Olympia in Tokio - Spiele des Wahnsinns

Heute ist der offizielle Start der Olympischen Spiele von Tokio. Versprochen wurde vieles, eingelöst fast nichts davon. Schon lange vor dem Coronavirus zeigte sich, dass die Verantwortlichen entweder naiv oder unehrlich kommunizierten. Allerdings erst jetzt wird dies der Mehrheit in Japan bewusst.

Die heute startenden Olympischen Spiele 2020 enden am 8. August Foto: Michael Kappeler/dpa

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Felix Lill ist als Journalist und Autor spezialisiert auf Ostasien.

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„Die Olympischen Spiele werden den Sieg der Menschheit über das neuartige Coronavirus markieren.“ Shinzo Abe, der diese Worte im März 2020 gegenüber der versammelten Presse in Tokio aussprach, regiert Japan schon seit fast einem Jahr nicht mehr. Aber an die Worte des Ex-Premiers dürfte sich noch jeder im Land erinnern. Im selben Monat mussten die Spiele um ein Jahr verschoben werden, weil es zumindest nicht mehr nach einem schnellen Sieg über die Pandemie aussah.

Knapp eineinhalb Jahre später steht die Eröffnung der größten Sportveranstaltung nun unmittelbar bevor und die Lage ist nicht besser geworden. Zwar sind von den Zehntausenden Athleten, Offiziellen und Journalisten rund 80 Prozent gegen das Coronavirus geimpft. In der japanischen Bevölkerung liegt dieser Anteil jedoch erst bei gut 20 Prozent. In mehreren Gegenden im Land sind die Krankenhäuser überlastet. Über die Hauptstadt ist der Ausnahmezustand verhängt: Die Menschen sollen möglichst daheimbleiben, Alkoholausschank in Restaurants ist verboten.

Mehrheit im Land ist gegen „Tokyo 2020“

Dennoch hat auch Yoshihide Suga, der Nachfolger von Shinzo Abe als Premierminister, dessen Worte dieses Jahr wiederholt. Und leitete dann nach und nach diverse Schritte ein, die offenbarten, dass Tokio diesen Sommer keineswegs den Sieg über die Pandemie verkünden könnte. Ende Juni wurde ein ausgeklügeltes Konzept erarbeitet, mit dem bis zu 10.000 Menschen in die Stadien gelassen werden sollten, um es Anfang Juli wieder zu verwerfen. Alle Stadien in und um Tokio müssen nun leer bleiben. Zuschauer aus dem Ausland waren schon im März ausgeschlossen worden.

So heißt „Tokyo 2020“, wie sich die Spiele auch nach der Verschiebung noch offiziell nennen, in diesem Sommer kaum die Welt willkommen. Geht es nach der japanischen Bevölkerung, ist dies auch besser so. Eine große Mehrheit im Land ist gegen die Austragung der Spiele, weil man sie für mittlerweile zu teuer und zu gefährlich hält. Die strengen Sicherheitsmaßnahmen für die Einreisenden überzeugen viele Menschen nur bedingt. Hinzu kommt aber, dass viele finden, es sei jetzt einfach nicht der Zeitpunkt, ein Fest zu veranstalten, das auf Jubeln angelegt ist.

Ex-Premier Abe gilt als Lügner

Dreht man die Zeit um ein Jahrzehnt zurück, war die Stimmung schon ähnlich. Im März 2011 wurde Japan von der schwersten Katastrophe seiner jüngeren Geschichte erschüttert. Im Nordosten wurde zuerst ein Erdbeben der Stärke 9 gemessen, dann schwappte eine rund 20 Meter hohe Welle über die Küste. Der Tsunami führte auch zur Havarie des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi. Ungefähr 20.000 Menschen starben, Hunderttausende verloren ihr Zuhause. Ganze Städte wurden unbewohnbar – und sind es bis heute.

