Streit um Corona-Fallzahlen - „Das RKI führt nicht die richtigen statistischen Handgriffe aus“

Nach unserem Aufruf, uns zu berichten, was Sie in der Coronakrise beschäftigt, erhielten wir auch eine Zusendung von Roland Jeske, Professor für quantitative Methoden an der Hochschule Kempten. Er kritisiert das RKI und die ARD für ihren Umgang mit den Corona-Fallzahlen.

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RKI-Chef Lothar Wieler: „grundsätzliches Problem“ / dpa

Autoreninfo

Alexander Kissler ist Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“ und „Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss“.

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Alexander Kissler

Die Corona-Krise bewegt unsere Leser. Viele Hinweise, Anregungen und Schilderungen sind eingegangen, seit wir Sie ermuntert haben, uns Ihre Eindrücke und Wünsche zu senden. Dafür danken wir sehr. Alles wird gelesen, alles wird bedacht.

Leser Roland Jeske überließ uns zwei Schreiben, die er an den Bundesinnenminister und an die Intendanten der ARD gerichtet hatte. Thema sind die umstrittenen Fallzahlen, die das Robert-Koch-Institut veröffentlicht, insbesondere die Daten aus Nordrhein-Westfalen. Jeske, Professor für quantitative Methoden an der Hochschule Kempten, teile Horst Seehofer mit, er halte „die vom Robert Koch-Institut für das Bundesland Nordrhein-Westfalen ausgewiesenen Daten für zu gering und nachhaltig irreführend im derzeit wichtigen Kampf gegen das Corona-Virus.“

Statistisches Bundesamt sollte übernehmen

Konkret bemängelt Jeske, die entsprechenden Zahlen fielen „stets zu niedrig aus oder weisen einen deutlich veralteten Zeitstand auf.“ Er führt den Nachweis anhand des veröffentlichten Datenmaterials vom 25. März. Damals, so Jeske, teilte das RKI mit, in Nordrhein-Westfalen hätten sich 7197 Menschen mit dem Corona-Virus angesteckt, während das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales Nordrhein-Westfalen bereits am Vortag 8745 Infizierte vermeldet habe.

Jeske folgert: „Wenn es um die derzeit wichtige Aufgabe geht, die amtlichen Daten für Deutschland zu erfassen, steht das RKI offenbar vor dem grundsätzlichen Problem, die richtigen statistischen Handgriffe auszuführen.“ Darum sollte künftig das Statistische Bundesamt mit der „Erfassung, Aufarbeitung und Weitergabe der Daten“ beauftragt werden – und nicht das RKI. Jeskes Schreiben an den Bundesinnenminister können Sie hier nachlesen.

„Möglicherweise aus Sensationslust“

In seinem Offenen Brief an die Intendanten der ARD kritisiert Jeske scharf zwei Meldungen auf tagesschau.de. Dort habe man „sehr eigentümliche Ergebnisse vorschnell und ohne jegliche Plausibilisierung in Umlauf gebracht, möglicherweise aus Sensationslust.“ Die besagten Meldungen hätten die Botschaft übermittelt, „die Verdoppelungszahl in NRW sei deutlich kürzer als im deutschen Mittel.“ Davon könne ausweislich der bekannten Daten nicht die Rede sein. So habe man die Lage geschönt.

Sachlich falsch sei auch die Aussage, in Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt habe es einen vergleichsweise großen Anstieg der Fallzahlen gegeben. In diesen Ländern dürfe man aber die geringe Ausgangsbasis ebenso wenig außer Acht lassen wie den späteren Beginn der Pandemie. Drittens habe tagesschau.de in einer am 21. März veröffentlichten Grafik „die Infiziertenzahl von NRW auf dem Stand vom 17.03.2020 eingefroren“.

Jeske schließt: „Die Gefahr, dass Personen, die auch mit dem heutigen Tage noch eine akute Gefahr durch den Corona-Virus verleugnen, Ihre Meldungen zum Anlass nehmen, um weiterhin ausschweifende persönliche Sozialkontakte zu zelebrieren, ist leider hoch. Ich sehe Ihr Verhalten – falsche Analysen zu veröffentlichen und mehr noch, diese Meldungen nicht vom Netz zu nehmen – als grob fahrlässig an“. Das Schreiben finden Sie ebenfalls hier.

