Ulrike Moser Christian Baron
Ulrike Moser und Christian Baron

Christian Baron im Gespräch mit Ulrike Moser - Cicero Literaturen Podcast: „Das sind Zerrbilder“

Er schreibt über Armut, Alkohol, Gewalt und Scham. Der Schriftsteller Christian Baron, aufgewachsen in der sogenannten Unterschicht, gehört zu den aufregendsten Stimmen der deutschen Literaturlandschaft. Im Cicero-Podcast LITERATUREN spricht er über seine Bücher, über seine Kindheit mit einem prügelnden Vater, über den blinden Fleck im Kulturbetrieb, der Identitätsdebatten führt, aber soziale Ungleichheit ignoriert. Und darüber, wie es ist, als einziger seiner Familie Abitur gemacht und studiert zu haben.

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Ulrike Moser ist Historikerin und leitet das Ressort Salon bei Cicero.

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Es war die Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft, die Christian Baron dazu bewogen hat, die Geschichte seiner Kindheit zu schreiben. Aber auch das Bedürfnis, dem sogenannten Unterschichtenfernsehen, das Armut nur vorführt, ein vielschichtigeres Bild entgegenzusetzen. „Das sind Zerrbilder“, sagt Baron im Gespräch mit Ulrike Moser, Ressortleiterin Salon bei Cicero. „Genauso wie es auf der linken Seite auch das Zerrbild des idealisierten Arbeiters noch immer gibt.“

Dabei beschönigt Baron nichts. In seinem Buch „Ein Mann seiner Klasse“ berichtet er von einer entbehrungsreichen Kindheit. „In den ersten Jahren war mir das gar nicht bewusst. Da war es die Normalität“, sagt Baron. „Ich bin auch nicht in den Kindergarten gegangen, sodass Urlaubmachen oder im Restaurant essen etwas war, das Menschen im Fernsehen tun. Für mich war gar nicht klar, dass das auch Menschen hier in Deutschland, in Kaiserslautern tun. Das hat sich geändert, als ich in die Schule kam. Da sind mir die Unterschiede ganz schnell sehr bewusst geworden.“

Vor allem aber ist das Buch eine Auseinandersetzung mit seinem gewalttätigen, alkoholkranken Vater. Beklemmend lesen sich diese Exzesse, wenn der Vater die schwangere Frau in den Bauch tritt, oder die Söhne mit dem Gürtel verdrischt. Und doch, sagt Baron, gab es auch „Oasen des Glücks in dieser verwüsteten Kindheit“. Allerdings sagt er auch: „Ich würde noch nicht so weit gehen, dass ich wirklich meinen Frieden mit diesem Mann gemacht habe.“

Zuletzt ist sein Roman „Schön ist die Nacht erschienen“, in dem er der Geschichte seiner beiden Großväter nachspürt. Beide versuchen auf unterschiedliche Weise dem Proletarierelend zu entkommen, der eine durch Fleiß und redliche Arbeit, der andere durch Gaunereien. Und müssen beide erkennen, dass es für sie kein Entkommen aus ihrem Herkunftsmilieu gibt. Dass das Versprechen der freien Marktwirtschaft, wer sich nur genug anstrenge, der schaffe es auch nach oben, für sie nicht gilt.

Umso ungewöhnlicher ist, dass Christian Baron dieser Schritt aus seiner Klasse gelungen ist. Weil er, anders als andere Familienmitglieder, Hilfe und Unterstützung fand. So erfolgreich er mittlerweile ist, manchmal wundert er sich immer noch: „Manchmal gibt es so einen Moment, in dem ich glaube, aus dem Traum aufzuwachen und zu merken: Wo bin ich hier eigentlich? Was habe ich hier überhaupt verloren? Ich müsste doch eigentlich jetzt auf der Baustelle sein, wo mein Großvater auch schon war. Da gehöre ich doch eigentlich hin.“

Das Gespräch wurde am 30. August 2022 aufgezeichnet.

 

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