Wiktor Makowej (2. v.l.), Bewohner von Irpin bei Kiew, zu Besuch bei einer Nachbarin, deren Haus durch Angriffe der Russen völlig zerstört wurde / Moritz Gathmann

Abendpost aus der Ukraine - Ein Tag in Butscha

Der Name Butscha ist zum Synonym für Angst und Schrecken geworden. Aber in dem Vorort von Kiew blühen jetzt die Apfel- und Birnbäume, eine Keksfabrik nimmt die Produktion wieder auf. Und die Menschen kehren langsam zurück.

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Moritz Gathmann ist Chefreporter bei Cicero. Er studierte Russistik und Geschichte in Berlin und war viele Jahre Korrespondent in Russland.

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Ich wache von Vogelgezwitscher auf, öffne die Tür zum Balkon. Draußen scheint die Sonne, gegenüber steht ein Apfelbaum in voller Blüte, darunter wächst frisches, grünes Gras. Aus der Küche höre ich das Radio mit den Nachrichten des Tages und rieche Bliny, die Valentina Iwanowna in der Pfanne bäckt. Guten Morgen, Butscha.

Butscha. Wer dieses Wort hört, hat sofort fürchterliche Bilder im Kopf. Anfang April ist der Name dieses Kiewer Vororts zum Synonym für Mord, Vergewaltigung und Verwüstung geworden. Damals wurde bekannt, welche Gräueltaten russische Soldaten hier während eines Monats der Besatzung begangen haben.

Für Valentina Iwanowna und ihren Sohn Maxim dagegen war der Umzug hierher ein Glückstreffer: Butscha, eine knappe Stunde mit dem Auto vom Kiewer Zentrum entfernt, gepflegte Häuser mit blühenden Obstbäumen, gute Luft, viele junge Familien. In Butscha, Irpin und den anderen Orten wurde über die letzten Jahre wie wild gebaut, schicke Wohnblocks mit eingezäunten Hundespielplätzen, Kinos, Townhouses, Restaurants, Shopping-Malls, Baumärkte. All das ist noch da, aber es trägt deutliche Spuren des Kriegs.

Menschen kehren zurück

In diesen ersten Maitagen kommen immer mehr Bewohner zurück in ihre Häuser vor den Toren von Kiew, aus anderen Städten der Ukraine, aus Polen und Deutschland. Man sieht sie mit staunenden, fassungslosen Augen in den Straßen, mit ihren Handys Bilder von den Zerstörungen machend: von dem Epizentr-Baumarkt, der völlig in sich zusammengefallen und ausgebrannt ist, von dem Parkplatz, auf dem sich ein Berg von etwa 100 Autos gebildet hat, verbrannt, zerschossen, zermalmt und jetzt übereinandergestapelt, von der russischen Kolonne aus 12 Panzern und Truppentransportern, die etwas außerhalb von Butscha bis heute am Straßenrand steht, besiegt und ausgebrannt. In manchen Fahrzeugen findet man noch bis auf die Knochen verbrannte Körperteile der russischen Soldaten.

Seit diesem Samstag verbindet Butscha wieder ein Vorortzug mit Kiew: In einem Monat wurde die zerstörte Eisenbahnbrücke wieder hergestellt. Mit dem Auto kommt man schon seit April wieder über den Fluss Irpin, neben der zerstörten Brücke fahren die Autos über eine Behelfsbrücke. Die Stadt hat Plakate aufgehängt: „Gefoltert, aber nicht gebrochen“, steht darauf, „Das Leben besiegt den Tod“. Das Leben kehrt langsam zurück, auch in Butscha.

Gleich um die Ecke von Valentina Iwanownas Haus liegt die Privoksalna-Straße, auf der zu Beginn des Kriegs eine ganze russische Panzerkolonne zerschossen wurde. Die Häuser links und rechts der Straße sind auf einer Länge von etwa 300 Metern bis auf die Grundmauern zerstört, die Straße selbst ist neu asphaltiert.

Ein Künstler malt Bilder von Leben und Tod

Auf dem Bürgersteig steht der Kiewer Künstler Wadim Grintschenko vor seiner Staffelei und malt – ein Bild der Zerstörung, aber auch den jetzt blühenden Birnbaum. „Ich wohne in Kiew gleich an der Stadtgrenze, also unweit von hier. Zwei Monate lang habe ich nichts gemalt, ich war wie gelähmt. Aber dann hat mir mein Organismus gesagt: Du musst anfangen.“ Grintschenko malt in impressionistischer Manier, er zeigt ein anderes Bild, das er gemalt hat: ein zerstörtes Haus in Irpen, davor ein Spielplatz. „Ich will zeigen, dass der Tod und das Leben nebeneinander existieren. Und dass das Leben zurückkommt“, sagt er.

