Zum Tod von Alfred Biolek - „Pfeffer nur frisch aus der Mühle“

Mit Alfred Biolek ist einer der prägendsten Akteure der jüngeren deutschen TV-Geschichte an diesem Freitag gestorben. Das Talkshow-Format „Boulevard Bio“ machte ihn berühmt, und als Gastgeber bei seiner späteren Sendung „Alfredissimo“ revolutionierte er die deutsche Koch-Show.

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Alfred Biolek im Jahr 2019 / Foto picture alliance

Autoreninfo

Rainer Balcerowiak ist Journalist und Autor und wohnt in Berlin. Im Februar 2017 erschien von ihm „Die Heuchelei von der Reform: Wie die Politik Meinungen macht, desinformiert und falsche Hoffnungen weckt (edition berolina). Er betreibt den Blog „Genuss ist Notwehr“.

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TV-Unterhaltung ist ein hartes, unerbittliches und mitunter schnelllebiges Geschäft. Die Formate und deren Protagonisten müssen permanent beweisen, dass sie ihr Geld wert sind. Einschaltquoten sind die Börsencharts dieses Genres, bei den Privatsendern kommen noch die im jeweiligen Sendeumfeld generierten Werbeeinnahmen dazu. Manche Formate verschwinden einfach, andere werden umgestaltet, mitunter auch personell. Nur wenigen Formaten und Moderatoren gelingt es, so etwas wie einen unantastbaren Ikonenstatus zu erringen und unauslöschlich im Mediengedächtnis verankert zu sein.

Zu diesen Ikonen der TV-Unterhaltung gehört zweifellos Alfred Biolek. 1963 heuerte der promovierte Jurist beim ZDF an. Zunächst als Justiziar, doch schon bald wechselte er in den redaktionellen Bereich und sammelte erste Erfahrungen als Moderator bei Sendungen wie „Tips für Autofahrer“ oder „Urlaub nach Maß“. Doch der betuliche ÖR-Tanker war nicht seine Welt, Er zog nach München zur Bavaria Film und tauchte in die dortige Bohème ein – eine Szene, in der er seine Homosexualität nicht mehr verbergen musste.

Ein Meister der Atmosphäre

Von nun an ging‘s bergauf. Ab 1974 produzierte er die Sendung „Am laufenden Band“ mit Rudi Carrell. Es folgten einige kleinere Talk-, Spiel- und Showformate, bis er schließlich 1991 das eigene große Talkshow-Format „Boulevard Bio“ realisieren konnte. Wie keinem anderen Moderator vor ihm gelang es Biolek, mit seiner zugewandten, freundlichen und niemals aufgesetzten Art, eine entspannte, fast privat wirkende Atmosphäre mit seinen Gästen zu schaffen – egal, ob es Spitzenpolitiker, Wissenschaftler, Personen der Zeitgeschichte, Filmdiven, Stars der Musikszene oder unbekannte Menschen mit einer interessanten Geschichte waren. 

Bei Biolek am Studiotisch vor dem Panorama des nächtlichen Köln saßen unter anderen Heino, Helmut Kohl, Franz Beckenbauer, Gina Lollobrigida, der Dalai Lama und Wladimir Putin – aber auch ein erwachsener Analphabet, ein Krebspatient und ein ehemaliger RAF-Terrorist.  Nach 485 Folgen gab Biolek das Format 2003 ab, Nachfolgerin auf dem Sendeplatz wurde Sandra Maischberger.

„Alfredissimo“ – eine Ode an die Genussfreude

Mindestens ebenso große Fußstapfen hinterließ der geborene Kommunikator mit seiner Kochsendung „Alfredissimo“, die es zwischen 1994 und 2007 auf 459 Ausstrahlungen brachte. Zwar gab es bereits vorher Kochsendungen, doch deren schulmeisterlich-dröges Ambiente war nur schwer zu ertragen. Biolek und seine Gäste zelebrierten die pure Lust am Genuss, und während in der Küche irgendwas brutzelte oder garte, wurde mit Messer oder Kochlöffel in der Hand entspannt über Gott und Welt geplaudert, meist mit einem guten Wein im Glas, den er wortreich und manchmal begeistert beschrieb. Nie fehlten launige Bemerkungen über Perfektionisten oder anscheinend eherne Kochregeln, über die er und seine Gäste sich lächelnd hinwegsetzten. 

Wie beim Boulevard Bio gelang es Biolek, für Alfredissimo eine schier unglaublich illustre und vielfältige Gästeschar zu gewinnen. Zusammen am Herd stand er unter anderen mit Boxweltmeister Henry Maske, mit dem er einen Steckrübeneintopf kochte. In die Küche kamen auch Tagesthemen-Anchorman Ulrich Wickert, Alice Schwarzer, der Punk-Künstler Blixa Bargeld, Joschka Fischer, Rosi Mittermeier, Jürgen Trittin, Rudolf Scharping und Anke Engelke. Woche für Woche 30 Minuten Spaß am Kochen, Spaß am Essen und Wein trinken, Spaß an und mit anderen Menschen und jede Menge Running Gags wie das stetige „Pfeffer nur frisch aus der Mühle“.

Eine Ikone der TV-Unterhaltung

Diese Lücke hat nach dem Ende des Formats niemand füllen können. Zwar entstanden in den folgenden Jahren unzählige Kochshows, sowohl im ÖR-TV als auch bei den Privatsendern. Oftmals ebenfalls gespickt mit A- und B-Prominenten sowie mit Sterneköchen. Fast alle wirken aber gekünstelt, aufgesetzt, gestelzt, unnahbar, ohne pure Genussfreude. Schwer vorstellbar, dass sich von diesem konfektionierten Gedöns jemand zum Kochen animieren lässt.

