Freiheit gegen Vernunft - Sei doch vernünftig!

Nicht nur in der Corona-Krise greift der Staat im Namen einer angeblichen Vernunft zunehmend in die Freiheitsrechte des Einzelnen ein. Eine bedenkliche Entwicklung. Denn wer entscheidet, was vernünftig ist? Und warum eigentlich sollte man vernünftig leben?

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Ebbelwoi, Schnitzel, Zigaretten: nicht vernünftig, aber lecker / dpa

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ und „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer". Zuletzt erschien von ihm „Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität“ bei Claudius.

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Alexander Grau

Freiheit ist die Freiheit unvernünftig zu sein. Klingt etwas provozierend, ist aber so. Denn was vernünftig ist, scheint relativ klar zu sein. Glaubt man der gängigen Sicht der Dinge, dann ist es vernünftig, sich gesund zu ernähren, keinen Alkohol zu trinken, nicht zu rauchen, beim Radeln einen Helm zu tragen, auf der Autobahn 80 zu fahren. Und am besten trägt man immer, aber auch immer einen Mundschutz nebst Latexhandschuhen – man weiß ja nie.

Wenn die Vernunft ihr griesgrämiges Haupt erhebt, ist es schnell vorbei mit der Freiheit. Was vernünftig ist, scheint evident. Zu entscheiden braucht man dann eigentlich nichts mehr. Was man zu tun oder zu lassen hat, versteht sich von selbst. Doch Freiheit ohne Entscheidungsfreiheit ist keine mehr.

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Christoph Kuhlmann | Sa, 6. Februar 2021 - 09:05

notwendig. Denn der Staat muss das Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit verteidigen. Nehmen wir als Beispiel den Maskenmuffel imm ÖPNV, der im Laufe der Zeit dutzende von anderen Passagieren ansteckt. Die Wandergruppe, die sich nicht um die Ansteckungsgefahr schert , was nachweislich zu mindestens 25 Infekten führt. Die Hochzeit mit hunderten Gästen. das Bierzeltfest und und und. Was ich damit sagen will, man darf sich in gewissen Ausmaß selber schaden, aber wenn es auch andere trifft, die nicht geschädigt werden wollen, dann ist eine Rechtsgüterabwägung unvermeidlich.

Bei der jährlich, tödlichen Grippe wird ebenso die Rechtsgüterabwägung vollzogen. Diese werden nicht medial und politisch mit täglichen Infektions- und Verstorbenenzahlen serviert. Derzeit grassieren Corona-Mutationen durch die Öffentlichkeit, so als ob es die letzten Jahrzehnte nie Grippe-Mutationen gegeben hat, die sich jeden neuen Herbst entscheiden, sich zu verbreiten. Wieviel Mitbürger schützen wir täglich vor tödlichen Grippeviren, wenn wir einkaufen, auf Festen feiern, beim Friseur sitzen, im Bus oder Bahn per Schmierinfektion Viren verbreiten? "Bleiben Sie gesund!" ist kein Geburtstagswunsch sondern eine Aufforderung. 2020 und Folgejahre werden unsere Sprache und unser Leben radikal (revolutionär) ändern - und wenn man nicht aufpasst, merken es nur die Wenigsten, denen man dann Unverständnis zeigt.

Inka Hein | Sa, 6. Februar 2021 - 19:33

In reply to by Jens Böhme

Krankenhauskeime, Lungentzündungen, Schlaganfälle, Herzinfarkte....und und und. Alles Dank Corona ausgerottet. Wurde in den letzten Jahren noch an oben genanntem gestorben, so ist es seit letztem Jahr nur noch Corona. An oder mit, egal.
Sollte jetzt irgendwer Sarkasmus in den Zeilen finden, darf er ihn behalten.
Man wird seit 1 Jahr von einer katastrophalen Regierung nur verar.... Und wir sind mittendrin im Prozess. Wahlen 2021? Welche Wahlen. Unser ZK aus CDU,SPD, Grünen und Linken wird's richten.
Es muss nur irgendwie nach Demokratie aussehen.

