„Corona-App" - „Jedes potenziell wertvolle Werkzeug gegen die Seuche nutzen"

In der Debatte zur Eindämmung des Coronavirus war zuletzt eine App Thema, die Infektionsketten tracken soll. Im Interview spricht Sachbuchautor Thomas Ramge über die Frage, ob der Gesundheitsschutz über dem Datenschutz stehen sollte.

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Das Smartphone als täglicher Begleiter und vielleicht Mittel gegen die Krise? / picture alliance

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Thomas Ramge ist Research Fellow am Weizenbaum Institut in Berlin. Er ist Autor zahlreicher Bücher zu Daten, Künstlicher Intelligenz und datengestützter Entscheidungsfindung. Am 7. April erscheint im Murmann-Verlag sein neues Buch: „postdigital – Wie wir künstliche Intelligenz schlauer machen, ohne uns von ihr bevormunden zu lassen“.

Herr Ramge, gerade hat ein privater Zusammenschluss aus 130 europäischen Wissenschaftlerinnen und Unternehmern einen Ansatz vorgestellt zur Bekämpfung des COVID-19-Virus. Sie haben ein Framework für Apps entwickelt, die über Bluetooth-Technologie erfassen soll, welche Smartphone-Besitzer sich nah genug gekommen sind. So ließen sich mögliche Infektionswege nachvollziehen, wird gesagt. Würden Sie eine solche App herunterladen?
Ja, selbstverständlich. Aber ob es etwas bringt, kann ich Ihnen nicht sagen.

Thomas Range
Thomas Ramge/ Foto: Peter von Heesen

Wieso nicht?
Das Problem ist, dass keiner momentan genau weiß, welche Tracking-Systeme und welche Art der Systeme uns wie gut gegen die Ausbreitung von COVID-19 helfen können. Das heißt aber nicht, dass wir es nicht doch versuchen sollten. Um diese Seuche zu bekämpfen, sollten wir jedes potenziell wertvolle Werkzeug nutzen.

Es muss uns aber gleichzeitig klar sein, dass wir uns in einem Experimentierfeld bewegen. Bisher verstehen wir die Seuche nicht gut genug, wir wissen nicht, welche Daten überhaupt am relevantesten sind. Welche Maßnahme am Ende wie viel gebracht hat, können wir im günstigsten Fall im Rückblick beurteilen. Die Maßnahmen, von denen wir wissen, dass sie funktionieren, sind ganz analog: Konsequent Abstand halten, gründlich Hände waschen, in die Ellenbogen husten und niesen.

Aber ist so eine App nicht genau der Ansatz, mit dem asiatische Länder Corona bisher recht gut in den Griff bekommen haben? Das Framework der App scheint sich doch ziemlich nah an tracetogether aus Singapur zu orientieren.
Man kann aber eben noch nicht sagen, inwiefern Apps wie tracetogether genau dazu beigetragen haben. Diese Länder haben vor allem extrem früh das Brot-und-Butter-Geschäft der Virusbekämpfung konsequent angewendet. Gerade Hongkong und Taiwan haben ihre Lehren aus den Sars- und Mers-Infekten gezogen. Noch bevor die WHO vor der Seuche gewarnt hatte, wurden in Taiwan nach ersten Meldungen keine Menschen mehr ohne Untersuchung aus Fliegern aus Hubei gelassen.

Dann hat man versucht, ganz klassisch und noch ohne Apps die Infektionsketten zu durchbrechen. Und zwar bevor sich das Virus so weit verbreitet hatte, dass es im Grunde keine Chance mehr zur Eindämmung gab – wie in den westlichen Staaten. Die Apps zur Kontaktvermeidung kamen erst danach und sind ein zusätzliches Mittel, um die Verbreitung dauerhaft klein zu halten.

Ist es also in Deutschland schon zu spät für so eine App?
Auch das wissen wir nicht und ich hoffe das natürlich auch nicht. Aber es ist plausibel, dass so eine App am Anfang besonders hilfreich ist. Dann können die wenigen Infizierten ihre wenigen Kontakpersonen damit warnen. Zum jetzigen Zeitpunkt wird die App viele Menschen alarmieren, die sich nicht angesteckt haben. Bei zu vielen Fehlalarmen könnte die App an Glaubwürdigkeit verlieren. Ich bin sicher, die Entwickler versuchen dieses Problem zu reduzieren. Aber vollständig lösen lassen wird es sich kaum.

