Eine alte ukrainische Frau weint vor dem Menora-Denkmal während einer Trauerzeremonie in der Nähe der Schlucht Babyn Jar / dpa

Gedenken an Massaker von Babyn Jar - „Hier in diesem Höllenschlund“

Es war das größte einzelne Massaker des Zweiten Weltkriegs. Heute wird Bundespräsident Steinmeier an einer Gedenkveranstaltung für die ermordeten Juden von Babyn Jar teilnehmen. Vor 80 Jahren hatten deutsche Polizisten, SS-Männer und Soldaten binnen zweier Tage nahe Kiew mehr als 33.000 Jüdinnen und Juden erschossen.

Autoreninfo

Ulrike Moser ist Historikerin und leitet das Ressort Salon bei Cicero.

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Wenn heute in Kiew der jüdischen Opfer von Babyn Jar gedacht wird, dann geht es auch darum, an ein Verbrechen zu erinnern, das in der deutschen Erinnerungskultur lange eine untergeordnete Rolle gespielt hat. Die meisten Menschen verbinden den nationalsozialistischen Massenmord vor allem mit den Todeslagern in Polen, die bewusst abseits der großen Zentren errichtet wurden. Das Massaker von Babyn Jar am 29. und 30. September 1941 wurde jedoch unmittelbar am Rande einer Großstadt verübt, in einem Außenbezirk von Kiew.

Die Massenerschießungen in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten der Sowjetunion, von denen Babyn Jar den erschreckenden Höhepunkt bildete, markieren den Beginn des systematischen Genozids an den europäischen Juden, noch bevor sie in der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 zum Programm des Nazi-Regimes wurde.

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Jochen Rollwagen | Mi, 6. Oktober 2021 - 11:19

"Die meisten Menschen verbinden den nationalsozialistischen Massenmord vor allem mit den Todeslagern in Polen, die bewusst abseits der großen Zentren errichtet wurden"

Wenn wir schon über die Ukraine reden, dann kann ich persönlich nur sagen, daß ich dieses Thema durchaus auch mit den Geschehnissen rund um die Zitadelle im wunderschönen Lviv bzw. Lemberg verbinde.

Komisch, da0 das in der deutschen "Erinnerungskultur" so gar keine Rolle spielt. Und ein Bundespräsidentendarsteller wird sich da sicher nicht blicken lassen.

Ach so. Da geht es ja um die Falschen.

Dann haben die wohl Pech gehabt bei den deutschen Erinnerer*Innen..

Andre Möller | Mi, 6. Oktober 2021 - 12:18

Meine DDR-Sozialisation beinhaltet sehr wohl das Erinnern und Rezipieren dieses Verbrechens in Wort, Schrift und Film. Es wurde selbstverständlich kein großer Unterschied zwischen der Abstammung der Opfer gemacht - denn sie waren Bürger der Sowjetunion und Einwohner Kiews: ob Jude oder nicht. Das finde ich sowieso angemessener, als dieses Auseinanderdividieren der "Opfergruppen", das mittlerweile immer absurdere Züge annimmt.

Rob Schuberth | Mi, 6. Oktober 2021 - 13:01

Ob so ein "immer-wider-Gedenken" wirklich nützt....ich bin da ambivalent.

Denn es ist eine bekannte Lehre der Psychologie, dass erst der Gedanke da ist und der dann zur Tat (nicht im S. v. Straftat!) führt, bzw. führen kann.

Daher der Rat aus deren Fachgebiet negative Dinge nicht immer u. immer wieder zu durchdenken, sondern mit anderen, positiven Dingen zu überlagern.

Ich weiß, gerade in D wird ja so etwas wie vergessen wollen, als negativ konnotiert, aber ist es das wirklich?

Wenn ich mir weltweit ansehe wie die Nationen mit ihren Massakern (kaum eine Nation ist davon frei) umgehen, dann sind wir darin wirklich die weltmeister.

Sollten wir das wirklich sein?
Zeigt es unser Land dadurch nicht allen anderen Ländern immer wieder in den düstersten Momenten?

Ich empfinde diesen Hype ums Gedenken daher nicht als zielführend.

in Deutschland war es auch besonders schlimm mit den Gräueltaten.
Nicht Vergessen ist daher Pflicht und jede Generation sollte dieser Pflicht nachkommen. Das heißt aber nicht, dass man sich schuldig fühlen sollte.
Denn Schuld haben die Täter/Regim/Gesellschaft aus diesen Tagen. Unsere Aufgabe ist nicht zu Vergessen und unsere Kinder so zu erziehen das so etwas nicht mehr vorkommt.
Gerade in der heutigen Zeit, in der radikale Ansichten wieder im Kommen sind, ist dies unerlässlich.

sorry an Sie beide meine Herren.
Gerade Ihnen, werter Herr Elvers, wollte ich ganz bestimmt nichts absprechen.
Das gilt nat. auch für die ukrainische Bevölkerung.

