Kaliproduktion in Russland
Kaliproduktion in Russland / picture alliance

Globale Düngemittelkrise - Russlands Dünger-Diplomatie

Die globale Knappheit an Düngemitteln erweist sich als Trumpf für Russland. Denn als weltweit größter Dünger-Produzent kann es jetzt andere Länder unter Druck setzen und politisch gefügig machen. Dabei folgt Moskau seiner berühmt-berüchtigten Energie-Diplomatie.

Autoreninfo

Ekaterina Zolotova ist Analystin für Russland und Zentralasien beim amerikanischen Thinktank Geopolitical Futures.

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Die ohnehin schon stark schwankenden Erdgaspreise sind in Europa letzte Woche durch die Decke gegangen, nachdem Jochen Homann, der Chef der deutschen Bundesnetzagentur, erklärt hatte, dass die Nord-Stream-2-Gaspipeline von Russland nach Deutschland frühestens in der zweiten Hälfte des Jahres 2022 in Betrieb genommen werden kann. Die Nachricht ließ die europäischen Gaspreise zum ersten Mal seit zwei Monaten auf über 1700 Dollar pro tausend Kubikmeter steigen. 

Unternehmen und Haushalte, die bereits durch die hohe Inflation und den Beginn der Wintermonate unter Druck geraten, sind verunsichert. Darüber hinaus beeinträchtigen die steigenden Gaspreise auch andere Wirtschaftszweige wie die Herstellung von Stickstoffdünger, der aus Erdgas gewonnen wird und dessen Produktionskosten aufgrund des Gaspreisanstiegs regelrecht explodiert sind. Die Gaskrise, das Auftreten neuer Varianten des Coronavirus und die Hinwendung der Regierungen zu protektionistischen Maßnahmen, um die inländischen Lebensmittelpreise zu stabilisieren, haben zur Folge, dass die Düngemittelindustrie zumindest in den ersten Monaten des Jahres 2022 instabil bleiben wird. Dies ist eine schlechte Nachricht für einen Großteil der Welt – nicht aber für Russland mit seinen großen Gasreserven und beträchtlichen Produktionskapazitäten für Düngemittel.

Moskaus Energiediplomatie

Die Energiediplomatie des Kremls – also das Ausnutzen des Reichtums an Erdgasvorkommen, um andere Regierungen, vor allem in Europa, zu beeinflussen – ist berüchtigt. Jetzt sollten wir uns auf die russische Düngemitteldiplomatie einstellen.

Während andere Länder sich bemühen, einen Düngemittelmangel zu vermeiden, weil dieser die landwirtschaftliche Produktion beeinträchtigen und zu Nahrungsmittelknappheit führen könnte, produziert Russland mehr Düngemittel, als es braucht. Das Land ist für 13 Prozent der weltweiten Düngemittelversorgung verantwortlich. Aufgrund seiner enormen Rohstoffvorkommen stellt Russland alle drei Hauptdüngerarten her: Stickstoff, Phosphor und Kali. Für die Herstellung von Stickstoffdüngern werden Erdgas und Kohle verwendet, für die Herstellung von Phosphordüngern werden mineralische Phosphate verwendet, und Kalidünger wird aus seltenen kaliumreichen Salzen gewonnen. Stickstoffdünger machen etwa 40 Prozent der gesamten russischen Düngemittelproduktion aus, gefolgt von Kali (35 Prozent) und Phosphor (15 Prozent).

Die russische Produktion von Mineraldüngern ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten gestiegen, sogar während der Pandemie. Im Jahr 2020 wuchs die russische Mineraldüngerproduktion mit 54,8 Millionen Tonnen schneller als der Weltdurchschnitt (fünf Prozent gegenüber zwei Prozent weltweit). Selbst bei den derzeitigen Energiepreisen sind die Produktionskosten relativ niedrig, und nicht einmal die Einführung neuer grüner Standards in Europa stellt ein großes Hindernis dar. Russland exportiert mehr als zwei Drittel seiner Düngemittelproduktion und verkauft sie in mehr als 90 Länder.

Russische Landwirtschaft in besserem Zustand

Die russische Düngemittelindustrie ist auf den Weltmarkt ausgerichtet, da die Gewinnmöglichkeiten auf dem heimischen Markt begrenzt sind. Die russische Landwirtschaft insgesamt (übrigens nicht nur die Weizenproduktion) befindet sich heute in einem viel besseren Zustand als in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren, aber die Wachstumsmöglichkeiten im eigenen Land sind immer noch begrenzt. Der russische Verbrauch an Düngemitteln steigt – der Anteil der Mineraldünger, die Russland zwischen 2015 und 2020 exportiert hat, ist von 75 Prozent auf 68 Prozent der Produktion gesunken –, allerdings immer noch in sehr bescheidenem Ausmaß.

Hinzu kommt, dass die russischen Landwirte im Verhältnis zur gesamten Anbaufläche weniger Dünger verwenden als früher. Unmittelbar vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden 88 Kilogramm Düngemittel pro Hektar verwendet, heute sind es nur noch 69 Kilogramm pro Hektar.
 
