Ostdeutschland und Westdeutschland - „Die ‚Mauer in den Köpfen‘ wird gerade wieder gebaut“

Mit vermeintlichen Ostthemen gehen die Parteien in das Superwahljahr 2019. Damit bedienen sie ein Gedankenkonstrukt aus der Zeit der deutschen Teilung, sagt der Historiker Frank Wolff. Dabei hat sich der Konflikt um zwei Generationen verschoben und besteht nun nur noch aus Erfahrungen

Touristen besuchen die Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße in Berlin.
Die Berliner Mauer steht nicht, aber wie sieht es aus mit der „Mauer in den Köpfen“? / picture alliance

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Chiara Thies ist freie Journalistin und Vorsitzende bei next media makers.

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Chiara Thies

Herr Wolff, wir befinden uns derzeit im Superwahljahr 2019 – mit drei Landtagswahlen im Osten. Viele Parteien machen jetzt Wahlkampf mit vermeintlichen Ostthemen. Besteht somit immer noch die viel beschworene „Mauer im Kopf“? Hier der Westen, dort der Osten?
Sie wird gerade wieder gebaut. Es besteht zwar keine Mauer mehr, aber verschiedene Erfahrungswelten. Das ist der Vor- und der Nachteil der Diskussion. Mit dem Sprung in die Gegenwart springen wir auch automatisch zwei Generationen weiter. Aus der jetzigen Perspektive vermischen sich dabei verschiedene Erfahrungsebenen. Einerseits die der Elterngeneration, die noch in der DDR aufgewachsen ist und dabei – das darf man nicht vergessen – teilweise dem Staat auch positiv gegenüberstand. 

Und die Generation danach?
Die steht auf der anderen Seite, ist in den neunziger Jahren aufgewachsen und damit mit diesem extremen ökonomischen Bruch. Den hat sie direkt erlebt und vor allem ihre Eltern dabei beobachtet, wie sie ihre Füße nicht mehr auf den Boden bekomme haben. Da war weniger der Mauerfall das Problem, sondern, dass die neuen Bundesländer als erste die extreme Neoliberalisierung abbekommen haben, die dann auch später so in anderen Staaten Europas stattfand. Das hat die Identitäten stark geprägt, und so überlappen sich in der heutigen Perspektive immer Vor- und Nachwendeerfahrungen.

Wie ist diese „Mauer in den Köpfen“ überhaupt entstanden?
Es war ein langer Prozess, der schon vor dem Mauerbau begann. Mit dem Bau wurde die Teilung dann aber evident für die gesamte Gesellschaft, nicht nur für die Grenzgesellschaften. In diesem Prozess wurde die Grenze Ost und West gewaltsam anerzogen – und damit eine gewisse Denkstruktur. Da spielte aber auch noch mehr hinein, zum Beispiel ein Abgrenzungsdenken im Kalten Krieg von West nach Ost. Zudem ist dies aber nicht nur eine Geschichte der Teilung. Gleichzeitig entwickelte sich auch eine immer intensivere Kommunikation zwischen Ost- und Westdeutschland. Die Reisen nahmen nach den großen Einschnitten nach dem Mauerbau wieder extrem zu. Diese beiden Prozesse des Teilens und des aufeinander Zubewegens geschahen also gleichzeitig. 

Einige Menschen, die von den Osten in den Westen gezogen sind, berichten, dass sie sich vorher nie als „Ossi“ identifiziert haben, im Westen dann aber zu eben solchem gemacht wurden. Der Problemfall Osten sei somit vom Westen gemacht und damit dann erst zu einem Problem für den Osten geworden. Können Sie dieses subjektive Empfinden mit Ihrer Forschung bestätigen?
Durchaus. Aber das muss man gegenseitig betrachten. Als die Führungskader im Osten neu besetzt wurden – also Verwaltung, Ökonomie und so weiter –, wurde auf einmal auch der „Wessi“ erfunden. Der war dann der „Besserwessi“. Wir haben da diese beiden Bilder im Kopf, die sich durchziehen. Was wir bei dieser ganzen Diskussion vergessen, ist, dass sich die Menschen damals sehr stark bewegt haben. Nicht nur jene, die jetzt noch im Osten leben und sich als Ostdeutsche mit einer spezifischen Erfahrung verstehen, stehen auch tatsächlich für eine ostdeutsche Erfahrung. 

