Die Politik nutzte die letzten zehn Jahre des Booms nicht, um vorzusorgen. Jezt in der Krise steht Deutschland vor dem K.o. / dpa

Deutsche Wirtschaft - Ende der Illusionen

Ölkrise, Wiedervereinigung, New-Economy-Blase: Deutschlands Wirtschaft hat sich jahrzehntelang als sehr widerstandsfähig erwiesen. Es gelang stets, die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten und den Wohlstand zu sichern. Doch diesmal droht der K. o. Die ökonomischen Folgen der Corona-Krise und des Ukrainekriegs werden von der Regierung schulterzuckend hingenommen. Und eine desaströse Energiepolitik verschärft die Lage.

Daniel Stelter

Autoreninfo

Daniel Stelter ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Diskussionsforums „Beyond the Obvious“. Zuvor war er bei der Boston Consulting Group (BCG). Zuletzt erschien sein Buch „Ein Traum von einem Land: Deutschland 2040“.

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Erinnern wir uns an die Zeiten vor Corona-Pandemie und Ukrainekrieg: 2019 stand die deutsche Wirtschaft fantastisch da. Zehn Jahre Aufschwung lagen hinter uns, nur kurzzeitig getrübt von der Eurokrise. Die Arbeitslosigkeit war auf ein Rekordtief gefallen, die Steuereinnahmen sprudelten. In der Politik prahlte man mit der „schwarzen Null“, und in Großbritannien erschien ein Bestseller mit dem Titel „Why the Germans Do it Better“. 

Getragen wurde dieser Aufschwung von Ausfuhren: Regelmäßig war Deutschland Exportweltmeister, und die Außenhandelsquote stieg von 53 Prozent im Jahr 2002 auf über 70 Prozent. Zweifellos ein Erfolg unserer Industrie, die produziert, was die Welt braucht. Auch ein Erfolg der Sozialpolitik Gerhard Schröders, dessen Hartz-Reformen die Lohnkosten gedrückt haben. Wichtigster Garant des deutschen Exporterfolgs dürfte aber die Europäische Zentralbank (EZB) gewesen sein. Als Nebenwirkung der Euro-Rettungspolitik sanken die Zinsen deutlich, was die Kunden der deutschen Industrie im Euroraum stabilisierte, die Binnennachfrage in Deutschland stärkte und den Euro schwächte. Kostete ein Euro 2009 noch fast 1,50 Dollar, sank der Kurs bis Ende 2019 auf 1,11 Dollar. Waren aus Deutschland wurden dadurch enorm konkurrenzfähig, und wir waren Profiteure der bis heute ungelösten Eurokrise

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Fritz Elvers | Mi., 10. August 2022 - 18:38

Wir bekommen genügend Gas über NS-2 statt über NS-1 . Dem CH4-Molekül ist es egal, es hat kein Bewußtsein und quängelt auch nicht.

Joachim Kopic | Mi., 10. August 2022 - 19:21

Einfach gedacht: Weniger Wirtschaft = Mehr Umweltschutz ... irgendwie muss man ja die nun wieder aktiveren Kohlekraftwerke mit ihrem CO2-Ausstoß neutralisieren.

Hans Jürgen Wienroth | Mi., 10. August 2022 - 19:49

Noch lebt das Mantra vom reichen Wohlstandsland, die Life-Balance ist wichtiger als Arbeit. Realitätsferne Politiker erinnern sich an ein Land mit technischer Weltmarktführung und übersehen dabei, dass wir unser Wissen leichtfertig verscherbelt haben. Heute sind andere führend in den Naturwissenschaften, uns fehlen mittlerweile viele Grundlagen. Nicht einmal wertschöpfende Arbeit, von der man leben könnte, findet Freunde. Dafür sind z. B. Gender- Wissenschaften gefragt.
Während bei uns die Infrastruktur vergammelt, finanzieren wir weltweit entspr. Projekte, in der Hoffnung, beliebt zu werden – ein Trugschluss! Die Energiewende soll ein Exportschlager werden. Dabei finanziert sie sich nicht selbst, die Investitionen rentieren sich nur mit hoher Förderung, statt Weiterbetrieb wird abgerissen und neu gebaut. Kann das wirtschaftlich sein?
Woher jedoch soll im Bullerbü-Land ein Umdenken kommen? Die Illusionisten bekommen bei jeder Wahl mehr Zuspruch. Es fehlt eine klare Opposition.

