Hebammenmangel in Deutschland - „Ich schreibe zehn Absagen am Tag“

Um eine Hebamme zu finden, müssen Frauen in Deutschland bis zu 80 Praxen kontaktieren – und gehen trotzdem oft leer aus. Gleichzeitig werden immer mehr Kreißsäle geschlossen. Der Grund: Hebammenmangel. Nun haben Aktivistinnen die Kampagne „Lieber Jens“ gestartet

„Die Hebammen in den Kliniken müssen teilweise drei bis vier Frauen gleichzeitig betreuen“ / picture alliance

Autoreninfo

Alexandra von Michel studiert Staatswissenschaften und schreibt für Cicero Online.

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Katharina Perreira ist freiberufliche Hebamme in Berlin und Aktivistin der Kampagne „Lieber Jens“.

Frau Perreira, wann haben Sie denn das letzte Mal ein Kind auf die Welt gebracht?
Im Juli 2017. Ich mache gerade aus familiären Gründen eine geburtshilfliche Pause. 

Was ist das besondere an Ihrem Beruf?
Für mich ist es ein zu tiefst feministischer Beruf. Je länger ich Hebamme bin, desto mehr glaube ich, dass es ganz wichtig ist, Frauen in dieser Phase von Schwangerschaft, Geburt und vor allem vom Wochenbett wirklich zu stärken. Also nicht nur medizinisch zu begleiten – das ist ja Hauptaufgabe einer Hebamme – sondern dafür zu sorgen, dass die Frauen gestärkt aus dem Geburtsprozess heraus gehen. Und dabei geht es nicht unbedingt darum, dass die Geburt auf „natürlichem“ Weg erfolgt.

Sondern?
Das Ende der Geburt ist nicht das Entscheidende, sondern der gesamte Prozess:  Es kommt darauf an, dass die Frau sich wirklich gesehen fühlt, respektiert und eingebunden wird und selbstbestimmt gebären darf. Für eine Frau wird eine Geburt dann traumatisch, wenn sie die Entscheidungen, die getroffen werden, nicht nachvollziehen kann, wenn sie nicht informiert und in den Entscheidungsprozess einbezogen wird. 

Nun ist die Situation für Hebammen in den letzten Jahren im komplizierter geworden, weshalb Sie auch die Kampagne „Lieber Jens“ ins Leben gerufen haben. Worum geht es dabei?
Die Idee war, den Politikern – in diesem Fall dem Gesundheitsminister Jens Spahn – ganz persönliche Nachrichten zu schicken und so mit der Situation der Mütter und auch der Hebammen zu konfrontieren. Wir wollen deutlich machen, dass es nicht nur Einzelfälle sind, die bis zu 80 Hebammen anrufen müssen, um überhaupt eine zu finden – oder am Ende sogar leer ausgehen.  

Wie funktioniert die Kampagne genau?
Ein Frau, die keine Hebamme gefunden hat, wählt auf unserer Website eine von fünf Postkarten aus, und füllt aus, ab welcher Schwangerschaftswoche sie angefangen hat zu suchen, wie viele Hebammen sie kontaktiert hat, wie viele sich von denen persönlich zurück gemeldet haben, und wie viele Absagen sie bekommen hat. Die Mail geht dann an uns, wir drucken sie aus und übergeben die Postkarte an Jens Spahn. 

Warum ist es im Moment zu schwierig eine Hebamme zu finden?
Also, zum einen glaube ich, dass dadurch, dass die Hebammen seit mehreren Jahren immer mehr im Gespräch sind, viel mehr Frauen darüber informiert sind, dass sie Hebammenhilfe in Anspruch nehmen können. Und zum anderen, weil wir einen eklatanten Hebammenmangel haben, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Es ist fast so, als wären Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett und Stillen nicht relevant. Dabei wissen wir alle, dass das die Grundbausteine der Gesundheitsförderung sind. 

Aber die Zahl der Hebammen in Deutschland steigt doch? 
Aus den Zahlen lässt sich der Mangel aber pauschal gar nicht ableiten. Man müsste sich nicht nur die Gesamtanzahl der aktiven Hebammen anschauen, sondern auch, was diese anbieten. Offiziell sind in Deutschland etwa 24.000 Hebammen tätig, aber das Rundumangebot, mit Vorsorge, Geburtsbegleitung und Wochenbett bietet wahrscheinlich nur ein kleiner Teil dieser Hebammen an. Viele der Hebammen haben außerdem selber Familie und arbeiten nur Teilzeit. Und dann gibt es noch Hebammen, die nur Kurse geben, aber trotzdem registriert sind und in die Statistik mit reinzählen. 

