Antisemitisches Relief an Kriche
Corpus delicti: Die sogenannte Judensau an der Stadtkriche Wittenberg / dpa

Urteil des Bundesgerichtshofs zur „Judensau“ - Vom Schandmal zum Mahnmal?

Die sogenannte Judensau an der Stadtkirche Wittenberg in Sachsen-Anhalt darf bleiben. Das hat der Bundesgerichtshof entschieden. Die Kontextualisierung durch eine Textplatte schaffe die nötige historische Distanz zu der eindeutig antisemitischen Plastik. Medien- und Verfassungsrechtler Volker Boehme-Neßler hält dieses Urteil für eine krasse Fehlentscheidung - denn das Gericht unterschätze die Macht der Bilder.

Volker Boehme-Neßler

Autoreninfo

Volker Boehme-Neßler ist Professor für Öffentliches Recht, Medien- und Telekommunikations- recht an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Davor war er Rechtsanwalt und Professor für Europarecht, öffentliches Wirtschaftsrecht und Medienrecht an der Hochschule für Wirtschaft und Technik (HTW) in Berlin.

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In diesem Prozess, der viel Aufmerksamkeit bekommt, geht es – auf den ersten Blick - um einen Stein. Der Bundesgerichtshof befasst sich mit der Frage, ob ein jahrhundertealtes antisemitisches Relief an einer Kirche in Wittenberg eine Beleidigung sein kann. Denn das behauptet der Kläger und verlangt von der Kirche, das Relief zu entfernen.

Kirchlicher Antisemitismus

Das Relief an der Stadtkirche ist eine typische „Judensau“-Darstellung, wie sie seit dem Hoch- Mittelalter über Jahrhunderte in der christlichen Bildersprache üblich war. Sie zeigt ein weibliches Schwein, an dessen Zitzen Juden hängen und saugen. Hinter der Sau steht ebenfalls ein Jude und schaut ihr in den Anus. Das ist eine extreme antisemitische Schmähung und eine heftige Beleidigung. Genauso war diese Darstellung auch gemeint. Sie sollte Juden, für die das Schwein ein unreines Tier ist, beleidigen, ausgrenzen, demütigen. Die „Judensau“ ist eine schmerzhafte Erinnerung an die unheilvolle, antisemitische Geschichte der christlichen Kirchen.

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Tomas Poth | Di., 14. Juni 2022 - 18:59

Kann es sein daß der Autor seinen Standpunkt überschätzt oder gar eine überhebliche Fehleinschätzung seinerseits vorliegt?
Will er sich einer bestimmten Klientel durch seine Stellungnahme andienen?
Die Tafel ist ein Teil der Kulturgeschichte die sich im deutschen Sprachraum abspielte.
Wir behalten ja auch Dachau, Bergen Belsen etc. als Gedenkstätten der jüngeren Geschichte und ebnen sie nicht ein! Wittenberg, Dachau, etc. stehen in einem unmittelbaren historischen Kontext zueinander, beides erklärt sich gegenseitig!
Was soll diese Aufregung also, außer daß sie den schwachmaatischen Geist einer zeitgeistigen Professur widerspiegelt?

Wolfgang Borchardt | Di., 14. Juni 2022 - 20:16

Bilderstürmerei wäre früher. Es ist nicht mehr als ein zeitgeschichtliches Dokument, von denen schon viel zu viele verloren gegangen sind. Gut, das der Kontext erläutert wird und damit ein - gerade für die heutige, Geschichte gern als "unkool" zurückweisende - junge Generation beeindruckender Beleg zur Verfügung bleibt, der zeigt, wie mit dem Judentum umgegangen wurde. Die Beseitigung des Bildes bedeutet keine Beseitigung der Geschichte, aber die Bequemlichkeit, sich nicht mehr damit. auseinandersetzen zu müssen. Denn: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Diese Auseinadersetzung traut der Verfasser anderen Menschen nicht zu und glaubt, uns und mich davor schützen zu müssen. Dieses Verfahren kenne ich aus der DDR, heute heißt es "Framing" bezeugt die Arroganz des Autors und ist gegen die Menschenwürde. Wird doch jedem grundsätzlich die eigene Urteilsfähigkeit von vornherein abgesprochen. Insofern freue ich mich über das Urteil, das ein wirklich zeitgemäßes ist.