Herr Muhlack, (der nachfolgende Komm.) hat es besser auf den Punkt gebracht.

Es ging auch mir darum es nicht zur Selbstgeißelung werden zu lassen.
Und dieses Gefühl habe ich nicht zum 1. Mal.

Es ist ein Unterschied zum Nichtvergessen erzogen zu werden, oder das Nichtvergessen zu "kultivieren".
Denn nicht ohne Grund steckt ja das Wort Kult darin.

Diesen Kult, den mag ich nicht.

Bernd Muhlack | Mi, 6. Oktober 2021 - 16:10

Meine Großeltern u meine Mutter erzählten mir oft "Geschichten" vom Krieg; Muttern lebt noch,
87 j alt.
Klaus, ein Bruder meines Opas, war an der Ostfront; Obergefreiter bei der Wehrmacht.
Eines Tages erhielt seine Mutter einen Beileidsbrief und ein Päckchen: "Gefallen für Führer, Volk und Vaterland!"
Im Päckchen die Habseligkeiten, unter anderem die blutige Uniform mit etlichen Einschusslöchern im Brustbereich.
Lange nach dem Krieg erfuhr Opas Muttern, dass Klaus sich geweigert hatte bei einem Erschießungskommando mit zu wirken => er wurde selbst erschossen!

Es gibt ein gutes Buch des Schauspielers Michael Degen; jüdischen Glaubens: "Nicht alle waren Mörder". - Sehr lesenswert!

Natürlich sind solche Verbrechen unbeschreiblich. Letztlich mündeten sie in die "perfekt organisierte Vernichtung" von Millionen - wir waren damals (1980) in Auschwitz.

Time is a healer?
Really?
In diesem Fall eher nicht, jedoch sollte das Erinnern nicht zur permanenten Selbstgeißelung mutieren!

Mazel Tov!

Gefallen für....Volk und Vaterland? Wohl kaum.

Gefallen für den "Führer"? Schon eher. So wie die deutsche Frau ihm reinrassigen Nachwuchs schenkte, verprasste der deutsche Soldat sein Leben, um den Wahn des Schnauzbartträgers zu befriedigen.

Der Soldat hatte keine Wahl, tat nur seine Pflicht? Das ist mir zu einfach.

Die Deutschen waren kein Volk von Opfern. Auch wenn der rechte Rand seit geraumer Zeit Fantasien nährt, die NAZIS wären nur eine relativ kleine Clique gewesen, aber der brave Soldat hätte nur Befehle ausgeführt.

Und sich gehorsam an Kriegsverbrechen der tapferen Truppe beteiligt.

Bleibt nur die Frage: Wer hat die NAZIS überhaupt gewählt, wo doch jetzt beinahe alle Deutschen als Nazi-Gegner reingewaschen wurden?

Auch diejenigen, die antidemokratischen Nationalkonservativen die Stimme gaben, tragen eine Mitschuld!

Deswegen: Nie wieder dürfen Konservative Extremisten als Steigbügelhalter dienen.

Das sollte die Union - besonders im dunklen Osten - beherzigen.

"Der Soldat hatte keine Wahl, tat nur seine Pflicht? Das ist mir zu einfach."

Werter Herr Lenz, das mag Ihnen zu einfach sei, jedoch sehen Sie ja wie es dem Bruder meines Opas erging. Er bezahlte die "Mißachtung der Pflicht" mit seinem Leben.
Man könnte das auch finale Zivilcourage bezeichnen, nicht wahr?

Auch Ihnen ist bekannt, dass es ab einem bestimmten Zeitpunkt unerheblich war, wie viele Deutsche die NSDAP wählten, denn auf Grund der Ermächtigungsgesetze wurde das demokratische System total ausgehebelt.
Schuld?
Es ist ein großer Unterschied ob Tausende im Berliner Sportpalast den "TOTALEN KRIEG" schreiend mit HEIL bejubelten oder ob zeitgleich meine Oma mit Nachbarinnen zu Hause weinend vor dem Volksempfänger dieser Brandrede lauschten!

