Notwendiges Übel: Folgen der Rezession 2009 in Großbritannien / dpa

Wirtschaftskrise - Der schwierige Umgang mit der Rezession

Die kommende Rezession ist unvermeidbar. Und es ist wünschenswert, dass sie möglichst bald kommt. Denn in einer Marktwirtschaft sind Rezessionen ein notwendiges Übel, meint unser Gastautor Roland Koch.

Roland Koch

Autoreninfo

Der CDU-Politiker, geboren 1958 in Frankfurt am Main, war von 1999 bis 2010 hessischer Ministerpräsident. Seit November 2020 ist Koch Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung.

So erreichen Sie Roland Koch:

In diesen Wochen erleben wir in monatlichen Rhythmen weltweit das gleiche Szenario: Die Notenbanken erhöhen die Leitzinsen, meist sogar drastisch, die Aktienmärkte verfallen in leichte Panik, und Wirtschaftsexperten warnen vor dem „Risiko“ einer Rezession. Wir haben dies in den letzten 48 Stunden nach den jüngsten Beschlüssen der amerikanischen Notenbank gerade wieder erlebt. Es ist zu erwarten, dass sich diese Routine noch einige Male wiederholen wird, denn – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen – die Zinsen sind global noch immer zu niedrig, um die Inflation wirksam zu bremsen. Die Rezession, also die Schrumpfung der gesamtwirtschaftlichen Leistung, ist die logische und, wichtiger noch, auch notwendige Folge schnell ansteigender Inflationsraten.

Niemand wünscht sich eine Rezession. Sie kostet die Bürger Kaufkraft, treibt Unternehmen in den Konkurs und vernichtet Arbeitsplätze. Dennoch müssen Anhänger der Marktwirtschaft in Wirtschaft, Regierung und Wissenschaft mehr Mut entwickeln, die jetzt nötigen Schritte einschließlich einer aufkommenden Rezession als Teil der Heilung und nicht als Teil eines unaufhaltsamen Abstiegs darzustellen.

Aktuell sehen wir alle, dass die Preise zu schnell steigen. Die betroffenen Sektoren sind nicht nur durch Energiepreise beeinflusst. Lieferketten, Krieg, Überhitzung am Bau, importierte Inflation aus den USA, das alles hat sich zusammengebraut. Preise werden nur sinken, wenn sie vom Markt nicht mehr gezahlt werden. Hohe Leitzinsen machen Kredite und damit Investitionen teurer und sorgen dafür, dass weniger gekauft wird. So können die Preise sinken. Zugleich bleibt es bei dem von Ludwig Erhard immer betonten psychologischen Effekt. Wenn die Notenbank hart auftritt, glaubt man an das Absinken der Inflationsrate, und die Preiserhöhungen fallen vorsichtiger aus, was die Inflationsrate ebenso senkt.

Die EZB hätte schon vor einem Jahr auf die Zinsbremse treten müssen

Das alles gäbe es auch auf die sanfte Tour. Dann allerdings hätte die EZB ohne Angst vor Rezessionsrisiken und ohne Sorge um die Staatsfinanzen in Italien und Frankreich schon vor einem Jahr auf die Zinsbremse treten müssen. Viele Fachleute – auch aus den Reihen der Ludwig-Erhard-Stiftung – hatten dazu geraten, und wir hätten heute weniger tiefe Spuren in der Wirtschaft zu verkraften. Das Versäumnis wird jetzt zu einer tieferen und längeren Rezession führen. Dennoch ist es wünschenswert, dass sie möglichst bald kommt.

Wir dürfen nicht die Augen davor schließen, dass in marktwirtschaftlichen Systemen Rezessionen ein notwendiges Übel sind. Sie dienen dazu, die Spreu vom Weizen zu trennen und Fehlinvestitionen und Überkapazitäten möglichst schnell zu beseitigen.