Das Tokioter Bewerbungskomitee drückte bei der Sache ein Auge zu. Am Abend der IOC-Versammlung in Buenos Aires, die über das Austragungsrecht der 2020er-Spiele entschied, sagte der damalige Premierminister Shinzo Abe am 7. September 2013: „Einige von Ihnen könnten besorgt sein um Fukushima. Lassen Sie mich Ihnen versichern: Die Lage ist unter Kontrolle.“ Für viele in Japan gilt Abe, der sich über die Jahre noch reichlich weitere fragwürdige Statements im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen erlaubte, seit diesem Tag als Lügner.

Kritik am Versprechen des Wiederaufbaus

Den Spielen von Tokio verlieh seine Regierung den Untertitel „fukkou gorin“ – die „Spiele des Wiederaufbaus“. Doch der Fakt, dass die Lage in Fukushima und den anderen beschädigten Gebieten zehn Jahre später wieder besser ist als direkt nach der Katastrophe, reicht vielen nicht aus für solche hochtrabenden Formulierungen. Bis heute bleiben offiziell rund 40.000 Menschen evakuiert, weil die Strahlung noch zu hoch ist. Nicht in diese Statistik fließen diejenigen Menschen ein, die nicht mehr zurückkehren wollen, weil sie längst anderswo ein neues Leben aufgebaut haben.

Das Versprechen des Wiederaufbaus durch Olympia stößt vielen besonders sauer auf, weil mehrere Bauprojekte im Nordosten nicht zuletzt durch die hohe Aktivität in Tokio verhindert wurden. In der Hauptstadt war die Nachfrage nach Bauarbeitern und Materialien so hoch, dass in vor zehn Jahren zerstörten Orten eine Turnhalle oder ein Shoppingcenter nicht weitergebaut werden konnte.

Reizthema Finanzen

Ökonomische Fragen rund um die Spiele sind generell zu einem Reizthema geworden. Als die japanische Gesellschaft anfangs skeptisch gegenüber den Tokioter Bewerbungsplänen war, rechneten die Verantwortlichen vor, wie sehr die Wirtschaft von Olympia profitieren würde. 32 Milliarden US-Dollar an Mehrwert würden sie schöpfen, hieß es. Und dies ohne Einsatz von Steuergeldern. Die sechs Milliarden US-Dollar, die das Bewerbungsbudget veranschlagte, sollten aus privaten Quellen beschaffen werden.

Über die Zeit drehten sich die Zahlen um. 2016 schätzte eine von der Tokioter Metropolregierung eingesetzte Budgetkommission, dass die Kosten der Spiele auf bis zu 30 Milliarden ansteigen könnten, wenn nicht dringend gespart würde. Und als unabhängige Ökonomen die Ertragsprognosen unter die Lupe nahmen, kritisierten sie große Übertreibungen. Würde man von Olympia unabhängige Investitionen wie den Ausbau des 5G-Netzes rausrechnen, stünden die Einnahmen nur noch bei rund einem Viertel. Auch die Verkündung, das Ganze würde keine Steuergelder kosten, war von Anfang an eine kreative Rechnung: Die Stadienbauten hatte man dafür ignoriert.

Sturm der Entrüstung

Ehrlichkeit war wohl von Anfang an keine Stärke der Organisatoren. Ebenfalls 2016 kam heraus, dass die französische Staatsanwaltschaft gegen den Chef des Bewerbungskomitees und damaligen Vorsitzenden des Japanischen Olympischen Komitees, Tsunekazu Takeda, wegen Verdachts auf Stimmenkauf ermittelt. Takeda beteuerte stets, das Austragungsrecht sei sauber erworben worden. Er trat dennoch zurück.

