Georg-Büchner-Preis für Elke Erb - Am Anfang steht Staunen

Der Georg-Büchner-Preis geht in diesem Jahr an die Schriftstellerin Elke Erb. Mit der Entscheidung ehrt die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung nicht nur eine Außenseiterin der Literatur, sie unterstreicht zudem den Stellenwert der deutschen Lyrik.

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Die Schriftstellerin Elke Erb bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes im Schloss Bellevue / dpa

Autoreninfo

Björn Hayer: Der 1987 in Mannheim geborene Autor ist promovierter Germanist und arbeitet heute als Literatur- und Theaterkritiker sowie Essayist für verschiedene deutschsprachige Zeitungen und Magazine. Er schätzt mutige Utopien und steile Thesen.

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Die Sprache lebt. Mal gibt sie sich halt- und zügellos, dann wieder karg und bedächtig. Und je mehr Entfaltungsraum man ihr gibt, desto weniger müht sie sich um Verständigung. Es gilt das Motto: „Sind Worte unter sich, entscheiden sie.“ Geschrieben hat diesen Satz die frisch gekürte Büchner-Preisträgerin Elke Erb. Lyrik einzig unter dem Gesichtspunkt der inhaltlichen Vermittlung zu sehen, wäre für die vielleicht bekannteste Außenseiterin der deutschsprachigen Dichtung ein Unding. Schreiben bedeutet für die Lyrikerin, vor der sich gerade auch jüngere Schreibkollegen immer wieder verneigen, das Offene zu suchen. Texte seien, wie sie in einer ihrer programmatischen Selbsterläuterungen formuliert hat, „Figuren des Werdens“, mithin „Erlebnisse – / Ermöglichungen (Wege) – / operative Orientierungen". 

Poesie, die Hauptgattung der am 18. Februar 1938 in der Eifel geborenen Autorin, steht demnach für das immerwährende Drängen nach Freiheit. Dabei gilt das Gebot nicht nur für eine Dichtkunst, die unentwegt bis an ihre formalen und inhaltlichen Grenzen vordringt; die Emanzipation im Sprechen und Schreiben ist bei Erb immer auch politisch zu deuten. Nachdem sie 1949 als damals Zwölfjährige mit ihrer Familie vom Westen in die DDR übergesiedelt war und später nach Studium und Verlagsarbeit ihre Berufung zur freien Schriftstellerin gefunden hatte, stellte sie die Zensoren in Ost-Berlin immer wieder vor hehre Herausforderungen. Gerade ihre Sperrigkeit, ihr Hang zu Gedankensprüngen und entlegenen Assoziationen lässt sich als eine im Text verborgene Volte gegen Regime-Gusto und die Verzwecklichung der Sprache verstehen. 

Engagement für Frieden und Feminismus

Flankiert hat sie ihre poetische Opposition mit Aktivismus. Neben dem öffentlichen Protest über die Ausweisung des Bürgerrechtlers Roland Jahn stand sie früh der Friedensbewegung im Osten nah. Zudem galt ihr Augenmerk dem Feminismus. So befasste sich die spätere Peter-Huchel--Preisträgerin intensiv mit dem Werk ihrer Kollegin Friederike Mayröcker. Ferner übersetzte sie die Gedichte der russischen Schriftstellerin Marina Zwetajewa, die sich nach ihrem Einsatz gegen den Kommunismus in deutsches und später in französisches Exil begeben musste. Erbs Ambition ist bis heute unmissverständlich: Es sollten mehr weibliche Positionen in der ansonsten oft männlich dominierten Literaturgeschichte Gehör finden. 

„Was du schreibst, ist ein neues Land, sage ich.“ In diesem Vers aus dem Poem „Über den Winter“, gerichtet an Marina Zwetajewa, klingt nicht nur die Entdeckung eines unbekannten weiblichen Sprachkontinents an, die Worte offenbaren auch ein zentrales Prinzip in Erbs dichterischem Schaffen: Ihr nämlich geht es um Dialog. Dieser schließt Stimmen von zeitgenössischen wie historischen Dichterinnen gleichermaßen ein. Erbs Lyrik präsentiert sich als Begegnungsstätte für das Andere und Fremde. Es stellt einen Erinnerungsraum für vermeintlich vergessene Geistes- und Seelenverwandte her. Hierin zeigt die Dichterin, dass ihre experimentell anmutende und sich permanent erneuernden Lyrik allein aus der Nähe heraus entsteht. Alltägliche Beobachtungen und Naturimpressionen, in den letzten Jahren aber auch das Bewusstsein für Schmerz und Alter kennzeichnen ihr umfangreiches Werk. 