Albert Schultheis | Mi., 10. August 2022 - 19:55

Wir schaffen das!
Wir schaffen ...
Schaffen ...
... das!
Nicht.
Mehr
...

Christoph Kuhlmann | Mi., 10. August 2022 - 20:23

Im nächsten Jahr werden die Energiepreise sinken und das Gasproblem gelöst. Es ist klar, wenn man aus Kohle und Kernenergie gleichzeitig aussteigt kostet das erstmal Geld ohne das der CO2 Ausstoß sinkt., Doch wäre uns die Lage in Frankreich lieber? 53 AKWs von denen mehr als die Hälfte gar nicht oder nur eingeschränkt produziert, weil der neue Reaktortyp Korrosionsprobleme hat. Ich möchte den Autor dieses Artikels hören, wenn Olaf Scholz die EDF verstaatlichen würde. Den nationalen Strommonopolisten. Wie heißt es doch, Gewinne privatisiert man und Verluste werden sozialisiert. Deutschland schafft sich damit ein Problem vom Halls, dass in den nächsten hundert Jahren noch viele Volkswirtschaften beeinträchtigen wird. Ach übrigens, Katar läuft nicht, die Konzerne sehen da kein Geschäft. Scholz war schon in Senegal, da soll 2023 der erste LNG Frachter mit Gas von der Küste beladen werden. Richtig, die Energiepolitik ist nicht technologieoffen aber dafür ist die Regierung nicht stabil.

Ingo Frank | Mi., 10. August 2022 - 20:46

Nach der von linken viel gescholtenen Agenda 2010 begann sich der Staat wieder zu erholen. Es ging aufwärts. Und eines sollte nicht vergessen werden, die solide Basis auf der sich Merkel nach den Anfangsjahren ihrer Regentschaft ausruhen konnte, hat sie zweifelsfrei auf dem Fundament schröderscher Politik getan. Sie konnte es sich leisten, nicht zu regieren sondern lediglich zu moderieren. Und, bei ihrer Moderation moderierte sie alle weg, die ihrer Machtsicherung im Wege standen. Und als das Fundament ihrer „Erfolge“ sanierungsbedürftig wurde, entschied Sie mehr als großzügig ihre eigene Nachfolge. Der Schuss ging für die Partei nach hinten los und traf in den Rücken der Partei die heute noch immer Patient auf der Intensivstation ist. Und die Wirtschaft, sah bei allem zu, nein mehr noch, sie beklatschte das alles ohne nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass der „neue Aufbruch“ noch schlimmer als die letzen 10 Jahre Merkel werden wird.
Mit freundlichen Gruß aus der Erfurter Rep

Karl-Heinz Weiß | Mi., 10. August 2022 - 21:19

Dem Autor ist uneingeschränkt zuzustimmen. Nur: warum war er auch von 16 Jahren Merkel hypnotisiert ? Die Fragilität des deutschen Wirtschaftswunders zeigt sich exemplarisch in Bayern und BW. Die Autoindustrie mit all ihren Zulieferbetrieben wird durch einen grünen MP und einen schwarzen Baumumarmer systematisch an die Wand gefahren. Und die Inhaber bisher gut bezahlter Arbeitsplätze: applaudieren und fahren mit dem Porsche-E-Bike ins heimelige Einfamilienhaus.

Gabriele Bondzio | Mi., 10. August 2022 - 21:29

Richtig Herr Stelter, ihre aufgezählten Gründe haben alle zum Party-Ende beigetragen.

Viele Kommentatoren haben schon seit Jahren vor den Verwerfungen gewarnt und wurden belächelt.
Ich wäre froh, wenn ihre Warnungen nicht eingetreten wären.

Und ihre letzten Sätze:
" Früher konnten wir uns sanieren. Diesmal fehlt es an Erkenntnis, Bereitschaft, Kraft und den Voraussetzungen für einen erfolgreichen Neustart. Wenn die Erkenntnis kommt, wird es wohl zu spät sein. Diesmal droht der K. o."...
sind bittere Pillen, die zu schlucken sich viele noch weigern.

