Auch der Westen kümmert sich täglich um die öffentliche Meinung / dpa

Public Relations - Im Propagandakrieg

Nicht nur Russland manipuliert die öffentliche Meinung. Demokratien haben allerdings eine klügere Form entwickelt: Public Relations. Die Kunst der Manipulation zielt dabei stets auf Emotionen. Empörung, Betroffenheit, Zweifel und Angst sind das Kapital, von dem jede moderne Propaganda lebt.

Rudolph Jula

Autoreninfo

Rudolph Jula ist Reiseschriftsteller und Filmemacher. Er wohnt in Zürich und in Berlin, wo er eine Regie- und Drehbuchausbildung an der Deutschen Film- und Fernsehakademie absolvierte. Zu seinen Werken zählen „Vanishing Syria“ ( Fotoessay, 2015 ), „Auf dem Weg nach Damaskus“ ( Reiseerzählungen, 2012 ), „Giulios Schlaf“ ( Roman, 1997 ) sowie die Spielfilme „Cattolica“ ( 2003 ) und „Drei Wünsche“ ( 2000 ) und „Die syrische Grenze“ (2017).

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Russlands Krieg gegen die Ukraine hat nicht nur die politische Lage in Europa abrupt verändert, er hat auch dafür gesorgt, dass Propaganda plötzlich ein tägliches Gesprächsthema geworden ist. In allen Medien wird vor russischer Propaganda gewarnt, auf Twitter wird jeder Post von Usern auf Anzeichen untersucht, und jede Kneipenrunde scheint nur noch aus Experten für russische Agitation zu bestehen. Dass es dabei immer nur um russische Propaganda geht, zeigt nicht zuletzt, wie gut und unsichtbar die eigene funktioniert.

Nicht anders als bei früheren Konflikten versuchen natürlich auch jetzt alle Akteure Einfluss auf die öffentliche Meinung zu nehmen. Dass der Gegner dabei im Fokus steht, liegt in der Natur der Sache, aber auch daran, dass die russischen Bemühungen auf den ersten Blick so perfekt ins Bild passen, das man sich gemeinhin von Propaganda macht. Fake News und Lügen, staatlich gelenkte Medien, Militärparaden, Siegesparolen und Wortschöpfungen wie Sonderoperation als Neusprech für Krieg: Alles fügt sich nahtlos ein in eine Tradition, die man seit langem von Diktaturen und totalitären Systemen kennt. Das Bild verleitet allerdings auch zu der Annahme, in fortschrittlichen Demokratien könne so etwas Plumpes wie Propaganda gar nicht mehr existieren, allein schon, weil wir als wohlinformierte, kritische Bürger dafür nicht mehr empfänglich sind. 

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Achim Koester | Mo, 4. Juli 2022 - 19:23

wurde vor allem mit Mitteln der PR, insbesondere emotionaler Bilder, geschürt, aber sobald uns die Solidarität in wirtschaftliche Not bringt, was sich derzeit anbahnt, wird die Solidarfront bröckeln und ein gesunder (?) Egoismus gegen die Politik rebellieren, ähnlich 1933. Bertolt Brecht erkannte das schon früh: "Erst kommt das Fressen, dann die Moral".

Gisela Fimiani | Mo, 4. Juli 2022 - 20:31

……..und der deutsche Demokrat und Wähler hat diese Suppe bei seinen Politköchen bestellt. Warum schmeckt sie ihm nun nicht? Ist daran womöglich Putin oder Corona oder der Kapitalismus oder der Klimawandel oder oder oder schuld? Die Auswahl an Sündenböcken ist üppig. Sie wird zuverlässig jede Eigenverantwortung und Selbstkritik zu vermeiden imstande sein.

Gisela Fimiani | Mo, 4. Juli 2022 - 21:51

Es gibt nichts Neues unter Sonne. Aus diesem Grund ist es immer angezeigt, seinen Politikern zu mißtrauen, sie zu kritisieren und zu kontrollieren. Letzterem kommen Medien und Journalisten nicht mehr nach, während die Bürger glauben, ihren Politikern kritiklos (ver-) trauen zu müssen. Ein Missverständnis dessen, worum es in der freiheitlich rechtsstaatlichen Demokratie geht - nämlich um den „kühlen Kopf“. Hierzulande bevorzugt man allerdings das Wohlgefühl des Bauches. Deshalb schlägt die (politische) Gesinnungsethik mühelos jede Verantwortungsethik.