Wir wissen mit diesen Entwicklungen umzugehen und können dies historisch auch belegen. Keith Wade, Chefvolkswirt der weltweit operierenden Vermögensverwaltung Schroders, hat die Rezessionen der Jahrzehnte seit 1960 in den USA analysiert. Die US-Wirtschaft befand sich seit 1960 neunmal auf einem Höhepunkt und geriet dann jeweils in eine Rezession, bevor sie einige Monate später ihren Tiefpunkt erreichte. Diese Kontraktionen in den USA dauerten zwischen sechs und 18 Monaten und sind nach Meinung von Wade „eher typisch für das, was wir in Zukunft erwarten könnten“. Die Maßnahmen wirkten auch. Die Inflation fiel während der sogenannten „Großen Rezession“ von 2007 bis 2009 um 5,5 Prozentpunkte und während der zweiten, sogenannten „Volcker“-Rezession von 1981 bis 1982 um 6,2 Prozentpunkte. Aber der Preis war ein Absinken des BIP um 3,8 bzw. 2,5 Prozent.

In unserer Lage gibt es keine sanfte Landung mehr

Ein großes Risiko bei der verspäteten Inflationsbekämpfung ist die Ingangsetzung der Preis-Lohn-Spirale. Noch einmal Wade: „Einer der Gründe, warum sich die Inflation in den 1970er- und frühen 80er-Jahren als so hartnäckig erwies, war der Anstieg der Löhne, der auf den anfänglichen Inflationsschub folgte. Nachfolgende Zweitrundeneffekte hielten die Inflation hoch, während Löhne und Kosten stiegen. Dies spiegelte weitgehend einen Mangel an Vertrauen in die Fähigkeit der Behörden wider, die Inflation zu senken.“

In unserer jetzigen Lage gibt es leider keine sanfte Landung mehr. Der ideale Pfad wäre jetzt eine strikte und glaubwürdige Notenbankpolitik, hoffentlich verbunden mit einer Stabilisierung der Rohstoffpreise durch schnelle Verbreiterung des Angebots. Das könnte auch den Tarifparteien Mäßigung ermöglichen. Sollte die Politik auf die Idee kommen, die Rezession durch neues Geld zu verdrängen, werden die Wunden tiefer werden.

Man kann Rezessionen nicht attraktiv finden. Aber in einer marktwirtschaftlichen Ordnung muss man die Institutionen in Politik und Währung daran messen, ob sie in der Lage sind, sie kontrolliert entstehen zu lassen, um nach dem Fieber schnell zu alter Stärke zu kommen. Gerade in von so vielen Herausforderungen aufgewühlten Demokratien ist es wichtig, diese Effekte auch gegenüber jedermann zu erklären. Da die EZB erst auf dem falschen Pfad war und die Bundesregierung eher in einer Rhetorik des Verdrängens verharrte, führen die aktuellen Ereignisse zu einem Verlust von Vertrauen in die Marktwirtschaft. Das Gegenteil wäre besser.

Christa Wallau | Fr., 4. November 2022 - 13:33

werden die Politiker in Deutschland m. E. eher auf eine galoppierende Inflation setzen, nach der dann ein Neustart erfolgen muß.
"Tabula rasa" - das dürfte die heimliche Hoffnung sein. Danach wird alles auf Null gesetzt und kein Politiker mehr zur Verantwortung gezogen.

Wieviel Vermögen der Bürger dadurch vernichtet wird, interessiert die Hasardeure nicht; denn sie haben ihre Schäfchen längst im Trockenen.
Den Sündenbock für die Misere haben sie auch schon längst ausgemacht: Putin mit seinem Eroberungskrieg!
Ohne d e n wäre Deutschland ja immer noch wirtschaftlich stabil und reich - ungeachtet der
totalen Überschuldung des Euro-Raumes und der illegalen Einwanderung von Millionen Kulturfremder in die Sozialsysteme, die nichts zum Wohlstand beitragen, sondern nur Kosten verursachen und und Wohungsmarkt belasten.

Wer dieses Märchen glaubt, wird selig!

Die ist jetzt also Schuld, wenn wir an Inflation und hohen Energiepreisen leiden. Sicher: Migranten haben unser Wirtschaftssystem mit Geld geflutet, und dadurch ist Inflation entstanden. Ausserdem haben sie soviel Energie verbraucht, dass diese knapp wurde und damit die Preise stiegen.

Was schreiben Sie nur wieder für Zeug? Geht es auch mal ohne AfD-Propaganda?

Halten wir mal fest: Inflation herrscht fast überall. Auch und gerade in den USA und Großbritannien, Länder die nie dem Euro-Raum angehörten.

