100 Jahre Friedensvertrag von Versailles - Warum misslang er?

Vor 100 Jahren unterzeichnete Deutschland den Versailler Vertrag. Die Radikalisierung der Weimarer Republik und Hitlers Aufstieg wären ohne dessen Wirkungsmacht und die permanente Apostrophierung des „Schandfriedens” nicht denkbar. Tatsächlich ist auch 2019 keine dauerhaft stabile Ordnung in Sicht

Demo gegen den Friedensvertrag 1919
Massendemonstration gegen die Friedensbedingungen des Versailler Vertrages im August 1919 in Berlin / picture alliance

Autoreninfo

Ulrich Schlie ist Historiker und gehört dem deutschen Auswärtigen Dienst an; zuletzt erschien von ihm "Stauffenberg. Eine Biographie" bei Herder 2018.

So erreichen Sie Ulrich Schlie:

Ulrich Schlie Porträt

Liebe Leserinnen und Leser,

in Zusammenhang mit diesem Text veranstalten wir ein kleines Gewinnspiel zu folgender Veranstaltung: Am Sonntag, den 7. Juli 2019 um 11 Uhr präsentiert Cicero in der Astor Film Lounge Berlin den Film „They Shall Not Grow Old”. Zum 100jährigen Jubiläum der Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrages nach Beendigung des Ersten Weltkriegs veröffentlicht Peter Jackson im Auftrag der BBC und des Imperial War Museum diesen Film, der aus restaurierten und modernisierten Aufnahmen aus der Zeit montiert wurde, um so die Realität des Krieges fassbar zu machen – radikal nah, zutiefst menschlich und gleichzeitig von hochgradig dokumentarischem Wert. Im Anschluss an diesen Film wird Cicero-Chefredakteur Alexander Marguier gemeinsam mit dem Historiker und Bestsellerautor Robert Gerwarth diskutieren.

Wir verlosen 3 x 2 Karten für die Veranstaltung. Die Gewinner geben wir kommenden Montag bekannt. Wer teilnehmen möchte, schreibt bitte eine Email mit dem Betreff „Kino-Verlosung” an onlineredaktion@cicero.de

 

Wenn wir heute mit dem Abstand von 100 Jahren auf den Friedensschluss von Versailles blicken, so dominieren zwiespältige Gefühle. Datum und Ort der Unterzeichnung des Vertrages zwischen dem unterlegenen Deutschen Reich und den Siegermächten des Großen Krieges am 28. Juni 1919 in Versailles waren mit Bedacht gewählt worden. Genau fünf Jahre zuvor war mit dem Mord am österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo eine Art Initialzündung erfolgt, die einen guten Monat später den Ersten Weltkrieg auslösen sollte.

Der Krieg, der sich spätestens mit dem Eintritt der Vereinigten Staaten im Jahr 1917 zum echten Welt-Krieg entwickelt hatte, wurde als Krieg geführt, der auf immer „alle Kriege beenden sollte”, so der amerikanische Präsident Wilson, und der Friede, der an seine Stelle trat, war folgerichtig als großer Wurf gedacht: Er sollte, so ebenfalls Wilson, die Welt „sicher für die Demokratie” machen.

Eine immense Belastung

Für Deutschland hatte Versailles eine enorme symbolische Bedeutung. Dort, in Ludwigs XIV. Spiegelsaal, war am 18. Januar 1871 das Deutsche Reich begründet worden, und Wilhelm I., der König von Preußen, hatte hier aus der Hand der deutschen Fürsten die Kaiserkrone entgegen genommen. Die Unterzeichnung des Friedensvertrages war für die damit befassten deutschen Politiker zunächst eine immense Belastung.

Die als hart und ungerecht empfundenen Bedingungen – signifikante territoriale Abtretungen, Verlust der Kolonien, Anschlussverbot mit Deutschösterreich, Obergrenzenvorgaben für die Reichswehr, Demilitarisierung des Rheinlandes, Verurteilung zu im einzelnen noch zu bestimmenden Reparationsleistungen, Festlegung der Alleinkriegsschuld in Artikel 231 – führten zur Demission des damaligen Aussenministers Brockdorff-Rantzau und zum Rücktritt der Regierung Scheidemann. Mit der Kabinettsentscheidung, der Vertrag sei unannehmbar, hatte die damalige Regierung selbst den Schlußstrich gezogen. In Versailles war 1919 nicht von gleich zu gleich verhandelt worden. Die Besiegten hatten ihre Einwände gegen die auferlegten Bedingungen lediglich schriftlich begründen und hinterlegen können.