Ernst-Günther Konrad | Fr, 27. März 2020 - 09:33

Prima Herr Dr. Kissler, dass Ihr den Mut habt, gegenteilige Meinungen zu veröffentlichen. Das schätze ich an Euch immer wieder.
Was der Prof. Jeske da vorschlägt ist völlig richtig. Lassen wir doch diejenigen die Statistik machen, die behördlich dazu berufen sind. Die haben keine med. Eigeninteressen, die wissen wie es geht. Jedenfalls traue ich denen mehr Fachkompetenz zu als dem RKI, das natürlich selbst bei erkannten Fehlern nichts zugibt und vor allem nicht das Gesicht verlieren will, womöglich falsch beraten zu haben.
Der Politik ist derzeit nicht der Vorwurf zu machen, dass sie das beste geben, um die Krise zu händeln. Da mag ich derzeit nicht kritisieren. Was ich kritisiere ist, dass nicht schon längst seit 2013 konkrete Pläne bestehen, die u.a. solche Probleme vorher erfasst haben.Es wurde alles verschlafen, ausgesessen. Jetzt haben wir den Salat. Die Angst geht um, Grundrechte sind eingeschränkt, noch macht das Volk mit. Wie lange aber, wenn selbst die Medien kritischer sind.

Dass ich nicht lache.. Sie haben doch lange Warnungen vor Corona als simple Panikmache bezeichnet ("Ist man halt mal eine Woche erkältet..).
Vor wenigen Tagen fragten Sie noch in diesem Forum, wer gegen die Einschränkung der Freiheitsrechte klagen würde!
Falls Sie es nicht verstanden haben: In dem Beitrag wurde die Meinung geäussert, die gemeldeten Fallzahlen wären zu niedrig. Manchmal ist die Heuchelei hier nicht auszuhalten. Aber Ihnen geht es ja sowieso eher um fundamentale, grundsätzliche Systemkritik. Und natürlich wird dieser Kommentar, der diese Heuchelei anprangert, sowieso nicht veröffentlicht..

Michaela 29 Diederichs | Fr, 27. März 2020 - 11:21

In reply to by Gast

Könnten Sie sich bitte um eine positive Grundhaltung bemühen? Das täte allen gut. Bei Ihnen schwingt immer etwas Abwertendes mit.

Wolfgang Tröbner | Fr, 27. März 2020 - 11:24

In reply to by Gast

Minister Spahn noch vor 14 Tagen von sich gegeben hat und von den Medien propagiert wurde? Ich jedenfalls habe Spahn geglaubt. Also machen Sie keinem hier im Forum den Vorwurf, dass wir unsere Meinung geändert hätten. Im Gegensatz zu Spahn (und Ihnen?) hatten wir jedenfalls kein Insiderwissen. Unsere Regierung hätte es aber besser wissen können. Wir nicht!

Ich kritisiere nicht was die Regierung heute tut. Ich kritisiere aber was sie im Januar und Februar nicht getan hat. Letzteres geht in der Debatte über das " heute " unter, obwohl genau dort die Inkompetenz und organisierte Verantwortungslosigkeit zu finden ist. Zu Herrn Jeske kann man anmerken : 1. Chapeau ! aber 2. Er hat nicht verstanden, dass seit mehr als 10 Jahren regierungsamtliches Beschönigen, egal wie haarsträubend es in der Sache auch sein mag, nicht mehr als unmoralisch und als platte Lüge gilt. Die MSM thematisieren dies nicht oder kaum, weshalb die Machthaber damit durchkommen. Die "Lüge" beginnt ja meist nicht bei der Presse.

Henriette Schmit | Fr, 27. März 2020 - 09:41

Ich finde schon, dass Gesichtsausdruck, Sprechweise und körperliches Auftreten Überzeugung vermitteln können.
Bei Herrn Wieler hat man den Eindruck, er glaube selber nicht so ganz an das, was er sagt. Seine Stimme ist brüchig, sein Blick unruhig und wechselhaft und seine Diktion unklar und unsicher.
Ist dies der richtige Vermittler von seriösen Informationen?

