Arbeiten in der Coronakrise - Ist das Home Office wirklich die Zukunft?

Wie gut passen Home und Office zusammen? Gar nicht, meint der Unternehmer Martin Menz, – jedenfalls nicht langfristig. Schließlich sind technische Tools für den Zusammenhalt im Team keine dauerhafte Alternative.

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Wenn man Berufliches und Privates nicht voneinander trennen kann / dpa

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Martin Menz (34) ist Gründer und Geschäftsführer von Relaxdays, einem Online-Handel mit fast 300 Mitarbeitern aus Halle (Saale).

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Martin Menz

Unsere Arbeitswelt soll von Grund auf neu verhandelt werden – dies und nichts weniger ist zumindest der Wunsch einer neuen Bewegung, die sich während der Corona-Pandemie herausgebildet hat und das Loblied auf das Home Office singt. Menschen sollen in Zukunft Büros fernbleiben, die Zusammenarbeit zwischen Mitarbeitern solle dauerhaft digital gestaltet werden. Die Bewegung rund um die schöne neue Arbeitswelt hat praktisch ganz Deutschland erreicht, das politische Parkett nicht ausgenommen.

Wenn es nach Arbeitsminister Heil geht soll das Recht auf Arbeiten von zu Hause aus gesetzlich verankert werden: "Jeder, der möchte und bei dem es der Arbeitsplatz zulässt, soll im Home Office arbeiten können – auch wenn die Corona-Pandemie wieder vorbei ist". Dem widerspreche ich ausdrücklich. Klar, die Corona-Krise stellt für alle Beteiligten – Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen – eine völlig neue und unvorhergesehene Ausnahmesituation dar. Dass dieser Zustand temporäre Lösungen erfordert, zum Beispiel für erwerbstätige Eltern, möchte ich gar nicht in Abrede stellen. Doch auf Dauer funktioniert das Konzept Home Office nicht. 

Die Wertschätzung des Arbeitsortes  

Ich finde es gut, dass wir Orte haben, die einen festen Sinn und klar definierten Aufgabenbereich haben. Das lässt das Home das Zuhause sein und das Office unsere Arbeitswelt. Es hilft uns, abzuschalten und anzuschalten. Doch im Home Office verschmelzen diese beiden Räume und am Ende fehlt der Arbeitsort, an dem man etwas leisten möchte, aber auch kann. Da finde ich mich in einer Slack-Konferenz, bei der ein Kollege dank Noise Canceling Kopfhörer die schreienden Kinder im Hintergrund für sich, nicht aber für uns, die Zuhörer, ausblendet.

Oder ich ertappe mich selbst, wie mich der fehlende Arbeitsrhythmus behindert. Wie sieht Commitment aus, wenn neben mir die gemütliche Couch steht? Und wie sieht der Feierabend neben den Arbeitsmappen aus? Erst jetzt erkennen wir, welchen Wert es hat, einen Arbeitsort zu haben. Denn nichts schafft eine deutlichere Trennlinie zwischen dem Privaten und dem Arbeitsleben, als die Tür zum Büro, die man nach einem Arbeitstag hinter sich schließt. 

Arbeitsorte sind lebhafte Orte

Immer häufiger bekomme ich zu hören, dass Mitarbeiterteams aus anderen Unternehmen sich zu virtuellen Kaffeepausen oder dem digitalen After-Work-Bier verabreden. Man trifft sich zu festgelegten Zeiten vor dem Bildschirm, um sich über Dies und Das auszutauschen. Doch gerade die Tatsache, dass wir uns digitale Formate für das soziale Miteinander ausdenken, damit uns zu Hause nicht die Decke auf den Kopf fällt, ist ein Indikator dafür, dass die gemeinsamen Pausen am Arbeitsort fehlen.

Arbeitsorte sind lebhafte Orte, Orte die von der Mimik und Gestik ihrer Mitarbeiter leben. Sie schaffen Räume der spontanen Begegnung. All das kann Home Office nicht. Am Arbeitsort kann jeder direkt und spontan Dampf ablassen und Dinge loswerden, für Wertschätzung, Kritik und Reibungen ergeben sich zahlreiche Räume. Diese Interaktionen mögen zum Teil kurz sein, doch in der Summe spielen sie für unser Arbeitsleben eine ungemein wichtige Rolle, die uns zum Teil vielleicht gar nicht immer bewusst ist. Nur durch diese direkten Interaktionen, das dynamische Zusammenwachsen zwischen Mitarbeitern, entstehen erst Teams. 

Unternehmen sind wie ein Teamsport

Denn am Ende ist ein Unternehmen wie ein Teamsport. Niemand würde auf die Idee kommen, eine Fußballmannschaft auf ewig getrennt voneinander trainieren zu lassen. Der Cheftrainer hätte keinen Überblick über seine Spieler, die falsche Technik eines Nachwuchsspielers könnte er weder wahrnehmen noch ausbessern. Und ein Fußballspieler, der gegen die heimische Hauswand kickt, ist per se absurd. Ohne die Mannschaft fehlt dem Einzelspieler die Passmöglichkeit, ohne Zweikampf kein Konter und ohne einen guten Gegenspieler keine Höchstleistung. Im Home Office ohne direkte Teamarbeit fehlt Dynamik, Ansporn und Reibungspunkte.

