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Redaktionsräume der Nowaja Gaseta in Moskau / dpa

Presse in Russland - „Wir schämen uns sehr für diesen Schritt“

Unter welchen Bedingungen kann die Wahrheit über den Krieg in der Ukraine derzeit noch in russischen Medien publiziert werden? Eine beeindruckende Stellungnahme aus der Redaktion der unabhängigen Zeitung „Nowaja Gaseta“ offenbart das erdrückende Klima aus Verfolgung, Lüge und Scham.

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Die russische Regierung hat ein Gesetz gegen kritische Berichterstattung im Krieg gegen die Ukraine erlassen. Für die letzten unabhängigen Zeitungen und Radiosender kommt das einer Katastrophe gleich, die nicht nur die freie Berichterstattung verunmöglicht, auch Journalisten und Medienvertreter selbst setzen sich unkalkulierbaren Gefahren für Leib und Leben aus. Auch die Nowaja Gaseta, eine der letzten unabhängigen Medienstimmen in Russland ist von dem Gesetz betroffen. In einer beeindruckenden Stellungnahme hat sich Nikita Kondratjew, Nachrichtenredaktion der Nowaja Gaseta an seine Leser gewandt. Cicero hat den Text übersetzt, der tiefe Einblicke in die aktuelle Situation in Moskau ermöglicht.

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Hallo, hier ist Nikita Kondratyev, Leiter der Nachrichtenredaktion der Nowaja Gaseta.

Heute gehört unsere Redaktion zu den wenigen verbliebenen Vertretern des unabhängigen Nachrichtenjournalismus in Russland.

Echo Moskwy wird buchstäblich aus der modernen Geschichte getilgt, Meduza hält sich trotz Blockade in den sozialen Netzwerken, und Mediazona arbeitet weiter wie bisher, aber ich bin sicher, dass es sich auch aller Risiken bewusst ist.

Heute hat das russische Parlament die militärische Zensur eingeführt, ohne sie tatsächlich zu erklären. Für die Verbreitung wissentlich falscher Informationen über den Einsatz der russischen Streitkräfte können wir Nachrichtenjournalisten bis zu 15 Jahre ins Lager kommen. Bewusst falsche Informationen sind Daten über Gefangene, getötete Menschen und den Beschuss von Zivilisten in der Ukraine. Wir werden aufgefordert zuzugeben, dass nichts von alledem geschehen ist.

Ja, wir können sagen, dass der Weg zum freien Journalismus über Kasernen und Stacheldraht führt. Das ist alles sehr schön, aber verrückter Blödsinn.

Die Wahrheit ist, dass es außer uns und ein paar anderen Redaktionen niemanden im Land gibt, der die Nachrichtenarbeit macht.

Deshalb bleiben wir bis zur letzten Minute. Wir gehen nicht in Haftanstalten und Kolonien. Wir gehen nicht nach Europa oder Georgien. Wir bleiben in Russland, es ist unser Land.

Sobald die militärischen Zensurgesetze in Kraft treten (die Unterschrift von Wladimir Putin bleibt), müssen wir leider auf die Veröffentlichung von Zusammenfassungen von den Fronten verzichten. Wir werden nicht mehr in der Lage sein, wahrheitsgemäß über die Kämpfe in der Ukraine zu berichten und beiden Seiten das Wort zu erteilen. Wir werden den Beschuss der Städte des Bruderlandes vorübergehend vergessen müssen. Wir werden wieder einmal vorübergehend das Schicksal unserer Soldaten, unserer Kameraden, vergessen müssen, die sich oft gegen ihren Willen in Krisengebieten befinden.

Was bleibt zu berichten? Welche Fakten müssen überprüft werden? Die Schließung eines weiteren Einkaufszentrums? Der Abschied der Unternehmen von unserem bequemen Leben? Das ist lächerlich.

Wir werden weiterhin Informationen sammeln. Aber wann und in welcher Form sie veröffentlicht wird, wissen wir nicht.

Wir schämen uns sehr, diesen Schritt zu tun, während unsere Freunde, Bekannten und Verwandten in der Ukraine die Hölle durchmachen. Und zwar auf beiden Seiten.

