Cicero im August - Berühmter Irrtum

Penisneid, Über-Ich und Ödipuskomplex - Sigmund Freud ist Begründer vieler Theorien. 80 Jahre nach seinem Tod sind sie weitestgehend widerlegt. Im neuen „Cicero“ gehen wir der Frage nach, welchen Bestand Freuds Psychoanalyse heute noch hat

Cicero Cover August
Wie aktuell sind Sigmund Freuds Thesen heute noch? / Illustration: Viola Schmieskors

Autoreninfo

Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

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Jeder hat sein eigenes Bild von Sigmund Freud. Meines hing in meinem Jugendzimmer, es war schwarz-weiß. Auf ihm sah man wahlweise eine nackte Frau, die sich lasziv räkelte, oder den bebrillten Kopf eines bärtigen Mannes. „What’s on a man’s mind“ stand darüber. Gemeint war demnach das Gedankengut des Herrn mit Vollbart, das sich gewissermaßen auf seiner Stirn spiegelte. In Zeiten erwachender Sexualität fand ich dieses Bild ganz toll. Es veranschaulichte die damals maßgeblichen Gedankengänge meiner Mitschüler und mir ganz gut. Ein bisschen frivol war es, intellektuell aber auch, also eher zu vertreten als ein Pin-up aus dem Playboy.

Der Mann mit dem Vollbart und der Brille auf der Nase ist vor 80 Jahren, am 23. September 1939, in London gestorben. Er hat mit der Psychoanalyse eine Lehre entwickelt, deren Grundlagen heute wissenschaftlich widerlegt sind. Oder wie es unsere Titelautorin Sophie Dannenberg, selbsterfahren, formuliert: nach über 100 Jahren nicht mehr auf dem aktuellsten Stand. Die Trinität von Ich, Es und Über-Ich: neurologisch nicht nachweisbar. Die These vom Penisneid: in Zeiten diffuser werdender Geschlechtszuordnungen eher drollig. Der Ödipuskomplex: in modernen Patchwork-, Eineltern- oder Regenbogenfamilien ohne eindeutiges Objekt.

Lehre mit ideologischen Allmachtsanspruch

Die Psychoanalyse sei, schreibt Dannenberg, nur noch eine Kassenleistung unter vielen. Warum aber ist sie das dann überhaupt noch, wenn doch gerade die homöopathischen Kügelchen aus dem Sortiment der Kassen genommen werden? 

Dannenberg hat sich mit vielen Experten darüber unterhalten. Das Ergebnis ähnelt jenem bei Karl Marx. Auch wer wissenschaftlich und empirisch widerlegt ist, kann eine kulturelle Erkenntnisleistung erbracht haben. Fachleute wie der Charité-Professor Christian Otte erklären Freud einerseits für wertvoll, weil er die psychische Wirkung biografischer Faktoren erkannt habe. Zugleich für problematisch, weil seine Lehre mit einem ideologischen Allmachtsanspruch einhergeht und andere Aspekte einer psychischen Erkrankung zum Schaden der Patienten ausklammere. So wird das Bild Freuds bleiben wie jenes in meinem Jugendzimmer: doppel-gesichtig. Und schwarz-weiß. 

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Außerdem in dieser Ausgabe: Warum ist der Konservatismus in der Defensive? Andreas Rödder und Michael Kretschmer im Cicero-Foyergespräch. 

Der Raubbau - Einst einem jüdischen Kaufmann entrungen, heute irakische Botschaft: die unrühmliche Geschichte der Villa Semmel. 

Schlachtfeld Europa - Das neue Brüsseler Machttableau wird die EU nicht stärker machen, im Gegenteil.

Die Suche nach dem Gen im Genie - Bald schon könnte per DNA-Analyse das geistige Potenzial von Kindern vorhersagbar werden. Das muss nicht unbedingt schlecht sein.

„Der Exodus der Juden wird weitergehen“ - Michael Wolffsohn und Eren Güvercin über muslimischen Antisemitismus und die neue deutsche Erinnerungskultur.


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Dorothee Sehrt-Irrek | Mi, 24. Juli 2019 - 20:01

Sigmund Freud kritisch ehren will.
Die Hinfälligkeit mancher Thesen - ohne dass ich mich da jetzt bei Freud auskennen würde - ist das Brot vieler Wissenschaftler.
Türen aufgestossen zu haben, Debatten angeregt zu haben dann hoffentlich ihr ewiger Verdienst.
Bin gespannt, wie der Cicero das bei Freud gewichtet.