Wie meinen Sie das?
Ein großer Teil der ostdeutschen Erfahrung wurde im Westen gemacht oder in den USA und der Schweiz. Umgekehrt gilt das natürlich genauso! Viele westdeutsche Erfahrungen werden erst gemacht, wenn man mal in den Kontakt mit der Gegenidentität kommt. Im Grunde sind das alles Konstruktionen und Zuordnungen, die eine Generation betreffen, die als ältere Kinder oder Jugendliche noch etwas DDR mitbekommen hat, dann aber mobil in die Welt danach losgezogen ist. Auch das Gehen, nicht nur das Bleiben ist unter diesen spezifischen Bedingungen eine grundlegende ostdeutsche Erfahrung. Die dabei entstandenen Gegenidentitäten nahmen in den vergangenen Jahren kulturell etwas ab. Nun verschiebt sich das jedoch erneut, nämlich mit dem Aufsteigen der AfD im Osten auf eine ganz andere Art als im Westen. Es entsteht eine neue Ost-West-Stigmatisierung. Die ist sehr gefährlich, weil damit angeblich alte, im Endeffekt aber komplett neue Strukturen erfunden werden.

Um mal bei dem Stichwort Gegenidentität zu bleiben. Lässt sich damit der unterschiedliche Aufstieg der AfD in Ost und West erklären? 
Diese Trends sind vor allem im ländlichen Raum evident. In den Städten ist das ja gar nicht so sehr der Fall. Da müssen wir dann schauen, wer da eigentlich wohnt. Da sind viele dabei, die aus privaten, beruflichen, familiären Gründen nicht weggegangen sind. Das muss man in vielen Regionen so drastisch sagen. Da darf man nur begrenzt eine Ostdeutsche oder DDR-Erfahrung sehen. Denn viele derjenigen, die auch diese Rücksetzungserfahrung mitgemacht haben, die nun zur Begründung des Aufstieg der AfD genutzt werden, leben jetzt woanders. Das Stimmverhalten vor Ort spiegelt eher ein Frustrationspotenzial der Gebliebenen wieder. Das beinhaltet auch eine nie vollständig angekommene Demokratisierung und demokratisches Denken. Das ist etwas, das wir jetzt im Nachhinein sehen. 

Wenn es jetzt also wieder auf diese klassische Stadt-Land-Differenz hinauszulaufen scheint, normalisiert sich dann der Ost-West-Konflikt? 
Gewissermaßen ja. Dieser Stadt-Land-Konflikt hat aber eine ostdeutsche Prägung. Es gibt Städte wie Leipzig oder Jena, die könnten wir in dieser Sozialstruktur und im Wählerverhalten auch im Westen finden. In Dresden sieht die Situation schon wieder anders aus. Interessant ist auch: Die am höchsten verschuldete Stadt Deutschlands ist Pirmasens im Südwesten. Wir haben also überall Strukturprobleme, die aber von den Bewohnern unterschiedlich bewertet werden und damit letztlich unterschiedliches Wählerverhalten nach sich ziehen. Diese Stadt-Land-Verschiebung fand auch schon in den neunziger Jahren statt, wurde da nur noch nicht so wahrgenommen. So reden wir viel über die Auswanderung von Ost nach West nach dem Mauerfall. Die noch größere Migration war schon damals die in die Städte der Regionen. Die Städte haben dann erstmal geboomt. Zurück blieben jene, die nicht mitboomen konnten oder wollten. Das hat sich fortgesetzt und verstärkt. 