"Der bitterste Kummer auf der ganzen Welt ist der, wenn man bei aller Einsicht keine Gewalt in den Händen hat, das Vorausgesehene abzuwenden."
-Herodot, antiker griechischer Geschichtsschreiber, Geograph und Völkerkundler

Wolfgang Borchardt | Mi., 10. August 2022 - 22:11

ewig bilden wir uns ein, das 'alles bei uns am besten sei', und in Wahrheit ist es am schlechtesten. Amerikaner müssen über diese primitiiven Zustände lachen. " Th. Fontane, 8.7.1889

Bernd Windisch | Mi., 10. August 2022 - 22:33

Vor dem Hintergrund der verstolperten Energiewende war die Teilnahme an der Sanktionierung Russlands völlig verantwortungslos.

„Sanktionen müssten einerseits einen starken Effekt auf Russland haben, andererseits aber auch für die eigene Volkswirtschaft verkraftbar sein, betonte Scholz noch im März dieses Jahres.“

„Ein Milliardenschatz liegt auf dem Grund der Ostsee. Er ist auf dem neuesten Stand der Technik. Er ist prall gefüllt mit 177 Millionen Kubikmetern Gas, der Druck lag zuletzt bei 103 bar.“ Deutschland muss nur den Hahn aufdrehen.

Dies verschafft uns die notwendige Zeit den aktuell dysfunktionalen Energiemix in Deutschland zu verträglichen Preisen neu aufzustellen. Dazu benötigen wir allerdings Politiker die den Ernst der Lage erkennen, ihren Amtseid ernst nehmen, und Schaden vom deutschen Volk abwenden wollen.

Bevor jetzt die Befreiungskämpfer im Forum frei drehen, die Ukraine bezieht ebenfalls Gas aus Russland schränkt aber den Gastransit nach Europa ein.

dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, ausser
dass wir sogar Energie aus der Ukraine bekommen sollen, aus deren Atomkraftwerken natürlich. Was für eine Ironie, wir wollen unsere restlichen drei abschalten, weil Atomenergie ist ja so schlimm und beziehen ausgerechnet aus dem Land, wohingehend die Sanktionen gegen Russland sind und weswegen wir in Not geraten, nun Energie!
Tolles Deutschland.

Wolfgang Schneider | Mi., 10. August 2022 - 23:44

Eine bedrückende Analyse des deutschen Sonderweges in vielen Bereichen, exemplarisch zu beobachten in der alternativen Energieerzeugung, fälschlicherweise alternative Energie genannt! Die Auswirkungen dieser Illusion werden, nach vielen Jahren der Warnung davor, überdeutlich jetzt sichtbar. Aber das Erschreckende ist in diesem und anderen Bereichen der aktuellen Politik, dass es die Masse der Bundesbürger offenbar nicht interessiert! Korruption, Bereicherung, Nepotismus, etc. was soll's? Bis ein Verantwortlicher/eine Verantwortliche die ihm/ihr übertragene Verantwortung übernimmt und geht, geht eher das sprichwörtliche Kamel durch das Nadelöhr.

Norbert Heyer | Do., 11. August 2022 - 06:42

Der Ukraine-Krieg ist ein Fingerzeig: So wie bisher kann es nicht weitergehen. Leider haben wir diese Botschaft ignoriert. Wir werden lediglich den Ausbau witterungsabhängiger Energie weiter forcieren und müssten gleichzeitig grundlastfähige Kraftwerke zusätzlich bauen. Damit wird der Preis für Energie in ungeahnte Höhe getrieben. Wer den Weiterbetrieb der noch vorhandenen 3 KKW weiterhin verhindert, handelt rein ideologisch, das Wohl, der Fortbestand und die soziale Sicherheit stehen hintenan. Gleichzeitig wollen Studienabbrecher und infantile Kindsköpfe der Wirtschaft vorschreiben, welche Technologien die Zukunft darstellen. Der freie Wettbewerb um die Zukunft wird damit abgewürgt und wird zum massenhaften Firmensterben oder Auswanderung führen. Die grüne Idee überwuchert jegliche Realitäts-Wahrnehmung und wird unweigerlich scheitern. Die Anzahl der über uns hereinbrechenden Probleme werden wir mit derartig versagenden Politikern niemals lösen können. Das Modell Deutschland stirbt.