Helmut Bachmann | Mi, 24. Juli 2019 - 22:00

Hallo zum Gefälligkeitsjournalismus?
Sie wissen sicherlich, dass die Psychoanalyse als wirksames Therapieverfahren gut belegt ist, oder? Nicht gut recherchiert, oder aus bestimmten Gründen verschwiegen? Und wenn man mal das Verfahren außer Acht lässt, sie scheinen keinerlei Ahnung von heutiger Psychoanalyse zu haben. Abo ist gekündigt.

Gerhard Lenz | Do, 25. Juli 2019 - 10:30

In reply to by Helmut Bachmann

So sicher ist das keineswegs. Es gibt noch immer profunde Kritik an der Psychoanalyse, und selbst überzeugte Tiefenspsychologen halten manches, was Freud von sich gab, heute für hanebüchenen Unsinn - insbesondere seine Fixierung auf den menschlichen Sexualtrieb. Natürlich gibt es auch Kritik an anderen Therapieverfahren - was letztendlich dazu geführt hat, dass die meisten Therapeuten sich durchaus bei unterschiedlichen Verfahren bedienen.
Man mag manches in dem Artikel als nicht "zweifelhaft" betrachten, dennoch muss kontroverse Aussagen nicht sofort als "Gefälligkeitsjournalismus" abtun - nur weil einem die darin geäusserte Meinung nicht passt.
Denn letztendlich wäre Journalismus genau dann "Gefälligkeitsjournalismus", wenn er nur noch das von sich gibt, was dem Leser in der Tendenz "gefällt" - Kritiker also genau den Zustand erreichen würden, den sie vorgeben, zu kritisieren.

So eindeutig ist die Sache nicht. Kritiker wenden regelmässig ein, man könne die Lebensumstände eines Patienten überhaupt nicht mittels qualitativer oder quantitativer Studien substantiell evaluieren - Ergebnisse müssen wage bleiben. Anders z.B. die kognitive Verhaltenstherapie: Dort können Sie relativ genau auswerten, wie sich ein Symptom (z.B. eine Angsterkrankung oder Phobie) entwicklet hat. Bei der Psychoanalyse sind Ergebniss naturgemäss ungenau.

verübeln, dass sie sich nicht mit allem auskennen. Ihre Einlassung enthält mehrere Widersprüche. Wenn man nicht qualitativ oder quantitativ genau sein kann bei der menschlichen Psyche, dann kann dies naturgemäß auch nicht die VT. Diese bleibt aus diesem Grund extrem oberflächlich, während die Psychoanalyse heuristisch bleibt. Und eben doch genau so wirksam ist wie alle anderen Verfahren auch, oft jedoch mit besserer Langzeitwirkung. Auch Freud ahnte, dass er keine Naturwissenschaft, sondern eher eine Geisteswissenschaft gegründet hat. Die menschliche Seele ist nämlich zumeist komplexer als die Gegenstände der Naturwissenschaft. Im Übrigen ist die Psychoanalyse in keinster Weise identisch mit Freud. So wie ein Mercedes nicht mehr identisch ist mit der Erfindung von Benz. Das gilt übrigens auch für die VT, sogar die verändert sich, obwohl manche Protagonisten einen Wahrheitsanspruch haben.

Ihre kleinen Stänkereien ignoriere ich mal und konzentriere mich mal auf IHRE Widersprüche.
1. Freud ist zweifellos der Erfinder der Psychoanalyse, auch wenn Jung und Adler eigene, abweichende Ideen einbrachten.
2. Die VT ist wohl die am besten untersuchte Therapieform. Qualitativ nachprüfbar ist z.B. ob ein Patient eine bestimmte Angst oder Phobie überwunden oder besser im Griff hat. Ähnliches finden Sie dann quantitativ hochgerechnet. Vielfach und leicht. Ähnliches gibt es von der Psychoanalyse nicht bis kaum
3. Die Psychoanalyse war nie eine Geisteswissenschaft. Freud war Arzt, wer wollte "seelisch kranke" behandeln, und befasste sich mit dem menschlichen Unterbewusstsein und Psychodynamik.
4. Die angeblich bessere Langzeitwirkung der Psychoanalyse ist eine Behauptung, aber empirisch nicht nachgewiesen. Dagegen finden sie jede Menge kritische Stimmen, die der Psychoanalyse jegliche Wirkung absprechen würden - eine Meinung, die ich allerdings nicht teile.