Alle Bauteile, die heute die Firma Relaxdays ausmachen, sind über viele Jahre zusammen gewachsen – durch die Mitarbeiter, ihre Streite, Diskussionen, Innovationen, Höhen und Tiefen. Das alles wäre ohne einen gemeinsamen Ort nicht möglich gewesen.Sie erinnern sich sicher noch an den Slogan von Pro7 „we love to entertain you“. Ein Job kann das auch. Er kann unterhalten und Spaß machen. Aber wenn ich darüber nachdenke, wann ich die schönsten Momente im Beruf hatte, dann waren es immer die Augenblicke und Projekte mit anderen Menschen zusammen. Wenn ich das nächste Mal so einen Moment habe, möchte ich meine Kollegen real um mich haben.

Marianne Bernstein | Di, 2. Juni 2020 - 17:06

Das Problem des "Home Office" wie es z.Z. gelebt wird besteht darin, dass es nur meetings und Alleinarbeitsphasen abbildet.
Es gibt aber gerade auf Arbeit auch viele informelle Gespräche und persönliche Gespräche, die man nicht einfach übers Internet machen kann.
Ich habe mal von einer Firma gelesen, die das Arbeitsleben online über Avatare nachstellen wollte. Die Besonderheit besteht darin, dass es jeder seinen Avatar hat, es eine Wandzeitung gibt, die man lesen kann, vor der man auch zufällig gemeinsam stehen kann und miteinander reden. Wo es auch einen Pausenraum für private Gespräche gibt.
Das Problem hierbei ist, dass es sehr viel Geld kostet und auch einen hohen Datentransfer erzeugt. Aber prinzipiell ist das ein Weg "online" wie "live" zu arbeiten.

Ernst-Günther Konrad | Di, 2. Juni 2020 - 17:16

Es geht nichts über das persönliche Gespräch. Andere unmittelbar wahrnehmen, soziale Kompetenz ausleben, reiben, sich austauschen, ärgern, verstehen, nachfragen, erklären, auch mal trösten oder mitschimpfen, gemeinsam eine rauchen gehen, Probleme mal schnell in einem Büro zu zweit oder zu dritt um einen Bildschirm stehend, diskutieren, echtes lachen und und und.
Die wenigsten Fernbeziehungen gehen gut. Home office ist eine Fernbeziehung zum Arbeitsplatz, zum Chef oder Kollegen. Pausen können spontan sein, Ideen spontan ausgelebt, mal ungeschliffen ausgesprochen werden. Mal ehrlich. Zu Hause wird der Schlendrian einkehren, die Motivation wird abflachen bis verschwinden, echte Arbeitskontrolle entfällt. Es gibt etwas wie Arbeitsdisziplin in allen Bereichen. Die mag zu Beginn des Home office noch vorhanden, wird aber ohne persönliche Kontakte schwinden. Wohin? Ins Netz, via Bildschirm, ins Kinderzimmer bei den spielenden Kindern oder oder oder.
Nein, Home office muss Ausnahme bleiben.

Susanne Dorn | Mi, 3. Juni 2020 - 10:50

…ist in einem erfolgreichen Unternehmen mit Alleinstellungsmerkmalen und einer Firmenphilosopie schlicht nicht möglich und MUSS daher auch in der Zukunft die Ausnahme sein.

Für jeden Kunden dieser Unternehmen wäre das eine Zumutung...

Dorothee Sehrt-Irrek | Mi, 3. Juni 2020 - 15:50

der Firma wecken auch mein Interesse.
Wenn ich mich jetzt mit jemandem vergleichen würde, dann wären es literarisch Hercule Poirot und Miss Jane Marple, von der realen Person her Immanuel Kant.
Kant bewegte sich nicht viel aus Königsberg hinaus, entscheidend ist aber, dass der Beruf zur gewählten Annehmlichkeit und Geschwindigkeit passen muss.
Ferien mit Kindern waren für mich "Stress" hoch 3, geregelte Tagesabläufe derselben und gerade ausserhalb des Hauses sehr angenehm.
Die digitale Welt ein Segen für mich, wenngleich das Kinder auch wieder stärker zu Hause belässt.
Sie wachsen aber mit Risiken und Segen dieser Entwicklung auf.
Vereinbarkeit von Familie und Beruf scheint mir nur mit hoher Ausnutzung aller zur Verfügung stehenden Möglicheiten umsetzbar.
Die hohe Flexibilität nur mit Wechsel von Mobilität und Arbeit vor Ort.
Gewerkschaften können das je besser darlegen, aber dieser Unternehmer hat schon recht.
Im stillen Kämmerlein wird es kaum Produktivitätzuwachs geben.