Es fällt auf, wie unterschiedlich das Niveau der Zerstörung in Irpin und Butscha ist: Das näher an Kiew gelegene Irpin wurde fast vollständig von den Ukrainern gehalten – und von den Russen ohne Rücksicht auf Verluste bombardiert. In vielen Straßen finden sich Häuser, von denen nur noch die Grundmauern stehen, Wohnblocks und Einkaufszentren sind nach Treffern von Raketen und Granaten ausgebrannt.

Schwere Zerstörungen durch die Russen

In Butscha dagegen ist die Zerstörung punktuell, dafür sind die Metallzäune vieler Häuser umgeknickt: Man sieht noch die Spuren der Panzer, mit denen die Russen sie durchfahren haben, um ihre „Säuberungen“ durchzuführen, die viel zu oft mit dem Tod der Bewohner und Plünderungen endeten.

Die 61-jährige Galja steht auf einem frisch umgegrabenen Kirchhof unweit ihres Wohnblocks. Hier wurden im März all die Menschen notdürftig begraben, die von den Russen ermordet wurden oder ins Kreuzfeuer geraten waren. Jetzt liegen hier nur noch ein paar Nelken, die Leichen wurden im April auf einen ordentlichen Friedhof überführt, andere warten noch im Leichenschauhaus darauf, dass Verwandte sie identifizieren. Hier lag auch der Mann ihrer Nachbarin: Auf seinem Körper hatten die Russen ein Tattoo gefunden, das er sich in Erinnerung an seinen Kriegsdienst in der Ostukraine hatte stechen lassen – und ihn sofort erschossen.

Galja konnte sich Anfang März aus Butscha nach Poltawa retten, als die Russen einen Fluchtkorridor öffneten. Bis dahin hatte sie mit den anderen Bewohnern im Keller des Hauses ausgeharrt. Sie ist erst heute wieder zurückgekommen. „Ich wollte endlich nach Hause“, sagt sie. „Und das Geld geht uns aus.“ Sie kann wieder zu ihrer Arbeitsstelle zurück – eine Brotfabrik in Butscha. Ihr Sohn muss sich etwas Neues überlegen: Der „Barbershop“, in dem er gearbeitet hat, ist niedergebrannt.

Bewohner noch immer in Trance

Galja war noch nicht in ihrer Wohnung im siebten Stock eines Wohnblocks, aber schon von außen sieht man, dass sie einen Granatentreffer abbekommen hat: Die Fenster und der Balkon sind zerstört. Dort haben russische Soldaten gewohnt. Von ihrem Sohn, der die Wohnung schon inspiziert hat, hat sie erfahren, dass die Russen Kleider, Schuhe und Alkohol mitgenommen haben. Nach ihrem Zustand gefragt, sagt Galja: „Ich bin noch immer in Trance. Ist das etwa Krieg? Kinder vergewaltigen, Wehrlose erschießen?“

In Irpin versucht Wiktor Makowej gerade wieder zu sich zu kommen. Der 48-Jährige, der erst im letzten Jahr aus Kiew hierhergezogen ist und bis zum 24. Februar ein ganz normaler Möbeldesigner war, hat bis zum 23. März in seinem Haus ausgeharrt – trotz der ständigen Bombardierungen durch die Russen. „Jedes Mal, wenn es Angriffe gab, habe ich mich hingekniet, die Hände vor die Augen gehalten und die Hymne der Ukraine gesungen“, erzählt er. Am 23. schlug ein Geschoss in seine Nachbarwohnung im 7. Stock ein – da packte er seine Sachen und floh nach Kiew.

Menschen kochen weiter auf Lagerfeuern

Auf dem Innenhof des Hauses köchelt auch jetzt noch Borschtsch-Suppe über einem Lagerfeuer, der Topf steht auf übereinandergestapelten Ziegelsteinen. Sascha, Hausmeister und Gärtner, hatte hier das Kommando übernommen und für die Menschen gekocht, die hiergeblieben waren. Solange es kein Gas gibt, wird er hier weiter kochen. „Während die Bomben fielen, hat der in aller Seelenruhe die Büsche geschnitten“, erinnert sich Wiktor mit einer Mischung aus Staunen und Bewunderung.

Auf dem Hof sammelten sich Menschen, Katzen, Hunde und sogar Ziegen, alle gleichermaßen getroffen von dem Schrecken, den die russische Armee seit über zwei Monaten über die Städte und Dörfer der Ukraine bringt. „Unser Hof war die reinste Arche Noah“, sagt er.

Neue Kabel, neues Leben

Wiktor führt mich durch die umliegenden Straßen. „Es sieht jetzt alles so hell aus mit den blühenden Bäumen. Im März war alles schwarz-weiß“, sagt er. In den Straßen sieht man Leute aus der Stadtverwaltung von Tür zu Tür gehen, sie fragen nach dem Zustand der Gasleitungen. Andere verlegen neue Kabel, um die Menschen wieder ans Internet anzuschließen. Strom und Wasser fließen wieder in Irpin und Butscha, mit dem Gas dauert es noch etwas.