75 Jahre später ist man immer schlauer, macht auf Moral und Widerstand.
Um es mit Sepp Herberger zu sagen: "Was zählt is auffem Platz!"
Werter Herr Lenz, zur richtigen Beurteilung muss man dabei gewesen sein, das erlebt haben!

Schönen Abend!

Sabine Lehmann | Mi, 6. Oktober 2021 - 21:18

Zu solchen Massakern und zum Holocaust finde ich nie die richtigen Worte. Sprache reicht da nicht aus.
Und jedem, der hier oder anderswo seinem Impuls folgt mit „Ja…..aber….“, der sollte vorher einmal kurz (oder auch länger) innehalten und seine Gefühle zulassen. Dann wird man ganz still. Ist es doch immer wieder unfassbar, was Menschen anderen Menschen antun. Und diese geradezu monströse Erkenntnis wird auch nicht dadurch kleiner, weniger wichtig, weniger schlimm, wenn man die zahlreichen anderen Gräueltaten auf der Welt anführt. Ein Unrecht wird n i c h t durch ein anderes Unrecht aufgehoben und nicht einmal relativiert.
Und deswegen ist es wichtig und richtig, diesem Leid und der Opfer zu gedenken. Mein grundsätzlicher Eindruck speziell in Deutschland ist aber der, dass es hier keine wirklich gute und respektable Opferkultur gibt, im Gegenteil. Das machen viele Länder besser. Bei uns gibt es meist nur den Fokus auf „die Täter“. Die meisten Opfer bekommen nicht mal ein Gesicht!

Heidemarie Heim | Do, 7. Oktober 2021 - 10:05

In reply to by Sabine Lehmann

Für mich haben Sie diese gefunden, liebe Frau Lehmann! Man ist einerseits sprachlos, andererseits reichen 1000 Silben zu diesen und ähnlichen Menschheitsverbrechen bei weitem nicht aus. Wir mögen uns zwar als Krone der Evolution oder eines himmlischen Schöpfers empfinden, aber wir sind dadurch auch in der Lage bzw. wohnt es uns inne, "Unaussprechliches" zu begehen und so unseren niedersten Instinkten zu folgen. Nochmals Dank für Ihre Worte! MfG

Kurt Kuhn | Do, 7. Oktober 2021 - 12:48

Ich kenne keine genauen Zahlen, ich möchte nicht Ursache und Wirkung abwägen, ich möchte nichts verrechnen oder relativieren...
Ich möchte aber, dass alle Opfer des Krieges ein Andenken bekommen, auch die Kleinkinder, die im Winter 44/45 tiefgefroren im Straßengraben zurückgeblieben sind.
Ich möchte das, damit auch diejenigen Personen es erfahren, die mich (geb. 1958 in Rumänien) schon im Kindergarten als Kriegsverbrecher und Massenmörder beschimpft haben.
Mein Vater war nicht wahlberechtigt, durfte aber an der Ostfront bluten und über den Winter 45/46 auf den verdreckten Rheinwiesen eine besondere "Schonkost" genießen. Den Stahlsplitter unter dem rechten Auge hat er ins Grab mitgenommen, oder umgekehrt.
"Zehnmalklugstuhlentleerer" sollten sich gelegentlich um die ganze Wahrheit bemühen.

Ich weiß zwar nicht was „Zehnmalklugstuhlentleerer“ sind, und ich möchte Ihnen auch nicht zu Nahe treten, aber finden Sie solche Begriffe in diesem Kontext angemessen?

Kurt Kuhn | Do, 7. Oktober 2021 - 20:07

In reply to by Sabine Lehmann

Liebe Frau Lehmann,
die für Sie nicht angemessene Rhetorik bezieht sich nicht auf die Zeit und die Ereignisse die dieser CICERO-Beitrag behandelt.
Sie bezieht sich auf Zeiten die ich erlebt habe und die Beschuldigungen die ich dauerhaft, schon als Kind, erdulden musste.
Ich werde mich in Zukunft mäßigen, versprochen!
Freundliche Grüße

Fritz Elvers | Fr, 8. Oktober 2021 - 03:15

@Sabine Lehmann: Ein ausgezeichneter Kommentar! Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Michael, ein ukrainischer Kleiderschrank, mit einer Jüdin verheiratet, wohnte in der unmittelbaren Nähe von Babyn Jar. Leider habe ich den Kontakt verloren, jedenfalls werde ich ihn wieder suchen und wünsche jedem Relativierer und Schuldkult-Pöbler eine Begegnung mit ihm.

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