Es herrscht m.E. inzwischen nur noch Sprachverwirrung, keine
babylonische...eine virale (sagt man das so?). "Schlaumeier",
aber auch Gaukler haben Konjunktur. "Ein jeder heißt den
andern dumm, am Ende weiß keiner nix". Ich bezweifle es sehr,
ob uns überhaupt noch seriöse Informationen erreichen. Von
wo (Institution) bzw. von wem sollten bzw. könnten die denn
kommen? Wer besitzt das so bitter notwendige Maß an
Glaubwürdigkeit und vor allem Autorität (im besten Wortsinn)
für eine wirklich gemeinwohlgerechte Vorgehensweise?
Stattdessen immer mehr Einschränkungen. Kleines Beispiel:
versch. Discounterläden (die anderen Märkte werden wohl
folgen) darf man nur noch mit Wagen betreten, selbst für
zwei, drei Teile - wegen des Abstands. [die keimgesättigten
Stangen darf man aber noch anfassen, sogar mit nackten
Händen]. Geht's noch, Leute? Ja, auch ich befürchte für 2020
viele Tote. Warten wir sie ab, die Statistik für Suizide.

hanno woitek | Fr, 27. März 2020 - 09:51

jetzt zunehmend immer mehr das Gefühl, dass sich angebliche Wissenschaftler, auch wie Herr Jeske, zu Wort melden mit Aussagen, die eigentlich nur belegen, dass sie sich nicht über die Stellungnahmen des RKI über die Unsicherheit der eigenen Zahlen informiert haben und beleidigt sind, dass sie nicht gefragt werden.
Und Cicero lässt diese Schlaumeier auch immer noch zu Wort kommen. Lieber Cicero, so hilft man mit, die Bevölkerung zu verunsichern.

Nur der Korrektheit halber: Herr Jeske ist kein Wissenschaftler, sondern Professor für quantitative Methoden. Für Sie, Herr Woitek, ist also jede Art von Kritik mindestens Majestätsbeleidigung? Was diese Regierung und die ihr unterstellten Institute von sich gibt, ist also sakrosankt? Dass Cicero Sie zu Wort kommen lässt, ist ok, andere Meinungen oder gar Kritik-das geht gar nicht? Mich verunsichern eher Leute wie Sie, die absolut unkritische Untertanen sind, die die vielen Widersprüchlichkeiten der Verantwortlichen (Politiker), heute hüh, morgen hott, überhaupt nicht wahrzunehmen scheinen. Viel Vergnügen beim „social distancing‘, Herr Woitek, Ihnen scheint es zu gefallen!

Ernst-Günther Konrad | Fr, 27. März 2020 - 09:55

Die Boulevardpresse allen voran BILD, Focus, SPON und wie sie alle heißen, sie heitzenmit reißerischen Bildern, stündliches weiterzählen von Toten und Infizierten, die ohnehin angespannte Stimmung im Volk immer weiter an. Könnte es nicht einmal morgens und einmal abends im Wechsel ZDF oder ARD von mir aus eine Stunde lang tagesaktuell berichtet werden und dann ist aber auch gut. Jeder Sender berichtet stündlich im Radio, jeder glaubt die wirklich "richtige" Meldung zu verbreiten. Ständig angeblich "neue" Bilder und Statistiken, die wir zum Teil Tage vorher schon gesehen haben. Das Volk wacht mit Corona auf und geht mit Corana ins Bett. Angst macht krank, Hysterie macht dumm. Wer sie unverantwortlich hochpuscht versündigt sich am Volk. Allein die täglichen Meldungen aus dem Ausland. Immer schlimmer, immer dramatischer. Bewertungen von Journalisten nur von Verkaufszahlen geprägt. Eines habe ich aber auch festgestellt. Einige Medien werden kritischer. Nur bockt die Leute nicht auf.

Dorothee Sehrt-Irrek | Fr, 27. März 2020 - 10:41

wenn man daraus Rückschlüsse auf konkretes Regierungshandeln ziehen will.
Mir leuchtet ein, dass das RKI nicht vorrangig mit Statistik und dessen Auswertung befasst sein muss.
WENN, können doch nur Fehler vorliegen, denn wem könnten zu niedrige Zahlen für NRW nützen?
Der Ministerpräsident von NRW scheint mir nicht erheblich von seinen Amtskollegen abzuweichen, höchstens graduell.
In Sachsen-Anhalt und Meck-Pomm sagen sich doch Kranich und Hase einander Gute Nacht:
Bevölkerungdichte Meck Pomm 69, Sachsen-A. 108, NRW 526 pro qkm.
Dennoch machen auch in Sachsen-Anhalt viele gerne Urlaub in Italien?
Leider kann ich Statistiken nicht wissenschaftlich erfassen, nett wäre es also, wenn der Professor einige Schlussfolgerungen aus dem von ihm beklagten Missstand veröffentlichen würde.
Zumindest wäre sein Vorschlag doch einer Antwort wert.
Jedoch geht die Verwaltung egal wo/von was evtl. personell "am Krückstock"?
Das renommierte RKI darf auf keinen Fall durch falsche Zahlen beschädigt werden.

