Deutsche Debattenkultur - Hysterie statt Streitlust

Das Aufspüren von Hass ist zu einer journalistischen Mode geworden. Die Pathologisierung von Protest aber verhindert radikal demokratisches Denken

Cicero-Kolumnist Frank A. Meyer
„Das Etikett Hass dient zur Aberkennung jeglicher Diskussionswürdigkeit“ / Illustration: Anja Stiehler/ Jutta Fricke Illustrators

Autoreninfo

Frank A. Meyer ist Journalist und Kolumnist des Magazins Cicero. Er arbeitet seit vielen Jahren für den Ringier-Verlag und lebt in Berlin.

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Hass ist der Schlüsselbegriff der politischen Auseinandersetzung in Deutschland. 

Mit dem Wort „Hasskultur“ kennzeichnet die Süddeutsche Zeitung die Bewegung gegen den neuen Intendanten der Berliner Volksbühne Chris Dercon. Aus Sicht der Zeit brüllen die Ostdeutschen „ihren Hass gegen die Politik heraus“. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung fragt, weshalb gerade der von dort stammenden Bundeskanzlerin „so viel Hass“ entgegenbrandet. Der Spiegel wird in England fündig, wo der Wahlerfolg von Jeremy Corbyn „niemals möglich gewesen wäre ohne den Hass“ auf seinen Vorgänger im Amt des Labour-Vorsitzenden, Ex-Premier Tony Blair. 

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Christa Maria Wallau | Fr, 6. Oktober 2017 - 15:28

Ja, so ist es, Herr Meyer: Mit der demokratischen Kultur der gegenseitigen Achtung u. des argumentativen Streites um der S a c h e willen ist es in Deutschland inzwischen sehr schlecht bestellt.
In der BRD - wie gerade wieder der Anschlag auf Haus u. Auto des AfD-Politikers Pazderski zeigt - gibt es tiefen H a s s auf die eigenen Mitbürger, weil sie nicht die gleiche Meinung vertreten wie man selbst bzw. das politische Establishment. Das ist nicht nur undemokratisch, nein es ist pathologisch. Die selbsternannten "Guten" wüten haßerfüllt gegen die, welche in ihren Augen das Böse schlechthin verkörpern, nämlich "Nazis".

Während man in der Zeit nach dem Krieg bis zum
Ende des vorigen Jhdts. mit Bürgern, die mit der herrschenden Politik überkreuz waren (68er, APO, Grüne, AntiFa usw.) relativ wohlwollend bis verständnisvoll umging, ist es jetzt so, daß bereits ein ganz normaler Umgang mit einer neuen Partei (AfD) als Verrat am Menschsein betrachtet wird.
Das nenne ich Wahn-Sinn.

durchaus zuzutrauen, aber ich kann mir nicht helfen, ich vermute dieser Hass wird vor allem von aussen geschürt.
Innerhalb Deutschlands gibt es natürlich schon länger Auseinandersetzungen zwischen rechts und links, aber das "Kriegsformat" wie z.B. evtl. in Hamburg gezeigt befindet sich evtl. auf einer internationalen Höhe und die spricht für organisierte Kreise.
Hatten wir das zu Schröders Zeiten oder gab es damals noch Politik, um die man sich streiten konnte?
Ich glaube nicht, dass unser neuer Bundespräsident schon das Standing hat, ein ganzes Volk wieder zur Ruhe zu bringen.
Ich wende mich an Gerhard Schröder.
Mögen das andere bei ihren Altvorderen tun.
Lieber Gerd Schröder, ich finde Deinen Job - nur für den Moment - etwas weniger wichtig als Deine politische Erfahrung, die Deutschland jetzt braucht.
Grüße
Deine Dorothee Sehrt-Irrek