Ähnlich erging es Anfang dieses Jahres Yoshiro Mori, ehemaliger Premierminister und bis dahin Vorsitzender des Tokioter Organisationskomitees. Als er gesagt hatte, Frauen zögen Meetings ständig in die Länge, weshalb er lieber weniger davon in seinen Versammlungen sähe, folgte ein Sturm der Entrüstung. Mori, der über seine Karriere immer wieder mit wenig fortschrittlichen Äußerungen aufgefallen war, wollte das nicht so gemeint haben. Aber auch er trat zurück. Denn für den Leitspruch „Einheit in Vielfalt“, mit dem „Tokyo 2020“ Diversität und Offenheit fördern will, sah Mori nicht mehr gut aus.

Proteste schon seit Wochen

Unter den Tokioter Organisatoren liegen die Nerven schon lange blank. Seit Wochen wird regelmäßig gegen die Spiele protestiert. Mal vor dem Hauptsitz des Japanischen Olympischen Komitees, dann wieder vorm Sitz der Tokioter Metropolregierung. Die großen TV-Kanäle und Zeitungen zeigen davon zwar wenig. Wie insgesamt ungefähr 60 Großunternehmen im Land gehören auch die fünf größten privaten Medienhäuser zu den offiziellen Sponsoren von „Tokyo 2020“.

Doch spätestens durch Meinungsumfragen dürften sie alle mittlerweile wahrgenommen haben, dass sie sich und der japanischen Gesellschaft mit dem Olympiaengagement keinen Gefallen getan haben. Denn durch ihr investiertes Geld – kollektiv wurden rund drei Milliarden US-Dollar an privatem Sponsorengeld eingespielt, ein historischer Olympiarekord – wurde eine Absage dieser Spiele inmitten einer Pandemie umso schwieriger. Mittlerweile haben einige Sponsoren – darunter Toyota und Panasonic – auf halbherzige Weise ihre Unterstützung zurückgezogen. Aber gegen die Spiele stellen sie sich weiterhin nicht.

Selbst der Kaiser ist besorgt

Dabei kommen die Rufe nach einer Absage nicht nur von der Straße und aus sozialen Medien. Diverse Gesundheitsexperten haben betont, dass „Tokyo 2020“ statt dem Sieg über die Pandemie zu einem Superspreader-Event werden könnte – zumal das Infektionsgeschehen in Tokio seit Wochen von der aggressiveren Delta-Variante geprägt ist. Seit Tagen türmt sich eine neue Infektionswelle auf. Zwar ist Japan mit bisher 860.000 Infektions- und 16.000 Todesfällen noch relativ milde vom Coronavirus betroffen. Aber in der alternden Bevölkerung mit der niedrigen Impfquote arbeiten die Krankenhäuser seit Monaten an der Kapazitätsgrenze.

So kritisierte auch Shigeru Omi, oberster Gesundheitsberater der japanischen Regierung, das Festhalten an den Olympiaplänen. Und selbst der Kaiser, so berichteten es japanische Medien Ende Juni, soll besorgt sein angesichts der Situation. Allerdings darf sich der laut Japans Verfassung nicht politisch äußern. IOC-Präsident Thomas Bach hingegen sagte diese Tage: „Das Wichtigste ist, dass diese Spiele stattfinden.“ So etwas mag mal nach Frieden und Völkerverständigung geklungen haben. Dieser Tage wirkt es in Tokio eher wie eine Drohung.

Yvonne Stange | Fr, 23. Juli 2021 - 09:39

... ein "Superspreader-Event" also? Wenn nur Geimpfte teilnehmen und getestet wird auf Teufel komm raus? xD Wieso läßt man sich impfen, wenn es dann doch ein "Superspreader-Event" wird?? Mal darüber nachgedacht? Immer diese Panikartikel!! Die "hochaggressive Deltavariante"... ich kann es einfach nicht mehr hören!! Aber es scheint so gewollt vom mainstream. Das Volk darf aus der Panik gar nicht wieder rauskommen!! Könnten ja noch ein paar mehr anfangen selber zu denken.

