Wladimir Putin
Russlands Präsident Wladimir Putin, während er am Mittwoch die Teilmobilmachung ankündigt / picture alliance

Mobilmachung wegen Ukrainekrieg - Exklusiv für Xing-Leser: Mobilmachung wegen Ukrainekrieg - Russland ist am A....

Das russische Militär in der Defensive, und jetzt auch noch eine angebliche „Teilmobilmachung“: Wladimir Putins Invasion der Ukraine erweist sich nach sieben Monaten als ein totales Desaster. Russland ist zunehmend wirtschaftlich geschwächt und politisch isoliert. Ohne den Einsatz von immer mehr Gewalt nach innen und nach außen wird sich dieses Regime nicht an der Macht halten können.

Alexander Marguier

Autoreninfo

Alexander Marguier ist Chefredakteur von Cicero.

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Ich fuhr mal eine Zeit lang ein russisches Motorrad, eine Ural. Das Ding sah von weitem sehr imposant aus und brachte die Leute zum Staunen. In Wahrheit handelte es sich um einen Haufen Schrott: gebaut in den Neunzigern, technisch auf dem Stand der 1940er Jahre – und ständig war irgendetwas kaputt. Eines Tages brach einfach der Ständer ab, weil offenbar der Stahl zu weich war für das hohe Gesamtgewicht der Ural, und die Maschine kippte um. In den vergangenen Wochen musste ich öfter wieder an dieses Gefährt denken, denn im Rückblick erscheint es mir als ein Spiegelbild seines Herkunftslandes.

Mit der sogenannten Teilmobilmachung dürfte jetzt endgültig der Ständer an der russischen Gesellschaft abgebrochen sein. Putins Krieg in der Ukraine, diese wahnhafte „Spezialoperation“, ist gescheitert – und selbst die aberwitzigste, dümmlichste, lügnerischste Propaganda wird nichts daran ändern können, dass die Russinnen und Russen diese Wahrheit zur Kenntnis werden nehmen müssen. Aus einer als kurze Militärinvasion geplanten Einnahme der gesamten Ukraine ist ein Abnutzungskrieg geworden, der die Ressourcen des Landes gnadenlos auffrisst: menschliche, wirtschaftliche, politische. Wladimir Putin hat sein Volk ins Verderben geführt, anders kann man es nicht sagen. Und mit jedem Tag wird das Elend größer.

Mehr Menschenmaterial

Eine Mobilmachung sollte ursprünglich um (fast) jeden Preis vermieden werden. Denn natürlich war dem Regime klar, dass der Hurrapatriotismus schnell endet, wenn die heimischen Sofa-Strategen in großer Zahl selbst an die Front geschickt werden müssen, wo sie nicht nur ihr eigenes Leben riskieren, sondern ohne propagandistischen Filter erleben können, um was es in der Ukraine wirklich geht: um einen atavistischen Vernichtungsfeldzug gegen eine Bevölkerung nämlich, die nichts wissen will von einer vermeintlichen Entnazifizierung durch tapfere Befreier aus dem Osten.

Vielleicht kann Putin der desaströsen militärischen Lage in der Ukraine durch Entsendung neuen Menschenmaterials ja tatsächlich nochmal eine neue „Dynamik“ verleihen. Aber ein Sieg wird sich nicht erringen lassen. Und wenn, dann wäre er vergleichbar mit dem Erfolg des legendären König Pyrrhos in der Schlacht bei Asculum: „Noch solch ein Sieg, und wir sind vollständig verloren.“

Dass die „Teilmobilmachung“, die tatsächlich sehr viel umfangreicher ausfallen dürfte als vom russischen Verteidigungsminister Schoigu angekündigt, aus Verzweiflung geschieht, ist bereits oft genug gesagt worden. Es stimmt ja auch. Zumal sich mit schierer Mannstärke allein die russischen Defizite in Sachen Material und Logistik nicht werden beheben lassen. Und dass die Kampfmoral in der Truppe steigt, ist auch eher unwahrscheinlich angesichts der Tatsache, dass Russen, die bis gestern noch ein halbwegs normales Alltagsleben führen konnten, nicht die geringste Lust verspüren dürften, sich verheizen zu lassen in einem widersinnigen Kampf gegen ein Volk, zu dem die meisten „Mobilgemachten“ private, gar familiäre Verbindungen haben.
 

