Coronavirus - „Die Stimmung geht in Richtung: Wir schaffen das!“

Die Elf-Millionen-Stadt Wuhan ist das Epizentrum der Coronavirus-Epidemie und wurde unter Quarantäne gestellt. Professor Timo Balz erklärt, warum er dem Krisenmanagement der chinesischen Führung vertraut und anders als die etwa 90 Deutschen in der Region nicht evakuiert werden will

Im Flughafen der indonesischen Insel Batam wappnen sich Reisende mit Mundschutz gegen den Corona-Virus
Sicher ist Sicher: Ein Mundschutz gehörte in Asien schon vor dem Ausbruch des Corona-Virus zur Grundausstattung / picture alliance

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Rixa Rieß hat Germanistik und VWL an der Universität Mannheim studiert und hospitiert derzeit in der Redaktion von CICERO.

 

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Professor Timo Balz lehrt an der Wuhan University im Bereich Radar-Fernerkundung. Er lebt mit seiner Familie seit zehn Jahren in der Stadt Wuhan.

Herr Balz, wie sieht es aus, wenn Sie bei sich aus dem Fenster schauen? Gehen Sie oder Ihre Familienmitglieder überhaupt aus dem Haus?
Ja, wir gehen raus, wir gehen auch spazieren und einkaufen. Aber wir fahren nicht mit dem Auto. Busse und Taxis fahren nicht. In den letzten Tagen war es sehr leer auf den Straßen. Heute allerdings sah man mehr Menschen spazieren. Man hat den Eindruck, dass die Leute jetzt wieder vermehrt die Wohnungen verlassen.

Wie sieht es an den Ausfallstraßen aus: Steht dort die Armee und schickt jeden zurück, der versucht, mit dem Auto die Stadt zu verlassen?
Die Leute haben immer die Vorstellung, hier sei es wie im Film, und dass das Militär jetzt die Straßen kontrolliert. Hier patrouillieren aber keine Panzer und keine Soldaten – wir haben noch nicht einmal Polizisten gesehen. Man kann, soweit ich weiß, auch mit dem Auto fahren. Die meisten Leute halten sich aber trotz nicht ganz eindeutiger Vorgaben dran und verlassen ihre Wohnungen nicht. Wenn alle mitmachen, bekommen wir das Virus unter Kontrolle.

Welche Vorsichtsmaßnahmen ergreifen Sie, um sich und ihre Familie vor einer Infektion zu schützen?
Wir tragen Masken. Das ist Pflicht. Dann natürlich die klassische Hygiene: regelmäßig Hände waschen – besonders dann, wenn man nach Hause kommt. Der Mundschutz kommt auch sofort in den Mülleimer. Alles in allem sind das leichte Vorsichtsmaßnahmen. Wir desinfizieren die Kleidung, mit der wir unterwegs waren, nicht. Wir leben ein bisschen außerhalb – hier ist die Menschendichte nicht so hoch.

Wie schätzen sie die Stimmung der Bevölkerung in der Provinz ein? Gibt es Panik?
In den ersten ein, zwei Tagen war es natürlich unruhig, ohne dass ich den Eindruck von Panik bekommen hätte. Aber auch das hat sich beruhigt. Die allgemeine Lage hat sich gebessert. Die Supermärkte sind voll. Die erste Schicht von Ärzten wird abgelöst – hierbei ist auch das Militär vor Ort, da Militärärzte eingesetzt werden. Die Ärzte in den Spezialkrankenhäusern, die nur Corona-Patienten behandeln, wurden jetzt nach 10 Tagen ausgewechselt und befinden sich jetzt ebenfalls in Quarantäne, bevor sie nach Hause zurückkehren.

Das klingt, als seien die Leute eher entspannt.
Das sind sie auch. Die Stimmung geht von „Lasst uns alle abhauen!“  hin zu „Wir schaffen das, wir haben die Lage unter Kontrolle.“ Gestern zum Beispiel gab es eine Aktion, bei der mehrere tausend Menschen um acht Uhr abends auf die Balkone gegangen sind, die Nationalhymne gesungen haben und gemeinsam das Licht an- und ausgeschaltet haben, um ein Zeichen zu setzen. Man kann sich ja nicht auf großen Plätzen treffen und soll zu Hause bleiben.

Professor Timo Balz
Professor Timo Balz / privat

Im Deutschlandfunk erzählte heute ein Exilchinese, dass die Zensur im Internet nicht mehr funktioniert: Man liest sehr viel Unmutsäußerungen über die Regierung. Stimmt das?
Man liest viele Unmutsäußerungen, das stimmt schon. Ich wäre allerdings vorsichtig mit der Aussage, dass die Zensur nicht funktioniert. Die Regierung kann sehr genau kontrollieren, welche Meinungsäußerungen zugelassen werden. Wenn sich die Kritik nur gegen die Regierung von Wuhan und gegen den Gouverneur von Hubei richtet, aber nicht gegen die Partei als Ganzes, ist sie zulässig. Die Leute lassen sich nicht den Mund verbieten.