Wie weit im Voraus muss man denn ungefähr beginnen, um eine realistische Chance zu haben, eine Hebamme zu finden?
Bei uns melden sich die Frauen meistens in der vierten Schwangerschaftswoche – da wissen die Frauen grade mal, dass sie schwanger sind. In unserer Praxis sind acht Hebammen tätig und wir sind alle bis Ende August 2019 ausgebucht. Ich bin für die Verteilung zuständig und ich schreibe im Schnitt zehn Absagen am Tag, das ist nicht übertrieben. Am meisten leiden darunter die Frauen mit Migrationshintergrund. Die verstehen erst mal überhaupt nicht, wie dieses System Hebammenhilfe funktioniert und erfahren deshalb oft zu spät, dass sie bereits mit dem Suchen hätten beginnen müssen. Und am Ende haben gehen sie dann leer aus. Dabei würden gerade diese Frauen wesentlich von Hebammen profitieren, wenn bedenkt, dass gerade diese Familien gesundheitlich benachteiligt sind. Es wird mehr und mehr eine Art Zweiklassenmedizin geschaffen.  

Aber liegt das nicht auch an den Hebammen, die eben nicht mehr bereit sind, dieses Rundumpaket, als auch die Geburtshilfe anzubieten? 
Das liegt an der hohen Haftpflichtversicherung, die freiberuflichen Hebammen zahlen müssen, wenn sie Geburten begleiten. Der Beitrag liegt inzwischen bei  8.174 Euro im Jahr. Als ich 2004 angefangen habe als freiberufliche Hebamme mit Geburten zu arbeiten, habe ich noch eine Haftpflichtprämie von etwa 1.300 Euro bezahlt – also etwa ein sechstel. Und das betrifft nicht nur die Geburtshaus- und Hausgeburtshebammen, sondern auch die Hebammen, die im Belegs-System arbeiten. Zusammen machen sie immerhin 30 Prozent der Hebammen aus. 

Hebamme Katharina Perreira
Katharina Perreira

Beleg-System, was heißt das?
Beleghebammen sind an eine bestimmte Klinik angebunden und begleiten dort die Frauen eins-zu-eins bei unter der Geburt – sind aber eben nicht vom Krankenhaus angestellt. In Süddeutschland  gibt es ganz viele Kliniken, wo der Kreißsaal nur noch mit Beleghebammen arbeitet, da gibt es gar keine angestellten Hebammen mehr. Und diese Hebammen müssen dann oft drei, vier Frauen gleichzeitig betreuen, was im Übrigen von Krankenkassen so nicht mehr bezahlt wird. 

Gab es denn in den letzten Jahren mehr Haftpflichtfälle oder woher kommen diese ernormen Versicherungssummen?
Nein, im Gegenteil. Aber die Summen, die von den Versicherungen im Fall eines Geburtsschadens eingeklagt werden, sind extrem gestiegen. Wenn es bei einer Geburt zum Beispiel zu einem Sauerstoffmangel und deswegen zu einer Behinderung des Kindes kommt, dann klagen Renten- und Krankenversicherung den Schaden bei der Haftpflichtversicherung der Hebamme ein. Da geht es schnell um Millionenbeträge. Die Eltern der betroffenen Kinder bekommen von diesem Geld übrigens oft kaum was. 

Seit 2015 gibt es den sogenannten Sicherstellungszuschlag. Mit diesem Haftpflichtversicherungsausgleich beteiligen sich die Krankenkassen an den Kosten für freiberufliche Hebammen – hat sich die Situation dadurch nicht verbessert? 
Nicht wirklich, denn es wird eben nur ein Teil der Kosten übernommen – und darauf müssen die Hebammen dann meist ein halbes Jahr warten. Das heißt, sie müssen die knapp 8.000 Euro erst mal vorstrecken, im schlimmsten Fall dafür auch noch einen Kredit aufnehmen und bekommen das Geld erst Monate später zurück.

Was müsste sich denn konkret ändern, damit sich die Situation für Hebammen und Mütter  verbessert?
Zunächst einmal muss es möglich sein, dass auch die Klinikhebammen eine Eins-zu-eins-Betreuung anbieten können. In anderen Ländern, wie zum Beispiel in England, geht das ja auch. Die eins-zu-eins Betreuung durch gut ausgebildete Hebammen ist die einzige Möglichkeit, eine wirklich sichere Geburtshilfe zu gewährleisten.  Für die freiberuflichen Hebammen muss ganz klar ein anderes Konzept gefunden werden, wie diese Haftpflichtversicherung bezahlt werden kann bzw. wie dieser hohen Versicherungssumme entgegengesteuert werden kann. Und man müsste darüber hinaus die Gebühren, um den Hebammenberuf wieder lukrativer und attraktiver zu machen. 