Aber es wäre noch beschämender, wenn man sich weigern würde, überhaupt über die Ereignisse zu berichten. Die militärische Zensur erstreckt sich nicht auf die Tatsache, dass der Krieg in uns selbst stattfindet. Wie wirkt sich das Geschehen auf die mentale Verfassung der Russen und Ukrainer aus? Was bringt die Zukunft für unsere Wirtschaft und unsere persönlichen Finanzen? Wird Russland gegen das Geschehen protestieren? Welche Form wird die Repression annehmen? Was wird aus der Medizin? Ist das Thema der Folter im Strafvollzug abgeschlossen?

Wir bleiben dabei, diese große Bandbreite an Themen abzudecken. Die Korrespondenten der Nowaja Gaseta haben in diesen Tagen ohne Schlaf gearbeitet und werden dies auch weiterhin tun, allerdings in einer anderen Funktion wir werden vorsichtig und leise darüber berichten, wohin die globale Zäsur am Morgen des 24. Februar das Leben aller Menschen führt.

Aber der Versuch, dem Leser ein Bild von der Realität zu vermitteln, indem man nur Nachrichten des Verteidigungsministeriums und Nachrichten aus dem zivilen Leben verwendet? Nein, das wird nie passieren.

Philip Graham, der erste Nachkriegsverleger der Washington Post, sagte: Nachrichten sind der erste Rohentwurf der Geschichte.

Wir, die erste militärische Generation in Putins Russland (viele von uns sind nicht einmal fünfundzwanzig), sagen: Wir können die russische Realität nicht verlassen, ohne zumindest diese groben Entwürfe der Geschichte zu kennen. Andernfalls wird alles, was in den 2020er Jahren in Russland geschah, in der Erinnerung unserer Kinder als eine von jemand anderem erdachte Fiktion bleiben.

Ab 00:00 Uhr in der Nacht vom 4. auf den 5. März wird die Nowaja Gaseta unter Androhung der strafrechtlichen Verfolgung von Journalisten ihre Berichterstattung für eine Weile einstellen. Ganz einfach, weil Gesetze in Kriegszeiten eher im Morgengrauen in Kraft treten. Wir werden auf jeden Fall herausfinden, wie wir überleben können, ohne ins Gefängnis zu gehen, und wir werden in derselben Eigenschaft und mit zumindest einigen guten Nachrichten zu Ihnen zurückkehren.

Nikita Kondratjew, Nachrichtenredaktion der Nowaja Gaseta

 

Den Originaltext lesen Sie hier.

Gerhard Lenz | So, 6. März 2022 - 17:10

Diese mutigen Journalisten haben keinen Grund, sich zu schämen.

Das sollten jene, die Herrn Putin die Treue halten, ihn bis gestern (manchmal sogar heute noch) glorifiziert haben.

Die ständig herumnölen, Deutschland, entwickle sich zur Corona-Diktatur, die die Mainstream-Medien hassen, aber Alternativ-Hetzer hochleben lassen.

Die gar nicht wissen, wie gut es ihnen geht - lauter Tastatur-Leidende. Die uns ständig mitteilen, dieses unser Land wäre in jeder Hinsicht am Ende (und bräuchte dringend eine Rundum-Erneuerung, am besten mit der rechtsextremen AfD am Steuer).

Währenddessen gibt es wirkliches, unermessliches Leid in der Ukraine.
Riskieren Journalisten im gelobten Russland Kopf und Kragen - weil sie die Wahrheit berichten.

Eine Wahrheit, die Putin so wenig passt wie seinen Anhängern bei uns.

Die kommentarlos, manchmal gar erzürnt Putins Lügen weiterverbreiten: In der Ukraine regierten Nazis (trotz eines jüdischen Präsidenten), die Nato wäre Schuld... usw.

Schämt Euch.

Tastatur-Leidender ist ja ein Begriff, der Ihnen völlig abgeht, werter Herr Lenz.

Haben sie auch ein Prinzip entdeckt? Oder verdrängen sie auch erfolgreich Wasser und erhalten dadurch Auftrieb?

