Der Soziologe Grigori Judin bezweifelt, dass das russische Volk sich gegen Wladimir Putin auflehnt / Maurice Weiss

Moskauer Soziologe Grigori Judin - „Sie brauchen frisches Fleisch für die Front“

Der Moskauer Soziologe Grigori Judin über das schizophrene Verhältnis der Russen zum Krieg in der Ukraine, über die Sanktionen des Westens – und über Putins Herrschaftssystem.

Autoreninfo

Moritz Gathmann ist Chefreporter bei Cicero. Er studierte Russistik und Geschichte in Berlin und war viele Jahre Korrespondent in Russland.

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Grigori Judin wurde 1983 in Moskau geboren. Judin gehört heute zu den führenden Soziologen des Landes und lehrt an den Top-Universitäten Higher School of Economics und Moscow School of Social and Economic Sciences. Zwei Tage vor dem 24. Februar prognostizierte er in einem Artikel den Kriegsbeginn, am Tag selbst wurde er auf einer Demonstration von der Polizei niedergeschlagen und festgenommen. 

Herr Judin, gerade habe ich mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil, der oft in Russland war, gesprochen. Er sagt, er habe in Russland immer wieder friedliebende Menschen getroffen, und nun kann er sich nicht erklären, warum diese Menschen in ihrer Mehrheit den Krieg gegen die Ukraine unterstützen. Um es mit einer Gedichtzeile von Jewgeni Jewtuschenko zu sagen: Wollen die Russen Krieg?

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Bernd Windisch | Di., 9. August 2022 - 09:15

Eigentlich ist die Frage schon sinnlos, weil sie voraussetzt, die Menschen würden sich mit den politischen Entscheidungen identifizieren, die in ihrem Land getroffen werden. Aber das ist in Deutschland nicht der Fall. Der Großteil der Deutschen lebt ein privates Leben, versucht, nichts mit der Politik zu tun zu haben.

Gibt es denn überhaupt Meinungsumfragen in Deutschland, denen man Vertrauen schenken kann?

Meinungsumfragen sind in Deutschland Teil der Akklamation, sie spielen die Rolle von Plebisziten, in denen die Menschen verstehen, was von ihnen gefordert ist: Ja, wir unterstützen die Entscheidung der politischen Führung, egal, welche es ist. Anders sind wohl 23 % für die suizidale Melonenpartei nicht zu verstehen.

Spaß bei Seite, ich habe mich selbst gewundert wozu ein Phrasomat so alles in der Lage ist.

keine Meinungsumfragen gibt, die die politischen Ziele des rechten Randes als die des Volkes bestätigen?

Es ist schon belustigend: Leute wie Sie werden doch nicht müde, nach jeder Wahl, bei der die AfD mal wieder abgeschmiert hat, die Wahlerfolge der Demokraten zu verleugnen. Denn schließlich gäbe es doch eine relativ große, stabile Zahl von Nichtwählern, die den "Altparteien" die Stimme verweigert hätten!

Das hört sich, eingebettet in entsprechende "Interpretationen", immer so an, als ob das alles potentielle AfD-Wähler wären. Was natürlich nicht der Fall ist. Sonst hätten sie den Rechtsextremen ja ihre Stimme gegeben.

In diesem Forum kennt man ja die Reaktionen. Der sich der AfD-Verweigernde wird seit Jahren als dummer, williger Michel beleidigt - Hetze die hier ja durchaus geduldet wird, die Kritik daran allerdings scheinbar nicht mehr...

Ja, so mancher gibt sich keinen Illusionen hin, was Parteien angeht - sieht man mal von den besonders bei Jungen beliebten Grünen ab..

Gabriele Bondzio | Di., 9. August 2022 - 11:04

dass man sie in Ruhe lässt.“

Ihre Schilderung der Menschen in Russland, Herr Judin, will ich ihnen gerne glauben und es ist auch nicht akzeptabel für mich, um seiner Meinung willen verhaftet zu werden.
Russland ist mit Sicherheit kein Hort der Demokratie.

Und wenn ich mir Filme ansehe, sind auch die Lebensbedingungen der Menschen oft sehr bescheiden, die aus meiner Sicht an ein anderes Jahrhundert erinnern.

Schlicht und ärmlich aus unserer Sicht.
Aber schlicht und arm, bedeutet nicht automatisch ...unglücklich. Es ist eher die Gewohnheit so zu leben, wie wir leben.
In Russland oder in Deutschland.

„Und was dann? Soll ich mich aufhängen?  ...ist ein Zeichen das Resignieren, das Sich fügen in das unabänderlich Scheinende.

Diesen innerlichen Aufgeben, begegnen sie auch in Deutschland (oder jeden anderen Land), zwar auf einen anderen gesellschaftlich-wirtschaftliches Niveau.