Tomas Poth | Mo, 4. Juli 2022 - 23:38

Ich möchte an dieser Stelle nur an den 2.ten Irakkrieg erinnern, der auf Grund einer Lüge (angebliche Massenvernichtungswaffen im Irak) von den USA und den Briten angezettelt wurde. Dazu empfehle ich den Film im nachfolgenden Link.
https://www.zdf.de/filme/spielfilm-highlights/official-secrets---gefaeh…
500.000 Todesopfer laut US-Studie und Süddeutscher Zeitung.
https://www.sueddeutsche.de/politik/us-studie-500-000-iraker-starben-im…
Wurden die Amis und Briten eigentlich je zur Verantwortung gezogen??

Achim Koester | Mo, 4. Juli 2022 - 23:53

wurde vor allem mit Mitteln der PR, insbesondere emotionaler Bilder, geschürt, aber sobald uns die Solidarität in wirtschaftliche Not bringt, was sich derzeit anbahnt, wird die Solidarfront bröckeln und ein gesunder (?) Egoismus gegen die Politik rebellieren, ähnlich 1933. Bertolt Brecht erkannte das schon früh: "Erst kommt das Fressen, dann die Moral".

Bernhard Homa | Mo, 4. Juli 2022 - 23:57

um auch mal ungeschminkte "Wahrheiten" präsentiert zu bekommen:
1.) Jeder ist manipulierbar
2.) Wer sich für schlauer hält als die Manipulatoren, geht ihnen womöglich erst recht auf den Leim
3.) Misstraue jeder emotionalisierenden und skandalisierenden Darstellung - egal worum es geht

Norbert Heyer | Di, 5. Juli 2022 - 08:08

Wenn die Politik die öffentliche Meinung in eine von ihr gewünschte Richtung lenken will, bedient sie sich der Hilfe der Medien. In den Nachrichten werden unliebsame Tatsachen verschwiegen oder geschönt, wie es gerade der Meinungslage angemessen ist. Das war und ist in der Migration, der Ächtung der AfD, der „Annullierung“ der Wahl in Thüringen und von Straftaten im Rahmen der „Willkommenskultur“ der Fall. Fernsehfilme zeigen bewusst ein verzerrtes Bild der Realität, in dem der Täter immer der „Ewiggestrige“ oder der „Klimaleugner“ ist, der dem redlichen Migranten Unrecht angedeihen will. Moralische und pseudo-religiöse Einwände („sollen die armen Menschen jämmerlich ertrinken“) steuern die öffentliche Meinung genau in die gewünschte Richtung. Links-grün mit hochmoralischem und pseudoreligiösen Anklang haben Hochkonjunktur, die Realität wird sie aber bald ablösen. Wer kalt duschen und frieren empfiehlt, um ideologische Wendungen zu vermeiden, hat keinerlei Empathie für die Menschen.

Gabriele Bondzio | Di, 5. Juli 2022 - 08:54

und unsichtbar die eigene funktioniert."

Bravo Herr Jula, das musste mal gesagt werden!
Aus der Politik kommt dieser Tage so manche Propaganda und wird in der Regel wird lammfromm in den Medien nachgebetet.

Oft reicht schon die Überschrift, der Autor oder der Vortragende im TV, das mein Interesse schlagartig abnimmt.
Und...was soll ich meine Zeit verschwenden, wenn nur um den heißen Brei herum geredet wird und kritische Betrachtung Seltenheitswert besitzen.

Sie haben auch ganz recht: "...Empörung, Betroffenheit, Zweifel und Angst sind das Kapital, von dem jede moderne Propaganda lebt.

Unter einer solidarische Schicksalsgemeinschaft würde ich eine konzertierte Aktion des Westens für eine Waffenruhe in der Ukraine verstehen.