Attraktiver, wie meinen Sie das?
Man geht davon aus, dass in den ersten fünf Jahren nach der Ausbildung die meisten Hebammen den Beruf wechseln, oder eine eine andere Richtung studieren, weil die Arbeit nicht gut vergütet und mit dem Privatleben schlecht vereinbar ist. Deshalb müssten auch die Arbeitszeitmodelle an die Gesellschaft und die Bedürfnissen von jungen Frauen und deren Familien angepasst werden. Das Schichtmodell, was die ganzen Krankenhäuser haben, auch völlig veraltet und man muss nach einem neuem Weg suchen. Natürlich möchten wir uns für das Wohlergehen der Frauen und Familien einsetzen, aber wer möchte dafür schon seine eigene Familie vernachlässigen und dabei auch noch schlecht bezahlt werden? 

Haben Sie da eine Idee?
In Neuseeland gibt es zum Beispiel ein sogenannte No-Blame Modell. Dabei wird jeder, der einen „Schaden“ davon getragen hat zunächst einmal vom Staat entschädigt wird. Dann wird innerhalb des Gesundheitssystems der Fall untersucht, nicht um Schuldige zu finden, sondern um es in Zukunft besser zu machen. In Deutschland schieben wir uns gerne gegenseitig die Schuld zu. Dabei geht es doch nur um eins: starke, gesunde und glücklich Familien zu fördern. 

Jens Spahn fordert, dass die Hebammenausbildung künftig durch ein duales Studium ersetzt werden soll – halten Sie das für sinnvoll, oder geht am eigentlichen Problem vorbei?
Die Hebammenverbände fordern das ja schon ganz lange, und es gibt auch bereits bundesweit die Möglichkeit, Hebammenkunde zu studieren. Jetzt kommt Herr Spahn und schreibt sich das so auf seine eigene Fahne. Dabei fordert die EU dies als Standard zügiger als wir wahrscheinlich realisieren können. Aber ich halte das für eine gute Idee, weil wir dann mit den Ärzten ganz anders agieren können. Mit einer Hochschulausbildung haben wir ein ganz anderes Standing, als nur mit einer Ausbildung. 

Würden Sie heute noch mal Hebamme werden?
Ja! Ich liebe meinen Beruf und daran hat sich nichts geändert.
 

„Wie es im wirklichen Leben aussieht, davon habt Ihr doch keine Ahnung“ – diesen Vorwurf hören Politiker immer wieder, aber auch Journalisten. Gerade wenn sie – wie wir in der Cicero-Redaktion – in der Hauptstadt Berlin leben und arbeiten, wirkt das auf viele offenbar so, als seien wir auf einem fernen Planeten unterwegs. Und sie kritisieren, dass wir zwar gern über Menschen sprechen und schreiben, aber kaum mit ihnen reden.

Wir nehmen diesen Vorwurf sehr ernst. Deswegen gibt es auf Cicero Online eine Serie, in der wir genau das tun: Mit Menschen sprechen, die nicht in der Öffentlichkeit stehen, aber mitten im Leben, und dort täglich mit den Folgen dessen zurechtkommen müssen, was in der fernen Politik entschieden wird.

Zum Auftakt machten wir ein Interview mit einem Mann, der illegal in Deutschland lebt. Vergangenen Monat haben wir mit einem Anwalt gesprochen, der mehr als 250 sogenannte Dieselopfer in ganz Deutschland vor Gericht vertritt.

Ernst-Günther Konrad | Fr, 21. Dezember 2018 - 07:51

sehr guter Artikel. Vergleicht man die Reden der Politiker mit dem Abläufen im wahren Leben, sieht man, wie weit entfernt sie von der Lebenswirklichkeit sind. Mir ist keine Hebamme im Bundestag bekannt. Es gibt zwar überall selbst ernannte "Experten", nur selten aber werden die gefragt, die es täglich erleben und umsetzen müssen, was Politik sich so ausdenkt. Vielleicht brauchen wir die vielen Hebammen ja auch gar nicht mehr, wenn bald abgetrieben werden kann bis zum 9. Monat. (Jusovorschlag)
Hier zeigt sich deutlich, es müssen Menschen in die Politik, die durch Berufs- und Lebenserfahrung politisch mitwirken und nicht über reine Parteikarrieren in Ämter kommen. Dann kommt auch wieder gesunder Menschenverstand und Herzwärme ins Volk. Die Politker sollten mal bei ihren Eltern hinterfragen, wie sie selbst zur Welt kamen. Manch einer wäre vielleicht gar nicht da, wäre die Geburt nicht von einer Hebamme begleitet worden. Ich wünsche der Aktion den größtmöglichen Erfolg.

