützung ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Diktator die letzte Hochburg der Aufständischen ganz im Nordwesten und dann das ganze Land wieder in seiner Gewalt hat.

Die USA in der Zwickmühle

Während Ankara in Nordsyrien Fakten schafft, bevor andere es tun, sitzen die USA dort in der Bredouille. Sie haben die Wahl zwischen ihrem Nato-Verbündeten Türkei auf der einen Seite und den kurdischen Milizen auf der anderen Seite, ihrem zuverlässigsten Bündnispartner im Kampf gegen den IS. Entscheiden sie sich für die Kurden, könnte es östlich des Euphrat zu direkten Zusammenstößen zwischen türkischen und amerikanischen Streitkräften kommen. So würde die Lage vollends eskalieren, die Nato in eine tiefe Krise stürzen.

Entscheiden sich die USA gegen die Kurden, hieße das für US-Streitkräfte, sich aus Syrien zurückzuziehen und das Feld der Türkei, Russland, Iran, Assads Regime und dschihadistischen Gruppierungen zu überlassen. Das wäre das Ende des Kampfes gegen den IS. Und das wäre fatal, denn die ehemals mächtigste Terrororganisation der Welt ist noch lange nicht geschlagen, nur weil sie über kein eigenes Territorium mehr verfügt. Sie muss nachhaltig weiterbekämpft werden, sonst kommt sie wieder, wie die langjährigen Erfahrungen aus dem Irak zeigen der Wiege des IS. Hier galt die Terrorgruppe in den vergangenen zehn Jahren schon öfter als besiegt. Jedes Mal konnte sie sich das Bürgerkriegschaos zunutze machen und jedes Mal kam sie noch größer zurück.

Assad, der Nährboden für den IS

Die Bedingungen in Syrien würden in vielen Punkten denen im Irak ähneln und wären ideal für ein großes Comeback der Dschihadisten. Im Irak unterdrückte eine schiitische Regierung nach dem Sturz Saddam Husseins die sunnitische Bevölkerung und machte die konfessionelle Spaltung von Beginn an zu ihrem Programm. Das war der Nährboden für den IS, der nur mithilfe der frustrierten Bevölkerung überhaupt zum „Staat“ werden konnte. Die spektakuläre Eroberung der Stadt Mossul im Jahr 2014 war möglich, nachdem die USA zweieinhalb Jahre zuvor ihre Truppen zu früh aus dem Irak abgezogen und die Bevölkerung so ihrem Schicksal überlassen hatten.

In Syrien wird vieles ähnlich sein, wenn das mehrheitlich alawitische Regime von Assad wieder ganz die Kontrolle übernommen hat und sich an den sunnitischen Oppositionellen rächt. Sunniten gegen andere konfessionelle und religiöse Minderheiten aufzuhetzen gehörte von Beginn an zur Strategie, mit der das syrische Regime die Aufstände niederschlagen wollte. Irgendwann nimmt die unterdrückte Bevölkerung vielleicht jeden Widerstand dankend an, auch wenn er aus Terroranschlägen gegen das Regime besteht.

Die nächste Generation wächst schon heran

Darauf hat sich die Taktik des IS längst verlagert, seit die Gruppe ihr Territorium verloren hat. Um überhaupt noch militärisch relevant zu sein, hat sie sich auf vereinzelte Selbstmordattentate und Überfallkommandos verlegt. Nach eigenen Angaben beging der IS im Jahr 2017 knapp 800 solcher Attentate, fast 500 auf das irakische Militär, mehr als 130 auf kurdische Milizen in Syrien und den Rest auf das Regime von Assad und seine Verbündeten.