"Es gibt ebensowenig hundertprozentige Wahrheit wie hundertprozentigen Alkohol." Sigmund Freud

ANKLAGE - GERECHT - WAHRHEITSSUCHEND - WELTWEIT

1. Die größten Medien auf dieser Welt sind ausnahmslos ALLE Handlanger der Macht, nur eben jeder bei seinen eigenen. (Beispiel Fox-Nachrichten 09.11. 17.00Uhr - WTC7)

2. WER & WO ist der größere Verbrecher, den man in Den Haag anklagen sollte?

- Busch & der Iran, sein WTC & das Giftgas
- Jugoslawien, Kosovo-Einsatz & in angeblichen KZ
- Afghanistan - USA/NATO, Opium & ihre unterdrückten Frauen
- Friedensnobelpreisträger Obama, Kriegspräsident mit den meisten angefangenen Kriegen in seiner Amtszeit
- aber auch CHN & Tibet, Unabhängig seit 1911 - jedoch von keinen der Mächte anerkannt, weil CHN Gelddruckmaschine für die Großen war & IST
( & wieder die Verlogenheit & doppelte Moral)
- Uiguren & die Umerziehungslager oder das ethische verheiraten mit Han-Frauen unter Regie Xi Jinping
-

Oder Putin - ALLE ANKLAGEN?!😱

1000Worte reichen nicht, um die menschliche Entartung der Verantwortlichen in allen Ländern aufzuzeigen, egal wo-wer😭

Christa Wallau | So, 6. März 2022 - 18:56

zur Abwechslung endlich auch einmal schämten? Wofür?
Dafür, daß Sie auf diesem Forum immer wieder Menschen p e r s ö n l i c h angreifen u. heruntermachen, obwohl Sie diese nicht kennen bzw. nur Äußerungen von ihnen gelesen haben, die Sie auf Ihre Art interpretieren.
Niemals spürt man bei Ihnen auch nur den Anflug eines Bemühens, das Denken u. die Schlußfolgerungen eines Kolumnisten zu verstehen, der nicht Ihrer Meinung ist, sondern eine andere Grundeinstellung besitzt.
Genau ein solches Schwarz-Weiß-Denken hat zu dem geführt, was sich jetzt in der Ukraine abspielt. Es kann keine konstruktive Lösung nach sich ziehen, sondern muß zwangsläufig in Haß u. Krieg münden.

Ich erkläre hiermit, daß ich sehr wohl weiß, wie beschränkt meine Sicht ist u. daß mein Weltbild selbstverständlich auch Ansätze für Kritik bietet. Es wäre schön, wenn Sie meinem Beispiel folgten u. zugäben, daß auch Sie die Wahrheit nicht gepachtet haben, daß wir uns aber als
Menschen trotzdem unbedingt achten sollten?

Gerhard Lenz | So, 6. März 2022 - 21:25

"Genau ein solches Schwarz-Weiß-Denken hat zu dem geführt, was sich jetzt in der Ukraine abspielt."

Putin lässt grüssen.

Juliana Keppelen | Mo, 7. März 2022 - 17:05

In reply to by Gerhard Lenz

in einem englischen Hochsicherheitsgefängnis muss ein Mensch ohne Verurteilung verrotten weil er es gewagt hat Jahre nach dem Ereignis von Kriegsverbrechen, Menschenrechtsverbrechen und Gäueltaten der demokratischen friedliebenden USA zu berichten. Offenbar gab es während der Kriegszüge keine mutigen Kriegsreporter und Medien die es gewagt haben diese Kriegs- und Menschenrechtsverbrechen zu sehen geschweige denn zu berichten da war keine "BILD" an vorderster Front.

Joachim Kopic | Mo, 7. März 2022 - 22:15

In reply to by Juliana Keppelen

... oder anders ausgedrückt - die Gegenrichtung.
Das merkt man auch in Deutschland: Keine Zwischentöne, nur Schwarz und Weiß bei der überwiegenden Mehrheit.
... und das "Ver-rückteste": Da werden Deutsche, die aus Russland (Kasachstan, Ukraine etc.) kommen, plötzlich wieder zu "böse Russen" ... zum Glück klingt der Akzent von Deutsch-Russen und Deutsch-Ukrainern sehr ähnlich ... vielleicht regt es ein sinnvolles Nachdenken an...