Ja, Putin trägt einen großen Anteil an der wirtschaftlichen Misere. Auch wenn Ihr Großer Vorsitzender Bernd Hoecke lieber über die USA wettert. Ohne Krieg gäbe es keine (notwendigen) Sanktionen, und auch keine Energieknappheit - und damit niedrigere Preise.

Das weiß jeder Berufsschüler, und eigentlich sollte das auch eine pensionierte Grundschullehrerin wissen.

Aber die ist ja ständig in Widerstand und Wahlkampf.

Hans Jürgen Wienroth | Fr., 4. November 2022 - 13:36

Wo waren diese Erkenntnisse, als Herr Koch regierte? Er hat recht, wenn er sagt: „In unserer Lage gibt es keine sanfte Landung mehr.“ Trotzdem tut die Ampel so, als wäre das Geld unendlich. Sie verteilt großzügig an die Armen, ohne sich Gedanken zu machen, woher das Geld kommen soll. Gleichzeitig wird es immer weniger attraktiv, Leistung zu erbringen. Fragt man junge Menschen, so lassen sich Freizeit und Familie immer weniger mit einem anspruchsvollen Job vereinbaren. Ärzte in Teilzeit, Busfahrer ohne Schichtdienst, LKW-Fahrer, die abends pünktlich zu Hause sein müssen, das sind die Prioritäten im Land.
Das lässt sich in einem schrumpfenden Markt, einem Überangebot an Waren und globalem Warenaustausch nicht vereinbaren. Wer dann noch seine Kosten durch die „Vorbildfunktion für Umweltschutz“ in die Höhe treibt, Energie zur Mangelware macht, der kann auf dem Weltmarkt nicht mithalten. Nicht nur bei den Preisen, sondern auch bei den Innovationen.
Klare Worte ans Volk sind angesagt!

Tomas Poth | Fr., 4. November 2022 - 13:42

Wenn es nicht anders geht, wie hier dargestellt, dann aber auch konsequent und zieht der EZB-Geldpolitik den Stöpsel!
Meloni pocht auf auf mehr Souveränität der Länder gegenüber Brüssel. Soll sie bekommen und umgehend ihre Target II Salden gegenüber Deutschland ausgleichen.
Jedes EU-Land kümmert sich um seine eigenen Finanzen und deren Stabilität.
Die Nettozahler der EU stoppen sofort ihre Einzahlungen in den EU Topf.
So bringen wir es dann wieder ins Lot.

Ingo Frank | Fr., 4. November 2022 - 17:28

Und an diesem System hat sich seid 100 Jahren nichts wesentliches geändert. Eben die Ökonomie und dies sollte sich auch Fr. Professor Kemfert bedenken.
Im übrigen ist in der zDF Mediathek eine Serie über den Börsencrash v. 1929 zu sehen. I ü. mit mehr als erstaunlichen Parallelen zur heutigen Situation. Damals wie heute gab es wenige warnende Stimmen. Alles wurden weggeleugnet od. ausgesessen. Auch Aussagen wer verloren hat, waren aufschlussreich. Die Armen verloren nichts weil sie nichts hatten. Die die 100 Millionen hatten haben nach 80% Verlust immer noch 20 Millionen. Aber die Mittelschicht verlor alles.
Wie heute auch. Auch der Nebeneffekt des erstarken der Ränder rechts & Links ist genau so abzulesen wie heute nur dass bis 1929 die Sowjetunion noch als einzig linkes System noch nicht gescheitert war. Auch da hatte durch Aussitzen des amerikanischen Präsidenten sich die Situation verschärft, weil die drastische Lage nicht erkannt wurde. Ansehen lohnt!
Mit freundlichen Gruß aus der

Gerhard Lenz | Sa., 5. November 2022 - 00:46

Denn, sorry, Herr Koch, Ihre Überzeugungen passen vielleicht in ein Zeit ohne solche Krisen, wie wir sie momentan erleben.

Eine Rezession ist notwendig, um die wirtschaftliche Situation zu bereinigen? Wissen Sie eigentlich, wie lange Japan schon in ein einer Rezession steckt? Nix ist mit Heilung. Und die Japaner hatten keine Kriegsauswirkungen zu bewältigen.