Ein altes Sprichwort sagt:
„Wer etwas will, findet Wege. Wer etwas nicht will, findet Gründe.“

Gerhard Lenz | Di, 5. Juli 2022 - 10:25

Wenn Sie eine Meinungsäußerung zum Ukraine-Krieg in den westdeutschen Medien kritisieren, dann handeln Sie sich vielleicht das Etikett "Putinversteher" oder "Gutmensch" ein, je nachdem. Sie landen aber nicht irgendwo in der tiefsten Provinz in jahrelanger Verbannung.

Selbst in unserer Regierung wird zuweilen gestritten. Kubicki behauptet, was Göring-Eckhardt gar nicht gefällt, und umgekehrt. Die CDU kritisiert, die AfD pöbelt, die Linke weiß nicht, was sie will, und sagt dann irgendwas, das anschließend von der Partei verrissen wird.

Das Putin die Ukraine überfallen hat steht zweifellos fest.
Putin-Versteher versuchen krampfhaft, mit dem Hinweis auf irgendwelche Hintergründe oder dem Verweis auf US-Sünden das Handeln des Schlächter im Kreml zu relativieren. Das dürfen sie. Und sie dürfen dafür kritisiert werden.

In Russland ist alles anders. Wer das Wort "Krieg" benutzt, landet hinter Gittern.
Ein gewagtes Unterfangen, derartiges mit westlichen Meinungsäußerungen zu vergleichen.

Hans Meiser | Di, 5. Juli 2022 - 11:08

sondern seit min. 8 - 10 Jahren offensichtliche Tatsache --> "Aber auch bei diesem Krieg wäre ein interessanter Punkt, ob und wie an einer Herstellung von Konsens gearbeitet wird."

Wer das nicht sehen möchte/kann ist dann wohl selbst Opfer der im Beitrag beschrieben Propaganda geworden? Noch größer angelegt, plumper und offensichtlicher kann diese "PR" kaum noch werden.

Hans Meiser | Di, 5. Juli 2022 - 11:29

dauert es bei jenen, für die oben beschriebene Propaganda anfällig sind, meist etwas länger. (Das ist keine Kritik sondern Bedauern!).
Ihnen ist sicher aufgefallen, dass niemand mehr auf dem Scheiterhaufen verbrannt oder geteert und gefedert wird?
"Unterschied" ist, dass die Systeme erkennen, dass sie mit solch mitelalterlichen Methoden nicht die besten Ergebnisse erzielen. Warum offensichtliches tun, für das man später belangt werden kann? Warum (Menschen-) Material verschwenden, welches man noch benötigen könnte? Warum selbst der böse Herrscher sein, wenn man das Volk dazu bringen kann, die "Bösen" zu ächten? Man setzt ein Narrativ, kennzeichnet die politischen Gegner ("das sind alles Rechtsradikale und Antisemiten !!!") und lässt das dumme Volk den Rest erledigen. Dann hat man immer eine weiße Weste ...
Bei vielen funktioniert es: manche denken z.B. die AfD wäre die neue NSDAP ... dümmer geht es nicht.
Weil dies Menschen alles glauben und sich nicht selbst informieren.

Juliana Keppelen | Di, 5. Juli 2022 - 13:45

Noch tiefer kann man einsteigen mit dem Buch "Die Scheinheilige Supermacht". Richtig lustig wird's wenn unsere (also westliche) Geheimdienste uns vor "feindlicher" Propaganda warnen.
Oder derzeit gilt das 10. Gebot der Kriegspropaganda: "Wer unsere Propaganda in Zweifel zieht, arbeitet für den Feind (ist ein Putinversteher oder Russentroll).
Oder noch schlimmer, wer gegen Waffenlieferungen ist, ist ein Feind der Freiheit, Demokratie, Menschenrechte und überhaupt opfert er Menschenleben, denn merke nur die Waffen des "Feindes" töten unsere Waffen töten und zerstören genauso aber es ist für die gute Sache und da stirbt's sich leichter.

Martin Falter | Di, 5. Juli 2022 - 14:30

die westliche PR (die sicher auch ihre Tücken hat) als die Diktatoren Propaganda die für alle Kritiker lebensgefährlich sein kann.

Auch ist ein wesentlicher Unterschied, dass man hier, wenn man denn möchte, mehrere Quellen hat, um sich zu informieren.

In Russland, Türkei oder China ist das nicht mehr möglich.