Gewinner sollte auf Triumphgeschrei verzichten

Versailles wurde für die damals gerade begründete Republik von Weimar psychologische Last und faktische Hypothek zugleich: ein übermächtiger Schatten, der häufig genug auch politisch instrumentalisiert wurde und am Ende die tatsächlichen Errungenschaften und die wirkliche Lage verdunkelte. Die politische Radikalisierung der Weimarer Republik, wo sich Links- und Rechtsradikale gegenseitig hochschaukelten, und der Aufstieg Hitlers wären ohne die Wirkungsmacht von Versailles und die permanente Apostrophierung des „Schandfriedens” nicht denkbar.

Eine der bis heute nachwirkenden Lehren bleibt die Erkenntnis, dass Gewinner im Moment des Sieges auf Triumphgeschrei und unnötige Demütigungen des Unterlegenen verzichten und niemand in der internationalen Politik die Macht der Psychologie unterschätzen sollte. Diese Nachwirkung der negativen Lebendigkeit verbindet zudem Versailles mit den Friedensschlüssen der Alliierten mit den anderen Kriegsverlierern in Saint Germain, Neuilly, Trianon und Sèvres, die ebenfalls als viel gescholtene Vertragswerke in die Geschichte eingegangen sind und oftmals für die Erklärung von Fehlentwicklungen, für Anklagen und zur Rechtfertigung von einseitigen Aktionen herhalten mussten.

Wie kann man einen künftigen Krieg vermeiden?

Der Kompromisscharakter des Friedenswerks ließ zudem genügend Raum für Interpretationen, die sich als schädlicher erweisen sollten als die tatsächlichen materiellen Gegebenheiten. Hier kündigte sich das Massenzeitalter mit seiner Instrumentalisierung der öffentlichen Meinung an: Desinformation, Emotionalisierung und Initiierung von sogenannten Volksbewegungen. Wer die Staatenwelt von heute verstehen will, kommt an einer vertieften Beschäftigung mit dem Zusammenhang von Außenpolitik und öffentlicher Meinung nicht vorbei.

Wie kann man einen künftigen Krieg vermeiden? In Versailles war der – wie wir im Nachhinein wissen – untaugliche Versuch unternommen worden, auf eines der beiden zentralen Ordnungsprobleme von damals – die deutsche Frage (die andere war die russische Frage) eine Antwort zu finden. Warum aber misslang in Versailles, was hundert 100 Jahre zuvor in Wien noch gelungen war?

Der damalige Wandel der Staatengemeinschaft

Die Probleme, für die in Paris Lösungen gesucht wurden, entstammten zuvörderst der europäischen Staatenwelt des 19. Jahrhunderts. Die durch den Ersten Weltkrieg ausgelösten Veränderungen indes betrafen nicht zuletzt die Wandlungen des Staates in  politischen, wirtschaftlichen, sozialen und geistigen Bezügen. Sie manifestierten sich am sichtbarsten in neu aufkommenden politischen Bewegungen.

Das für die Globalisierung so kennzeichnende Phänomen der Vernetzung der Bereiche ist damit keine grundsätzlich neue Erscheinung der letzten beiden Jahrzehnte. Der damalige Wandel der Staatengemeinschaft war zunächst Ausdruck der Krise Europas, aber er griff auch eine Tendenz auf, die bereits für das 19. Jahrhundert charakteristisch gewesen ist. Im 19. Jahrhundert hatte der Staat als Rechts-, Verfassungs-, Macht- und Nationalstaat seine größte Zeit. Nun wurde er mehr und mehr in eine organisierte Gesellschaft verwandelt.