Bisher heißt es, eine mögliche App soll auf Freiwilligkeit basieren, also man kann sie herunterladen, muss es aber nicht tun. Reicht das für eine nennenswerte Wirkung aus, wenn nur ein Teil Bevölkerung so eine App hat?
Aus rein datenwissenschaftlicher Sicht ist klar: Je genauer und je vollständiger ein digitales System die Realität abbilden kann, umso besser kann sie genutzt werden. Wenn 100 Prozent der Menschen diese App besäße und sie genau sagen könnte, wer infiziert ist, dann hätten wir das ideale Instrument zur Bekämpfung der Seuche. Nur sind diese Parameter nicht einmal in einer Diktatur gegeben.

Es haben ja nicht einmal 100 Prozent ein dazu fähiges Handy.
Genau. Und die Technik macht das noch komplizierter. Die herkömmlichen Systeme, die auf GPS beruhen, haben eine Genauigkeit von 2 Metern. Sie können also nicht einmal den Sicherheitsabstand messen und einbeziehen. Das jetzt vorgestellte Framework beruht auf Bluetooth-Technologie und kann die Nähe besser bestimmen. Ein Alarm sagt aber auch nichts darüber aus, ob die Leute Rücken an Rücken im Supermarkt gestanden haben oder sich lange unterhalten haben, und einer einen Hustenanfall hatte. Das heißt, auch eine solche App kann nicht das ausgleichen, was in der Frühphase der Infektion versäumt wurde.

Wenn die Wirksamkeit so unklar ist: Inwiefern ist eine solche App mit unserer Vorstellung von Datenschutz vereinbar?
Die jetzt vorgestellte App ist ein opt-in-Modell, man muss die App also selbst herunterladen und einschalten. Die Entwickler haben sie offenkundig so konzipiert, dass sie zu 100 Prozent den Anforderungen der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) entspricht. Das heißt, die Daten werden nur anonymisiert erhoben und nur lokal, also im Gerät, gespeichert. Ich gehe davon aus, dass sie ein Musterbeispiel für guten Datenschutz ist. Aber genau daraus ergeben sich die nächsten Fragen. Was bedeutet es denn für den Schutz der Menschen, wenn eine solche datenschutzkonforme App weniger effizient ist als eine, die verpflichtend ist und mit personenbezogenen Daten arbeitet?

Also, es könnte eine Debatte geben, ob der Gesundheitsschutz nicht über dem Datenschutz stehen sollte?
Genau. In der Datenschutzgrundverordnung ist da recht vage, aber der Epidemiefall ist explizit genannt. Der Datenschutz kann nach DSGVO gegenüber dem Schutz von Leib und Leben zurücktreten, sofern dies erforderlich ist und die Maßnahmen verhältnismäßig sind.

So wie wir das momentan auch analog erleben, wenn Grundrechte wie die Versammlungsfreiheit mit der Begründung des Schutzes der Bevölkerung ausgesetzt werden.
So sehe ich das auch. Wir erleben ja eine Einschränkung der Grundrechte, wie es sie seit Gründung der Bundesrepublik nicht gab. Was aber, wenn wir durch eine zeitlich begrenzte Aufweichung des Datenschutzes andere Grundrechte wieder aufrechterhalten könnten.

Ziel muss es sein, dass solche Apps uns den Weg aus dem Lockdown weisen. Wenn das so ist, ist juristisch die Frage der Verhältnismäßigkeit auf jeden Fall gegeben, denn in dieser Krisensituation sind die Grundrechte auf Bewegungsfreiheit und wirtschaftliches Wohlergehen keinesfalls niedriger zu wichten als das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Sämtliche personenbezogenen Daten müssten nach der Krise selbstverständlich wieder sofort gelöscht werden. In autokratischen Staaten sehen wir freilich gerade das Gegenteil. Die Pandemie ist eine willkommene Gelegenheit, den Überwachungsstaat dauerhaft hochzurüsten.

postdigital Cover
Ab dem 7.April erhältlich / Cover: Murmann Publishers

In den erwähnten asiatischen Ländern gab es kaum Gegenwehr gegen Apps und weitere Tracking-Tools aus Datenschutzgründen. Liegt die größere Akzeptanz neuer Technologien in Asien an weniger Angst vor Überwachung oder an einer verbreiteteren Technik-Affinität?
Das eine schließt das andere nicht aus. Auch in der Demokratie Singapur etwa sind die Menschen daran gewöhnt, dass sie zu einem gewissen Grad überwacht werden. Auch in Taiwan, Japan und Südkorea stehen die individuellen Freiheitsrechte dort nicht ganz so stark im Mittelpunkt wie bei uns. Aber natürlich sind diese Länder auch deutlich umfassender digitalisiert als Europa und Deutschland. Insgesamt drängt sich die unangenehme Frage auf, ob die Gesellschaften dort im Angesicht solcher Krisen nicht insgesamt resilienter sind als wir. Diese Diskussion wird in vielen Dimensionen geführt werden.

