Gedenktafel für ETA Hoffmann in der Berliner Charlottenstraße
Im Urbanen zuhause: Gedenktafel für Dichter ETA Hoffmann in der Berliner Charlottenstraße / dpa

200. Todestag E.T.A. Hoffmanns - Die Feier der Ambivalenz

Er gilt als Erfinder des deutschen Kriminalromans, war Verfasser düsterer Schauergeschichten, zudem Komponist, Zeichner und Karrierejurist: Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann. Anders als die Romantiker seiner Zeit, klammerte er sich nicht an scheinbare Gewissheiten, sondern verteidigt Ambivalenz und Mehrdeutigkeit. Das macht ihn hochaktuell.

Alexander Grau

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“. Im Januar erschien von ihm „Entfremdet. Zwischen Realitätsverlust und Identitätsfalle“ bei zu Klampen.

So erreichen Sie Alexander Grau:

Selbst gebildeten Zeitgenossen fallen häufig nur Anekdoten zu ihm ein: die Zechereien bei Lutter & Wegner, die Schulden, der Berliner Gendarmenmarkt, das Selbstporträt mit den dicken Kotletten. Doch E.T.A. Hoffmann war mehr als der koboldhafte Zecher und launige Karikaturist des Berlins der Restaurationszeit. Hoffmann war einer der begabtesten Universaltalente der deutschen Kulturgeschichte: hochtalentierter Zeichner, ebensolcher Komponist, innovativer Erzähler, Karrierejurist, Rechtstheoretiker und liberaler Richter in wenig liberaler Zeit. Vor allem aber war Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann, der seinen dritten Vornamen später aus Verehrung zu Mozart in „Amadeus“ änderte, ein klarsichtiger Analytiker der anbrechenden Moderne, ihrer Chancen, ihrer Monstrosität und vor allem ihrer Ambivalenzen.

Zerrüttete Familienverhältnisse

Geboren wird der spätere Dichter, Kapellmeister und preußische Regierungsrat 1776 in Königsberg als Sohn eines Gerichtsadvokaten. Der Siebenjährige Krieg liegt über ein Jahrzehnt zurück. Die junge Großmacht Preußen befindet sich unter dem alternde Friedrich II. in der Konsolidierungsphase. Die Eltern trennen sich zwei Jahre nach der Geburt des Kindes. Ernst Theodor bleibt, anders als sein älterer Bruder Johann Ludwig, bei seiner psychisch labilen Mutter. Bezugspunkt für den Knaben wird die Großmutter.

Cicero Plus weiterlesen

  • i
    Alle Artikel und das E-Paper lesen
    • 4 Wochen gratis
    • danach 9,80 €
    • E-Paper, App
    • alle Plus-Inhalte
    • mtl. kündbar
Fritz Elvers | Sa, 25. Juni 2022 - 22:59

sich in die Grauzone zu begeben.

Da tauchen Persönlichkeiten auf, von denen man zwar schon mal gehört hat, aber nichts weiß.

Gabriele Bondzio | So, 26. Juni 2022 - 07:44

wie schön ihn wider zu begegnen. Das Lesen seiner Bücher fiel in meine frühe Jugend. Bei meiner Oma, verbrachte ich oft meine Ferienzeit. In den kleinen Dorf war der Hund begraben, empfand ich so mit 12 bis16 Jahren. Meine Tante hatte Gott sei Dank einen großen Bücherschrank. Dort tummelten sich außer Dumas, Sand, Zola, auch E.T.A Hoffmann.

Bei Letzteren erinnere ich mich an sein Buch „Das Fräulein von Scuderi „. Vom besessenen Goldschmied, der so an seinem Geschmeide hing, Das er seine Kunden, welche des Abends zu einem heimlichen Stelldichein eilten, ermordete um sich den Schmuck wider an zueignen. Auch die Epoche, befeuerte meine Phantasie. Die ganzen Verstrickungen der Personen fand ich ungeheuer spannend.

Dank ihnen Herr Grau, habe ich über seine weiteren Talente erfahren und gestern mein Exemplar "Märchen und Erzählungen" aus dem Bücherregal hervorgeholt.

Dorothee Sehrt-Irrek | Mi, 29. Juni 2022 - 09:55

Bruder, das kann einem liebenden Kind schon Angst machen.
Vor allem wird ein liebendes Kind diese Realität der Mutter zur Realität machen.
Evtl. kein Wunder, dass ihm die Religion fehlte, selbst in Form der romantischen, weil er das Leiden in und an der Realität kennt.
Mir war E.T.A. Hoffmann unheimlich.
Hat Herr Drewermann etwas zu ihm gesagt oder geschrieben?
Und doch könnte der Ostpreusse Hoffmann auch durch das Leiden an Religion festgehalten haben, weil er es aushielt, auf dem Weg?
Was ist die Religion der Prussen?
Das Universum als Heimstatt der MenschInnen, denke ich, Götter als ihre Ahnen.
Kants Sapere aude kommt nicht von ungefähr, jedenfalls nicht aus der Angst.
Ich gehe also davon aus, dass die religiöse europäische Offenheit der modus operandi des Religiösen in Europa, besonders der der Preu/ußen ist.
Das bedeutet zum Einen eine hohe Toleranz, zum anderen eine Zu-Mutung für alles hier vorhandene und hinzukommende Religiöse.
Wem das Angst macht...es ist unser way of living..

Ihr Kommentar zu diesem Artikel

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns über jeden Kommentar und wünschen uns eine konstruktive Debatte. Beleidigende, unsachliche oder obszöne Beiträge werden deshalb gelöscht. Ebenfalls gelöscht werden ad-hominem-Kommentare, die lediglich zum Ziel haben, andere Foristen zu diskreditieren. Auch anonyme Kommentare werden bei uns nicht veröffentlicht. Wir bitten deshalb um Angabe des vollen Namens. Darüber hinaus behalten wir uns eine Auswahl der Kommentare auf unserer Seite vor. Generell gilt: Pro Artikel ist pro Nutzer ein Kommentar und eine Replik auf einen anderen Leserkommentar erlaubt. Kommentare, die Links zu zweifelhaften Webseiten enthalten, werden nicht veröffentlicht. Um die Freischaltung kümmert sich die Onlineredaktion von Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr. Am Wochenende werden Forumsbeiträge nur eingeschränkt veröffentlicht. Nach zwei Tagen wird die Debatte geschlossen. Wir danken für Ihr Verständnis.