In Syrien hat der IS wie im Irak leichtes Spiel, wenn jeder gegen jeden steht und große Teile der Bevölkerung unter der verhassten Staatsmacht leiden. Um Nachwuchs brauchen sich die Dschihadisten auch nicht zu sorgen. Gewiss sind die ganz großen Zeiten vorbei, in denen Rekruten von überall auf der Welt in Scharen ins „Kalifat“ reisten, um sich dort dem Dschihad anzuschließen. Aber in Syrien selbst wächst gerade eine verlorene Generation heran von Kindern, die einen großen Teil ihrer Kindheit in Flüchtlingslagern verbringen, nicht zur Schule gehen und später wenig Aussicht auf Arbeit haben. Sie könnten die nächste Generation von Dschihadisten werden.

Klaus Meene | Fr, 26. Januar 2018 - 12:00

Warum wird bei aller Kritik an Erdogan einfach unterschlagen, dass YPG ein Ableger der terroristischen PKK ist, die die Türkei teilen und ein kommunistisches Regime in Kurdistan errichten will? Warum sollte Erdogan die Interessen seines Landes den Interessen des Westens unterordnen? Und warum wird den USA Verrat vorgeworfen, weil sie Afrin nicht gegen die Türkei verteidigen? Hatten die USA je vorgehabt, als Schutzmacht der Kurden aufzutreten? Allein schon die Annahme, dass der Westen die kommunistisch-stalinistischen YPG und PKK dem Nato-Land vorziehen könnte, ist schon abenteuerlich.

... verhalten und agieren abenteuerlich indem sie ihre Armee in einen Staat - Syrien - schickt mit dem sie sich weder im erklärten Kriegszustand noch nach NATO-Recht befindet.
DIe Türkei wird somit zum Problem nicht nur dieser Region sondern zum Problem Europas.

Weder ist die PKK "terroristisch" noch die YPG "kommunistisch-stalinistisch". Die Region um Afrin ist die einzig halbwegs verantwortlich und demokratisch verwaltete Region Syriens.
Die Kurden sind das zahlenmäßig größte Volk ohne eigenen Staat und sie haben ein Recht auf einen eigenen Staat nach dem Selbstbestimmungsrecht der Völker!

dass die Kurden sich für die Zukunft einen eigenen Staat errichten wollen? Die Kurden sind kein Turkvolk, sind eine eigene Ethnie, haben ihre eigene Kultur und wollen ihr eigenes Staatsgebiet, zumindest eine gesicherte Autonomie, so wie es die Südtiroler haben, oder die Bayern hätten, wenn es die Besatzungsmächte nach '45 zugelassen hätten. Schon Karl May schrieb in seinen Geschichten vom "Wilden Kurdistan", nichts von der "wilden osmanischen Dynastie". Wieso malen Sie mit der "Errichtung eines kommunistischen Regims" den Teufel an die Wand? Kaufen Sie etwa nichts aus dem kommunistischen China oder aus Vietnam? Diese Völker und vll. auch die Kurden sind intellektuell doch garnicht in der Lage einen Rechtsstaat nach unseren westlichen Vorstellungen zu begründen. Wenn schon nicht das, dann wenigstens einen "Linksstaat" nach eigener Prägung. Es wird sich alles nivellieren, so wie in der ehem. SU. Sofern die Kurden einmal ihren eigenen Staat haben, gehen viele aus D zurück in ihre Heimat.

helmut armbruster | Fr, 26. Januar 2018 - 13:22

wenn wir internationales Renomé hätten u. man uns weltweit mehr respektierte, würde Erdogan vielleicht nicht so leicht mit den von D gelieferten Waffen Krieg führen.
Aber so wie es jetzt ist, braucht er von D gar nichts befürchten.
Wie sollen andere uns respektieren, wo wir doch alles tun, damit es nicht geschieht?
Wir allein wollen die Welt verbessern, nehmen deshalb verfassungswidrig u. EU-rechtswidrig Millionen Migranten bei uns auf...
Wir allein glauben, dass man Fluchtursachen in Afrika z.B. durch mehr Geld bekämpfen könnte, wo doch jeder weiß, dass 1/3 des BIPs der afrikanischen Länder in Korruption versickert...
Unsere Regierung nimmt in Kauf, dass Milliarden deutschen Sparvermögens durch die Null-zins-Politik der EZB vernichtet werden, nur um Euro u. EU zu retten...
Polen, Ungarn u.a. setzen sich offen über EU-Recht hinweg, wir dulden es u. machen nichts zahlen aber munter weiter.
So gewinnt man keinen Respekt. Was alles werden wir noch passiv hinnehmen?