die Projektionen anderer für sich anzunehmen.
Oder sind Sie wirklich ein "Hasser"?
Der Euro ist eine m.E. folgerichtige Entwicklung in Europa.
Fraglich ist, ob er unbedingt angenommen werden muss und zu welchen Bedingungen.
So ist es auch mit der EU.
Ich bin aber erschüttert, dass die Abneigung gegen die EU so groß sein soll, dass England sogar den harten Brexit will, wenn ich richtig über Bing gelesen habe.
Das kann ich eigentlich nur mit der Person Merkel zusammenbringen, aber von Hass kann auf meiner Seite keine Rede sein. Abneigung trifft es, wird aber überlagert von der Einsicht, dass Frau Merkel sich anbietet und gewählt wird.
Das macht ihre Entscheidungen zu denen der CDU, weshalb ich zwar auch verwundert bin über Frau Barbe, aber Verständnis aufbringen kann.
Sie ist als CDU Mitglied mit Merkels "Kurs" nicht einverstanden.
Die USA hassen?
Nicht mit mir.
Ich finde ihre Entwicklung besorgniserregend, auch wegen Trump, eher aber sonst in Richtung innere Auflösung.

Dorothee Sehrt-Irrek | Fr, 6. Oktober 2017 - 22:21

hat verstanden, dass er Deutschland jetzt beistehen muss.
Und wie immer schweigt Merkel...
Danke Herr Meyer, dass sie sich diese anderen Zeitungen noch durchlesen und kommentieren.
Der Spiegel klang in der letzten Zeit verhaltener.
Unabhängig davon bedeutet unser Rechtsstaat aber nicht nur, kritisieren zu dürfen, sondern auch Kritik aushalten zu müssen.
Es liegt noch ein weiter Weg vor uns, ein gemeinsamer.

Dorothee Sehrt-Irrek | Di, 10. Oktober 2017 - 11:07

In reply to by Dorothee Sehrt-Irrek

Eile, überstürzte Entscheidungen, gar evtl. noch hintenherum durchgesetzt, sind nicht nötig.
Sie sind nicht nur nicht nötig, sie können auch gefährlich sein, da evtl. nur schwer wieder rückgängig zu machen?
Diese Möglichkeit muss aber gegeben sein.
Es handelt sich um Abstimmungen über Generationen hinweg.
Was mir zudem bislang in der Politik nicht (mehr) möglich schien, scheint Frau Merkel evtl. wahr gemacht zu haben.
Diskutiert wurde anfangs die Aufnahme von FlÜCHTLINGEN, 7000 an der Zahl? Jedenfalls geht es jetzt um MILLIONEN-ZUWANDERUNG, wenn ich nicht irre.
Letztere Dimension hätte man in der angemessenen politischen Dimension besprechen müssen, so aber wundert es mich nicht, dass sich Polen, Ungarn etc. schon gegen kleine Kontingente muslimischer Flüchtlinge sträuben. Die Dimensionen können sich offenbar durch eine pol. Haupt-Person auswachsen und sie sind nicht so unbedeutend, wie es die Anfangszahlen erscheinen lassen.
Der ISLAM steht in Europa zur DEBATTE.
VERSTÄNDLICH

Reiner Jornitz | Sa, 7. Oktober 2017 - 10:06

Man sagt , wenn einem die Gegenargumente ausgehen ist der nächste Schritt die Gewalt. Wie primitiv und tief sind wir gefallen. Hat die allgemeine Meinungsvorhersage die Intelligenz so nachhaltig negativ bestimmt das die Kritikfähigkeit abhanden gekommen ist. Nach 12 Jahren stellt man fest , das es in diesem Land nicht nur Schafe gibt, sondern Menschen die selbstbewusst auftreten die sagen so geht es nicht mehr weiter! STOP ! Ich möchte nicht die Antifa in meinem Artikel erwähnen , da ich befürchten muss das dieser Artikel nicht veröffentlich wird - junge Menschen werden manipuliert von der Politik und Interessensgruppen. Das birgt aber erheblichen Sprengstoff in sich. So wie USA Russland reizt wo im Moment der klare Menschenverstand die Oberhand hat kann das Fass irgendwann zum überlaufen bringen. So ist es auch bei uns! Da gäbe es einige Interessengruppen im Ausland die dieses Szenario nicht ungern sehen würden. Deshalb kühlen Kopf bewahren und miteinander reden

Steffen Zollondz | Sa, 7. Oktober 2017 - 14:28

Sehr gehrter Herr Meyer,

Ihre Kolumne ist mal wieder sehr kurzweilig und gelungen.
Auch mich stört der vermehrte Gebrauch des Wortes 'Hass' ungemein. Besonders weil dieser Ausdruck meist nicht treffend beschreibt, worum es sich tatsächlich handelt und weiterhin dem wahren Hass durch Abnutzung unfreiwillig und zwangsläufig die Kraft der beschreibenden Wortes raubt.