Wodurch zeichnet sich diese spezielle „ostdeutsche“ Prägung aus?
Durch antidemokratische Tendenzen. In meiner Jugend im ländlichen Raum der neunziger Jahre war ich schockiert, wie diese antidemokratische Jugend entstand. Die hat die „normale“ beziehungsweise in diesem Fall demokratische Jugend oft mitgezogen oder zum Schweigen gebracht, indem rechte Gruppen die Jugendzentren besetzen, die Clubs und Vereine. Viele, die konnten, gingen weg. Damit zog innerhalb kürzester Zeit eine Kultur ein, die mir völlig fremd war. Genau diese Generation hat jetzt Kinder, die schon oder demnächst wählen gehen. Diese Entwicklung wirkt seit den neunziger Jahren und der Wiedervereinigung über die ultrarechten Entwicklungen bis heute nach.

Wie ist diese antidemokratische Stimmung entstanden?
Es gab nach und vor der Wende von Anfang zu gering ausgeprägte Ansätze, die Komplexitäten des demokratischen Systems zu vermitteln und zu verstehen. Das ist ja ein langer Prozess, den der Westen ebenfalls über Jahrzehnte lernen musste. Das war im Westen auch aufgrund eines Wirtschaftswunders möglich. Dieses Wirtschaftswunder gab es in den neuen Bundesländern jedoch nicht. Es gab also wenig Werbung für diesen politischen Stil, der sehr komplex ist mit seinen Parteien, langen Aushandlungen und allem was dahinter steht. Das ist ein ganz entscheidender Punkt. So wurde emotional in den neuen Bundesländern Demokratisierung in weiten Teilen auch mit Neoliberalisierung verbunden. Und damit letztlich auch mit privatem Verlust.

Demokratisierung gelingt in besonderem Maße durch Aufklärung. Welchen Beitrag sollte hier die Schule leisten?
Wir brauchen insgesamt Geschichtsunterricht. Seit Pisa sind die Schulen sehr stark MINT orientiert. Das ist natürlich wichtig, um Qualifikationen zu schaffen. Es ist aber nicht optimal, um demokratisches Denken zu vermitteln. Dazu kommt die DDR im Geschichtsunterricht kaum vor, und das ist ein Desaster. Das muss auf jeden Fall mehr eingebunden werden, aber eben nicht im Sinne der alten Weise „der Westen belehrt den Osten, und das ist Demokratie“. Sondern durch eine reflektierte Auseinandersetzung mit den Konflikten auch innerhalb Deutschlands – am besten im Rahmen einer Geschichte des geteilten Landes im Kalten Krieg. 

Frank Woff ist Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Seminar (Neueste Geschichte) und am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) in der Universität Osnabrück. Aktuell beschäftigt er sich mit der deutsch-deutschen Gesellschaftsgeschichte zur Zeit der Berliner Mauer. Sein Habilitationsprojekt trägt den Arbeitstitel „Die Mauergesellschaft: Die Gesellschaftsgeschichte der deutsch-deutschen Migration 1961-1989“ und erscheint im Herbst im Suhrkamp-Verlag.

Kurt Walther | Mi, 13. Februar 2019 - 09:24

Herrn Wolffs Feststellung in Richtung der Ost-Deutschen " Das Stimmverhalten vor Ort spiegelt eher ein Frustrationspotenzial der Gebliebenen wieder. Das beinhaltet auch eine nie vollständig angekommene Demokratisierung ..." mag zu großen Teilen zutreffend sein. Es gibt aber auch im Osten garantiert konservative Menschen, die sich primär aus Sorge um die Zukunft des gesamten Landes dem links-grünen politischen Mainstream entgegenstellen und genau deshalb AfD wählen. Sie wählen AfD, weil sie ganz einfach die Politik A. Merkels nicht akzeptieren, angefangen von der katastrophalen Euro- und Bankenrettung, über die Energie- und Sicherheitspolitik, bis hin zur katastrophalen Flüchtlingspolitik. Letztgenannte gab und gibt vielen den Rest. Plötzlich war/ist viel Geld da, für kulturfremde und zu großen Teilen unqualifizierte Migranten aus Asien und Afrika. Wer soll das warum verstehen? Viele unserer europäischen Nachbarn machen da nicht mit,
ca. 20 % ostdeutsche Wähler auch nicht.

