Sigmund Freud - Die Austreibung der Psyche aus der Psychologie

Sigmund Freuds Thesen zur Psychoanalyse gelten inzwischen als widerlegt. In der Titelgeschichte des aktuellen „Cicero“ schreibt Sophie Dannenberg, die Psychoanalyse sei verzichtbar. Jetzt kontert der Psychotherapeut Christian Kohlroß

Eine Couch
Ab auf die Couch und über die Kindheit reden und alle Probleme sind gelöst? / picture alliance

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Christian Kohlroß arbeitet als Einzel- und Paartherapeut in Berlin und Kuala Lumpur. 2017 erschien bei Dietz sein Buch „Kollektiv neurotisch. Warum die westliche Gesellschaft therapiebedürftig ist.“

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Was hat der Psychoanalytiker Sigmund Freud uns heute noch zu sagen? Anlässlich seines achtzigsten Todestages am 23. September kommen Sophie Dannenberg und Christoph Schwennicke im Cicero zu dem Schluss: Nicht mehr sehr viel! Und das, so scheint es, mit gutem Grund! Denn weder weiß die an den Universitäten derzeit vertretene psychologische Wissenschaft noch viel mit Freud anzufangen, noch steht die Psychoanalyse als Therapieform bei vielen Psychotherapeuten heute hoch im Kurs; es gibt einfach, wenn es um die Behandlung von Symptomen (und nicht um Selbsterfahrung) geht, längst effektivere Formen der Psychotherapie. Und trotzdem: Die Psychoanalyse ist aktueller denn je. Sie hat nichts von Ihrer Aktualität verloren.

Vorläufigkeit als Stil-Merkmal 

Um die Aktualität der Psychoanalyse zu verstehen, muss man die psychoanalytische Theorie, also das monographische Werk des Autors Sigmund Freud, von dem Psychoanalyse genannten Behandlungsverfahren unterscheiden. Dieses Werk war Freuds eigenem Selbstverständnis zufolge immer ein „work in progress“. Erst in der Wirkungsgeschichte, die bereits zu Freuds Lebzeiten beginnt, ist daraus dann eine vermeintlich in sich abgeschlossene, monolithische Lehre geworden.

Doch ist die allmähliche Verfertigung des Denkens beim Behandeln und Schreiben, die beständige Revision eigener Überzeugungen, mit einem Wort: Vorläufigkeit das auffälligste Stilmerkmal des Autors Freud. So dass Freud, lebte er heute, wahrscheinlich gar kein Freudianer mehr wäre, allenfalls noch ein Anhänger einer seiner Nachfahren, sagen wir Heinz Kohut, Jacques Lacan oder, mein persönlicher Favorit: Habib Davanloo. Aber selbst das ist alles andere als gewiss.   

Neues Vokabular des Seelenlebens

Dass aber nun dieses Werk bei vielen wissenschaftlichen Psychologen unserer Tage trotz seiner eingestandenen Vorläufigkeit nicht gut beleumundet ist, hängt damit zusammen, dass diese Vorläufigkeit auch Eingang in die um äußerste Klarheit und Präzision bemühte Sprache Freuds gefunden hat. Vieles von dem, was Freud entwirft, sind nämlich Sprach- und Denkbilder – wie der Ödipuskomplex, der Penisneid, das sogenannte topische Modell von Ich, Es und Über-Ich oder auch das mythische Narrativ der Tötung des Urvaters (in „Totem und Tabu“). Durch die Schaffung dieser und anderer Metaphern, Allegorien, Mythen und Modelle hat Freud nicht nur ein bis dahin unvorstellbares neues Vokabular des Seelenlebens geschaffen. Er hat auch eine neue Form der Wissenschaft geschaffen – nämlich eine Wissenschaft, die empirisch begründet ist und sich zugleich dem Gebrauch der sprachlichen Einbildungskraft verdankt.   

Damit verwirklicht Freud das romantische Ideal einer poetischen Wissenschaft. In ihr ist die sprachliche Form gerade keine äußerliche Zutat des Inhalts. Bilder, Allegorien, Narrative, Metaphern sind das Medium, in dem das Psychische sich ausdrückt, also gerade kein Ungefähres und Unbestimmtes, das nur darauf wartet, in Buchstäbliches übersetzt zu werden, sondern eben ein Letztes, man könnte auch sagen: Absolutes – eben die besondere Gestalt des Psychischen.   