Nach einem schweren Unfall, der ihn gesundheitlich anschließend stark beeinträchtigte, zog sich Biolek 2010 weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Er starb an diesem Freitagmorgen im Alter von 87 Jahren in seiner Kölner Wohnung. Man wird sich noch sehr lange an ihn erinnern, denn er hat Fernsehgeschichte geschrieben, über mehrere Jahrzehnte. Er hatte seinen eigenen Stil, aber nicht als Kunstfigur, sondern authentisch. Vielleicht ein Typ TV-Unterhalter, der in der heutigen Medienwelt keinen Platz mehr hat. 

Auch deswegen wird er fehlen.

Karl-Heinz Weiß | Fr, 23. Juli 2021 - 15:17

Vielen Dank für diese treffende Würdigung. Ja, seine Gabe geht den allermeisten Moderierenden ab: sich augenzwinkernd selbst infrage zu stellen. Kostprobe: "Beim letzten Wechsel der Scheibenwischer an der Tankstelle kam ich ins Grübeln, wie ich meine Promotion schaffen konnte“.

Bernd Muhlack | Fr, 23. Juli 2021 - 16:00

Er war in der Tat klasse, spielte in seiner eigenen Liga!

Herr Balcerowiak, Sie haben bereits vieles erwähnt, 👍
Kann es sein, dass Ihnen BIOS Bahnhof durchgerutscht ist? Das war auch absolut klasse!

Alfredissimo?
Je nach Gast ein absolutes highlight!
Ich möchte den lustigen Besuch des Schauspielers Hans Zacher herausgreifen - ebenfalls bereits in den ewigen Jagdgründen.
Er bereitete einen "griechischen" Hackfleisch-Blattspinat-Schafskäse-Auflauf zu.
Er knetete die kompakte Masse mit den bloßen Händen und fuhr sich immer wieder mit BIO lachend parlierend durch die lockigen Haare.
In seinen Haaren sammelte sich Auflauf und in der Schüssel sicherlich Haare! 👌
Dazu gab es Bier.

Wenn abschließend verkostet wurde gab es seitens BIO IMMER das berühmte "Mmmmmhh!" und das bedeutungsschwere Nicken!
egal wie der Schamott ihm schmeckte.

Das war wie das kongeniale "ACH!" von Evelyn Hamann bei Loriot!

Muttern u ich parlierten just die Tage qua BIO!
Geburtstag: sie wurde ebenfalls 87j alt.

für diese Müsterchen.😀

Ralf Abranches | Fr, 23. Juli 2021 - 18:15

Man Bio, schade das du gegangen bist. Deine Nachfolger sollten deine Sendungen schauen und sich in Grund und Boden schämen für sowenig Leistung soviel Geld zu bekommen.

Maja Schneider | Fr, 23. Juli 2021 - 19:11

Vielen Dank für diese m. E. in jeder Hinsicht zutreffende Würdigung einer Persönlichkeit, wie man sie heute nur noch sehr selten in den Medien finden kann.

Rob Schuberth | Fr, 23. Juli 2021 - 21:36

R I P lieber Alfred Biolek.

Mit dem Pfeffer hattest du absolut recht.

Bei uns seit dem nur noch so.
Und die Pfeffermühlen waren auch gern gesehene kl. Geschenke.

Wieder ein Guter weniger...schade.

Helmut Bachmann | Sa, 24. Juli 2021 - 00:39

Dass das Leben so kurz ist. Bio war der Beste. Niveauvoll, entspannt, kultiviert. Hab ihn schon lang vermisst. Danke nach oben. Pfeffer aus der
Mühle und Tee nicht in Beuteln!

Ernst-Günther Konrad | Sa, 24. Juli 2021 - 08:28

Ein guter und würdiger Artikel Herr Balcerowiak. Das hat Bio wirklich verdient. Seine Shows habe ich oft gesehen, egal wie sie hießen. Bei ihm menschelte es und er konnte den Eindruck vermitteln, man säße mit in der Küche und hörte mit zu, wie sich gute alte Bekannte beim Kochen unterhalten. Bio immer mit Anstand, Respekt, feinfühlig und nie übergriffig und einem eigenem manchmal schrägen Humor. Der Mann war einzigartig unterhaltsam. Jetzt kann er im Jenseits mit den dortigen Seelen weiter kochen. Lass es Dir schmecken Bio.

Heidemarie Heim | So, 25. Juli 2021 - 11:11

Das verstand er wie nur wenige vor und noch viel weniger nach ihm. Er beherrschte egal in welchem Format die Kunst seine Gäste die Kamera vergessen zu lassen, und diese wiederum konnten zu jeder Zeit und in jeder (Gesprächs-)Situation darauf vertrauen, das die Unterhaltung niemals auf ihre Kosten statt fand. Keinerlei Vergleich zum Verhalten und Ansinnen heutiger "Gastgeber". Und bei Alfred Biolek trifft der Spruch "Früher war nicht alles, aber so einiges besser" voll ins Schwarze. Ein sehr feiner Mensch ist still von uns gegangen. RIP

Fritz Elvers | Mo, 26. Juli 2021 - 14:01

einer der uns einfachen Zuschauern die Bundesschamanen und -gauckler, auch Promis genannt, 10-fach redundant nahegebracht hatte. Irgendwann mussten diese auch noch kochen, war Klaus Kinski eigentlich auch dabei? Er hätte dem Befragungsstumpfsinn vielleicht noch etwas Disharmonie eingehaucht.

Bio, auch gerne parodiert (Lieblingsgericht Bratkartoffeln, hui, hui, Bratkartoffeln, das "r" gerollt) war auch bei meinem Sohn, damals 3, sehr beliebt, er hatte sowas.