Jurij Andruchowytsch
Jurij Andruchowytsch ließ schon vor 30 Jahren seinen Kiewer Roman-Protagonisten im Sowjetsystem untergehen / dpa

Literatur - Europa nach dem Krieg

Von dem, was derzeit in der Ukraine geschieht, wäre man vielleicht weniger überrascht gewesen, hätte man den warnenden Kassandra-Rufen aus dem Bereich der Kultur zugehört. Wenn es irgendwann darum geht, die Orientierungslosigkeit nach dem Krieg zu überwinden, sollten die Stimmen von Schriftstellern aus Russland und Osteuropa - von Svetlana Alexijewitsch, Julia Kissina oder Andrzej Stasiuk - mehr Gewicht bekommen.

Autoreninfo

Jürgen Wertheimer ist Professor em. für „Internationale Literaturen“ an der Universität Tübingen.

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Es ist höchst erstaunlich. Noch vor ein paar Wochen herrschte großes Rätselraten über die Pläne Putins. Jetzt schießen allenthalben Experten aus dem Boden, die allesamt behaupten, genau gewusst zu haben, was sich anbahnt. Tatsache ist: Das Grübeln über verpasste Möglichkeiten und übersehene Vorzeichen hilft im Moment der Eskalation wenig, und das gilt ebenso für Schuldzuweisungen jeder Art. Es ist trist genug, einmal mehr erlebt zu haben, dass die gewaltigen Datenmengen, die die Geheimdienste – Satelliten- und KI-gestützt – seit Monaten sammelten, im Grunde nichts bewirkten. Jedenfalls den Westen nicht daran hinderten, sehenden Auges in jede von einem gerissenen, strategisch eiskalt denkenden Usurpator aufgestellte Falle zu tappen.

Man fragt sich nach alldem, ob unser Werkzeugkasten an Prognose-Tools möglicherweise doch nicht so komplett ist, wie wir glauben; ob wir nicht irgendetwas Wichtiges vergessen haben.

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Christoph Kuhlmann | Mi, 6. April 2022 - 16:54

nicht seit mindestens zehn Jahren die Aufrüstung der Bundeswehr gefordert haben sind soweit deutsche nur willfährige Schwätzer des Zeitgeistes.
Europa vom Rande her denken? Sorry, Russland liegt am Rand. Eine Freihandelszone, die gibt es und es gibt präzise definierte Kriterien für den Beitritt. Daran wird kein Jota geändert. Aus Schaden wird man klug. Ich empfehle dem Autor dieses Artikels sich einmal mit dem Konstruktivismus zu beschäftigen. Sobald man ein Konstrukt im Kopf hat ordnete man automatisch alles Mögliche zu und sieht sich, oh Wunder, bestätigt. Nichts gegen tiefschürfende Lyrik, doch zurzeit ist in der Ukraine nur ein toter russischer Soldat ein guter Soldat, denn er hat das Grauen mitgebracht.

Thorwald Franke | Mi, 6. April 2022 - 21:52

Literatur hat viele Facetten. Politischer Durchblick ist eine davon. Den bekommt man hier reichlich.

Dennoch würde ich mich nicht zuerst auf Schriftsteller verlassen, wenn es um Politik geht. Sie sind gut in Diagnose, aber schlecht in der Therapie. Neutral z.B. will jetzt wohl keiner mehr sein.

Die Lösung kann nur die Entwicklung der Demokratie zuletzt auch in Russland sein. Ein demokratisches Russland darf dann auch wieder Stärke zeigen. Aber am Ende spielt Russland doch eher in der Liga von Frankreich und England, nicht in der Liga von China und USA. Da ist der Zug einfach abgefahren.

Russland ist wie Deutschland eher eine geistige Macht. Das ist ja auch immer die Eschatologie der russischen Schriftsteller gewesen, dass der russische Geist (!) sich gegen das Böse als widerständig erweisen wird. Nicht das russische Militär.

Ernst-Günther Konrad | Do, 7. April 2022 - 08:41

Gegenwärtig ist dieser Krieg. Das davor und das danach will keiner denken. Und so sehr mir dieser Artikel grundsätzlich gefällt, frage ich den Autor: Wer will das alles lesen? Wer will und kann das alles verstehen? Und sehen wir uns unsere Politiker doch an. Nicht wenige inzwischen bildungsfern oder ohne persönliche Erfahrungen bis in höchste Ämter im Sprint gelaufen. Ja, die Idee einer neutrale Zone wäre auch eine Option, die es gilt, ernsthaft gedacht zu werden. Nur derzeit bestimmen Kriegsbilder, der Geruch des Todes, üble Einzelschicksale und das eines ganzen Staates das Denken. Das davor will keiner wahr haben und das danach will keiner denken, denn es könnte ja bedeuten, auch über sein gegenwärtiges Verhalten reflektieren zu müssen. Derzeit ist sich verständlich alles und jeder emotionalisiert und arbeitet sich an Putin ab. Das hat er sicher verdient. Nur, es bräuchte kühle, nüchterne, sachliche, reflektorische Denker und Lenker und daran fehlt es gegenwärtig. Theorie vs. Praxis.

Karl-Heinz Weiß | Do, 7. April 2022 - 11:18

Respektvoller Umgang der Ethnien als Lösungsvorschlag: das frühere Jugoslawien beweist leider das Gegenteil. Der von Putin geschürte russische Nationalismus erleidet gerade in der Ukraine Schiffbruch. Auf Dauer wird er auch die Russische Föderation mit 35 Amtssprachen nicht zusammenhalten können. China zeigt bei den Uiguren sein Modell: mit Umerziehung, Gesichtserkennung und Sozialpunktesystem die gnadenlose Auslöschung von Individualität. Dieser technologische Unterschied zur russischen Knute ist die eigentliche
Gefahr. NS2 war kein wirtschaftliches Projekt, die Seidenstraße ist es ebenso wenig. Und die Rolle der deutschen Exportwirtschaft als nützlicher Idiot geht bald zu Ende.

F.G. Alte | Do, 7. April 2022 - 14:08

Nach Andrej Stasiuks Äußerungen zu urteilen, leben im Westen von Polen, also in Deutschland, keine Menschen, sondern eine Art von seelenlosen Robotern, während im Osten das Tierreich anfängt. Was ist das für ein Brückenbau?

Ja, leider richtig bemerkt. Deutschland lässt sich laut diesem Autor nur mit Alkohol ertragen. Zwischen Ironie und Überheblichkeit liegt manchmal der Nationalismus. Und der ist der Grund vieler politischen Übel.

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