Rätselhafte Miniaturen

Als Leser zögert man zuweilen in Anbetracht der auf den ersten Blick unzugänglich erscheinenden Texte. Nachdem man sich indes auf den Versuch eingelassen hat, die häufig rätselhaften Miniaturen zu durchdringen, sieht man die Welt zumeist klarer. „Poesie“, schreibt Erb, „ist für mich die bündigste und gründlichste Form der Erkenntnis.“ Zweifelsohne bedarf sie einer gewissen Anstrengung. Am Ende aber steht die Faszination:

„ich höre nicht auf mich zu wundern:
gleite jetzt wieder die weile
ab in den schlaf und über-

lasse mich dem – dennoch bekannten –
aspektwechsel um die drei ecken
die ihre stockwerke stapeln

kleinstädtisch einem bleichen
reizlosen jenseitslicht. gleichwohl:
wundert es mich.“

Mit der Verleihung des Georg-Büchner-Preises an Elke Erb adelt die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung nicht nur das Lebenswerk einer mittlerweile 82-jährigen Vielschreiberin, sie setzt in diesem Jahr auch ein Zeichen für die oft unterbewertete Gattung Lyrik; für eine Literaturform also, die sich im Innersten ein Geheimnis bewahrt hat. Das Staunen erweist sich so gesehen als die vielleicht wichtigste Konstante in diesem so einzigartigen wie ungewöhnlichen Werk.
 

Klaus Funke | Mi, 8. Juli 2020 - 13:33

Ein Artikel wie von einer anderen Welt. Muss man die hochbetagte und jetzt ziemlich geehrte Dame kennen? Oder etwas von ihr gelesen haben? Ich denke nicht. Das ist nicht meine Welt. Das ist eine Parallewelt, in der diese Frau zu Hause ist. Wie viele hat sie bisher erreicht? Verkaufen sich Ihre Bücher? Oder ist es so wie Edgar Wallace einst in einem seiner Romane über Dichter vom Schlage der Frau Erb sagte: "Ihr Buch war nicht dick, dennoch verkaufte es sich nicht. Aber es erregte Aufmerksamkeit bei Männern und Frauen, die wie sie Bücher schrieben, welche nicht gelesen wurden." Das ist das Elend der meisten heutigen Literaturpreisträget. Ihre Werke kommen beim Leser nicht an. Sie werden nur von der Fachwelt und den Kritikern gelesen. Kaum einer nimmt Notiz von ihnen, mögen sie so geistvoll und so gut geschrieben sein wie sie wollen. Denn: Es gibt Bücher, die bekommen Preise und es gibt Bücher, die werden gelesen... so ist unsere Welt von heute!
Das ist das

Johanna Schneider | Mi, 8. Juli 2020 - 23:46

Herr Funke,
Natürlich muss man die Frau nicht kennen. Über das "Müssen", den Kanon, streitet man sich, seit es Literatur gibt. Man könnte aber anfangen, sich mit der Dame oder mit gegenwartssprachlicher Lyrik zu beschäftigen. Gerade das zeichnet doch auch den Cicero aus. Auch - wenn man es so will - Randthemen finden Beachtung. Sie als Leser eines Mediums abseits vom Mainstream sollten wissen, dass, wie Sie es nennen, Parallelwelten ebenfalls eine Daseinsberechtigung haben, der durchaus Ehre durch diverse Auszeichnungen gebühren darf.

Habe diesen ausgefeilten Artikel sehr genossen!

Dorothee Sehrt-Irrek | Do, 9. Juli 2020 - 09:17

und blieb da?
Christa Wolfs Eltern schafften es nicht bis in den Westen, aber auch sie blieb in der DDR.
Erfreulicherweise gibt es ein Gespräch zwischen Christa Wolf und Elke Erb vom Aufbau Verlag, das wieder? zugänglich gemacht werden sollte.
"Der Faden der Geduld"
Ich habe auch schon Büchner nicht mit Begeisterung gelesen, zu stark schien mir sein Impuls/Krank- geworden-sein.
Vielleicht passt der Preis dann gerade bei Frau Erb?
Poesie als BÜNDIGSTE und GRÜNDLICHSTE Form der Erkenntnis trifft für mich dann Poesie gar nicht mehr, Poesie hat für mich nicht mehr wirklich etwas mit Erkennen zutun, sondern mit Bilden und Gelingen, Se-ein/Ein Ort.
Ich bin unkundig aber zu Geduld fällt mir ein:
"Ich schrei und leise tropft es auf die Dächer
Und fällt herab auf Deine Fächer
Und flutet durch die hellen Bänke, Die da stehen säumend fort und fort."

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