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Putin, dieser notorische Lügner aus dem alten Sowjet-KGB, hat einen regelrechten Palast aus Unwahrheiten errichtet, der sich zusehends in Luft auflöst. Immer mehr, immer irrere Geschichten müssen erfunden werden, um das ursprüngliche Spezialoperations-Narrativ annähernd stringent weitererzählen zu können – an diesem Wochenende folgt mit den „Referenden“ in den Gebieten Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson über den Beitritt zur Russischen Föderation also der nächste Coup, von dem man wohl selbst im Kreml nicht glaubt, dass das noch irgendjemand ernst nimmt. Spannend an diesen Volksabstimmungen dürfte lediglich die Frage sein, ob die Zustimmung bei 99,5 oder doch nur bei 98 Prozent liegen wird.

Die nukleare Option

Aber Moskau kann dann eben künftig behaupten, die Rückeroberung ukrainischen Territoriums durch die mit westlichen Waffen ausgerüsteten Ukrainer wäre ein Angriff auf Russland selbst. Aus den Tätern würden Opfer, aus der „Spezialoperation“ ein Verteidigungskrieg mit erhofftem Mobilisierungspotential in der russischen Bevölkerung – und der Option des Einsatzes von Nuklearbomben. „Kein Bluff“, hat Putin ja bereits verkündet – wohlwissend, dass man ihn schon längst als Illusionskünstler entlarvt hat. In der Ukraine sowieso, demnächst wahrscheinlich auch verstärkt in Russland selbst. Deswegen sollte das bisher eigentlich Undenkbare durchaus als realistische Verzweiflungstat stets mitgedacht werden.
 

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Aber den Sieg wird der immer mehr in Bedrängnis geratende Caudillo und Oligarchen-Patron dennoch nicht davontragen. Selbst für den Fall, dass die Eroberungen ukrainischen Territoriums mit hohem Blutzoll und hohen Kosten irgendwie gehalten werden können: Russland ist ruiniert, und je länger Putin an der Macht bleibt, desto größer wird das Desaster, in das er sein Land geführt hat.

Der Traum einer Wiederherstellung des „alten russischen Reichs“ (beziehungsweise der übrigens nicht ohne Grund gescheiterten Sowjetunion) dürfte inzwischen selbst im Kreml ausgeträumt sein. Eher stellt sich die Frage, ob sich die Völker im Osten Russlands auf Dauer überhaupt noch von einem kriminellen Regime aus Moskau regieren lassen wollen, das zuverlässig für wirtschaftlichen Niedergang und politische Isolation sorgt. Oder ob Peking da nicht irgendwann als verheißungsvollere Option erscheint.

Putins Desaster

Nach sieben Monaten „Spezialoperation“ in der Ukraine hat Wladimir Putin seinen Bürgerinnen und Bürgern folgende Erfolge vorzuweisen: das russische Militär auf dem Rückzug und als Scheinriese entlarvt; die ohnehin technologisch rückständige russische Wirtschaft durch Sanktionen nachhaltig geschwächt; schwindender Einfluss in Zentralasien; China zunehmend auf Distanz; der Westen weitgehend geeint (mit demnächst zwei neuen Nato-Mitgliedern vor Russlands Haustür); ein Exodus der Hochqualifizierten; der einstige Ruf als zuverlässiger Energielieferant perdü. Und jetzt noch die Mobilmachung.

Wie Wladimir Putin mit solch einer Bilanz seine politische Zukunft plant, kann gern sein Geheimnis bleiben. Fest steht: Ohne den Einsatz von immer mehr Gewalt nach innen und nach außen wird sich dieses Regime nicht an der Macht halten können. Russland unter Putin ist schlichtweg am Arsch.