Mag sein dass die Praxis funktioniert, Reden hilft bekanntlich immer, doch wenigstens die Theorie ist Unsinn. Freud hatte seinerzeit die aktuellste Technik übernommen: Damals war das die Dampfmaschine. Drücke - also Triebe - gibt es aber nicht im Körper und ganz sicher nicht im Gehirn. In unserer Zeit hingegen, wo die Neurowissenschaft und die Biologie immerhin schon einige Geheimnisse ergründet haben, arbeitet man hingegen mit so etwas wie z.B. dem Serotoninspiegel. Bleibt die Frage wie Sprechen auf die Biologie des Körpers einwirkt? Eine andere psychologische Frage dürfte sein, wie man die Erinnerungen durch Erinnern verändern kann. Dass das geht, ist bekannt, denn die Erinnerung ist kein digitaler Speicher, sondern etwas anderes. Ich denke deshalb, dass Freud uns heute nichts mehr zu sagen hat und so weit ich das weiß ist die Praxis heute auch sehr anders als seinerzeit.

Wer meinen Kommentar „Das Ich/Es/Über-Ich-Modell“ einstellt und dann wieder entfernt, wer „Mutti“ (sozialpychologisch betrachtet) als sein journalistisches „Über-Ich“ gewählt hat, die Nähe der Machthaber sucht, sich gewissermaßen in deren medialem „Glanz“ sonnen will (typisch Journalist und Werbetreibende), von dem haben ich nichts anders erwartet.

Übrigens wird das Niveau der Autoren (Langzeitstudie) intellektuell immer grausamer.

P.S.: Herr Lenz, wir sind hier lediglich ästhetische Masse. Leben Sie wohl!

Bernhard Jasper | Fr, 26. Juli 2019 - 12:44

In reply to by Bernhard Jasper

Bei cicero-online scheinen die Regeln wohl von Tag zu Tag zu wechseln. Ohne sachlichen Grund, nach „gefällt mir nicht“ wird hier reagiert. Das nennt man Willkür in der demokratischen Öffentlichkeit, ebenso ist es ein schlechter Stil.

Der Schluss drängt sich auf, dass hier andere Erwägungen eine Rolle spielen. Medienkritik an Beiträgen macht Ihnen auch keinen Spaß, nicht wahr? Sie fühlen sich als „vierte Gewalt“ und damit legitimiert über komplexe Sachverhalte zu urteilen. Wie anmaßend! Was Sie betreiben ist „anything goes- könnte man auch als Relevanzverlust interpretieren. Auch bei diesem Thema muss man Ihnen Inkompetenz ausstellen. Was Sie hier betreiben ist unseriös. Freud und Andere haben die Grundlagen gelegt, auch Krankheiten zu mildern.

Gerhard Lenz | Fr, 26. Juli 2019 - 13:47

In reply to by Bernhard Jasper

...alles Gute! In der Tat, zuweilen fühlt man sich im Meer der "blauen" Einheitsmeinung fast schon als dem Untergang nahes Feigenblatt.
Wäre das hier ein Abbild der gesellschaftlichen Realität, dann wäre dieses Land wohl nicht mehr zu retten...
Wenn man dann noch den Eindruck hat, dass die Online-Redaktion bei zweieinhalb Andersdenkenden besonders genau hinschaut, während die "blaue Dampfwalze" der Walls., Johs. , Fins, der Kons (etc.) hier ungehindert agiert, kann einen schon der Frust packen.

Ich habe mich schon mal (vorzeitig) verabschiedet, und dann doch wieder das Bedürfnis gehabt, trotz 99% Einheitsmeinung hier zu kommentieren. Wie lange das noch gilt, wird sich zeigen.

Dorothee Sehrt-Irrek | Fr, 26. Juli 2019 - 10:40

In reply to by Helmut Bachmann

Sie haben doch den Text gelesen.
Es scheint eine besondere Bewandtnis mit Freud für Herrn Schwennicke zu haben.
IHRE Expertise dürfte für ihn sehr viel wertvoller sein als Ihre Kündigung.

Dr. Stockinger | Fr, 26. Juli 2019 - 14:48

In reply to by Dorothee Sehrt-Irrek

etwa lediglich seine "Gesammelten BRIEFE" ist für jeden einigermaßen "intellektuell" denkenden Menschen höchstes Vergnügen.