Das Schlimmste für die Bewohnerinnen der ostdeutschen Bundesländer ist, daß sie seit langem erleben müssen, daß es den "goldenen Westen" gar nicht gibt, zumindest nicht für die Allgemeinheit.
Sie wählten vor allem die Unionsparteien in der Hoffnung, bald auch zu den Gutverdienenden zu gehören, mit großem Auto, einem Eigenheim und Urlaubsaufenthalten in aller Welt.
Dann plötzlich die Arbeitslosigkeit. Oder eine deutlich geringere Bezahlung als im Westen. Alles nur frommer Schein. Leider ja. Und in der Wirtschaft und am Arbeitsplatz gibt es ebenso wenig mitzubestimmen wie im ostdeutschen Staatskapitalismus, verfälschend als Sozialismus bezeichnet.
Alles Lug und Trug.
Und deshalb greifen Viele zum letzten Notnagel und wählen die AfD, schlechter kann es ja gar nicht werden. Wann endlich sehen die westdeutschen PolitikerInnen diese Fakten klar vor Augen und ändern ihr gesamtes Politikmodell, zu Gunsten von uns Menschen - in Ost und West?

Volle Zustimmung eines "Wessis" und insbesondere zu ihrem letzten Satz. Viele Bürger handeln in Notwehr und weil sie Ehrlichkeit der etablierten Parteien vermissen in ihren Zustansbeschreibungen. Seit zwei Jahren hören wir nichts von der Kanzlerin zur Lage der Nation. Aber ehrlich, hab das Gerede nicht vermisst, denn gesagt hat sie selten etwas und wenn, dann alternativlos.

Klaus Baumgat | Mi, 13. Februar 2019 - 10:10

Ja genau, den Leuten im Osten fehlt einfach nur Geschichtswissen.
Es ist ja nicht so als ob sich eine sichtbare wirtschaftliche Grenze durch Deutschland zieht. Ich behaupte das zu erst diese Grenze aufgelöst werden muss. Es kann nicht sein das man für den selben Job im Osten bis zu 30% weniger verdient als im West.
Die Menschen haben Jahre lang Links im Osten gewählt und wurde immer wieder entäuscht, das sich diese Menschen nun an das andere Extrem wenden ist nicht verwunderlich.

gabriele bondzio | Mi, 13. Februar 2019 - 10:45

Beliebte Symbolik. Wie prägen uns die Erfahrungen auf unserem Lebensweg? 30-50% der Unterschiede der Persönlichkeit, ist durch genetische Unterschiede bedingt. „Der andere Teil ist stark davon abhängig, was Personen für Erfahrungen sammeln. Das sind Fügungen wie das Elternhaus, glückliche und unglückliche Zufälle, aber auch selbstgewählte Lebenswege. Der Mensch ist also insofern in der Lage, in seinem Leben selbst Regie zu führen, als er mitentscheiden kann, welche Wege er einschlägt und welche nicht.“( Dr. Jule Specht)...somit kein reines Ost-West.
Wenn Herr Wolff sagt:“Diese Trends sind vor allem im ländlichen Raum evident." Dann sehe ich hier nicht unbedingt ein „Frustrationstoleranz der Gebliebenen“, sondern hier leben Menschen, die nicht aneinander vorbeileben. Eine "nie vollständig angekommene Demokratisierung", sehe ich als Unsinn. Wo ist Demokratie stärker, als in einer Gemeinschaft, wo man sich kümmert. Statt das Wort Demokratie, wie ein Schutzschild vor sich her zu tragen.