Ernst-Günther Konrad | Fr, 23. Juli 2021 - 10:32

Ich schaue mir das nicht an. Und ja, sowohl die Politik als auch das olympische Komitee sind Lügner und beweisen mit der Durchführung der Spiele ihre wahren Absichten und Ziele. Es geht wie immer uns Geld. Entweder man blendet die angebliche Pandemie aus und führt Spiele unter normalen Bedingungen durch oder man ist Corona gläubig, dann gehörten sie abgesagt. Das alles hat für mich mit Sport und dem olympischen Gedanken nichts, aber auch gar nichts mehr zu tun.

Gerhard Lenz | Fr, 23. Juli 2021 - 15:15

In reply to by Ernst-Günther Konrad

Der übliche Klamauk, der gleichwohl eine Wahrheit beinhaltet.

Ob es Sinn macht, olympische Spiele ohne Zuschauer zu veranstalten, mag man bezweifeln. Und während sich die Stadt Tokio sich vor der todbringenden Pandemie schützt, sollen die Sportler vor leeren Rängen um Medaillen kämpfen.

Ein reichlich surreales Spektakel.

Der Vorwurf, es ginge einigen nur darum, sich zu bereichern, ist natürlich dummes Zeug. Gleichwohl geht es bei Olympia sicher auch um jede Menge Geld.

Aber nicht nur: Es geht auch um Ehrgeiz und Sportgeist der Athleten, die sich Jahre auf diese Spiele vorbereitet haben.

Tonicek Schwamberger | Fr, 23. Juli 2021 - 15:49

In reply to by Ernst-Günther Konrad

. . . wieder einmal haben Sie meine geplanten Worte vorweg genommen, ich stimme Ihnen vollinhaltlich zu.-
Auch ich werde mir nichts, aber auch gar nichts von diesen verlogenen Spielen ansehen, ob mit Corona oder ohne.- Und, ja, daß das Ganze nur etwas mit Geld, und nichts anderem als mit Geld zu tun hat, das ist ja inzwischen weitläufig bekannt.

Lassen Sie es sich gut gehen und Allen ein schönes Wochenende . . .!

Rob Schuberth | Fr, 23. Juli 2021 - 13:10

...es könnte - für die Sportler - die sich auf diesen Wettkampf oft jahrelang vorbereitet haben, auch ein persönlicher Traum in Erfüllung gehen.

Ich würde diese Olympiade also nicht pauschal "als des Teufels" o. ä. verurteilen.

Und seien wir doch bitte mal ehrlich.
Sport in diesen Großdimensionen ist schon lange ein reines Geschäftsmodell.
Das Olympische Komitee ist da keine Ausnahme.

So wie ich auch sonst bei Sportereignissen, erst recht in diesen Dimensionen, keine Ausnahmen kennen.

Für die Sportler ist es hart genug sich so ganz ohne Publikum zu pers. Höchstleistungen anzutreiben.

Drücken wir ihnen die Daumen...

Annette Seliger | Sa, 24. Juli 2021 - 18:18

Klotze! Jetzt fassen wir einmal wieder für alle schlichten Gemüter die Fakten zusammen. Eine Impfung schützt nicht zu 100%. Ein Geimpfter kann sich anstecken und damit das Virus trotz Impfung weitertragen. Die Letalität dieses Virus liegt im Bereich einer mittel/schweren Grippe, d.h. 99,7 aller Menschen werden statistisch gesehen an diesem Virus nicht sterben. Ein Mathematiker der Leopoldina, der wegen seiner rationalen Äußerungen aus dem "Experten Gremium" entfernt wurde, erklärte dies nachvollziehbar anhand der statistischen Sterbefallzahlen.
Die körperliche Unversehrtheit ist im Grundgesetz verbrieft und niemand muss gegen seinen Willen einen medizinischen Eingriff an sich durchführen lassen. Androhungen von Freiheitseinschränkungen wegen Nichtimpfung sind Grundgesetz widrig und zudem Diskriminierend. Und schon gar nicht wegen einem solchen Virus.
Die Politik hat sich verrannt und da helfen auch die vielen NGOs im Auftrag der Regierung nichts, die permanent Panik verbreiten!