Wolfgang Tröbner | Fr, 27. März 2020 - 11:50

Dass unsere Behörden nicht immer den besten Job machen, hat sich schon vor langer Zeit angekündigt. Ich erinnere mich an das Elbhochwasser im Jahre 2002, als ich damals noch mit Erstaunen vernehmen musste, dass die für Hochwasserschutz verantwortliche Behörde in Sachsen keinen Kontakt mit den entsprechenden Behörden in Sachsen-Anhalt aufgenommen hatte. Auch im Falle Amri hat sich gezeigt, dass sich zwar viele Behörden mit der Person Amri beschäftigten, aber die Behörden untereinander wohl sehr große Probleme hatten, sich auszutauschen, so dass das Attentat nicht verhindert wurde. Und nun die Corona-Krise. Warum sollte es mich wundern, wenn die deutschen Behörden keine genauen Zahlen liefern können? Unsere Behörden beschäftigen Tausende und Abertausende Beamte, aber Effizienz? Ich habe große Zweifel ....

Bickerle | Fr, 27. März 2020 - 12:03

Sehr geehrter Herr Kissler,
Ich gebe Herrn Jeske recht, es liegt einiges im Argen. Allerdings glaube ich nicht, dass die Argumente von Herrn Jeske beim Normalbürger irgendeine Rolle spielen, denn das ist Kleinkram.
Was mich an den Statistiken stört ist – meine ich - viel gravierender. Es fehlt die Angabe wie viele Bürger wurden nach Kohorten getrennt täglich getestet. Wenn ich die Basis nicht kenne, aus der sich die Anzahl der positiven Testungen ergibt, ist die ganze Statistik in meinen Augen wertlos.
Es fehlt weiterhin ein Antikörpertest, der die Frage beantworten könnte, wie viel Bürger waren bereits mit Covid-19 infiziert, ohne dass sie schwere Symptome entwickelten und sind somit jetzt immun.
Letzteres wäre für alle wichtig, die zu Hause einen älteren Menschen pflegen oder medizinisch tätig sind.
Mit freundlichen Grüßen,
Carl Heinz Bickerle

Ernst-Günther Konrad | Fr, 27. März 2020 - 12:33

Ich will Herr Wieler durchaus zugestehen, dass auch er an seine körperlichen und psychischen Grenzen gekommen ist und das für ihn ganz persönlich richtige entschieden hat, nicht täglich sich der Presse zu stellen. Auch er muss mit seinen Kräften haushalten.
Weniger ist manchmal mehr. Vielleicht fangen die bei der RKI mal an, ihre gesamte Öffentlichkeitsarbeit zu überdenken, und nur dann etwas zu sagen, wenn es wirklich etwas grundlegend Neues zu sagen gibt.
Es ist gerade die Rhetorik bei diesem Thema durch Politik und RKI verwendet, sowie die der vielen "Experten" und Erklärbären im ör Medien, die sicher gut gedacht, aber eben schlecht gemacht zur Verunsicherung beitragen. Einmal am Tag valide Daten fertig. Vor allem aber sollte das Bashing des Auslands aufhören. Wir gehen in D den Weg, andere einen anderen. Hört auf zu vergleichen und moralisch überhöht andere zu verurteilen. Die Politik ist ihrem jeweiligen Volk verpflichtet. Was macht eigentlich die EU bei dem Thema gerade?

R.P. Hülse | Fr, 27. März 2020 - 16:37

Warum die Aufregung über die ungenauen Zahlen, die ohnehin aufgrund der lückenhaften Tests der Wirklichkeit hinterherhinken. Nervig ist nur, dass die Medien daneben noch die Daten der John-Hopkins-Universität erwähnen, obwohl diese ihre Quellen nicht bekannt gibt.
Es gibt Wichtigeres bekanntzugeben, z.B. dass möglichst viele Personen einen Mundschutz tragen sollten. Stattdessen wird verbreitet, dass ein Mundschutz den Träger selbst nicht vor Ansteckung schützt, sondern nur das Gegenüber (ohne Mundschutz). Immerhin! Je mehr Mundschutzträger, desto geringer die Ansteckungsgefahr.