Protagonisten des „Fürsorgestaates“ den Bürger haben wollen.
Wie soll das gehen? Das GR auf Leben u körperliche Unversehrtheit „verteidigen“? Es gibt nicht nur ansteckende Viren, es gibt Gewalttäter, die jeden Tag aufstehen und vor deren Taten „verteidigt“ werden müsste. Konsequenterweise müsste Ihr Staat ein dauerhaftes Ausgehverbot für alle aussprechen. Immer.
Sie vergessen, dass jeder primär erst mal selbst für sein Wohlergehen verantwortlich ist, niemand jemanden zwingt derzeit den ÖPNV zu benutzen oder mit anderen wandern zu gehen...
Niemand hindert Sie, sich selbst zu schützen oder gar dauerhaft zuhause zu bleiben.
Genau diese zunehmende Unmündigkeit, das Postulat, der Staat möge bitteschön alle schützen, läuft doch genau auf das hinaus, was Herr Grau hier so treffend darlegt.
Der Staat hat maximal dafür zu sorgen, dass es entsprechende Einrichtungen (KHs, Polizei) oder Ausstattung (Masken, Impfstoff, etc.) gibt und gerade da hat er an vielen Stellen komplett versagt.

Ja, der Staat hat in erster Linie dafür zu sorgen, daß die ÄUSSEREN BEDINGUNGEN für die Bürger gut sind, d. h. daß sie g e s ch ü t z t und in g e o r d n e t e n Verhältnissen leben können. Diese Aufgabe hat unsere Regierung z.B.
2015 grob vernachlässigt, als sie das Land für eine Flut von beliebigen Migranten öffnete! Dabei hätte alles Machbare getan werden müssen, um die Destabilisierung der deutschen Gesellschaft zu verhindern.

W i e einzelne Bürger ihr Leben gestalten, darf die Regierung nur dann interessieren, wenn ihr Verhalten erkennbar negative Auswirkungen auf die Gemeinschaft hat. Ansonsten muß in der Demokratie das Prinzip der Freiheit gelten - auch für unvernünftige Individuen. Dabei gilt aber GLEICHZEITIG das Prinzip der Eigenverantwortung, d.h.: Jeder ist für die Folgen seines Tuns primär selbst verantwortlich!Ein v e r n ü n f t i g e r Sozialstaat beharrt auf diesen Prinzipien, indem er nicht allen Bedürftigen gleichermaßen hilft, so wie dies heute der Fall ist.

Im Ausnahmefall bzw. einer Ausnahmesituation indem es um meinen Schutz und dem meiner Mitmenschen geht gebe ich Ihnen unbedingt recht, geehrter Herr Kuhlmann! Doch verstehe ich die Ausführungen von Herr Dr. Grau so, dass man sich einem allgemeinen bzw. alle Lebensbereiche abdeckenden "Diktat von oben" nicht so ohne weiteres ergeben sollte? Denn es führt in unserem Alltag wie jeder von uns wahrscheinlich schon erlebt hat, zu "Auswüchsen" mit Ewigkeitswert. Oft auch abseits von Logik oder bar vernünftiger Nachvollziehbarkeit. Als Paradebeispiel für bis in den Nano-Bereich geregelte Vorschriften dürfte z.B. unser gefühlt täglich anwachsendes Baurecht gelten, wo man die Zeit vom Antrag der Gartenlaube bis zur Genehmigung und Errichtung schon mal nicht mehr erleben kann;). Oder einen der Schlag trifft, da man nach 50 Jahren urplötzlich für exorbitante Anliegergebühren herangezogen wird, weil das Land pleite ist. Trinken wir doch ein Gläschen Sekt auf die Vernunft und Wilhelms Flotte;)!FG

Sie haben recht solche Gedanken passen nicht zur Grauschen
Philosophie. Dem Artikel von Herrn Grau werden mit Sicherheit die meisten Alu Hüte und Corona Verweigerer zustimmen, mit Hinweis auf den Grauschen Artikel werden sie den Leuten zurufen "Lasst euch die Freiheit ungesund zu leben nicht nehmen"

Urban Will | Sa, 6. Februar 2021 - 09:24

mündet letztendlich in einen Zustand, in dem die Vernunft dauerhaft vergewaltigt wird.
Eine der vielen schlimmen Folgen unseres Zeitgeistes, in dem die Diskussionen allenthalben nur noch einseitig verlaufen.

Ich bin fest überzeugt, der Mensch entwickelt sich zurück. Das Gottesgeschenk der Fähigkeit, seinen Verstand zu gebrauchen, gibt er freiwillig hin.
Wie sagte Kant so treffend:
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen."

