Der Blick auf den abendlichen Wannsee tröstet über so manches hinweg / dpa

Lesung mit Herta Müller - Sandalen am Wannsee

Das Berliner Publikum benimmt sich bei Autorenlesungen notorisch schlecht. Bei dem Auftritt einer Literatur-Nobelpreisträgerin im Literarischen Colloquium ging es jedoch so weit, dass unser Autor und seine Begleiterin sich fragten, ob die Zuhörer Herta Müller regelrecht hassen.

Autoreninfo

Finn Job ist Schriftsteller und lebt in Berlin. Im August 2022 erschien sein erster Roman „Hinterher“ (Wagenbach).

Foto: Timo Lindeman

So erreichen Sie Finn Job:

Normalerweise besuche ich keine Lesungen, da das Berliner Publikum die hörenswerten Autoren, die es noch gibt, nicht zu schätzen weiß und sie entsprechend schlecht behandelt. Kürzlich aber war ich mutig genug, zum Wannsee zu fahren, weil ich dachte, die Nobelpreisträgerin mit dem strengen Pagenschnitt sei so renommiert, dass man sich ihr gegenüber zu benehmen wüsste. Meine Freundin Katharina und ich betraten das Literarische Colloquium, die Abendsonne glitt über den See, und ich war derart aufgeregt, dass ich von den anderen Gästen kaum Notiz nahm.

„Was sind denn das für Sandalen?“, riss Katharina mich aus meiner Träumerei. „Mon dieu, das sind ja nicht einmal Birkenstocks, sondern so Plastikdingsgesundheits – warum tragen die die alle?“

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Thomas Hechinger | Sa., 15. Juli 2023 - 17:45

Seit ein paar Jahren meide ich unsere Hauptstadt. In ihr kulminiert alles, was in Deutschland schlecht läuft. Eine heruntergekommene Metropole, schmutzig, stinkend, gewöhnlich, ärmlich – und kein bißchen sexy. Einfach nur bäh.
Der Verriß tut mir weh, denn es gab Zeiten, da ich mir gern mal einen Aufenthalt in Berlin gönnte.

Bernd Windisch | Sa., 15. Juli 2023 - 23:34

war es auch diesen Artikel zu lesen.

Nach seinem Abitur zog Finn Job nach Berlin und brach allerlei Studiengänge ab, um in Ruhe lesen zu können.

An was erinnert mich das bloß?

Wenn der Artikel repräsentativ für das Werk des Autors ist sollte er beim lesen bleiben.

Jens Böhme | So., 16. Juli 2023 - 07:21

Die Beschreibung beschreibt eine übersättigte und gelangweilte Gesellschaft. Das hat weder was mit Berlin, Deutschland oder Europa zu tun. Das Ende bzw. Auflösung der jetzigen Zeitrechnung im Westen steht bevor.

Maria Fischer | So., 16. Juli 2023 - 08:44

„Vielleicht ertragen diese omnipotenten Achtundsechziger es nicht, wenn jemand in einer schicken Bluse intelligente Dinge sagt. "

Ja, deshalb hatte Frau Merkel einen so großen Erfolg in Deutschland.

Armin Latell | So., 16. Juli 2023 - 14:55

Antwort auf von Maria Fischer

Merkel hatte so großen Erfolg, weil sie in einer schicken Bluse intelligente Dinge sagte? Nach kurzem Grübeln bin ich dann doch noch selbst drauf gekommen, Frau Fischer ;-) Sie haben Recht, aber leider waren es nicht nur omnipotente Achtundsechziger, sondern noch wesentlich mehr, aber medial gehirngewaschene, Jüngere einschließlich leninistische, stalinistische maoistische Journos, ebensolche geschädigte Kirchenleute, Zivillebeneversager, auch genannt Politiker und Schüler und spätere Abiturienten, bei denen nicht gute Noten wichtig waren, sondern nur das Dabeisein. Alles in Allem viel zu viel von Merkels Klientel.

Jürgen Rachow | So., 16. Juli 2023 - 09:39

...der selbstgestrickten Pferdedecken und Birkenstocklatschen neigt angesichts einer gut angezogenen Dame nun mal zu flegelhaftem Verhalten. Die eigene Kulturlosigkeit muß eben permanent überspielt werden.