Dr.Andreas Oltmann | Do., 11. August 2022 - 09:58

Danke, Herr Stelter, für diese klare und brutale Analyse. Und die schonungslosenAussichten auf eine düstere Zukunft, in der wir uns die moralische Weltmachtstellung nicht mehr leisten können.
Jeder denkende Mensch fragt sich, warum die Einsichten von Herrn Stelter von so wenigen Menschen geteilt werden, dass sich angeblich die Mehrheit Habeck als Kanzler wünscht. Ist es nur Dummheit? Wissensschwund? Irrationalität? Sich wohlfühlen und suhlen in dem Gefühl, besser zu sein als andere? Gleichgültigkeit?
Es fehlt auch an einer Opposition, die diesen Namen verdient. Und eine mediale Öffentlichkeit, für die Frau Schlesinger gerade exemplarisch steht, die diese Zukunftsperspektiven deutlich machen.
Deutschland schafft sich ab. Noch treffender ist das Zitat von T.Fontane.
Ceterum censeo, dass endlich auch über den Unsinn und die Abschaffung von Sanktionen geredet werden muss. Aber da haben wir die Karre so tief in den Dreck gefahren, dass eher die AKWs wieder hochgefahren werden.

Urban Will | Do., 11. August 2022 - 10:37

Erst wenn der eine oder andere SPD- oder CDU- oder nun gar FDP- Wähler mit noch einem rudimentären Rest an Verstand und offenen Ohren merkt, dass er im Falle 1 und 2 seit Jahren, im Falle 3 seit kurzem die Grün – Sekte mitwählt, wenn er mal genau hinhört, was aus den Reihen dieser Sekte und der ihr anhängenden Untersekten (FfF, etc) so kommt, was für voll und ganz irre Typen da an den Hebeln der Macht sitzen und ebenso ungeniert wie unbelehrbar und irrsinnig weiterhin ihre Wahnsinnslehren teils mit Erfolg durchsetzen, wie weitestgehend kritiklos all dieser Schwachsinn von den oben erwähnten Parteien durchgewunken wird... und er, der Wähler, dann vielleicht doch mal überlegt, diesen Rest an Verstand mal anzustrengen und die nächste Wahlentscheidung nach diesem und nicht nach Ordre de Mufti ÖR zu setzen, dann vielleicht tut sich was.
Vorher nicht.

Günter Johannsen | Do., 11. August 2022 - 11:22

Der Sozialstaat bleibt trotz eines bereits 2019 erreichten absoluten und relativen Rekords an Sozialausgaben tabu. Wenn überhaupt, dann werden höhere Sozialbeiträge und Bundeszuschüsse gefordert, während das Ausgabenniveau weiter steigt ... !"
Ja, die Party (Geld in alle Welt verteilen - z.B. 340-Mille € jährlich nach China) ist vorbei.
Was sich hier und auch sonst niemand getraut zu sagen (aus Angst vor Rufmord?): warum beenden wir nicht sofort die von Merkel als alternativlos eingeführte papierlose Migrationspolitik? Das sind wieviel Milliarden jährlich, die für zugewanderte (und nicht als Flüchtlinge/Sozialhilfe- und Kindergeldempfänger ausgegeben werden? Ausgenommen sind dir wirklich vor Krieg flüchtenden Ukrainer, die zuerst Frauen und Kinder aus der Kriegszone bringen!
Wer das wagt, zu erwähnen, wird sofort als Rechtspopulist und Nazi identifiziert.
In der untergegangenen DDR gab es für "Andersdenkende" Straflager und Knast. Heute gibt es Rufmord. Das ist nachhaltiger!

Gisela Fimiani | Do., 11. August 2022 - 16:34

Der deutsche Staat, i.e. dessen Bürger, ist längst zur Plünderung freigegeben. Politik, Medien, Bürokratie (nur hier ist ungebremstes Wachstum zu bestaunen) leben nicht mehr in einer Demokratie, die ursprünglich dem Wohl ihres Souveräns zu dienen hatte. Verkommen zu einer Parteien-Despotie, die es sich leisten kann, sich aus kompetenzlosen Illusions-Ignoranten zu rekrutieren - mit vorzüglicher Versorgung durch die Bürger. Krisen bergen immer Chancen. Unglücklicherweise sehe ich im Parteien Sumpf kaum mehr vernunftbegabte, kritisch-weitsichtig denkende Mutige, die, über ihre persönlichen Interessen hinaus, über Qualifikation, Urteilsfähigkeit, Berufserfahrung außerhalb der Politik-Blase verfügen. Daraus folgt zwangsläufig, dass eine ideologische Gesinnungsethik der - ungleich anspruchsvolleren - Verantwortungsethik vorgezogen wird. „Die Menschen werden am besten genasführt mit der Moral,“ .so Nietzsche. Inzwischen regiert eine schlagkräftige, blasierte und selbstherrliche Hypermoral.