Diese Rückkehr zur Unmündigkeit ist politisch gewollt und der Untertan macht brav mit, so kann er mühelos gesteuert werden.
Wir erleben derzeit ein Parabeispiel hierfür. In Sachen Klima wird es fortgesetzt.
Zeit zum Aufwachen.

Der Zustand unseres Landes wurde von Ihnen und Herrn Grau trefflich beschrieben.
Wo die Medien nicht mehr die Tatsachen berichten, sondern diese in der Meldung bereits mit „ihrer Moral“ kommentieren, wird das „betreute Denken“ vorgegeben. Für den selbstdenkenden Menschen ist es schwer, zwischen Meldung und Kommentar zu unterscheiden, weil das eine im Gewand des anderen daherkommt.
In „betreuten Gesellschaften“ haben Politiker das Bestreben, die jungen Menschen nicht zu selbstständigen Erwachsenen zu erziehen, sondern nach „ihren Moralvorstellungen“ zu formen. Ein typisches Zeichen unfreier Gesellschaften ist eine staatl. Kindererziehung.
Moral und Werte, früher als fest beschriebene Werte in der Religion verankert, werden in der „sozialen Gesellschaft“ immer nebulöser. Man spricht von ihnen als unverzichtbar für die Gemeinschaft, ohne sie jedoch jemals genau zu definieren. Damit kann man unliebsame Denker perfekt ausgrenzen und anprangern, ohne selbst in Gefahr zu geraten.

Wie weit es mit der Vernunft des Einzelnen her ist, gehört vielleicht mit zum traurigsten Kapitel der Conditio humana.

Elias Canettis "Masse und Macht" oder die Reflexionen Rolf Peter Sieberles zur westdeutschen "Nachkriegsentwicklung" im Essay "FINIS GERMANIA" leisten hier AUFKLÄRERISCHES.

Zum "Noch-Glück" eines "homo demokraticus" gehört als Magazin (anders als der "SPIEGEL") sicher der "CICERO". Wie emotional aufgeheizt oft allerdings argumentiert wird, liegt auch daran, dass eine "Ideologie des Gutmenschen" stets religiöse Züge trägt.

"Nationalismus" ist einer von vielen -Ismen wie auch Kapitalismus oder Kommunismus. Und dass das kommunistische Regime in China jetzt in Hongkong Schulklassenzimmer mit Kameras bestücken will, "um die Liebe zu China" zu fördern, offenbart nur eines: eine totalitäre Diktatur, wie wir sie in Hitler-Deutschland und der angeblich demokratischen "DDR" schon hatten!

Tonicek Schwamberger | Sa, 6. Februar 2021 - 09:58

... schon viele Artikel vom Herrn Dr Grau las ich und verstand sie nur sehr schwer, mag an meinem Wissensstand liegen - doch der hier vorliegende Text betreffs "Freiheit & Vernunft & Staat" leuchtete mir sofort ein; haben Sie vielen Dank, mir einige Denkanregungen für das triste-trübe, graue Wochenende gegeben zu haben.
Ich werde die Zeit nutzen.

Inge Meier | Sa, 6. Februar 2021 - 10:03

Es gibt eine Tendenz zum Fürsorgestaat, in der der der Staat immer mehr Ressourcen „zum Schutz des Individuums“ übernehmen möchte. Da gibt es den schönen Terminus „Daseinsfürsorge“. Das wäre eine Chance für die FDP sich für den Wert von Selbstverantwortung und Vielfalt der Lebensgestaltungen einzusetzen. Oft hat man das Gefühl, dass sich die FDP geniert für freiheitliche Werte einzutreten und klammheimlich eh links stehen möchte.

Ernst-Günther Konrad | Sa, 6. Februar 2021 - 10:37

Ein wieder gelungener Artikel Herr Grau. Ja, es braucht Regeln, um die Gemeinschaft halbwegs geordnet miteinander leben zu lassen. Was aber ist Moral und in welcher Weise und Intension wird sie gebraucht?
Wenn uns Moral und Regeln derart einengen, dass wir unsere Individualität verlieren und alle gleich machen, dann sind wir ferngesteuert, wenn auch für den Staat vernünftig.
Zur Würde des Menschen gehört die Freiheit. Die Freiheit zu denken und zu handeln, solange die Freiheit anderer und deren Würde nicht tangiert wird. Nur das hat der Staat zu regeln. Doch viele Menschen geben ihre Würde auf, damit die Freiheit zu handeln und zu denken, sie wurden von klein auf trainiert, den Staat, denken, lenken und handeln zu lassen. Es scheint bequem, wenn andere mich mit "allem" versorgen und ich selbst nichts mehr tun muss. Der Staat wird für mich schon vernünftig denken. Nein, ich denke selbst und achte andere, bin eben vernünftig. Zur Bildauswahl: Wie bei mir zu Hause. Ist das Äppelwoi?