Es ist nicht verwunderlich, dass profitorientierte russische Hersteller den ausländischen Markt bevorzugen, wo die Gewinnchancen besser sind. Dafür gibt es mehrere Gründe, aber der Hauptgrund ist die schlechte Qualität der russischen Anbauflächen. Große Teile der russischen Anbauflächen sind ausgelaugt, die Böden sind durch den übermäßigen Einsatz von schwerem Gerät übermäßig verdichtet, und Pestizide haben nützliche Mikrobiota abgetötet. Die fruchtbare Schwarzerde-Zone in den russischen Steppen ist durch versauerte Böden gekennzeichnet, in denen Mineraldünger weniger wirksam sind. Ohne Desoxidation des Bodens dürfte es schwierig sein, zusätzliche Gewinne zu erzielen.

Obwohl die russische Düngemittelindustrie exportorientiert ist, unterstrich der Kreml im vergangenen Monat die geopolitische Bedeutung des Sektors, als er vom 1. Dezember an für sechs Monate Exportquoten einführte. Moskau begründete diese Entscheidung mit den höheren Preisen im Ausland, die auf den starken Anstieg der Gaspreise zurückzuführen seien. In Anbetracht der begrenzten Größe des russischen Marktes, des gewaltigen Umfangs der russischen Düngemittelproduktion und der grundlegenden Probleme im Agrarsektor des Landes gibt es jedoch Grund, an der offiziellen Darstellung zu zweifeln. Darüber hinaus hat der russische Präsident Wladimir Putin bei seinem Besuch in Indien Anfang dieses Monats eine Vereinbarung zwischen der russischen PhosAgro und indischen Staatsunternehmen über die Lieferung von Düngemitteln in den Jahren 2021 und 2022 erörtert, obwohl seine eigene Regierung Ausfuhrbeschränkungen erlassen hat.

Die Logik des Kreml

Die Logik des Kremls ist einfach: Je angespannter der globale Düngemittelmarkt ist, desto mehr Einfluss hat Russland. Wenn beispielsweise die Produktion von Stickstoff- und Phosphatdüngern (die stark von Schwankungen und saisonalen Faktoren abhängen) rückläufig ist, kann Russland von boomenden Verkäufen und neuen Verträgen auf dem Kalimarkt profitieren, wo es weniger Anbieter gibt und wo langfristige Verträge vorherrschen, die für stabilere Preise sorgen.

In den ersten zehn Monaten des Jahres 2021 hat Russland bereits mehr als zehn Millionen Tonnen Kalidünger exportiert, was einem Anstieg von 28 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht. Außerdem erwartet Russland, dass es die Unsicherheit nutzen kann, um seinen Anteil am Weltmarkt zu erhöhen. Der europäische Markt ist für Moskau besonders interessant, aber es gibt auch Möglichkeiten in Asien, Afrika und Südamerika – letzteres angeführt von Brasilien, dem weiterhin wichtigsten Zielland für russische Düngemittel.

Russland hofft, dass das Angebot zuverlässiger Düngemittellieferungen den Dialog mit bestimmten Ländern fördern wird, mit denen Moskau an einer Zusammenarbeit interessiert ist. So verweist Putin seit langem auf Indien als einen strategischen Partner mit einem großen Markt. Afrika ist eine weitere wichtige Region, in der Russland die Möglichkeiten auslotet. Und potenzielle Verträge mit Europa könnten Russland ein neues Druckmittel in den schwierigen laufenden strategischen Verhandlungen verschaffen. Der Zeitpunkt ist für Russland besonders günstig, weil die neuen europäischen Umweltkennzeichnungsvorschriften für Mineraldünger sowie pandemiebedingte Verzögerungen bei der Inbetriebnahme mehrerer Düngemittelproduktionsanlagen in anderen Ländern die Zahl der Wettbewerber auf dem Düngemittelmarkt eingeschränkt haben.

Es wird immer deutlicher, dass Russland seine Düngemittelvorräte nicht angelegt hat, um die Preise in die Höhe zu treiben oder die eigenen Landwirte zu versorgen, sondern um seine Partner, insbesondere in Europa, unter Druck zu setzen, damit sie Russland ihre Aufmerksamkeit schenken und in der Hoffnung auf lukrative Verträge einen Dialog anbieten. Es ist jedoch schwer vorstellbar, dass die derzeitige Situation auf dem Düngemittelmarkt die wichtigsten Probleme Russlands lösen wird. Die Sanktionen des Westens werden nicht aufgehoben, und die Zertifizierung von Nord Stream 2 scheint noch in weiter Ferne zu liegen. 

Auch die russische Düngemitteldiplomatie wird die Schwierigkeiten auf dem heimischen Agrarmarkt nicht lösen können. Aber Russland wird es trotzdem versuchen.

In Kooperation mit

GPF

Werner Peters | Mi, 22. Dezember 2021 - 12:10

Der interessante Artikel beweist wieder mal mehr, wie schwachsinnig die Politik des Westens gegenüber Russland ist. Statt auf ein vernünftiges Zusammenarbeiten hinzuwirken, wird ständig Kriegsangst vor dem bösen Russen wie im Kalten Krieg geschürt, obwohl Fachleute bezweifeln, dass die Russen einen schnellen Angriffskrieg gegen die Ukraine überhaupt führen könnten.