Gerd Müller | Fr, 26. Januar 2018 - 15:42

Wenn ein NATO Mitgliedsstaat ohne Kriegserklärung in einen anderen souveränen Staat einmarschiert und dort Kampfhandlungen begeht, dann handelt es sich doch um einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg, oder sehe ich das falsch? Demzufolge müßte doch die Bundesregierung und die UNO auf das Heftigste protestieren und Sanktionen gegen einen solchen Staat fordern.

Helga Raun | Fr, 26. Januar 2018 - 17:50

jahrelang für die Unterstützung der 80 % russ. Bevölkerung in der Ukraine aufgeregt, jetzt sagen sie nichts gegen den Sultanmißt und sogardas geschieht mit unseren Waffen vor unseren Augen.
Damit hat der Sultan bewiesen, daß er in Syrien nie Frieden haben will und muß er von Europa
verachtet werden und zwar gemeinsam....
Mit jedem Schritt will er Europa nur schwächen, wann wachen wir auf?????????

tja, lt. unserer die Fluchtursachen bekämpfenden Regierung, macht der Neosultan das ja nur, um die berechtigten Sicherheitsinteressen der Türkei zu wahren. Ich nenne dieses Statement angesichts der Sanktionen gegen Russland und unserem Vorgehen im Kosovo Realsatire.

Robert Müller | Fr, 26. Januar 2018 - 19:02

Bisher scheint der Erfolg der türkischen Operation sehr bescheiden zu sein. Erdogan will wohl keine eigenen Soldaten riskieren, weil das wegen der nächstes Jahr anstehenden Wahl sicher nicht gut wäre. Also lässt er Flugzeuge und Artillerie einsetzen, aber ohne Bodentruppen bringen die nichts. Weil, irgendwie haben sie keine rechte Lust für Erdogan gegen Kurden zu kämpfen. Sie müssen wohl, weil die Türkei sie ausrüstet und auch sonst unterstützt, aber ihr Ziel ist Assad und nicht die Kurden. Dagegen wissen die Kurden worum sie kämpfen und bekanntlich ist Motivation im Kampf die halbe Miete.

Konrad Kugler | Fr, 26. Januar 2018 - 21:08

Der Syrisch-Katholische Patriarch Ignatius Joseph III. Younan geht mit dem Westen hart ins Gericht.

Aber warum schreibe ich hier? Die Bürozeit ist um.

Marcel d'Honte | Sa, 27. Januar 2018 - 14:59

Mir fehlt bei der ganzen Kommentierung zum völkerrechtswidrigen Angiffs der türk. AKP/des türk. Militärs so einiges ... Nicht nur, dass dieses türk. Agieren nicht deutlich als brutale imperialistische Hegemonialpolitik klassifiziert wird ... dass das türk. Narrativ von den vermeintlichen "Terroristen" nicht hinterfragt wird ... Mich stört insbesondere, dass auf die "Kumpanei" "Europas" nicht explizit hingewiesen wird. Dienten der Staatsbesuch bei Macron u. "Gabriels Teezeremonie" dem Ziel, in türk. Angriffs- u. Okkupationspläne eingeweiht zu werden - u. sie abzusegnen?

Klaus Reinhardt | Mo, 5. Februar 2018 - 16:21

Herr Erdogan ist m.E. eindeutig ein Moslembruder, somit steht er dem sog. IS näher als Syrien, das von einem Aluviten als Staatspräsidenten geführt wird. Erdogan ist es egal, ob mit seinen Militäraktionen gegen die Grundsätze der NATO oder Europas verstösst. Wichtig sind ihm allein seine aggresiven sunnitisch-islamischen Überzeugungen, koste es was es wolle.

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