Fritz Elvers | Di., 14. Juni 2022 - 20:36

dass die Kirche nicht von sich aus dieses Schandmal entfernt.

Wolfram Fischer | Di., 14. Juni 2022 - 20:43

Was Antisemitismus anbelangt, ist skandalös, was in D insbesondere seit 2015 passiert. Da darf (so passiert 2021) ein widerwärtiger "Paläsinenserfreunde"-Mob stundenlang auf den Straßen Drecksparolen skandieren wie "Tod den Juden", "Juden in's Gas" und es passiert: genau - NICHTS!
Und um dem die Krone aufzusetzen: Die ARD berichtet anschließend von "Bürgern, die Ihrem Protest gegen den Krieg in Palästina Ausdruck verleihen wollten".
Das ist Problemverleugnung wie sie schlimmer kaum geht.
Und Karl Lagerfeld etwa benannte (bereits 2017!) das Kernproblem - und er hatte so recht:
„Selbst wenn Jahrzehnte dazwischenliegen, kann man nicht Millionen Juden töten und später dann Millionen ihrer schlimmsten Feinde (Anm: Muslime) nach Deutschland holen."
Und was macht D an dieser "Front"? Was macht Faeser?
Genau: NICHTS.
Da ist - bei aller Widerlichkeit - die Judensau das untergeordnete Problem. Die muslimische Welt ist auch ohne "Judensau" antisemisch vollgeladen - da müsste man anfangen...

Und andererseits: Bildersturm und Bücherverbrennung war mal ... um nur kurz daran zu erinnern! Ich seh das "Kunstwerk" wie es ist: Eine Verfehlung der Kirche mit den in Auftrag gegebenen Darstellungen - und daran sollte man immer wieder erinnert werden, auch wenn man da "gen Himmel" schauen muss!

es ist mittlerweile so offensichtlich bizarr, was da in dieser Beziehung in Deutschland abgeht, dass man sich schon fragt: Für wie dumm halten die da Oben eigentlich das Volk...

Ich sehe dies als eine verachtende Beleidigung gegenüber dem Volk an...

Bernhard Homa | Di., 14. Juni 2022 - 23:56

Zunächst: welche "Macht" hat denn das Bild der "Judensau" und wie stark befördert es Antisemitismus? Das behauptet der Autor bloß, belegen kann er es nicht. Weiß er überhaupt, wie verbreitet religiöse Polemiken dieser Art waren? Da findet man tausende Darstellungen - auch von christlichen Konfessionen gegeneinander!

Ob die saloppe Ausdehnung des Antisemitismus-Begriffes auf die Zeit vor dem 19. Jh. (ohnehin umstritten) so schlau ist, darf auch bezweifelt werden: der bösartige Rassenantisemitismus der Moderne wird damit unfreiwillig eher banalisiert

Aber das größte Problem: weder der Autor noch der Kläger scheinen zu begreifen, dass es sich um eine historische Quelle mit bestimmtem Kontext handelt. Eine Hass erzeugend Wirkung ergibt sich daher allein aus der konkreten Nutzung. Kirche und Gesellschaft sind heute aber andere als vor 500 Jahren - die Tafel ist nur noch Monument, mit der Ausbreitung von Antisemitismus heute hat sie schlicht nichts mehr zu tun

Helmut Bachmann | Mi., 15. Juni 2022 - 01:10

Reicht ein Artikel ohne gute Argumente nicht aus? Reinheitswahn statt Debatte und Akzeptanz der Vergangenheit. Schade Cicero.

Werner Zillig | Mi., 15. Juni 2022 - 01:42

"... eine krasse Fehlentscheidung - denn das Gericht unterschätze die Macht der Bilder."

Wenn das Volk so dumm ist, dass es sich von so einem Bild manipulieren lässt, dann müssen wir die Demokratie abschaffen.

Wenn man nicht wüsste, was die Demokratie ist, nämlich (nach Winson Churchill) "die schlechteste aller Regierungsformen - abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind", dann müsste man sagen: ja... abschaffen... sofort... das Volk ist zu dumm dafür...

