Wirecard-Skandal - „Mich überrascht in diesem Bereich leider gar nichts mehr“

Im Wirecard-Skandal um fehlende 2 Milliarden Euro haben offenbar alle versagt: Aufsichtsräte, Wirtschaftsprüfer und Behörden. Im „Cicero“-Interview fordert der Grünen-Europaparlamentarier Sven Giegold, die Regeln für Wirtschaftsprüfer zu verschärfen. Auch die wirtschaftlichen Verstrickungen konservativer Parteien seien ein Problem.

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Firmenzentrale von Wirecard in Aschheim Dornach / dpa

Autoreninfo

Bastian Brauns leitet das Wirtschaftsressort „Kapital“ bei Cicero. Zuvor war er Wirtschaftsredakteur bei Zeit Online. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er an der Henri-Nannen-Schule.

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Bastian Brauns

Sven Giegold ist Wirtschaftswissenschaftler und seit 2009 Abgeordneter im Europäischen Parlament für die Grünen. Dort ist er Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Währung.

Herr Giegold, zwei Milliarden Euro sind bei dem Finanzdienstleister Wirecard offenbar einfach verschwunden. Was haben wir uns eigentlich unter diesem Unternehmen vorzustellen?
Wirecard ist ein globaler Anbieter von Zahlungsverkehrsdienstleistungen im Bereich neuer Finanzsysteme. Es ist einer ganz großen Player im Bereich der sogenannten FinTech-Unternehmen. Das ist auch der Grund, weshalb Wirecard insgesamt nicht unter Finanzaufsicht steht. Das Unternehmen ist kein klassischer Finanzmarktakteur, wie etwa eine Bank, ein Investmentfonds oder eine Versicherung. Lediglich die Tochter Wirecard Bank AG, die aber nicht Kern des Wirecard-Geschäfts ist, wird von der BaFin beaufsichtigt. Nicht jeder, der eine Finanzdienstleistung erbringt, ist also aufsichtspflichtig. Der Wirecard-Fall zeigt, dass es ab einer bestimmten Größe im Finanzsystem notwendig ist, dass jeder Akteur einen Aufseher hat.

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Benno Pluder | Do, 25. Juni 2020 - 08:55

"Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens."
(Thomas Joseph Dunning, von Marx in einer Fußnote als Beleg zitiert. MEW 23, S. 788, 1867"

Heidrun Schuppan | Do, 25. Juni 2020 - 10:04

In reply to by Gast

lässt sich nicht einfach auf die heutige Zeit übertragen. Es gibt heute eine Generation, die zur Erbengeneration gehört – deren Eltern und Großeltern haben nach dem 2. WK verbilligte Kredite vom Staat bekommen und haben Häuser gebaut, die heute ein Vielfaches wert sind. Sie haben Firmen gegründet, die heute vererbt werden. Wer nicht zu diesen Erben gehört, hat nicht viele Möglichkeiten, etwas Kapital anzusparen – Aktien sind eine Möglichkeit. Das hat nicht unbedingt mit Gier zu tun, sondern einfach nur mit Vorsorgen. Man kann dabei Glück haben, meist, aber auch mal Pech.

gabriele bondzio | Do, 25. Juni 2020 - 10:20

eines Großunternehmens ist verschwunden... So um die 1,9 Milliarden Euro. Man kann sich jetzt die Frage stellen, auf welchen dubiosen Konten es gelandet ist. Oder ob es den jemals existiert hat. Bilanzfälschungen sollen ja auch nicht so selten sein. Anlagestrategien an der Börse, die Aktie ist von 100 Euro auf 15 Euro abgestürzt, sind oft riskant für Kleinanleger. Wirecard dürfte kein Einzellfall sein kein Einzelfall sein, sticht aber durch die Größe des finanziellen Schadens hervor.
Wenn Herr Giegold, das Problem auf die EU-Ebene heben will. Muss dazu gesagt werden, dass die EU nicht in dem Ruf steht Probleme zu lösen. Und mit Geld kann sie schon gar nicht umgehen. Dazu kommt noch das Sprichwort: „ Viele Köche verderben den Brei (erst richtig)“
Wenn es um Parteispenden geht, sagen auch Grüne nicht nein.

Hans Meiser | Do, 25. Juni 2020 - 10:21

Als Laie in Sachen Bilanzen, Finanzen usw., ist mir nicht ganz klar, wie es sich mit den genannten 2 Milliarden Euro verhält: hat die jetzt jemand, fehlen die jetzt jemandem, standen die nur irgendwo auf einem Zettel...???
Warum waren sie erst da und sind jetzt weg? Wem hilft oder schadet das eine oder andere?
Ich danke für eine Aufklärung (und bitte so, das es jeder versteht)

... und bei unseren bundesdeutschen Haushalten letztlich anderes als
"Bilanzfälschungen"?
Wenn die Schulden, für die wir Deutschen in der EU bürgen, in unseren Etats nicht ausgewiesen werden, nenne ich das auch "Fälschung".

Inzwischen habe ich stark den Eindruck, nur noch von "Fälschern" umgeben zu sein:
Sie drucken Geld, das keinen Gegenwert hat, sie bezeichnen aggressive Migranten als arme Flüchtlinge, sie sprechen nur von Rechts- und nicht von Linksextremismus,
sie tun so, als ob die Renten u. unsere gesamte Altersvorsorge sicher seien ...
Alles ganz normal ...

...und politischen Extremisten, wenn wir beim Thema Wirecard sind.