Uli Petschulat | Mi, 13. Februar 2019 - 11:20

Aber es war auch meiner Sicht eher eine feindliche Übernahme. An dem "Wiederaufbau der Mauer in den Köpfen" war der Westen schon kurz nach der Wende maßgeblich beteiligt. Aber mit Geld wurde erst mal alles zugespachtelt , jetzt bröckelt hat der Verputz - aber schon länger.

Norbert Heyer | Mi, 13. Februar 2019 - 12:45

Die Wende wurde von den Menschen herbeigesehnt und als sie kam, war sie brutaler als gedacht. Man konnte Autos und sonstige Güter besser und schneller erwerben und die Welt bereisen, verlor aber eine Sicherheit: Einen festen und garantierten Arbeitsplatz sowie die gute Versorgung der Kinder in Kitas und Schulen. Hier zeigte der Kapitalismus die Kehrseite der Medaille. Die Abwicklung von hunderttausenden Arbeitsplätzen geschah ohne Rücksicht auf das Befinden der hier Beschäftigten durch die „Wessis“. Alle diese Erfahrungen haben die Ostdeutschen ernüchtert und wenn sie jetzt feststellen, dass sich unsere Demokratie wieder in eine Richtung entwickelt, die die Menschen hier für überwunden hielten, muss das Wahlverhalten nicht verwundern. Hier hat man zu DDR-Zeiten gelernt, sozusagen zwischen den Zeilen zu lesen und jede Veränderung kritisch zu hinterfragen. Diese Gabe haben wir Westdeutschen nicht, da wir immer eine Meinungsvielfalt hatten - wobei meine Betonung auf „hatten“ liegt ...

Gisela Fimiani | Mi, 13. Februar 2019 - 13:14

..... „der Westen belehrt den Osten und das ist dann Demokratie.“ Ebendieses geschieht in den Auslassungen des Herrn Woff. ....... „eine nie vollständig angekommene Demokratisierung und demokratisches Denken.“ Dieser Satz unterstellt , dass der Westen selbstverständlich das demokratische Denken internalisiert hat. Ich behaupte jedoch, dass dem Westen die Demokratie nach WWII verordnet wurde. Sie wurde nie erkämpft oder erstritten. Vor allem das Wirtschaftswachstum hat für die Akzeptanz der Demokratie gesorgt. Eine profunde Auseinandersetzung mit demokratischen Werten und einer res publica hat nie wirklich stattgefunden. Zu beobachten ist stattdessen eine fortgeschrittene paternalistische Politik, die die Freheit als Wert an sich nicht verinnerlicht hat. Diese paternalistisch Haltung wird auch bei Herrn Woff überdeutlich, denn dass es auch im Westen gravierende „Demokratieverwirrungen“ gibt, scheint ihm undenkbar und darf nicht sein. Welche Demokratie schwebt ihm vor?

Es gibt die direkte Demokratie, die repräsentative Demokratie und die plebiszitäre Demokratie. Herr Wolff kennt scheinbar nur die repräsentative Form, aber immer mehr Menschen vertrauen dieser Demokratieform aus verschiedenen Gründen nicht mehr: Beispiele: 1998 stimmen die Grünen für den völkerrechtswidrigen Krieg gegen Jugoslawien; Gerhard Schröder begann die für die SPD atypische Agenda 2010; Die CDU Vorsitzende und jetzige Kanzlerin, Frau Dr. Merkel, setzte mit vielen ihrer Entscheidungen [z.B.: Energiewende, Flüchtlingspolitik etc.] die für ihre Partei vollkommen untypischen Handlungen fort. Ganz zu schweigen von der Aussage von F. Müntefehring nach der Wahl „Wir werden an den Wahlversprechen gemessen - das ist unfair.“ Das heisst, aller 4 Jahre darf man einen Stimmzettel in die Wahlurne stecken und danach steht man als Depp im Regen! Zu Recht, oder habe ich etwas vergessen?