Die Austreibung der Psyche aus der Psychologie

Darin liegt nun aber eine ungeheure Provokation dessen, was sich gegenwärtig wissenschaftliche Psychologie nennt: Es könnte sein, dass deren unmetaphorische, am Ideal buchstäblicher Wahrheit orientierte Darstellungsform der metaphorischen wie allegorischen, also poetischen Form der Psyche im Grunde wesensfremd ist. Mit der Psychoanalyse steht der Verdacht im Raum, dass die gängige und gegenwärtige wissenschaftliche Psychologie eine wesentliche Dimensionen des Psychischen nicht erfassen kann und de facto eine Austreibung der Psyche aus der Psychologie betreibt.

Diesen Verdacht erleben nicht wenige Studenten der Psychologie zu Beginn ihres Studiums als Befremden darüber, dass die Psyche, mit der man sie im Rahmen ihres Studiums konfrontiert, eine andere Natur zu haben scheint als die, die ihnen aus ihrem eigenen Erleben bislang vertraut ist. Aber auch der Umstand, dass die bahnbrechenden Neuerungen der Psychotherapie, also der Einflussnahme auf psychisches Erleben, bislang kaum je ein Ergebnis wissenschaftlicher Forschung, sondern Folge des mutigen Experimentierens von Praktikern ist, deutet in diese Richtung.

Wer bin ich, und wenn ja, wieviele? 

Dieser von der Psychoanalyse ausgehende Verdacht, dass die Seele eine Sprache spricht, die die Wissenschaft von der Psychologie weder spricht noch hinreichend versteht, ist ein Verdacht, den man als Vertreter der normalwissenschaftlichen Psychologie als narzisstische Bedrohung erfahren und entsprechend, mit Geringschätzung nämlich, abwehren kann. Etwa dadurch, dass man wesentliche Bausteine der psychoanalytischen Theorie aus dem zeitlichen Horizont ihrer Entstehung isoliert, sie ihres metaphorisch-allegorischen Charakters beraubt, sie damit buchstäblich missversteht, banalisiert, um sie dann für unzeitgemäß, veraltet und überkommen zu erklären. 

Als sei nicht etwa der Penisneid Freuds Versuch, das spezifisch Weibliche an der allgemein kindlichen Erfahrung einer Unzulänglichkeit (oder: Minderwertigkeit, wie Alfred Adler sie nennt) zu fassen; als sei der Ödipuskomplex nicht der Versuch, den Konflikt von Bindung, Wut und Schuld als einen allgemein-menschlichen und dabei zugleich tragischen Grundkonflikt  zu veranschaulichen; als sei die Trinität von Ich, Es- und Über-Ich nicht einfach Freuds früher Versuch, sich einen ganz und gar säkularen Reim auf die Frage zu machen: Wer bin ich und, wenn ja, wieviele?

Theorie der Irrationalität 

Wer sich das klarmacht, der verstellt sich nicht länger die Einsicht in den Nutzen, den psychoanalytisches Wissen in einem Bereich haben kann, in dem psychologische Kompetenz heute gefragter ist denn je: in der Politik. Denn in populistischen Zeiten, in denen immer klarer wird, wie Irrationalität überall das politische Handeln beherrscht, bedarf es einer Theorie der Irrationalität. Und eben die stellt, wie keine andere Wissenschaft, die Psychoanalyse bereit. Ihr Verfahren dazu ist von bestechender Simplizität: sie nimmt augenscheinlich irrationales Handeln und Erleben als ein Symptom, das heißt als eine Abwehr von unerträglichen und eben deshalb ins Unbewusste verdrängten Gefühlen.

Wie aber sieht eine solche Abwehr konflikthafter Emotionen in der Poltik aus?

(1) Historisch betrachtet zeichnet sich unsere Gegenwart durch eine paradoxale Lage aus. Für unsere Vorfahren leben wir – im Westen –  in paradiesischen Zuständen. Die meisten verfügen über individuelle Entscheidungsfreiheit, Sicherheit vor gewalttätigen Übergriffen, Hilfe im Krankheitsfalle und über eine ökonomische  Grundsicherung, niemand muss mehr hungern. Doch obwohl wesentliche Voraussetzungen des Glücks erfüllt sind, leben in diesen Gesellschaften sehr viele Menschen gerade kein glückliches, sondern ein durch innere Not und Sorgen gezeichnetes Leben, das bei jedem Fünften mindestens einmal in eine Depressionserkrankung mündet. Während  die äußeren Voraussetzungen des Glücks vielleicht erstmals in der Menschheitsgeschichte gegeben sind, fehlt es offenbar an den inneren Voraussetzungen. Und genau darin zeigt sich der Symptomcharakter des Leidens.