Das ist aber doch genau das Narrativ, dass auch autoritäre Regimes wie vor allem China gern verbreiten, um die Überwachung mit digitalen Mitteln auszuweiten.
Da ist größte Vorsicht geboten, natürlich. Die chinesische Propaganda hat ja bereits begonnen, die Eindämmung der Seuche auf eine Provinz als Erfolg von zentraler, digitaler Überwachung zu feiern. Aber man muss gar nicht bis nach China schauen, da reicht der Blick nach Ungarn. Auch da wird die Krise genutzt, um die Instrumente der Überwachung zu verschärfen. In Taiwan gab es so genannte elektrische Zäune, die meldeten, wenn Leute gegen die Anweisungen ihre Häuser verließen.

Ob solche radikale Maßnahmen gerechtfertigt sind, weil sie den Durchbruch bei der Eindämmung bringen, das lässt sich kaum messen. Als Demokraten haben wir da natürlich große Bauchschmerzen aber wir müssen dennoch hinschauen, was nützt, was nicht, um für künftige Pandemien besser vorbereitet zu sein. Dazu brauchen wir Daten über die Wirkung von einzelnen Maßnahmen. Diese haben wir zurzeit aber nicht.

Das ist ein Grundsatzproblem von politischen Entscheidungen, das sich in Krisenzeiten wie jetzt dramatisch zuspitzt. Politik muss ihre Entscheidungen in Unsicherheit treffen. Sie hat zu wenig harte Evidenz und muss für ihre Entscheidungen auf statistische Modelle zurückgreifen, die auf vielen Annahmen und Schätzungen fußen. Wir leben in Zeiten von Big Data. Doch bezogen auf die wesentlichen Fragen zu Corona herrscht zurzeit bittere Datenarmut.

Deutschland gilt ja nicht gerade als Vorreiter der Digitalisierung. Jetzt aber sitzen die Leute im Home-Office, konferieren per Video und bald gibt es eine solche Tracking-App. Könnte die Corona-Krise einen Digitalisierungsschub auslösen?
Wenn ich mir das „Home-Schooling“ aktuell bei meinem Sohn anschaue, ist das noch ein weiter Weg. Aber gerade im Gesundheitssystem könnte es doch Verbesserungen geben. Dass man vielleicht künftig den Arzt zur Online-Sprechstunde trifft, bevor man das ganze Wartezimmer ansteckt. Oder dass man sich bei Gesundheitsämtern nicht mehr mit Infizierten in Schlangen stellen muss, um einen Test zu machen, sondern online einen Termin für einen Drive-through bucht. Das wären doch schon große Schritte nach vorn. Dazu braucht es weder Big Data noch Künstliche Intelligenz, sondern vor allem gesunden Menschenverstand und die Fähigkeit, einfache digitale Anwendungen sinnvoll einzusetzen.

Ernst-Günther Konrad | Sa, 4. April 2020 - 09:17

Ich bin immer sehr skeptisch, wenn es um die neuen Technologien geht. Warum? Ich habe keine großen Bezug dazu, verstehe nicht sehr viel davon und benutze meinen PC und mein Handy sehr schmal.
Natürlich kann sich niemand den technischen Errungenschaften auf Dauer entziehen. Das vieles von Vorteil ist, wissen wir alle sicher hier im Forum.
Nur ein Satz hat meine Skepsis bestätigt.
" Doch bezogen auf die wesentlichen Fragen zu Corona herrscht zurzeit bittere Datenarmut."
Genauso ist es. Mag man doch erstmal generell mehr über das Virus wissen, bevor man mit allem was man glaubt zu haben, auf das Virus "draufschlägt".
Natürlich wäre eine App, die uns dafür wesentliche Beschränkungen erspart, sicher eine entscheidende Hilfe. Nur, es muss eben erstmal herausgefunden werden, ob eine solche App tatsächlich hilft und vor allem aussagekräftig ist. Was Überwachung angeht, mache ich mir keine Illusionen. Was Anbieter nicht so herausbekommen, schreien die meisten von sich aus in die Welt.