Anna Veronika Wendland Daniel Gräber
Daniel Gräber und Anna Veronika Wendland

Anna Veronika Wendland im Gespräch mit Daniel Gräber - Cicero Wirtschaft Podcast: „Bei der Energiestrategie ist Stimmungspolitik Gift“

Anna Veronika Wendland war Atomkraftgegnerin, jetzt kämpft sie für eine Renaissance der Nuklearenergie. Die Osteuropa- und Technikhistorikerin warnte schon lange vor dem Ukraine-Krieg, dass der deutsche Atomausstieg dem Klimaschutz schade und Putin stärke.

Daniel Gräber

Autoreninfo

Daniel Gräber leitet das Ressort Kapital bei Cicero. Er hat Politikwissenschaft und Journalistik studiert und arbeitete als Lokalreporter und Wirtschaftsredakteur für verschiedene Regionalzeitungen.

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Als Angela Merkel nach dem Reaktorunglück in Fukushima 2011 das Ende der Kernkraft in Deutschland durchsetzte, geriet Anna Veronika Wendland ins Grübeln. Die Historikerin am Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg war damals noch nicht das, was sie heute ist: eine entschiedene Kämpferin für die Atomenergie. Aber ihr erschien der von der CDU-Kanzlerin unternommene radikale Schritt zu unwissenschaftlich, zu sehr aus dem Bauch heraus und von Panik getrieben.

„Auch die, die jetzt plötzlich wieder vorne stehen wie Markus Söder und die Kernkraftwerke zurückverlangen, auch die standen hundertprozentig hinter diesem Merkel-Schwenk“, sagt Wendland im Cicero-Podcast. „Und da kann man natürlich zu Recht kritisieren, dass im Bereich der Energiestrategie Opportunismus und Stimmungspolitik wirkliches Gift sind.“ Wendland, die in ihrer Jugend aktiver Teil der Anti-AKW-Bewegung war, begann umzudenken.

Die Folgen des Atomausstiegs spürt Deutschland derzeit schmerzlich. Denn er hat in die Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen geführt. Genau davor warnte Wendland bereits vor Russlands Angriff auf die Ukraine. Gehör fand sie jedoch kaum. Inzwischen ist die Kernkraftforscherin und -befürworterin eine gefragte Gesprächspartnerin.

Den Grünen wirft sie vor, in der Atomfrage auf Angst statt auf wissenschaftliche Erkenntnisse zu setzen. Denn sie ist überzeugt, dass Klimaschutz ohne Kernkraft in Deutschland nicht möglich ist. „Wenn die Grünen, wie sie es ja in der Klimadebatte gerne tun, auf evidenzbasierte Politik abheben, dann sieht es natürlich überhaupt nicht gut aus, wenn sie bei der Kernenergie eigentlich bauchbasierte Politik machen“, so Wendland.

Das Gespräch wurde am 27. Juli 2022 aufgezeichnet.

Sie können den Podcast jetzt hier – klicken Sie dazu „Inhalte aktivieren“ – hören, oder auch auf allen Podcast-Portalen.

 

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Gerhard Hellriegel | Fr, 5. August 2022 - 19:27

Sehr guter Beitrag - danke. Ich mag Leute, die selbständig denken. Was 1980 vielleicht richtig war, muss 2020 nicht auch richtig sein.
Zwei Anmerkungen:
1. Es wurde nicht ganz klar gesagt, dass Atomkraft am Gasengpass im kommenden Winter nichts Wesentliches ändert. Das wirkliche Argument für Atomkraft sind die Klimaziele, die anders nicht zu erreichen sind. Es geht nicht um den heutigen, sondern um den zukünftigen Stromverbrauch, und der muss 3-4fach höher sein.
2. Auf unserem Planeten gibt es KEIN Endlager für langstrahlenden hochradioaktiven Abfall. Das sind alles nur Zwischenlager. Dieser Abfall MUSS im Weltraum entsorgt werden, am Besten auf der Venus. Klar, das ist heute Utopie, aber wie lange noch? 100, 200, 1000 Jahre, was soll's?

Christoph Kuhlmann | Fr, 5. August 2022 - 21:33

Wir brauchen momentan schelle Lösungen und ist eine Laufzeitverlängerung eine Option. Es gibt noch drei weitere, kürzlich stillgelegte AKWs. Die könnte man wieder ans Netz nehmen und für 5 Jahre die Strompreise ein senken lassen. Doch es ist halt nur eine kurzfristige Reduktion von Energielosten. Der Gro0teil der Kosten fällt ja erst in den 100 000 folgenden Jahren an. Schon mal einen Pfennig für 200 000 Jahre bei drei Prozent Zinsen angelegt? Es gibt viele Wege Strom zu gewinnen und wir sollten viele Wege gehen. Großtechnische Hau Ruck verfahren sind eher Ausdruck zu starker Vereinfachung im Denken. Die Suche nach der Patentlösung bringt uns nicht weiter. Kleinwasserkraft, Biogas und Geothermie Heizkraftwerke aber auch CO 2 Verpressung im Boden oder der Einsatz von CO2 in chemischen Produktionsprozessen sind genauso interessant wie Fracking in Deutschland, wenn das ohne Gefahr für das Grundwasser möglich ist. Wir sollten alle Wege gehen und einen Wettbewerb der Technologien fördern.