Alexander Brand | Mi., 15. Juni 2022 - 08:25

bin aber positiv überrascht worden, es ist die einzig richtige Entscheidung!

Wir MÜSSEN endlich aufhören uns für alles und jeden schuldig zu fühlen, Sippenhaft widerspricht allen westlichen Moralvorstellungen, warum also wird die gesamte deutsche Gesellschaft in Sippenhaft genommen?

Die Vergangenheit kann man nicht ändern, man kann und muß aus ihr aber lernen, leider passiert genau das, trotz aller gegenteiliger Lippenbekenntnisse, nicht! Die Zeugen der Vergangenheit helfen beim Lernen, darum müssen sie bleiben.

Wir steuern in großen Schritten auf das dritte linke Unheil auf deutschem Boden nach Hitler/DDR zu. 1933 jährt sich bald zum 100 Mal und die Geschichte wird sich wiederholen, die Linksradikalen die aktuell an der Macht sind haben nicht Gutes im Sinne, ihre Themen sind anders, ihre Methoden sind es nicht! Sie sind dabei alle Freiheiten abzuschaffen, den Bürger zu entmündigen, je mehr sie merken, daß ihnen die Macht entgleitet, desto radikaler werden sie um sich schlagen!

gabriele bondzio | Mi., 15. Juni 2022 - 08:50

für die Kirche als Institution und die Gesellschaft insgesamt."

Die Kirche von Wittenberg ist ja nun nicht das einzige Objekt, dass Beleidigung für alle Juden abbildet.
Meine Meinung, erst durch die medial-juristische Aufmerksamkeit welche diesem Relif zugekommen ist.
Wurde ihm Wirkungsmacht verliehen.

Gerhard Lenz | Mi., 15. Juni 2022 - 11:08

Wenn man tatsächlich etwas für unverzichtbar hält, kann man es auch in geeignetem Rahmen unterbringen. Warum kann man das Ding nicht abmontieren und in ein Museum schaffen?

Weiter: Was sollen solche Kommentare:

"welche "Macht" hat denn das Bild der "Judensau" und wie stark befördert es Antisemitismus?"

Es gibt sicher noch Vollpfosten, die das Ding lustig finden.

Wenn Juden als Schweine dargestellt werden, muss man keine künstlichen Relativierungen mehr anstellen.

Wie würden man wohl bei einer "Deutschensau" reagieren? Da wäre das Ding doch längst verschwunden - zu recht.

Andererseits kann man der Meinung sein, dass die Erklärungen klarstellen, um was für eine "Schweinerei" es sich handelt.

Es ist insofern auch eine weitere Mahnung, dass die angeblich so stolze deutsche Vergangenheit, zahlreiche dunkle Flecken aufzuweisen hat, und dass der in Deutschland wieder zu beobachtende Antisemitismus eine gewisse "Tradition" hat.

Armin Latell | Mi., 15. Juni 2022 - 12:22

auch wenn das einige anders sehen mögen. Fakt ist, dieses "Bild" beeinflusst oder beeindruckt mich nicht im geringsten. Es ist ein Überbleibsel aus unserer Vergangenheit. Damit muss und kann ich leben. Neu kreieren müssen wir so etwas nicht. Wer sich dadurch beleidigt fühlt, soll einfach nicht hinschauen. Oder den Ort meiden. Wieder ein abstruses Beispiel von "cancel culture". Als ob wir nicht wirkliche Probleme hätten.

Dorothee Sehrt-Irrek | Mi., 15. Juni 2022 - 12:35

den Auftrag "Herz und Mund und Tat und Leben" an die Kirche weitergibt.
Juristisch mag das Urteil möglich sein, nicht aber von der Verantwortung der christlichen Kirchen her.
Wer es nicht nur salomonisch möchte, der darf es gerne christlich tun und in dem betreffenden Fall würde sich etwas Gemeinsames anbieten.
Da will ich nicht vorgreifen.
Es geht nicht einfach um Canceln, das würde schon ausreichen, es geht um eine auch gemeinsame Zukunft in der Bundesrepublik Deutschland.
Nun dürften Kirchen auch voll sein mit problematischen Darstellungen von Sündern oder Frauen?
Da könnte noch viel Arbeit vor uns liegen und darin eine Neubesinnung der christlichen Kirchen.
In wieweit auch eine Neubesinnung der jüdischen Glaubensgemeinschaft Sinn machen würde, ich erinnere den Satz aus dem Film "das unbekannte Grab" von der wohl "Sekte" der katholischen Kirche, kann ich nicht einfach so sagen.
Da gibt es sicher noch viel Arbeit für alle Religionen, könnte ich mir denken.