Gerhard Fiedler | Sa, 6. Februar 2021 - 10:55

Wieder einmal ein wunderbarer Beitrag von Ihnen, lieber Herr Grau! Bei Ihnen fühle ich mich geistig immer zuhause. Damit will ich keineswegs die anderen Verfasser und deren Beiträge im Cicero abwerten. Sie müssen mir ja nicht alle gefallen. Das wäre ja schlimm und langweilig. Und wenn ich mich über einige allzu sehr ärgern sollte, dann suche ich flugs nach den Kommentaren von Christa Wallau und Ernst-Günther Konrad dazu. Schon geht es mir wieder besser und der Blutdruck fällt. Summa summarum: Gut, dass es den Cicero gibt. Dessen Geist und Klima würde ich mir auch für unsere öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten wünschen. Aber dort begreifen sie es nicht.

Karl-Heinz Weiß | Sa, 6. Februar 2021 - 11:08

Ihren Gedankengängen werden sicherlich zahlreiche Leser zustimmen. Nur: warum dümpelt die einzige Partei mit dem Anspruch „freie Demokraten“ beständig nahe der 5%-Klausel? Vielleicht, weil Freiheit auch viel mit Vorbild zu tun hat ? Und damit ist Personenkult schlecht vereinbar.

Bernd Muhlack | Sa, 6. Februar 2021 - 16:04

Das Getränk auf dem Bild ist alles Mögliche, jedoch kein Bier! Schon das Glas (das "Gerippte") lässt auf einen Most/Äppelwoi schließen - "unne hipp unne hopp un de Schoppe inne Kopp!"
Damals die Rodgau Monotones.

Eine Bekannte ist militante Veganerin, nach Möglichkeit meide ich Kontakte.
"Hab ich selbst gezüchtet - hab ich selbst geklöppelt, gebatikt ..."
"Super, echt ey?"
Falls es doch zu einem Treffen kommt, vermisse ich ausnahmsweise meine Zigaretten; ich bin seit über 4 Jahren NR, von einem auf den anderen Tag!
Eine Kiefer-OP war der Anlass.

Nun ja, es muss eben alles geregelt sein: die Sprachpolizei, die Geschlechterpolizei, die Klimapolizei, die Gute-Energie-Polizei etc.
Und für Alles, wirklich Alles, gibt es Beauftragte_innen!

"Das isst die Zukunft!" plakatiert PENNY!
Im Regal findet man veggie-Gedöns, manches sieht "vorverdaut" aus. Ich bin jedoch kein Wiederkäuer!
Was zur Hölle ist "veganes Hack?"
"Das Innere von mir grüßt das innere von Dir!" ooomh

& jetzt ein Rumpsteak!

Horst Kessler | So, 7. Februar 2021 - 00:41

Vernunft ist doch kein Verzicht auf Freiheit, Vernunft ist gesünder Essen und gesünder Leben. Es ist doch kein Zufall dass Menschen mit ungesunder Lebensweise häufiger an Corona sterben .Gerade bei den Sozial schwächsten der Gesellschaft ist Alkohol, Tabak und ungesunde Ernährung weit verbreitet. Die Krankenkassen fordern ihre Mitglieder immer wieder auf Gesund zu leben bisher hat noch niemand den Krankenkassen vorgeworfen sie würden die Freiheit ihrer Mitglieder einschränken wollen. Mich würde interessieren ob Herr Grau im Verbot der Tabak und Alkohol Werbung eine Einschränkung der Freiheit sieht. Es hat sicher niemand was dagegen wenn Herr Grau in seiner Grauzone ungesund lebt da kann er seine Freiheit ausleben wie er will. Aber er kann doch nicht allen Ernstes behaupten dass ein Appell an die Menschen gerade in der Corona Zeit Gesundheitsbewusst zu leben eine Einschränkung der Freiheit ist.

Wolfgang Simm | So, 7. Februar 2021 - 16:08

Ich habe jeden einzelnen Satz Ihrer Ausführung genossen. Sie trifft im Kern genau das, was ich empfinde. Danke für die Artikualtionshilfe :-)