Georg Kammer | Fr, 5. August 2022 - 21:41

So sans die Grünen, immer nach dem Wind, sonst ne tolle ehrliche Sichtweise auf die Dinge.
Da wird das Robertchen aber schäumen vor Wut und Lang erstmal, von unserer Aussenministerinn ganz zu schweigen.
Bei unseren Restles und Wills, wird sie sicherlich nicht eingeladen.
Postive Strocks an Cicero.

Nicola Chauvin | Fr, 5. August 2022 - 22:52

Jeder Journalist, der in energetischen Fragen immer wieder von Atomenergie schreibt, ist sich sicher, dass er den Gegnern der Kernenergie in die Hände spielt.
Atomkraftwerke gibt es nicht, Kernkraftwerke sehr wohl. Atom ist als negativ besetzte Bezeichnung von unseren "Grünen-Vormündern" in die Welt gesetzt worden. Mit Perferdie wurde die Endlagerung verhindert und eine CO2-freie Energie-Erzeugung verunmöglicht.

Ernst-Günther Konrad | Sa, 6. August 2022 - 09:35

Neben Frau Wendland lese ich und höre ich die Interviews mit Manfred Haferburg an, einem der letzten "Mohikaner", die sich mit Kernkraftwerken wirklich auskennen und der fast jedes Kernkraftwerk der Welt von innen gesehen hat und die Technik leicht für Laien verständlich erklären kann.
Leider finden ja neben den regierungstreuen "Experten" keine öffentlichen Diskussionen mit echten Kernkraftkennern mehr statt. Frau Wendland ist da eine Ausnahme und die Politik scheint auch weiterhin jede Form von inhaltlicher Diskussion auf Wissen und Erfahrung aufbauende Erkenntnisse zu ignorieren. D hat sein Wissen und die akademische und technische Ausbildung zum Thema längst eingestellt und es würde Jahre brauchen, wieder das Wissen zu erlangen und Studiengänge zu installieren. Inzwischen bauen die wenigen Experten aus D die Werke ebben im Ausland als gern gesehene Wissenschaftler und Techniker vor Ort. Der Atomausstieg hat Langzeitfolgen. Wolle man es jetzt ändern, dauert dies mind. 15 Jahre.

Gerhard Lenz | Sa, 6. August 2022 - 11:15

Wohl eher Problemverursacher.

Die altbekannten technischen Probleme sind immer noch ungelöst: Keiner will eine Wiederaufbereitungsanlage oder eine Endlagerstätte vor der Tür. Nicht mal, wenn der verlässlich strahlende Müll kilometertief verbuddelt wird.

Aber selbst, was den Betrieb angeht, sind AKWs gerade wegen des Klimawandels und den daraus resultierenden Hitzeperioden anfällig:

"Aktuell ist von den 56 französischen Atomreaktoren weniger als die Hälfte mit voller Leistung am Netz. Frankreich bezog daher viel mehr Strom aus dem Ausland als in früheren Sommermonaten."
https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/hitze-in-frankreich-atomkraftwer…

Wir Deutschen würden das ALLES natürlich viel besser machen, versteht sich ja von selbst...

Panik oder mehr noch das Erzeugen einer solchen scheint so manchen dazu zu verleiten, falsche Antworten zu finden.

keiner will auch ein Windkraftwerk vor seiner Tür haben. Dass in Deutschland kein Endlager gefunden wird, liegt daran, dass keines gefunden werden soll. Denn anderenfalls würde der "Nein danke"-Seligkeit ja ein wichtiges Argument fehlen.

...Tatsache ist aber auch, dass wenn in Zukunft der Strom ausbleibt, auch keine Ampel mehr funktioniert.
... und ohne Ampel gilt dann wieder rechts vor links.

Tomas Poth | So, 7. August 2022 - 19:34

Wie ich schon mehrfach erwähnte sollten wir das Risiko auf alle Energieträger streuen und uns nicht nur von einem abhängig und damit erpressbar machen.
Die Kernenergie kann durch Weiterentwicklung Richtung Dual-Core-Reaktortechnik auch das Problem langlebiger hochradioaktiver Stoffe beseitigen und die bisher gelagerten Abfälle in den Kreislauf zurückführen.
Das CO2, das bei Verbrennung aus Kohle, Öl und Gas entsteht kann durch Abscheidung aufgefangen und mit H2 zu Methan gewandelt in den Verbrennungskreislauf zurück geführt werden.
Und weltweit wird der Verbrennermotor mit nur 2 Liter Verbrauch vorgeschrieben.
Es gibt also genügend Möglichkeiten die CO2-Emissionen zu reduzieren, die fossilen Vorräte zu schonen, auch durch allgemeine Senkung des Verbrauchs, sowohl beim Konsum als auch durch Begrenzung/Reduzierung der menschlichen Population weltweit.
Auf gehts!

Fritz Elvers | So, 7. August 2022 - 22:06

hat das Problem dieser Technologie ebenso wenig verstanden, wie seine Gegner.

Genau genommen müssten die Befürworter sagen, es gibt zwar das Risiko einer weitreichenden Verstrahlung und Unbewohnbarkeit, das wir nicht kennen, aber wir tragen es. Die Gegner kennen es auch nicht, wollen aber lieber auf die Vorteile verzichten und dafür lieber Mehrkosten tragen und die Erderwärmung in Kauf nehmen.

Klar ist jedenfalls, dass der kategorische Ausstieg die Entwicklung risikoärmerer Spaltreaktor-Technologien in unserem Lande unmöglich gemacht hat,

Frau Wendland benennt und bewertet die Risiken, jedenfalls in diesem Artikel, nicht. Das ist wenig hilfreich.