Was immer Gesellschaften daher in den nächsten Jahrhunderten noch tun werden, um die äußeren Voraussetzungen des Glücks zu verbessern (mehr Handel, mehr Wohlfahrt, mehr Sicherheit), es ist nicht zu erwarten, dass Menschen dadurch glücklicher werden.

Negativ therapeutische Reaktion

Die Psychoanalyse kennt diese Dynamik, Freud nennt sie negativ therapeutische Reaktion: Die Lebenssituation der Patienten verbessert sich, und trotzdem geht es ihnen nicht besser. Irgendetwas in ihrer Psyche widersetzt sich dem Fortschritt und verhindert die Besserung des Wohlbefindens.

Freud selbst vermutet „ein Schuldgefühl, welches im Kranksein seine Befriedigung findet und auf die Strafe des Leidens nicht verzichten will” als Grund für diese Reaktion. Aber ganz gleich, ob ein Schuldgefühl, die masochistische Lust an der Selbstbestrafung oder die Identifikation mit einem strafenden Über-Ich der Grund für die negative Reaktion auf den Fortschritt ist, entscheidend ist, die depressive Stimmung des Zweifels, der Ausweglosigkeit und der fortdauernden Krise als Symptom zu begreifen, als Abwehr einer ins Unbewusste verschobenen emotionalen Gemengelage. Erst damit besteht wirklich Aussicht darauf, dass Menschen einmal glücklicher, zufriedener werden!

(2) Eine andere, nicht weniger alarmierende Symptombildung ist, dass es überall auf der Welt zu Gewaltexzessen kommt, bei denen Tötung das Ziel ist, die Wahl der Opfer aber zufällig ist. Diese Gewalt erscheint sinnlos, irrational. Dennoch hat sie natürlich für die Täter einen Sinn. Und manchmal bieten sie sogar einen an: eine politische oder religiöse Ideologie zum Beispiel. Doch sich auf die einzulassen, macht, auch wenn das vielfach getan wird, gerade keinen Sinn. Überzeugungen sind hier, wie so häufig, Manifestationen der Abwehr. Deshalb wissen in aller Regel Täter nicht, warum sie tun, was sie tun. Ihre wirklichen Motive bleiben ihnen verborgen.

Die Macht der Übertragung

(3) Und schließlich: Eine Entdeckung Freuds ist die Übertragung, also die Fähigkeit den anderen so zu wahrzunehmen als ob er eine andere, von früher her bekannte Person wäre – die er nicht ist. Bei dieser Als-ob-Wahrnehmung werden frühe Triebwünsche und Befürchtungen auf den gegenwärtigen Anderen übertragen und so alte Konflikte zu gegenwärtigen Konflikten. Die psychoanalytische Therapie beruht wesentlich auf einer Nutzbarmachung dieses Übertragungsgeschehens. Psychoanalytikerinnen sind Spezialistinnen, wenn es um die Macht der Übertragung geht.

Und genau um die geht es nicht nur im psychoanalytischen Behandlungszimmer, sondern eben auch im öffentlichen Raum des Politischen. Nur bleibt sie da für gewöhnlich gänzlich unanalysiert.  Beziehungswünsche und Konflikte werden geradezu frei flottierend auf andere übertragen – auf Politiker, Minderheiten,  Geflüchtete, auf Menschen, die anders sind. In der Regel wissen diese Betroffenen nicht, warum sie welche Gefühle in anderen auslösen. Sie sind der Macht des sozialen Übertragungsgeschehens hilflos ausgeliefert. Politiker müssen zumindest ein Gespür für die Dynamik der kollektiven Übertragung entwickeln.

Das Grundbedürfnis nach Feindbildern 

Die Zerrüttung, die dieses im wesentlichen unverstandene Übertragungsgeschehen im öffentlichen Raum des Politischen verursacht, sind die Signatur unserer Zeit. Kindliche Wünsche, Idealisierungen, Feindbilder, Projektionen – kurz Verzerrungen des Wirklichen bestimmen die soziale Wirklichkeit, in der wir leben. Wobei auffällt, dass gerade das Produzieren immer neuer Feindbilder ein Grundbedürfnis unseres kollektiven Unbewussten zu sein scheint.

Und wie sollten wir in einer solchen Lage so verrückt sein und auch noch auf die letzte Stimme der Vernunft verzichten wollen: die Psychoanalyse?