Ernst-Günther Konrad | Mi., 15. Juni 2022 - 13:21

Mal ehrlich. Wer kannte dieses in Stein gehauene Bild denn noch und dessen Bedeutung? Mir war es entfallen, erst die Aufregung darum, hat mich wieder erinnern lassen. Der BGH-Richter hat doch für mich völlig zurecht die Klage entschieden. Selbst wenn das Bild weg käme, ändert das nichts an seiner Aussagekraft seiner Zeit bis heute und der Einstellung der Kirche. Eine zur Erklärung des Steinbildes angebrachte/aufgestellte Info-Tafel ist völlig ausreichend. Wer Judenhass in sich trägt, hat dieses, ob mit oder ohne das Bild. Vielmehr ist die Kirche gefragt, sich seiner Geschichte zu stellen.
@ Tomas Poth und @ Wolfgang Borchard
Ich kann Ihren beiden Kommentaren nur vollends zustimmen.
"Die Beseitigung des Bildes bedeutet keine Beseitigung der Geschichte, aber die Bequemlichkeit, sich nicht mehr damit. auseinandersetzen zu müssen. " Besser kann man es nicht ausdrücken Herr Borchard. Wer hat das denn noch gewusst?

Brigitte Simon | Mi., 15. Juni 2022 - 15:48

Korrekt entschied der BGH die Beibehaltung des jahrhundertaltem antisemitischem Reliefs an der Stadtkirche Wittenberg. Sie stammt aus dem 15. Jahrhundert. Der Autor verlangt die Entfernung. Vergißt er die Gegenwart?

Deutschland würdigte am 05.05.2018 den 200. Geburtstag seines "größten Idelogen Karl Marx. Geburtstag seines "größten Ideologen" Karl Marx. Marx war ein überzeugter Antisemit. Er bekämpfte nicht nur Ferdinand Lassalle. Er war für ihn nur ein Jude.

Dennoch errichtete die Stadt Trier, ein, von China geschenktes in Bronze gegoßenem 6 Meter hohe, Denkmal. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte protestierte gegen die Aufstellung Wo bleibt der Aufschrei von Boehme-Nesslar und der Jüdischen Gesellschaft?

Mißbilligt er die Leitung der Intendanten Levi und Barenboim der Musik des antisemitisch eingestelltem Richard Wagner in Bayreuth?

Brigitte Simon | Mi., 15. Juni 2022 - 16:03

Boehme-Nesslar geht mit seiner Relief-Kritik in das 15. Jahrhundert zurück. Wäre er objektiv, dürfte Spanien und Portugal für ihn kein Reise Wert sein.

Die Juden wurden entweder zur Konversion zum Christentum oder zur Emigration aus Spanien und Portugal gezwungen. Über Jahrhunderte war danach in diesen Ländern bis in die Neuzeit hinein kein offenes jüdisches Leben mehr möglich.

Kai Hügle | Mi., 15. Juni 2022 - 23:21

Auch besonders obszöne anti-semitische Darstellungen sind akzeptabel - sofern sie aus dem deutschen Kulturraum, hier: der christlichen Kirche stammen.
Muslimischer Anti-Semitismus ist hingegen strengstens zu verurteilen.
.
Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich...

Albert Schultheis | Do., 16. Juni 2022 - 13:07

Wer die ekligen Flecken auf der weißen Weste wegtetuschieren will, begeht Geschichtsklitterung! Die "Judensau" gehört zu uns wie das Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus und des SED-Sozialismus, so wie das Lied an die Freude und die Lorelei! Wir müssen nur endlich erwachsen werden.