Nirgendwo eine dauerhaft stabile Ordnung in Sicht

Versailles scheiterte nicht zuletzt auch an der Halbherzigkeit und Untauglichkeit seiner Ordnungsvorgaben, am Kompromisscharakter von Bestimmungen, die auch Formelkompromisse der Sieger waren, und der Inkonsequenz, eine dauerhafte Ordnung für eine bessere und gerechtere Welt auf den Weg zu bringen. Auch 2019 ist nirgendwo am Horizont eine dauerhaft stabile Ordnung in Sicht. Der Blick, der auf den Frieden von Versailles zurückstreift, sollte vor diesem Hintergrund insbesondere die Ordnungsprinzipien, auf denen das System der Pariser Teilfriedensschlüsse gründete, auf ihre Tauglichkeit für die Gestaltung  der Gegenwart hinterfragen.

Wie muss eine Völkerrechtsordnung für die sich ins Globale ausweitende Staatenwelt verfasst sein? Wie kann das Verhältnis der Staaten untereinander auf eine dauerhaft tragende Ordnung gestellt werden? Welche Mechanismen des Konfliktmanagements und der Krisenbewältigung brauchen wir heute? Wie können völkerrechtliche Standards eingehalten werden? Wie können die internationale Schiedsgerichtsbarkeit und die internationale Strafgerichtsbarkeit so gestärkt werden, dass sie nicht als wirkungslos beiseite gefegt werden?

In dieser Perspektive bleibt die Beschäftigung mit Versailles auch Ansporn, Europa als Politische Union weiter konsequent nach vorne zu bringen und zugleich sensibler für die Risse im Gebälk und die Sorgen einzelner Partner in Europa zu werden.

Dorothee Sehrt-Irrek | Fr, 28. Juni 2019 - 13:32

vorher an.
Auch vor dem Hintergrund der Serie "Hornblower" mit Joan Gruffudd, nach der man sehr wohl von militärischen Ehrenvorstellungen bei hier der britischen Flotte ausgehen darf.
Wie bitte war es möglich, dass Briten und Franzosen, die USA lasse ich mal aussen vor, im Konflikt um durchaus verständliche Veränderungen im Habsburgerreich, aber jedenfalls auch einer nicht auszuschliessenden Einflussnahme des russischen Riesen-Reiches auf kerneuropäische Reiche, sich auf die Seite Russlands schlugen und das Deutsche und Habsburgerreich in die Zange nahmen?
Langfristig führte dies zu einer Destabilisierung des russischen Reiches und eben des Deutschen Reiches und damit zu einem Verlust von jeder politischen Nachvollziehbarkeit in Europa.
Waren es auf Seiten Frankreichs nachnapoleonische Gelüste?
Wollte England noch größer werden?
Ich stehe in dem Konflikt auf der Seite des Deutschen Reiches und Habsburgs, wenngleich Unabhängigkeitsbestrebungen Serbiens Anerkennung! verdienten.

war weltfremd.
Es bestand also durchaus macht-politischer Korrekturbedarf.
Es bestand gewissermassen kein Frieden vor dem Ausbruch des 1. Weltkrieges und evtl. wurde dieser Nicht-Frieden mit den Versailler Verträgen weiter ausgebaut.
Der deutsche Adel konnte nicht mehr verhandeln.
Er wäre aber mit seiner machtpolitischen Erfahrung wichtig gewesen.
Polen fühlte sich evtl. schon durch Napoleon befreit.
Frieden in Europa wird sehr stark von politischer intelligenz abhängen, aber auch der Fähigkeit, unangemessenen Machtgelüsten entgegenzutreten.
Die EU als Plattform, die je eigenen Machtansprüche weiter auszubauen sollte jedenfalls nicht zu sehr in Anspruch genommen werden.
Dann lieber Trennungen und deshalb sollte jedes Land einen Plan B haben, würde ich meinen.
Frieden ist vielleicht die Kunst, Konflikte nicht zu Kriegen anwachsen zu lassen?
Frieden den Weg zu bereiten ist aber vor allem Ausdruck einer zutiefst friedlichen und auf Ausgleich bedachten politischen Haltung.