Als "Facharzt für Psychosomatische Medizin" arbeite ich mich weniger an BEGRIFFEN ab, ob "Penis-Neid" oder ÖDIPUS ideologisch brauchbar wären, sondern stelle nach mehr als 40-jähriger Berufserfahrung lediglich fest, dass der "KAMPF" gegen psycho-analytisches DENKEN immer neue "Blüten" treibt. Die "kognitive Verhaltenstherapie" mag auch nicht mehr "Erfolge" in Langzeitstudien vorweisen als Homöopathie. - In meiner "Sprechstunde" wende ich sowohl Verhaltenstherapie an (unter anderem) als auch "analytische" Erfahrung.

Der "Kampf um Kaiser Freud's Bart" ist so wissenschaftlich wie der Nachweis, Marx und Engels Bärte wären unwissenschaftlich, aber zum Wohle STALINs gut gewachsen ...

Dr. Maria Elis… | Fr, 26. Juli 2019 - 12:10

Es ist mehr als bedauerlich, daß der Cicero sich nun auch in den Chor des immer neu aufgelegten Freud-Bashings einreiht, stets nach dem gleichen Muster verfahrend: zuerst werden die komplexen theoretischen Konzepte der Psychoanalyse mutwillig banalisiert, um sie dann als banal zu denunzieren. Das zur Sprache bringen und Übersetzen der Symptome ist in jeder Psychotherapie unerläßlich. Eine instrumentelle Vernunft, die in den Naturwissenschaften fruchtbar ist, greift für die Aufklärung des Psychischen zu kurz, denn dort haben wir es mit der Psycho-Logik zu tun. Das ist der Stoff, den Freud z. B. durch Ödipuskomplex, Instanzenlehre oder Penisneid in einer gattungsgeschichtlichen Dimension entfaltet und uns — auch zur Weiterentwicklung — zur Verfügung gestellt hat. Über sie lernen wir nicht nur die innere Verfaßtheit der existentiellen Konflikte kennen, wir bekommen Begriffe, Erzählungen und Bilder in die Hand, durch die sich das Individuum in seinen Leiden verstehen und verändern lernt.

..dass Sie unter dem Oberbegriff Psycho-Logik zusammenfassen, ist nicht mehr als der merkwürdige Versuch, durch eigen geschaffene Sprache Erklärung zu versuchen. In der Philosophie ist so etwas beispielsweise durch Herrn Heidegger bekannt, der zuweilen höchst eigenwillige Wortkreationen schuf, um über Sein und Zeit zu reflektieren.
Wir sinnvoll, geschweige denn hilfreich solche Kreationen sind, ist eine ganz andere Geschichte. Um für psycho-dynamische Prozesse und daraus entstehende Probleme bzw. Symptome den Penisneid als Ursache zu erkennen - um nur ein stark vereinfachtes Beispiel zu nennen - mag eine plakativ interessante Theorie sein, die nur kaum noch ein Mensch, und dazu zähle ich ausdrücklich viele tiefenpsychologisch arbeitende Therapeuten, heute für voll nimmt.
Im Mittelpunkt des Interesses muss immer der Patient stehen - nicht die Unberührbarkeit einer Theorie, oder die Idealisierung des Erfinders einer solchen, wie z.B. bei Herrn Freud.

Gleichwohl erstaunt es mich, wie dünnhäutig Freud-Befürworter bei jeglicher Kritik reagieren.
Die Psychoanalyse hat es lange Jahre für völlig unnötig gehalten, irgendwelche empirisichen Beweise für ihre Wirksamkeit vorzulegen. Die wenigen Studien, die ihr gute Ergebnisse attestieren, sind relativ jung und alles andere als endgültig. Stattdessen wurde Kritikern Regression (Widerstand) vorgeworfen - so immunisiert sich eine Theorie gegen jeglichen Einwand
Dabei ist es für Freud's Theorie wenig hilfreich, wenn sie jegliche Einwände sofort mit Begriffen wie "Bashing" oder "Gesinnungsjournalismus" abbürstet - von Nöten ist vielmehr eine differenzierte Betrachtung, um Hilfreiches zu würdigen und Unsinn (Freud's seltsame Theorien über den Sexualtrieb) zu nennen, zum Wohle des Patienten.