Das Ende der Dax-30 - Die Deutsche Börse baut den Leitindex um

Nach dem Wirecard-Skandal vergrößert die Deutsche Börse den Dax und lässt sich neue Spielregeln für Unternehmen einfallen, die in ihn aufgenommen werden wollen. Eine umstrittene Eigenschaft behält der wichtigste deutsche Börsenindex aber.

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Fans der „Börse vor Acht" bekommen mehr Material / dpa

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Nils Wischmeyer ist freier Finanz- und Wirtschaftsjournalist beim Journalistenbüro dreimaldrei

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Jeden Börsenabend um fünf vor acht schaltet die ARD nach Frankfurt aufs Parkett und jeden Abend sehen Millionen von Zuschauern den Kurs des Deutschen Leitindex, dem Dax. Die 30 größten und im Handel umsatzstärksten börsennotierten Unternehmen Deutschlands sind dort gelistet.

Der aktuelle Kurs und die Entwicklung jedes Dax-Werts flimmern dann am Bildschirm auf. Künftig aber wird sich auf dem Börsenparkett einiges ändern. Die Deutsche Börse hat sich entschlossen, den wichtigsten Deutschen Leitindex umzubauen. Hintergrund ist der Skandal rund um den mittlerweile insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard. Dieser war im Juni kollabiert, weil ein Großteil seiner Geschäfte nur Schein war, verblieb aber weiterhin im Dax. So wollten es die Regeln, was der Börse harsche Kritik einbrachte.

Vom MDax in den Dax

Das nahm sie zum Anlass, um über Änderungen nachzudenken, konsultierte dafür auch den Markt. Die nun angekündigte Reform ist die Größte seit 30 Jahren. Die wohl wichtigste Änderung betrifft die Größe des Dax. Der Leitindex wird ab September 2021 nicht mehr aus 30, sondern 40 Werten bestehen. Gleichzeitig wird die Anzahl der Unternehmen im MDax, der zweiten Börsenliga quasi, von aktuell 60 Mitgliedern auf 50 gesenkt.

Wer die zehn Aufsteiger in den Dax seien werden, klärt sich erst im September kommenden Jahres. Anders als bisher wird dafür nur auf die Marktkapitalisierung geschaut, also auf den Börsenwert aller frei handelbarer Aktien eines Unternehmens. Der Börsenumsatz wird keine Rolle mehr spielen. Gute Chancen haben aktuell der Duftstoffhersteller Symrise, der Biotechkonzern Qiagen und der Onlinehändler Zalando.

Gewinn als Kriterium

Auch ein zweites Kriterium wird die Zusammensetzung im Dax künftig beeinflussen. Anders als bisher müssen Mitglieder, die ab Dezember 2020 in den Leitindex aufrücken, in den vergangenen Jahren einen Gewinn erzielt haben. Konkret fordert die Börse ein positives EBITDA in den vergangenen zwei Jahren von den potenziellen Nachrückern, also einen Gewinn vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen auf Sachanlagen und Abschreibungen auf immaterielle Vermögensgegenstände. Hätte es die Regelung bereits früher gegeben, wäre Delivery Hero zuletzt nicht in den Dax aufgestiegen, um Wirecard zu ersetzen. Der Essenslieferant darf aber trotzdem auf einen Verbleib im Dax hoffen, da die Regelung nur für neue Mitglieder gilt.

Ebenfalls neu ist die Berichtspflicht der Unternehmen. Wer keinen testierten Geschäftsbericht oder Quartalsmitteilungen veröffentlicht, fliegt nach 30-tägiger Frist aus den Dax-Indizes. Darüber hinaus müssen alle Neuzugänge einen Prüfungsausschuss im Aufsichtsrat vorweisen können. Unternehmen, die bereits im Dax gelistet sind, müssen die Vorgabe ab September 2022 umsetzen.

„Kontroverse Waffen“ weiter im Index enthalten

Die Börse hat somit fast alle Vorschläge übernommen, die sie bereits zwischen Oktober und November zur Diskussion gestellt hatte. Lediglich ein Kriterium hat sie gestrichen: Firmen dürfen auch weiterhin Beteiligungen an „kontroversen Waffen“ halten. Kritisiert wird das besonders von Umweltorganisationen wie Urgewald. „Die Deutsche Börse stellt sich selbst ein Armutszeugnis aus und knickt vor der Rüstungsindustrie ein“, sagt Barbara Happe. „Dass die Deutsche Börse selbst Atomwaffen nicht ausschließen will, entlarvt den Anspruch, sich als nachhaltigen Finanzplatz zu profilieren, als Feigenblatt.“