ich würde sagen einer belastbaren Ordnung im Zuge der Globalisierung und Vernetzung zu sprechen, die Institutionalisierung derselben.
NGOs oder vermeintliche Volksbewegungen links wie rechts deuten genau auf deren Notwendigkeit.
Es geht nicht in erster Linie um eine stabile, sondern um eine möglichst offene und damit belastbare Institutionaliserung.
Für mich sind NGOs und populistische Bewegungen links, grün (starker NGO-Bezug) oder rechts Teile einer solchen Ordnung, die aber zuletzt verfasst sein sollte.
Auch hier stellt sich das Problem, dass Vertreter von Regierungen und Nationalstaaten nicht direkt für sagen wir europäische oder Weltbelange gewählt werden und deshalb langfristig in den Hintergrung treten sollten zugunsten EXPLIZIT gewählter Vertretungen.
Die Vereinten Nationen sind die Ebene, aber die demokratische Grundierung ist evtl. mangelhaft.
Leider wurden die UN zu stark für gute Kriegseinsätze missbraucht.
Wer ins Visier guter Williger gerät braucht mächtige Freunde

begeben, so wie Preussen und Habsburg, dann müssen sie sich nicht wundern, dass sie zerstört werden.
Die Ermordung des Thronfolgers war schon Ausdruck der Schwäche der Habsburger.
Aber was soll die demokratische Legitimation der Zerstörung Preussens durch lauter Weltreiche und Monarchien, die heute noch existieren?
Man fragt nicht die Amis oder nur die Franzosen, wenn man über Europas künftige Ordnung nachdenkt.
Die Schwäche Preussens war evtl. nicht sichtbar, jedoch strukturell vergleichbar der der englischen Krone durch die Katholiken Irlands und Schottlands.
Prußen und Pommern waren eingemeindet, jedoch nicht Polen, die Tschechei und Slowakei, die weder zu Deutschland noch zu Österreich gehören wollten.
Prußen sind evtl. extrem loyal zu Allen, aber auch sehr selbstbestimmt und friedliebend.
Solange es auf Erden Prußen gibt ist die Welt noch nicht verloren:)
Ich plädiere ganz klar für demokratisch verfasste, möglichst bewegliche/atmende Gebilde.
Wir sind Lebewesen, wie Alles

... diese und daraus sich bis ins Heute aufdrängende Fragen sind zu stellen, wurden in der Vergangenheit gestellt, sind weiterhin zu stellen. Ebenso Fragen zu dem aktuellen Umstand, dass ein Kriege gegen Mitgliedsländer des europäischen Rates führendes Land, ohne wirkliche Gegenstimme in eben diesem Europarat einen Sitz hat.
Soviel zu einem Europa, das im Grunde doch nur auf dem Papier steht.
Soviel zu dessen Glaubwürdigkeit.

Die Sieger luden die Besiegten zu Verhandlung ein , sprachen aber niemals mit der Deutschen Delegation , statt dessen sprachen sich die Sieger untereinander ab , um möglichst viel Profit aus dem Sie zu gewinnen . Als man dann die Forderungsliste der deutschen Delegation vorlegte , sollte der Besiegte nur unterzeichnen , ohne vorher mit den unerfüllbaren Forderungen konfrontiert worden zu sein .
Gerd Schultze Rhonhof beschreibt die ausführlich in seinem Buch :
" 1939 Der Krieg , der viele Väter hatte ! "
Hitlers Ziehvater war eindeutig der " Gewalt - Friedensvertrag von 1919 ! "
Deutschland musste letztendlich unterschreiben , da die Hungerblockade sonst weiterhin aufrecht gehalten würde , die schon fast eine Million Tote gefordert hatte .
Schon die Hungerblockade , die die Zufuhr von Lebensmittel ins Reich unterbunden hatte , war ein Bruch des geltenden Rechts und ein Kriegsverbrechen !

...der die Grundlage für ein in Zukunft friedliches Europa hätte sein können.
Es ging um die größtmögliche Schwächung der Kriegsverlierer, bei gleichzeitig größtmöglicher Bereicherung auf ihre Kosten.
Folglich hat man das Deutsche Reich durch die erzwungene Abdankung (Friedensangebote durch seine Regierung wurden nämlich generell abgelehnt) des Kaisers bewußt politisch destabilisiert (den Fehler haben die USA mit dem japanischen Tenno nach WW2 nicht noch mal gemacht).
Ebenso hat man die Vielvölkerreiche der Habsburger und Osmanen abrupt zerschlagen, mit noch tieferer Destabilisierung ganzer Regionen bis heute.
Gleichzeitig wurden, trotz Gerede vom Selbstbestimmungsrecht der Völker, die Grenzen rundum verschoben und Millionen Deutschsprachige zu Minderheiten gemacht, insb. in Italien und Belgien bis heute.
Dazu Reparationszahlungen, die nach den ursprünglichen Planungen bis in die 1980er gedauert hätten !
Die Frage, warum all das keine Basis für Frieden war, erübrigt sich.