Jürgen Keil | Mi, 13. Februar 2019 - 13:59

Es gibt keine einfachen Erklärungen für das Wahlverhalten im Osten, die man in einem Interview erschöpfend darlegen könnte. Die Biographien, die Lebenserfahrungen im Osten sind sehr differenziert. Von den zur Wende 50-60- jährigen hatten viele keine echte Chance. Aber auch für Jüngere spielen enttäuschte, zu hohe Erwartungen, ein zuweilen arrogantes Auftreten der Altbundesbürger u.v.a.m. eine Rolle. Es gibt im Osten Verlierer und Gewinner. Was aber viele Menschen im Osten jetzt verstört und empört, ist das Auftreten und Erstarken einer grün-linken, sentimental-moralistischen Meinungsdominanz, einer politisch korrekten Bevormundung und einer Politikpraxis, die andere politische Meinungen diskreditiert. Viele im Osten, und so auch ich, haben eine Art Déjà-vu-Erlebnis. Es werden unschöne Erinnerungen an den politischen DDR- Alltag geweckt. Die jetzt, schön eingewickelten Geschenkversprechen für die Ostwähler durchschauen wir. Haltet uns nicht für dumm!

Chris Lock | Mi, 13. Februar 2019 - 14:20

Aufgewachsen in Südhessen lebe ich seit fast 30 Jahren in Dresden, meine Frau und meine Kinder sind Sachsen.

Bei den "Alten" gibt es teils noch die Mauer in den Köpfen, siehe Vorredner, der die Widervereinigung offenbar als schmähliche Enteignung empfindet.

Unterschiede gibt es in den Traditionen, beispielsweise der Bindung an Parteien. Man wählt nicht automatisch SPD, weil man aus einer sozialdemokratisch orientierten Familie kommt.

Und man distanziert sich nicht unbedingt von der AfD, weil es rechts neben der CDU eben nichts geben darf. Die Wähler orientieren sich dagegen viel mehr an Persönlichkeiten oder am aktuellen Geschehen, beispielsweise der Migration seit 2015.

Die Phrasen über die offenbar geistig und wirtschaftlich zurückgebliebenen Dorfbewohner sind an Vorurteilen und Überheblichkeit kaum noch zu übertreffen. Es gibt Intelligenz und Wohlstand auch außerhalb von Städten !!!

auch außerhalb von Städten!..das will ich wohl meinen. Dazu wie ich bereits gesagt habe einen stärkeren Kümmer-Effekt, weil man sich lange kennt und einschätzen kann. Die Kinder sagen noch "Guten Tag", wachsen zwischen Natur und Tieren auf, man hilft sich aus, kümmert sich auch mal um den alten Nachbarn, der keine Verwandten im Dorf hat.
Alles Dinge, welche mit Werten besetzt sind.
Zum Glück gibt es auch Autos, Straßen usw. die einem schnell in die nächste Stadt tragen, zu Events, Theater oder was gewünscht ist. Man lebt also nicht in geistiger Degeneration dahin.