Man wird doch vom eigentlichen Thema auf das Hauptanliegen der AfD umleiten dürfen, besonders wenn man selbst aktives AfD-Mitglied ist?

Von da ist es gar nicht mehr weit bis zu einer handfesten Lüge:

"Wir Deutschen bürgen in der EU für Schulden, die nicht in unserem Haushalt ausgewiesen sind.."

Die da wären?

Aber wozu sich mit der Wahrheit selbst beschränken, wo es doch patriotische Pflicht ist, mit allen Mitteln für das Vaterland zu kämpfen!

So geht AfD....

I.K. | Do, 25. Juni 2020 - 13:20

In reply to by Gast

Der Artikel der FT erklärt dies sehr gut, jedoch nur auf Englisch verfügbar: https://www.ft.com/content/d51a012e-1d6f-11e9-b126-46fc3ad87c65

Um es kurz zu Halten. Das Geld hat nie existiert, sondern wurde nur in den Bilanzen als Geldeingang verbucht. Dieser Geldeingang kam dadurch zustande, dass die Wirecard Deutschland zunächst Geld an eine Tochtergesellschaft in Hong Kong überwiesen hat. Das Geld der Tochtergesellschaft wurde dann bei einer Drittfirma "geparkt", und diese Drittfirma war dann ein angeblicher Kunde von Wirecard Asia. So zumindest sah es für die Rechnungsprüfer aus. Die Wirecard Asia muss dann jedoch das geparkte Geld irgendwann an die Wirecard Deutschland überweisen. Dadurch entsteht mit der Zeit eine immer größere Lücke an flüssigen Mitteln. Bei Wirecard sind das nun eben 1,9 Milliarden Euro.
Das Prinzip nennt sich "Round-Tripping" und wurde unter anderem auch bei dem großen Bilanzfälschungsskandal von Enron angewandt.

Ernst-Günther Konrad | Do, 25. Juni 2020 - 14:42

Alle Parteien haben mal mehr und mal weniger Verstrickungen in NGO's oder Finanzunternehmen oder oder oder.
Die einzige Frage, die sich mir stellt ist, wieso stand WireCard nicht auch unter der Aufsicht der BaFin?
Das man auch scheinbar seriösen Unternehmen in Hinblick auf Bilanzen und andere Finanzaussagen nicht mehr trauen kann, ist traurig, aber seit langem schon Realität.
Und selbst wenn man genauer und stetig kontrolliert. Dürfen Prüfer wirklich alles noch feststellen, auch wenn es politisch nicht wünschenswert ist?
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, sagt der Volksmund. Und er hat recht. Nur, heute kommt noch hinzu, wer kontrolliert wen und mit welcher Absicht und Unabhängigkeit. Wer sich z.B. die Lügereien und wer sich die Tricksereien bei VW und anderen anschaut, weiß wovon ich rede.
Mein Vertrauen in die Politik ist schon lange erschüttert und in die Groß-Industrie auch. Und der Mittelstand? Nun, den wird es bald nicht mehr geben. Da wird ja kräftig die Axt angesetzt.

Hans Jürgen Wienroth | Do, 25. Juni 2020 - 14:57

Ein Europapolitiker schlägt eine Stärkung der Kontrollen im europäischen Raum für globale Unternehmen vor. Soll die Bafin oder eine andere europäische Behörde weltweit agieren? Was werden die anderen Länder, allen voran China wohl dazu sagen?
Die EU schafft es nicht einmal, Waren mit verbotenen Inhaltsstoffen an der Grenze zu stoppen oder wenigstens die weltweit verstreuten Lieferanten in Regress zu nehmen. Die Waren werden hierzulande zu Lasten des Importeurs verschrotten. Das ist auch nicht so tragisch, die Ersatzlieferung kommt ja durch, mit genau denselben Inhaltsstoffen.
Was soll der Hinweis auf die Spende an die ÖVP? Bekommen die Grünen keine Spenden, z. B. von der Windkraftindustrie? Ist die Werbung derselben nicht die beste Wahlwerbung für die Grünen, oder warum ist jedes wissenschaftliche Argument dagegen eine Verschwörung?
Wenn die EU ein Global Player sein will, muss sie entsprechend handeln, aber nicht durch die teure Arbeitsbeschaffungsmaßnahme einer Kontrolle.

Dr. Roland Mock | Do, 25. Juni 2020 - 20:36

Leider enden die bis dahin sachlichen Erläuterungen des grünen Abgeordneten mit einem parteipolitischen Seitenhieb. Glaubt Herr Giegold wirklich, die ÖVP sei die einzige Partei, welche von Wirtschaftsunternehmen Spenden beziehen? Und was hat diese Spende mit dem Bilanzskandal von wirecard zu tun? Deren Aktie noch dazu in Deutschland gelistet ist? Korruption und Lobbyismus gibt es querbeet durch die politische Landschaft. Im Haushalt des Klinikums Stuttgart klafft eine Lücke von 30 Millionen Euro, die mutmaßlich als Provisionen für die Vermittlung arabischer Patienten sowie für die Behandlung von Kriegsflüchtlinge n (!) flossen. Die im Mittelpunkt des Skandals stehenden fünf politischen Akteure: allesamt Grüne. Der Ranghöchste von ihnen, Leiter der Staatskanzlei des (grünen) Ministerpräsidenten Kretschmann. trat „aus gesundheitlichen Gründen“ zurück, andere wurden in den Ruhestand, einer in U-Haft geschickt. Kriminalität hat sehr offensichtlich keine Farbe.

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