Es gibt viele kluge Bücher kluger Historiker, die sich mit den Weltkriegen und deren Auswirkungen beschäftigt haben. Und es gibt natürlich die üblichen Machwerke revisionistischer, nationalistischer oder rechtsextremistischer Coleur, die sich anstrengen, Agressoren und Zündler im Nachhinein freizusprechen oder deren Schuld zu relativieren.
Deutschland trägt am 1. WK mindestens eine Mitschuld - sollte doch ein angesichts der angenommenen Überlegenheit schnell gewonnener Krieg, begründet als Beistand für Österreich, die Machtfülle des kaiserlichen Reiches erheblich ausdehnen. Dass die Versailler Verträge mehr Straf- als Friedensfunktion erfüllten, wird selbst von Forschern der damaligen Siegermächte nicht bestritten. Dennoch gab es Anzeichen, dass die Mächte angesichts der immer deutlicher werdenden Folgen bereit waren, die Strafen - genau das waren sie - zu lockern. Zu spät, wie man weiss. In Deutschland hatten militaristische, nationalistische und extremistische Scharfmacher...

denn im Deutschen Reich hätte gehandelt werden müssen nach einer "Arithmetik der Niederlage" - vielleicht nicht passend, ich habe es aus der Fernsehserie Hornblower von 2003, es könnte sich um einen Begriff aus der Militärwissenschaft handeln? - ich denke, das wurde es auch, denn die Abschaffung der Monarchie, andere Länder sind noch lange nicht so weit, barg auch - ich denke vor allem - große Möglichkeiten, wenn man Gesellschaftsmensch war, aber dann gab es noch so klitzekleine Vorkommnisse wie die Weltwirtschaftskrise, die Unerfahrenheit mit dem Einfluss der USA, woher ich mir dieses entsetzliche Ausgrenzen von Juden zu dem Zeitpunkt erkläre und überhaupt weideten ringsum nur Lämmer?
Herr Lenz, große Völker, die Geschichte auf allen Ebenen schrieben, ob philosophisch, wissenschaftlich, durch Sagen und Mythen etc., genau, z.B. die Griechen kennen verschiedene Beschreibungen der Geschichte.
Nachdem man das Deutsche Reich abgewickelt hatte, würde ich evtl. "Tragödie" gelten lassen.

Angesichts der Verarmung und Radikalisierung weiter Gesellschaftsteile, der fehlenden demokratischen Reife der Bevölkerung, und der ständigen Agitation extremistischer Kreise, die in der Dolchstoßlegende den Verrat der demokratischen Politiker am angeblich unbesiegten deutschen Militär heuchelten, lechzte das sich gedemütigte Volk nach einem starken Führer. In den letzten freien Wahlen wurden Hitlers NS und ähnlich denkende rechtskonservative und nationalistische Parteien zusammen von mehr als der Hälfte der Bevölkerung gewählt.
Dass die Verträgte angesichts ihrer Auswirkungen dies begünstigt haben, darf angenommen werden - dass sie Alleinschuld am Aufstieg eines Hitlers, am Überfall auf die Nachbarstaaten oder gar die Ermordung von Juden und Andersdenkenden trugen, ist natürlich großer Unsinn. Insofern liefert Versailles einen Anteil an der Erklärung für die gesellschaftliche und politische Entwicklung - aber es entlastet Deutschland nicht von der Alleinschuld am 2. Weltkrieg.

..ist für seine revisionistischen Thesen bekannt. Diese werden von rechtsorientierten Kreisen immer wieder zur Relativierung der Alleinschuld Deutschlands am 2. WK zitiert. Unter seriösen Historikern erfährt der ehemalige Bw-Offizier damit durchgehend schroffe Ablehnung. Ähnlich äusserte sich die FAZ in einer Kritik, die noch im Netz zu finden ist.