Wiktor führt mich in den Pokrowskij-Park: hochgewachsene Kiefern, grünes Gras, spielende Kinder auf dem Spielplatz. Nur in einer Ecke, unweit des Zauns, ist die Erde frisch umgegraben. Hier hat Wiktor zusammen mit den Nachbarn Mitte März eine alte Frau begraben, die bei einem Angriff getötet wurde. Ende April wurde auch sie ordentlich begraben.

Frisches grünes Gras wächst in Butscha und Irpin auf der verkohlten Erde. Das Leben beginnt wieder. Durchs Fenster von Valentina Iwanownas Haus dringt der süßliche Geruch von Gebäck und Schokolade: Die Keksfabrik „Delicia“, zwei Straßen weiter, hat Anfang Mai die Produktion wieder aufgenommen.

Gisela Hachenberg | Sa., 7. Mai 2022 - 22:57

Ihr Bericht aus Butscha und Irpin, lieber Herr Gathmann, klingt verhalten optimistisch. Ich lese Ihre Berichte immer. Man kann ihnen entnehmen, wie sehr Ihnen die Ukraine am Herzen liegt. Ich wünsche Ihnen und auch den tapferen Menschen dort, dass, zumindest in Kiew und der Westukraine bald wieder ein wenig Normalität herrschen kann. Das wäre sehr wünschenswert. Herzliche Grüße nach dort.

Walter Bühler | So., 8. Mai 2022 - 00:03

Wir alle freuen uns über Wunder. Und wir alle wünschen den Menschen in Butscha alles erdenklich Gute, ohne jede Ausnahme.

Aber nach all den früheren Horrormeldungen und Horrorbildern aus Butscha fällt mir bei solchen unerwarteten und überraschenden Meldungen über das jetzige Wunder in Butscha der große flämische Mathematiker Simon Stevin ein.

Dessen nüchternes Motto lautete bekanntlich: "Wonder en is gheen Wonder" [Ein Wunder und ist doch kein Wunder].

Die heutige Ausfälle von Herrn Melnyk gegen die Berliner Landesregierung lassen es jedenfalls nicht als ausgeschlossen erscheinen, dass in den bisherigen Berichten doch durchaus eine gewisse Dosis von Gräuelpropaganda im Spiel war.

Sie sind offensichtlich neu in diesem Forum. Nach ein paar Wochen werden Sie solche Beiträge nicht mehr überraschen, aber gewöhnen sollte man sich nicht an das Ausmaß zynischer Menschenverachtung, mit der hier Kriegsverbrechen, Rassismus und Geschichtsrevisionismus - um nur ein paar sehr unschöne Dinge zu nennen - kommentiert werden.
Zu Butscha ist zu sagen, dass Menschenrechtsorganisationen und UN-Ermittler zu übereinstimmenden Zwischenergebnissen gekommen sind. Siehe F.A.Z. vom 22. April 2022:

"Wenn Kriegsparteien über den jeweiligen Gegner Dinge behaupten, tut man gut daran, nicht alles auf Anhieb für bare Münze zu nehmen. Anders sieht es aus, wenn eine Institution wie die Vereinten Nationen über Ergebnisse eigener Untersuchungen berichtet. Die Dienststelle von Michelle Bachelet, der Hochkommissarin für Menschenrechte, hat am Freitag bekannt gegeben, dass ihre Ermittler zahlreiche Anzeichen für Kriegsverbrechen der russischen Armee gefunden hätten."

meinem Eindruck nach hat es bisher keine Kriege gegeben, bei denen die Kampfparteien keine Kriegspropaganda eingesetzt haben. In der Propaganda ist erfahrungsgemäß niemals die volle Wahrheit enthalten, von absichtsvollen Lügen wie im Irak ganz zu schweigen. Zu ihr gehört in aller Regel Gräuelpropaganda, um den Gegner als unmenschlichen Bösewicht darzustellen.

Die "wirkliche" Wahrheit kann bestenfalls erst nach dem Krieg mühsam von Historikern herausgearbeitet werden.

Warum sollte das im jetzigen Ukraine-Krieg anders sein? Vermutlich zweifeln Sie nicht daran, dass Putin Propaganda einsetzt, gewiss sehr plumper Art. Aber heißt das, dass die Ukraine keine Propaganda macht, dass sie nicht die internationalen Medien als Waffe einzusetzen versucht? Sie tut es geschickt, und ich nehme ihr das auch nicht übel.

Aber ginge nicht etwas sehr Grundsätzliches verloren, wenn Außenstehende gar nicht mehr versuchen, im Getöse der Propaganda der künftigen Wahrheit eine schmale Gasse offen zu halten?

Martin Falter | So., 8. Mai 2022 - 10:49

Ukrainer für Ihren Durchhaltevermögen und wünsche Ihnen von ganzem Herzen das sie sich endlich vom Russen Faschismus befreien können.

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