Herr Meyer, Monat für Monat begeistert mich Ihre Kolumne (freilig in der Printausgabe).
Es war bereits einige Male so, dass ich meine eigenen Gedanken - noch nicht gänzlich entwirrt und geordnet, manchmal noch nicht zu Ende gedacht - in ihren gut gewählten Worten wiederfand und Sie mir so halfen, mich selbst treffender auszudrücken.

Vielen Dank für diese beständige Qualität!

Dorothee Sehrt-Irrek | So, 8. Oktober 2017 - 12:33

Man ging nach dem Krieg nicht wohlwollend mit den von Ihnen genannten Gruppen um, Frau Wallau.
Es bedurfte auch der Pilzköpfe der Beatles und der Hippiebewegung in den USA, `autoritäre´ Lebensformen der Nachkriegsära aufzubrechen.
Haben Sie einmal von den Berufsverboten gehört? Es hat doch in bestimmten Gegenden selbst für SPD-Politiker gedauert, akzeptiert zu werden.
"Ein politisch Lied, ein garstig Lied"...
Wo standen damals Leute wie Sie, nur gefragt.
Die Grünen wurden schon schneller akzeptiert aufgrund verheerender Umweltkatastrophen und sichtbar werdenden Schäden in der Umgebung.
Nein Frau Wallau, die AfD kann nicht erwarten, in die Politik getragen zu werden.
Selbige ist auch nicht mit einer Wohlfühloase zu verwechseln.
Die Verrohung politischer Sitten, die ich aber vor allem für von aussen organisiert halte, von Kräften, die nicht über Wahlen Einfluss in welchen Ländern auch immer gewinnen können, sondern nur durch Meinungsdruck, Druck aus der Deckung etc., existiert.

Liebe Frau Sehrt-Irrek,
ich meine mit dem "verständnisvollen Umgang" mit Oppositionellen in den 60ger/70ger und 80er- Jahren weniger die Politiker und die Bevölkerung allgemein, sondern die meinungsbestimmende Schicht der Intellektuellen: Journalisten, Schriftsteller, Rundfunk- und Fernsehschaffende usw. S i e waren sehr offen für
die Ziele der 68er, der APO, ja sogar der RAF.
Der AfD schlägt aus dieser Richtung fast nur Widerwillen und Abwehr entgegen.
Hier stimmt doch offenbar etwas nicht. Meinen Sie nicht auch?

Gerhard Weißenberger | So, 8. Oktober 2017 - 14:33

Herr Meyer hat nicht erwähnt, dass einer demokratischen Kultur in Deutschland ein paar Besonderheiten im Weg stehen. Es sind einerseits die Harmoniesucht und andrerseits das Kollektivschuldgefühl, das durch die 68er bei den jüngeren Generationen verankert wurde.
In der Flüchtlingskrise hat die Kanzlerin durch den Appell “wir schaffen das” die eigene Verantwortung auf das Volk abgeschoben und damit die parlamentarische Kontrolle und sämtliche Gesetze ausgehebelt.
Die Angesprochenen aber glaubten, etwas moralisch Erhabenes zu tun nachdem “wir” der Welt früher soviel Schlechtes angetan hatten, und fassten jede Kritik als kollektive Kränkung auf, die durch die hysterische Reaktion von Verbänden, Kirchen, Künstlern und Medien geahndet wurde.
Die Politik der Kanzlerin hätte in jedem anderen Rechtsstaat zu einer Regierungskrise geführt. Hier blieb es bei dem folgenlosen Herumgemaule der CSU.

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