Sie haben mit allem recht. Es gibt jede Menge Literatur darüber. Nur wird in der deutschen Geschichte, nur die "dunkle" Zeit ständig thematisiert. Die Gründe dafür, warum es Hitler möglich war, die Massen zu begeistern, was die politischen Gründe waren, die werden ausgeblendet und verheimlicht. Nachts um 01.00 Uhr irgendwo im Fernsehen versteckt und auf keinen Fall der Toten 1914-1918 gedacht, sieht man von Briten und Amerikanern durchaus heute ehrliche Aussagen darüber. Ich meine aller Toten dieses schlimmen Krieges muss gedacht werden oder? Obwohl die Fehler damals, sich heute ähnlich wieder anbahnen, will keiner den Wald vor Bäumen sehen.
Aber, wir sind ja alles ewig gestrige, die Hitler relativieren wollen. Hitler war ein Verbrecher und Mörder, keine Frage. Nur das Wissen um seine Gründe und die zeitlichen Abläufe geschichtliche Einordnung, lehrt uns alle besser zu verstehen.
Nur, wer versteht, lässt, sich mit der Angstkeule eben nicht mehr bedrohen.

helmut armbruster | Fr, 28. Juni 2019 - 17:46

wehe den Besiegten. Der Versailler Vertrag ist diesem Imperativ gefolgt. Es ging den Siegern um dauernde Entmachtung und Niederhaltung Deutschlands.
Die Reparationsforderungen waren astronomisch hoch, so hoch, dass es selbst dem britischen Wirtschaftswissenschaftler John M. Keynes nicht mehr geheuer war. Aus Protest verließ er die britische Delegation
Die letzte Rate wurde - glaube ich - um 2008 von D bezahlt. D.h. bis zum Ablauf der Frist von 90 Jahren haben die Sieger auf Zahlung bestanden.

Roland Völkel | Mo, 1. Juli 2019 - 18:13

In reply to by helmut armbruster

ich frage mich immer, wie hätte denn Frankreich reagiert, verhalten, wenn man dem napolonischen Frankreich einen solchen "Vertrag" nach der Niederlage Napoleons aufgedrückt hätte?

Bernd Eifländer | Sa, 29. Juni 2019 - 10:25

Die Wahrheit über tatsächlichen Ursachen der beiden Weltkriege werden wir wohl nie erfahren. Es gibt Ursache und Wirkung und die offiziellen Geschichtsbücher werden unter Aufsicht der Sieger geschrieben. Und wer glaubt im Krieg für das "Vaterland" zu kämpfen bekommt auch Post vom Weihnachtsmann.

Der Frieden des Versailler-Vertrages war eben ein Sieg-Frieden, kein Verständigungs-Frieden. Mehr noch als der Versailler Vertrag selbst waren die sogenannten Pariser Vorort-Verträgen eine 'Drachen-Saat', mit welchen zukünftige Konflikte und Kriege in Mitteleuropa geradezu programmiert wurden.
Sie verstießen eklatant gegen das ' Selbstbestimmungsrecht der Völker' und die vom amerikanischen Präsidenten Wilson proklamierten 'Zehn Punkte'.
Ich nenne die Stichworte Siebenbürgen (Ungarn, Friede von Trianon), Süd-Dobrudscha (Bulgarien, Friede von Neuilly), Süd-Tirol (Österreich, Friede von Saint-Germain).
Es gibt den klugen Spruch von Erich Fried, der einen solch unklugen und kurzsichtigen 'Sieg-Frieden' zutreffend beschreibt:

Ich bin der Sieg,
mein Vater war der Krieg,
der Friede ist mein lieber Sohn -
der gleichet meinem Vater schon!