Auch hier höre ich nicht so selten: Was soll ich denn tun, die machen doch ehe was sie wollen!

Christoph Kuhlmann | Di., 9. August 2022 - 11:07

Widerstand unter den Bedingungen der Diktatur zu erwarten. Wer Flugblätter verteilt kam anfangs ins Zuchthaus und wurde jahrelang verprügelt, selbst mit 13 oder 14. wenige Jahre später gab es KZ für einen Witz über Hitler. Das Risiko denunziert zu werden ist enorm. Kriegsdienstverweigerer kamen ins KZ und erhielten bei fortgesetzter Verweigerung die Todesstrafe. Insofern finde ich es auch so lächerlich wenn Meinungsumfragen aus Russland zitiert werden. Unter den Bedingungen der Diktatur und der Propaganda sind 80% öffentlich geäußerte Zustimmung zum System eher gering. Die Alliierten schätzten den Anteil an Nationalsozialisten in Deutschland auf ca. 10-15% in Deutschland. Je nach Kriegslage. Das reicht vollkommen um einen Diktator ohne große Probleme an der Macht zu halten. Attentate sind der einzige Weg gegen eine Diktatur mit Kontrolle über die vorzugehen. Es gibt immer innere Kreise der Macht. Aber die revoltieren selten.

Ingo Frank | Di., 9. August 2022 - 15:41

lässt. Die Frage ist eigentlich sinnlos, weil sie voraussetzt, die Menschen würden sich mit den politischen Entscheidungen identifizieren, die im Land getroffen werden.“
Ein sehr bezeichnender Satz. ABER gilt der nur für die russische Bevölkerung? Und für die in D Lebenden nicht? Laufen wir nicht in Hesslings- Manier, dienernd und Hurra schreiend hinter dem Zeitgeist der links grünen hinterher? Will die Größe Mehrheit in diesem Land nicht auch in Ruhe gelassen werden? Anders gesagt, sich im Dauerwohlfühlschlaf der Demokratie einlullen zu lassen? Aber jeder Schlaf geht zu Ende wenn der Morgen kommt. Und nicht jedes Erwachen erfolgt sanft. Ein Weckruf kann mit unter sehr schmerzhaft sein.
Mit freundlichen Gruß aus der Erfurter Republik

Gerhard Fiedler | Di., 9. August 2022 - 16:02

Es ist doch in Deutschland auch nicht anders als in Russland, ob damals unter Hitler, später in der DDR oder heute in der BRD unter Rot-Rot-Grün. Alles wird klaglos hingenommen, zu allem wird nicht nachgedacht, alles wird glaubend nachgeplappert, zu allem Unrecht aus Furcht geschwiegen oder resigniert. Nichts bringt die Menschen in D. auf die Palme oder Straße, weder die unkontrollierte Migration, die Politik zum "menschengemachten" Klimawandel, die Corona-Fürsorge, der Gender-Blödsinn oder die Sanktionen und Waffenlieferungen an die Ukraine, die unser Volk frieren, enteignen und verarmen lässt. Auch mit unserem Volk ist alles zu machen. Da denke ich immer an die gängigen Argumente in der DDR, die mir mit den Worten "Daran kannst du auch nichts ändern", auf meine Kritik am System entgegengehalten wurden. Schon Napoleon und H. Heine haben diese unsere "Stärke" erkannt und verwertet. Da muss man seine Hoffnung auf Besserung wohl fahren lassen.

Kai Hügle | Mi., 10. August 2022 - 07:34

Antwort auf von Gerhard Fiedler

Ein Interview mit einem Oppositionellen aus einem Land, das einen brutalen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt, vor allem Soldaten ethnischer Minderheiten und Strafgefangene an die Front schickt und in dem man für die Verwendung des Wortes "Krieg" für mehrere Jahre weggesperrt werden kann, wird zum Anlass genommen, die Bundesrepublik mit Nazi-Deutschland, der DDR und Russland zu vergleichen. Ohne Worte...
Dass hier für und gegen die Klima-, die Corona- und die Flüchtlingspolitik sowie für und gegen den russischen Angriffskrieg in der Ukraine demonstriert werden darf und wird, das scheint Ihnen entgangen zu sein.
Immer wieder interessant, die Einblicke in Parallelwelten, die einem dieses Forum bietet...

Martin Falter | Di., 9. August 2022 - 17:08

ganz klar, das Putin von Hitler und Stalin gelernt hat und heute mit der Informationstechnologie und Atomwaffen leider um ein vielfaches gefährlicher ist, als die alten Massenmörder.

Ob wir wollen oder nicht, wir müssen ihn stoppen.

Tomas Poth | Mi., 10. August 2022 - 11:07

Na, dann machen Sie sich mal auf den Weg an die Front und berichten uns von ihren Heldentaten. Oder gehen Sie direkt nach Moskau und stoppen ihren "Teufel".