Wie gestaltet sich die Versorgung während der Quarantänezeit? Sind Geschäfte geöffnet?
Als am 22. Januar die Meldung kam, dass die Stadt unter Quarantäne gestellt wird, bin ich gleich einkaufen gefahren. Die Idee hatten auch viele andere. Da hat man schon Hamsterkäufe erlebt. Es war ruhig, aber sehr voll. Nachmittags kamen dann die Bilder von den leeren Supermarktregalen. Ein, zwei Tage später waren die Regale aber wieder gefüllt. Wir kommen jetzt nicht mehr zu den großen Supermärkten hin, weil wir nicht mehr mit dem Auto fahren können und kaufen in den Läden um die Ecke. Die sind gut gefüllt, auch mit frischem Obst und Gemüse. Wichtig ist, dass die Lebensmittel schälbar sind und gut abgekocht werden. Also normale Hygienevorschriften. Dass alles frei von Erregern ist, kann keiner garantieren.

Wie gut fühlen Sie sich durch die Behörden vor Ort informiert?
Relativ gut. Man ist schon zurückhaltend mit Informationen. Momentan bekommen wir aber auch Nachrichten aufs Handy geschickt. Heute gab es extra Informationen, Telefonnummern für Ausländer, bei denen man sich englischsprachig über die Situation informieren kann und eine 24-Stunden- Hotline – das kenne ich so gar nicht. Die Regierung bemüht sich, so offen zu sein, wie sie kann. Mit Deutschland ist diese Offenheit natürlich trotzdem nicht vergleichbar.

Wie schätzen Sie die medizinische Versorgungslage ein? Würden Sie sich im Notfall vor Ort in sicheren Händen fühlen?
China hat Erfahrungen in der Bekämpfung von SARS und in Wuhan gibt es ein großes Forschungszentrum. Die Expertise ist hier. Ich würde dem System hier also schon vertrauen, auch wenn die hohe Zahl der Patienten natürlich abschreckt. Aber die Kompetenz ist da.

Was wäre, wenn man sich den Quarantänevorgaben widersetzen würde?
Das weiß ich nicht. Was stark wirkt, ist der soziale Druck. Wenn man ohne Maske rausginge, würde einen vermutlich irgendwer ansprechen, dass man sich bitte eine anziehen solle. Auf der Straße laufen alle automatisch mit Maske herum. Das Pkw-Verbot scheint jedoch nicht so streng geahndet zu werden. Man sieht relativ viele Autos fahren. Nur wenn man aus der Wohneinheit kommt, wo Krankheitsfälle aufgetreten sind, bekommt man eine Extra-Nachricht, dass man wirklich nicht mehr fahren und rausgehen darf. Es gibt also verschiedene Stufen. Die Leute halten sich auch daran, weil sie die Maßnahmen für richtig halten. Im alltäglichen Leben nerven sie natürlich, aber sie helfen dabei, den Virus zu bekämpfen. Der Virus wird verbreitet, ohne dass Leute Symptome zeigen. Er verbreitet sich also schon, bevor man selbst merkt, dass man erkrankt ist. Das ist natürlich sehr gefährlich.

Was erwarten Sie von der Bundesregierung?
Wir werden hier bleiben. Das haben wir der Botschaft schon mitgeteilt. Die hier lebenden Deutschen sind vor allem über die sozialen Netzwerke in engem Kontakt. Der allergrößte Teil der etwa 90 Deutschen will das Land schnell verlassen. Das kann man natürlich verstehen. Wir leben hier bereits seit zehn Jahren. Das ist etwas anderes. Ich fühle mich von der Botschaft gut informiert. Bisher haben wir jeden Tag eine Mail mit Updates erhalten. Das Team der Botschaft ist vor Ort und hat sich heute bereits mit den ersten deutschen Vertretern getroffen. Es muss mit der chinesischen Regierung verhandelt werden, wie eine mögliche Evakuierung ablaufen soll.

Wie kann denn eine Evakuierung aussehen, wenn die Straßen gesperrt sind?
Uns sind keine konkreten Pläne bekannt, aber wir rechnen diese Woche mit einem. Soweit ich gehört habe, liegt das Problem darin, dass die Art des Flugzeugs noch diskutiert wird. Die chinesische Regierung möchte nicht, dass ein Militärflugzeug in die Region kommt. Eine Bundeswehrmaschine sieht nun einmal nach Panik aus. Das ist natürlich unschöne Presse. Andere Nationen fliegen ihre Landsleute mit Linienflugzeugen aus der Provinz. Die USA fliegen ihre Leute heute raus. Japan und Frankreich folgen wohl in den kommenden Tagen.

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