Christa Wallau | So, 30. Juni 2019 - 10:36

...daß die Verhandlungspartner sich mit einem gewissen Respekt begegnen.
Natürlich zählt letztlich die Überlegenheit der Sieger u. die Unterlegenheit der Besiegten. Dies wirkt sich immer auf Sachforderungen aus u. findet selbstverständlich Ausdruck in den Festlegungen des Vertrages.
Entscheidend ist jedoch das psychologische Moment: Können die Besiegten ihr "Gesicht" wahren o. wird ihnen die Ehre abgeschnitten?
In Versailles ist genau dies geschehen: Deutschland und das Habsburger-Reich wurden bis ins Mark gedemütigt.
Wer die Erkenntnisse der Psychologie mißachtet,
wird n i e m a l s ein guter Politiker sein - weder im Krieg noch im Frieden, auch wenn er kurzfristig
erfolgreich ist. Auf lange Sicht dienen nur solche
Politiker ihren Völkern u. allen Menschen zum
Besten, die zwar auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind, aber dabei die Belastbarkeit der anderen im Blick haben. Anderenfalls ist der nächste Krieg vorprogrammiert, wie wir es nach dem 1. Weltkrieg erlebt haben.

Brigitte Simon | So, 30. Juni 2019 - 16:23

Immanuell Kant hatte 1795 den "ewigen Frieden noch als eine Idee konstruiert, der man sich be-
ständig annähern solle, die aber nie eingeholt
werden könne". Nun sollte der Krieg ein Normalzu-
stand der "großen Politik" eine anthropologische
Konstante, per Federstrich aus der Welt geschaffen
werden.
Das beweist der Versailler Vertrag von 1919, der bis
heute für uns spürbar ist. Den bereits im Vorfeld
wurden die Deutschen zu den Verhandlungen nicht
eingeladen. Die Vergangenheit ist noch
Gegenwart. Der französische Wunsch nach Sicher-
heit vor dem "Erzfeind" Deutschland überwog. Die
Umsetzung wirkte jedoch verheerend. Der Ver-
sailler Vertrag brach mit allen Regeln des herge-
brachten Völkerrechts. Er ließ Prinzipien erfolgrei-
cher Friedenschlüsse außer acht.
Was würde Kant sagen?

Der Versuch, die Visionen eines ewigen Friedens
bei gleichzeitiger Diskriminierung der Verlierer
mußte scheitern. Der Versailler Vertrag schuf
keinen Frieden. Frieden ist nur möglich,

Brigitte Simon | So, 30. Juni 2019 - 16:40

wenn Schuldtilgung erfolgt und vergessen wird.
Das muß Deutschland zustehen und auch ein-
fordern. Unsere derzeitige Regierung "benimmt
sich wie ein Wurm und darf sich nicht wundern,
wenn er getreten wird". Und wieder Immanuell
Kant.

Der Historiker Bredan Simms folgerte, Hitler ver-trat die Opposition gegen den Versailler Vertrag am radikalsten.
Sie war, so die These Bredan Simms, mit die Ini-
tialzündung für seine Politisierung.
Die Folge: "Der 2. Weltkrieg".

Wie sieht es in unserer Heimat aus? Nicht alles
was uns eingeredet wird, ohne wenn und aber,
kann kompatibel sein.

Gerd Kistner | So, 30. Juni 2019 - 22:42

Rache, Arroganz und Maßlosigkeit der Sieger hat sich langfristig immer gegen sie gewendet. Warten wir es ab, wäre „vae victoribus“ korrekt?
Wer eine schnelle politische Union der europäischen Nationalstaaten erzwingen will wird scheitern. Gorbatschow hat uns Deutschen Einigkeit und Recht und Freiheit geschenkt (hätte die SED sich auf seine schützende Hand verlassen können, wäre es schnell vorbei gewesen mit „wir sind das Volk“), wir sollten uns an seine Vision von einem europäischen Haus mit vielen Wohnungen erinnern und nicht vergessen: Rußland war Europa, ist Europa und wird immer Europa sein. Das zu vergessen ist dumm, dreist und selbstmörderisch.
Die Lehre von 1919 sollte sein: Die Souveränität einzelner Völker darf nicht aus einer Position der vermeintliche Stärke beeinträchtigt werden, der kategorische Imperativ sollte nicht nur Phrase bleiben, ein wirklich herrschaftsfreier Diskurs ist nur möglich, wenn Medien vierte und nicht erste Gewalt sind.
Die EU ist am Ende-Europa lebt.