Dorothee Sehrt-Irrek | Mo, 5. August 2019 - 18:34

kritisieren.
Seit Nietzsche steht die Psyche hoch im intellektuellen Kurs.
Der beantwortet sie vom Herkommen und dem Wunsch seines Hingehens, Sein ohne Leid und ist evtl. fast wahnsinnig geworden.
Las bei Wiki, dass die Seele nicht der Ort der Transzendenz ist, damit vielleicht auch nicht der Ort der Vernunft, sondern etymologisch evtl. mit See zutun hat. Man sieht ihn, aber man durchdringt ihn nicht? Es bleibt uns verborgen das Davor (Kind) und das Danach (Tod).
Ich würde folgern auf Sehen, aber nicht verstehen. Etwas teilt sich mir mit, "Ich weiss nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin.. -> Märchen, dunkel, Sinn -> Antwort auf den eben NICHT Penis-"NEID", Funkeln im Abendsonnenschein, die schönste Jungfrau kämmt ihr goldenes Haar...
Sinn, Seele, Sehnsucht und was das mit Denken nicht zutun hat, entschlüsselt Nietzsche aus Leiden am Sein und wie der Text mit Poesie?
So endet Nietzsche auch, mit Poesie, mit Glaube, Liebe,Hoffnung und doch KANT
Das Leiden schwindet

Helmut Bachmann | Mo, 5. August 2019 - 18:50

Freud war wohl selbst auch kein Freudianer. Das dachten nur seine Nachfolger über sich selbst, die das Prinzip des "Work in Progress" nicht verstanden haben, bzw. Angst davor abwehren mussten. Freud wäre "heute" vielleicht begeistert von Orange, Lichtenberg, Stern, etc. Wenn er nicht so gekränkt von deren Eigenständigkeit wäre, wie er dies bei Jung und Adler war. Und, wenn ihm inzwischen klarer geworden wäre, was heute jeder Wissen könnte: Es gibt keine eine Wahrheit. In diesem Sinne ist es sehr schade, dass der Autor es wohl nicht wagt (wenn er schon über Politik schreibt) auch linke Projektionen, Idealisierungen etc. zu benennen. Hier wäre "Neutralität" heute mehr denn je angemessen. Auch, wenn sie Ärger birgt.

Albert Schultheis | Di, 6. August 2019 - 00:21

Endlich fange ich an zu verstehen, warum ich ein solcher Hetzer, Hasser und Rassist bin - ein Populist eben, oder einer, der den wahren Populisten auf den Leim gegangen ist.
Es ist mein "durch innere Not und Sorgen gezeichnetes Leben" bei gleichzeitig äußerlichem Baden in Wohlstand. Ich lehne mich auf gegen die Segnungen der Migration in unserem Land, gegen die unschätzbaren Vorteile durch die Gelddruckpresse der EZB und den Schutzschirm, der mir die EU bietet, weil ich tief im Innern „ein Schuldgefühl [empfinde], welches im Kranksein seine Befriedigung findet und auf die Strafe des Leidens nicht verzichten will”. Und ich habe begriffen, dass meine Zukunftsängste nur das Ergebnis der Übertragung von Schuld auf die neuen, bunten Mitbürger ist, deren Verhalten im Hier und Jetzt sich durchaus in nichts unterscheidet von einem blondschopfigen Xaver oder Otto auf dem Oktoberfest.
Ich frage mich bloß, wo kommt der irrationale Verfolgungswahn der Linken und Grünen her gegen Leute wie mich?

Brigitte Miller | Di, 6. August 2019 - 11:13

der Psychoanalyse, aber auch eine gute Erklärung , wie Freuds Äusserung metaphorisch zu verstehen sind.
In der Praxis sind heute auch Psychotherapien von kürzerer Dauer und ohne das klassische Setting der Psychoanalyse immer noch wertvolle Instrumente in der Therapie von seelischen Störungen.
Die Betrachtungen unter dem Titel "Die Macht der Übertragung" sind sehr einleuchtend.

dieter schimanek | Mi, 7. August 2019 - 00:08

Freud brauchte nur ein paar zahlungskräftige Klienten um sein Leben zu finanzieren. Mit Psychoanalyse würde eine Therapie nie ein Ende finden. Die bevorzugte Methode unserer Gerichte, um einen Prozess in die Länge zu ziehen. Zumindest so lange, bis die Verjährung eingetreten ist.

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