Weiter: Lohn-Preis-Spirale. Problem? Unvermeidbar! Erzählen Sie mal dem Otto-Normalverbraucher, wie er ohne Inflationsausgleich seinen Lebensunterhalt sichern sollen. Dieser und sonstige Massnahmen (wie z.b. ein Gaspreisdeckel) sind unverzichtbar.

Weiter: Preise werden nur sinken, wenn sie vom Markt nicht mehr gezahlt werden. Text book knowledge! Die Wirtschaft wird auch höhere Preise zahlen, und diese an Verbraucher weitergeben (oder nicht mehr produzieren).

Stabilisierung der Rohstoffpreise: Sagen Sie das mal Herrn Putin. Der wird sich freuen...

Die Zinsen sind nicht hoch genug? Sagen Sie das mal potentiellen Bauherren...

„Die Japaner hatten keine Kriegsnachwirkungen zu bewältigen“
Ach so, die beiden Atombomben mit ihren Opfern als Ergebnis sind im Frieden auf Japan abgeworfen wurden. „Interessante“ Sichtweise Herr Lenz.
Aber das wurde uns im Geschichtsunterricht in Dunkeldeutschland beigebracht. Aber vielleicht ist dieser Teil des der Geschichte an Ihnen (durch günstigen Umzug? ) vorbeigegangen?
Grüße aus der dunkeldeutschen demonstrierenden Erfurter Republik in dem wieder ein SED Erbe zu nächsten Thüringenwahl als Spitzenkandidat der Linken antritt.

Ich bin beeindruckt. Es ist immer sinnvoll, an die Folgen der Atombombenabwürfe zu erinnern.

Nur: Wann war das schon mal schnell?

Und, werter Herr Frank, hätten Sie nicht einfach nur was daher geschrieben, sondern sich informiert, wüssten Sie, dass die Japaner zwischendurch ein ausgesprochen signifikantes Wirtschaftswachstum hatten. Die Nuklearangriffe mit der jetzigen wirtschaftlichen Verbindung zu setzen - Donnerwetter, da sind Sie der erste "Wirtschaftswissenschaftler", der das tut.

Mit Ihrer Argumentation, wenn ich sie mal so nennen soll, wollen Sie wohl sagen, wir sollten Putin ganz schnell in ein hinteres Körperteil kriechen?

Roland Koch blendet die deutschen Irr- und Sonderwege in Migrations-, Energie-, und Klimafragen aus. Diese Mischung wächst sich gerade zu einer multiplen Kriese, die unsere Ampel völlig überfordert, aus.

Wir haben in Deutschland, mit den unüberlegten Sanktionen, unser über lange Jahre erfolgreiches Geschäftsmodell sehenden Auges, (nun gut, Robert hat es nicht gesehen) geschreddert. Da hilft keine Rezession. Ein nachhaltiger Abstieg ist programmiert.

Gaspreisdeckel, Mietendeckel, Abwehrschirm in Höhe von 200 Milliarden Euro, Tankrabat etc. sind nicht anderes als die nackte Verzweiflung unserer sozialistischen Regierung an der Realität.

Erst wenn die immer schneller aufgelegten „Sondervermögen“ unsere letzten Euros gefressen haben wird sich der eine oder andere daran erinnern, wie schön es doch war durch eigene Arbeit seinen Lebensunterhalt verdienen zu können. Wir haben aus der DDR – Geschichte nichts gelernt.

Christoph Kuhlmann | Sa., 5. November 2022 - 07:40

maßvolle Wachstumsraten bei geringer Inflation gewöhnt. In globalen Wirtschaftskrisen gab es ein, zwei Jahre Kurzarbeitergeld und der Verlust im BIP wurde innerhalb von ein, zwei Jahren wieder aufgeholt. Dieser Erwartungshaltung muss sich auch die aktuelle Regierung stellen. Auch die EZB kann nicht behaupten kein politisches Mandat zu haben, wo sie seit Jahren Politik ohne dieses Mandat macht. Wir sollten uns lieber mal fragen, warum es nicht möglich ist, dass ein deutscher Finanzexperte die EZB leitet? Ich fürchte, die Inflation ist politisch in der finanzpolitischen Dominanz von Staaten mit ehemaligen Weichwährungen begründet. Insofern wird auch eine Rezession nur vorübergehend "Abhilfe" schaffen, wenn die Ursachen nicht beseitigt werden.