Heidemarie Heim | Mi, 13. Februar 2019 - 15:19

Genauso vermeintlich ist der hier beschworene Unterschied der Menschen in Ost und West was z.B. das sogenannte Demokratieverständnis betrifft. Ich denke das Gegenteil ist der Fall. Die Generation Menschen im Osten mit "Frontalerfahrung" sowie ihre Nachkommen mit "Teilerfahrung" was das untergegangene Regime betrifft und die nun 30jährige Erfahrung mit unserer Staatsform, haben uns Wessis
doch einiges voraus was Vergleichsmöglichkeiten betrifft. Auch was Unwuchten oder sich anbahnende Veränderungen innerhalb der Gesellschaft betrifft. Besonders ausgeprägt beim Ossi dürfte aufgrund dieser Erfahrungen zweier Systeme sein, was ich als "bull-shit-Detektor" bezeichne;-). Die von geographischer Lage unabhängige Eigenschaft zu erkennen und entsprechend darauf zu reagieren,wenn es darum geht was Politik dem eigenen Verstand oft so abfordert. Die etablierten Parteien hatten lange Zeit die Bürger in Ost&West zu überzeugen, zu beachten oder zu ignorieren und deshalb die Folgen zu tragen. MfG

Marianne Bernstein | Mi, 13. Februar 2019 - 16:09

Der Artikel selbst fängt doch schon damit an, dass ich alles falsch mache. Ich bin in der DDR aufgewachsen und ich sehe die DDR nicht nur als "Stasi", grau und trist, sondern es ist eben mein Leben mit allen Höhen und Tiefen, mit anderen Erfahrungen als sie im Westen gemacht wurden.
Aber ich bin heute mehr als vor 20 Jahren ein Mensch 2. Klasse, mich darf man immer beleidigen. Ich gehöre ja keine anderen Rasse oder sonst einer schützenswerten Minderheit an.
Diese 2. Mauer hat einzig und allein der Westen mit seinem Allseitigkeitsanspruch von Wahrheit zu vertreten. Warum sollen die Menschen im Osten und vor allem die Ossis, dann diese Demokratie unterstützen? Wer unterstützt denn die Ossis?

Jens Rotmann | Do, 14. Februar 2019 - 09:07

Freiheitskämpfer Gauck hatte Deutschland schon aufgeteilt und war am Bau der "neuen Mauer " mit beteiligt - das helle Deutschland und das dunkle Deutschland. Jetzt wundern sich diese Intelligenz-Allergiker.

Wolfgang Beck | Do, 14. Februar 2019 - 11:45

"Es gab nach und vor der Wende von Anfang zu gering ausgeprägte Ansätze, die Komplexitäten des demokratischen Systems zu vermitteln und zu verstehen. Das ist ja ein langer Prozess, den der Westen ebenfalls über Jahrzehnte lernen musste. Das war im Westen auch aufgrund eines Wirtschaftswunders möglich." Starke Aussage: Herr Wolff hat offensichtlich nicht mitbekommen, daß im Westen seit Ende der 60er Jahre eine antidemokratische Bewegung ihre Anfang genommen hatte, eine politische Bewegung, die sich in ihrem Denken an totalitären Staaten orientierte. "Wir brauchen insgesamt Geschichtsunterricht." Den braucht vor allem Herr Wolff.

Dorothee Sehrt-Irrek | Fr, 15. Februar 2019 - 11:04

wie ein Prozess der Annäherung nur noch aus Erfahrungen bestehen kann, wenn bis jetzt nicht einmal die Löhne vollständig angeglichen wurden.
Ich weiss auch nicht, warum Ostthemen schlimm wären, da doch die Vereinigung vollzogen wurde.
Es ist der Osten, wie es im Westen vormals spezielle Bereiche wie sagen wir Ostfriesland etc. gab.
Es sind Regionen, wie sie der Osten eben auch kannte und doch, solange Ungleichgewichte herrschen schon auch noch die Probleme, die aus den ehemaligen 2 deutschen Staaten resultieren.
Für mich ist der Osten aufgeteilt in Regionen/Länder mit ganz unterschiedlichen Möglichkeiten und Schwierigkeiten.
Die Bundesrepublik, auch die seit der Wiedervereinigung ist föderal aufgebaut, wir haben Landtagswahlen.
Manche Länder im Westen kenne ich gut, manche weniger, aber mir scheint der föderale Ansatz der entscheidende für Deutschland, hoffentlich auch für Europa.
Das nur zur Überschrift