Manfred Bühring | Mi, 22. Dezember 2021 - 12:40

"Die Energiediplomatie des Kremls – also das Ausnutzen des Reichtums an Erdgasvorkommen, um andere Regierungen, vor allem in Europa, zu beeinflussen – ist berüchtigt." Was soll das? Russland bzw. der Staatskonzern Gazprom hat sich IMMER vertragskonform verhalten, auch in Krisenzeiten! Nein, das Problem ist das fortgesetzte Russland-Bashing mit immer hilfloseren Argumenten. Wenn nun der Betrieb von NS2 erst im Herbst 2022 genehmigt wird, ist das mal wieder ein grandioses Eigentor der EU! Dafür importieren wir dann das dreckige US-Fracking-Gas, wenn wir dann überhaupt etwas abbekommen. Nein, Diplomatie sieht anders aus!

Fritz Elvers | Mi, 22. Dezember 2021 - 14:01

Russland nutzt die Notlage seiner Kunden aus und betreibt damit seit Jahrzehnten die übliche Erpressungspolitik.

Meint jedenfalls der amerikanischen Thinktank Geopolitical Futures.

Übrigens, ob die Damen auf dem Bild sich wohl übrthaupt in Genderwissenschaft auskennen?

Rob Schuberth | Mi, 22. Dezember 2021 - 14:32

D ist eines der Länder das nur wenige Rohstoffe hat.
Abgesehen von so unbeliebten Sachen wie Braunkohle.

Daher, und das wird ja auch stets, aber meist nur in Sonntagsreden, gesagt müssen wir für eine bestmögliche Bildung unsere nachfolgenden Generationen sorgen.

Nicht erst s. 2015 geschieht das Gegenteil.
Bildungspolitik gehört in Bundeshand.

In Putin erleben wir einen anderen Kremel-Politiker, als zu Zeiten des Kalten Krieges.
Putin ist offenbar bereit sich zu wehren u. uns, dem sogn. Westen auch mal die Zähne zu zeigen.

M. E. ist das ok, da selbstverschuldet.
Ein Land muss primär auf sich selbst achten und nicht das Leid u. die Not der Welt so sehr in den Blick nehmen wie es s. Jahren geschieht.

Wann endlich begreifen unsere aktuellen Politiker, dass uns RUS näher als die USA liegen?

Wir machen uns m. E. von den Falschen abhängig.

U.Sprenger | Mi, 22. Dezember 2021 - 15:08

Dieses Gelabere von hohen N-Düngerpreisen und Nahrungsmittelknappheit ist unerträglich. In Deutschland wurde nach EU Vorgabe in der neuen Düngemittelverordnung 2022 eine 20%tige Reduktion des N-Düngereinsatzes ,d.h. 20 % weniger als der Entzug durch die Pflanzen, vorgeschrieben. Vielleicht will Herr Putin nur einem Preisverfall entgegenwirken. Übrigens YARA, OCI und andere westlichliche N Produzenten können liefern! Und Kali ist keine seltene Erde, sondern sogar Deutschland hat reichlich davon. Aber all das scheint beim Think Tank in den USA noch nicht angekommen zu sein. Oder steckt vielleicht doch platte Meinungsmache dahinter?

Ernst-Günther Konrad | Mi, 22. Dezember 2021 - 17:27

Die moralgeschwängerten deutschen Politiker haben nichts, aber auch gar nichts kapiert. Handel ist immer Tauschgeschäft, ob gegen andere Güter oder Zahlungsmittel. Mit Gas kann man heizen und mit Düngemittel die Nahrungskette unterstützen. Was kann man mit Moral und Bashing? Genau. Man kann nichts, aber gar nichts erreichen. Es sei denn, man will das provozieren, was man anderen gerne unterstellt, aber so nicht bekommt oder man erntet nur ein müdes Lächeln des Provozierten.
Die westliche Politik stopft da ordentlich Ladung ins moralische Kanonenrohr und hat keine Treibladung dafür. Was wird dabei herauskommen? Genau. Ein Rohrkrepierer.

Werner Zillig | Mi, 22. Dezember 2021 - 19:43

... weist in seinem Editorial darauf hin! Nämlich so:

"Für ein Land erweist sich die aktuelle Situation jedoch als Trumpf: Russland. Denn als weltweit größter Dünger-Produzent kann es jetzt andere Länder unter Druck setzen und politisch gefügig machen."

Und ich frage mich: Was haben die allermeisten westlichen Journalisten nur mit diesem Russland?! "Politisch gefügig machen"? Nannte man das nicht mal: die Gesetze der Marktwirtschaft? Knappe Güter werden teurer. So what? Ich meine, wenn ich zur Frankfurter Buchmesse fahre, und die Hotels kosten auf einmal das Vierfache, will sich dann Frankfurt, wollen die Hotels sich die Buchfreunde "gefügig machen"?

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