Maximilian Müller | Mo, 7. März 2022 - 06:42

..sendet ja nun wohl eindeutig Nachrichten, die die Autorität der eigenen Regierung untergraben, sie delegitimieren und die eigene Bevölkerung im Sinne des Gegners indoktrinieren.
Es ist damit quasi der verlängerte Arm westlicher Medien. Natürlich muss man das in Russland unterbinden. So wie man RT-Deutschland bei uns unterbindet.

Soll Putin zuschauen, wie westlich Propaganda sich in seiner Bevölkerung ausbreitet? 'Schlangeninsel' , 'Geist von Kiew' und diverse andere Propagandageschichten hat bisher nur der Westen verbreitet. Unsere Medien machen nahtlos da weiter, wo sie bei Corona aufgehört haben, sie hetzen Menschen auf und informieren einseitig. Schon jetzt werden russische Bürger hier angefeindet wie vor einer Woche noch Impfgegner. Und auch, wenn westliche Propaganda bei vielen hier verfängt, es bleibt Propaganda. Ich habe meine Lektion während der Coronaberichterstattung gelernt.

Das sehe ich exakt genauso. Jeder Staat im Krieg hat schon immer kritische Berichterstattung unterdrückt, wurde sie nun vom Ausland gesteuert oder kam sie von innen heraus. Und wir verspüren ja am eigenen Leib derzeit, wie uns die Zensur in den eigenen Medien versucht zu lenken auf nur ein Thema und in nur eine Richtung. Das hatten wir alles schon einmal und niemand will es später gewusst haben. Der Farbenkasten der Propaganda läßt es zu, viele schöne bunte Bilder zu malen, es kommt immer darauf an, wer den Pinsel führt und welches Bild der Maler wünscht. Es ist derzeit schwierig bis unmöglich, Propaganda, Lüge und Indoktrination sofort und immer gleich zu erkennen. Sie haben aber völlig recht, aller spätestens mit Corona müssten die Menschen doch gemerkt haben, wie sie gehirngewaschen werden.

Auf Twitter versucht man gerade, das 'Z' auf russischen Panzern zum neuen Hakenkreuz umzudeuten. Damit wären die Rollen von vornherein klar verteilt und man kann gewohnte Mechanismen anwenden.

So läuft das bei uns. Und wer nicht mitschwimmt, wird zum Nazi. Kommt das wirklich nur mir bekannt vor? Es ist doch offensichtlich, was hier passiert, hier wird schon wieder instrumentalisiert. Es läuft eine neue Cancel-Welle an und keiner scheint sie zu sehen. Vorsicht kann ich nur sagen, die Gesinnungsfallen stehen.

Urban Will | Mo, 7. März 2022 - 10:14

Es sind diejenigen in der als frei geltenden Welt es Westens, die ohne Grund seit Jahren eine Art Selbst – Zensur pflegen und freiwillig die Dinge einseitig darstellen.
Ich nannte es oft genug: freiwillige Selbst – Gleichschaltung. Das bezieht sich nicht nur auf diesen Krieg.
Und ich spreche hier bewusst keine Medien – Vertreter oder Unternehmen direkt an, das kann jeder, der das ließt für sich selbst entscheiden.
In der Tat: Nachrichten sind der „erste Rohentwurf“ der Geschichte, aber in Zeiten übermächtiger Mainstreams auch in „freiheitlichen Systemen“ grundsätzlich nicht viel wert.
Die Wahrheit stirbt zuletzt, auch die über die Hintergründe dieses Krieges, aber auch die über all das andere Leid im Vorfeld und im Zusammenhang damit.
Es wird irgendwann alles ans Tageslicht kommen.

Man kann den Frauen und Männern von Nowaja Gaseta nur viel Glück und Durchhaltevermögen wünschen.
Und dass sie die Wahrheit irgendwann unabhängig schreiben können.

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