gabriele bondzio | Fr, 21. Dezember 2018 - 10:02

Wenn man diesen Artikel gelesen hat, fragt man sich was dieses als reich bezeichnete Land überhaupt noch in die Reihe bekommt. Einerseits beklagt man sich laufend, dass Kinder in DE gebraucht werden. Andererseits hapert es schon an fachlicher Begleitung beim Geburtsvorgang und Nachsorge. Dann kommt das Problem der Kitas, später der Schulen. Ich habe schon gelesen, dass Frauen sich schon nach einer Hebamme umsehen, wenn sie noch nicht einmal schwanger sind. Erinnert mich stark an den Fakt, dass DDR-Bürger bei der Bestellung, Mangelware-Fahrzeug, schon ihre Kinder auf den Bezug angemeldet haben. Damit sie bei Volljährigkeit auf einen fahrbaren Untersatz zurückgreifen konnten. Hier muss sich dringend etwas ändern, wenn dieser Staat noch glaubwürdig sein will, in Bezug Kinder willkommen zu sehen. Andererseits stelle ich mir dabei auch die Frage. Ob es der Staat darauf anlegt, gleich junge Erwachsene hereinzubitten. Da kann man sich die ganzen Vorkosten sparen.

Bernd Muhlack | Fr, 21. Dezember 2018 - 15:37

Oha, ich dachte zuerst, es sei ein arabisches Wort, je nach Aussprache, dem Ruf des Muezzins: Beleg .. he .. bammen!
Abgesehen von den 2 Worten "Aktivistin sowie feministisch" ist das ein sehr guter Beitrag seitens Frau Perreira.
Hier in Nordbaden haben etliche KHs die Geburtsstationen dicht gemacht, so dass man im Zweifel längere Wege in Kauf nehmen muss; sicherlich eine betriebswirtschaftlich sinnvolle, jedoch eher keine kundenfreundliche Lösung.
Und ca. 8 tsd Euronen Haftplicht iss mal ne klare Ansage, woll? Ich habe keine Ahnung, wieviel eine Hebamme für eine Geburt/betreuende Tätigkeit erhält; quasi ab dem Kind Nr. X bin ich im grünen Bereich?
Soweit ich mich erinnere sind Hebammen ja Freiberufler, also zahlen sie wie Ärzte, Rechtsanwälte, Steuerberater etc. keine Gewerbesteuer => das würde ja auch dem Fass endgültig den Boden ausschlagen, nicht wahr?
CONCLUSIO: Ja, Deutschland ist NOCH ein lebenswertes Land, aber WIR sind auf dem besten Weg alles zu verlieren! WIR!?

Manfred Greifenegger | Fr, 21. Dezember 2018 - 16:18

Toller Artikel. Was gehen mir die Sonntagsreden unserer abgehobenen, abgenabelten " Volksvertreter " auf die Nerven. Im Prinzip kann man den Politikbetrieb einstellen. Dort ist niemand vorhanden der mit dem normalen täglichen Leben etwas zu tun. Was sind die denn vom Beruf her. Entweder Rechtsanwalt oder
Beamter ( meistens Lehrer ). Oder die Klasse
Kreissal-Hörsaal-Plenarsaal. Es gibt auch noch welche, die überhaupt keinen Abschluß gebacken bekommen haben. Von solchen Fuzzis soll ich mir dann sagen lassen wie der Hase zu laufen hat ?
Wo ist der gesunde Pragmatismus ? Fehlanzeige -
RIP.
Es ist zum davonlaufen.

Mathias Trostdorf | Sa, 22. Dezember 2018 - 23:53

Ein grundsätzliches Problem ist, daß es einen Gebärtourismus gibt (übrigens auch nach England, Frankreich oder Holland). Die EU machts möglich, daß Frauen aus allen EU-Ländern einfach in die Ländern mit besserer Ausstattung und Versorgung umziehen und dort die für sie kostenlosen Leistungen in Anspruch nehmen.
Die Aktion sollte also nicht "Lieber Jens" heissen, sondern "Eh, Jean Claude" (und verantwortliche Nichts-Merker in Brüssel), denn die Probleme haben- wie in allen anderen Bereichen wo Lehrer, Erzieher, Behörden fehlen, ja die Ursache in einer verfehlten und willkürlichen Einreisepolitik zu tun, in denen die einheimischen Ressourcen nun plötzlich für mehrere Millionen Menschen mehr reichen sollen, die jetzt in Deutschland leben.

Schaub Hubert | So, 23. Dezember 2018 - 13:32

Ich habe selber drei Kinder und kann ein Lied singen.
Das letzte war eine Hausgeburt und das war die beste Wahl und Entscheidung. Wie kann Merkel oder Spahn über diese Angelegenheit entscheiden.
Es st nur noch traurig !!!