Moria und Moral - Der scheinheilige EU-Patriotismus der urbanen Eliten

Nach dem verheerenden Brand im Flüchtlingslager Moria zeigt sich wieder einmal: Die EU versagt in der Migrationspolitik. Trotzdem feiern gerade Progressive die Staatengemeinschaft als neue patriotische Instanz. Ein bizarrer Widerspruch.

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Die EU steht nicht für die Menschenrechte ein, die sie sich auf die Fahne schreibt / dpa

Autoreninfo

Judith Sevinç Basad ist Journalistin und lebt in Berlin. Sie studierte Philosophie und Germanistik und volontierte im Feuilleton der NZZ. Als freie Autorin schrieb sie u.a. für FAZ, NZZ und Welt. Sie bloggt mit dem Autoren-Kollektiv „Salonkolumnisten“. 

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„Schämen Sie sich, Horst Seehofer“, twitterte die Linkspartei, nachdem der Innenminister die Aufnahme von Flüchtlingen aus dem zerstörten Camp Moria auf der Insel Lesbos verweigert hatte. Mit dem Hashtag „Wir haben Platz!“ beschwerten sich auch andere Social-Media-Nutzer darüber, dass Deutschland den Schutzbedürftigen bis dato kein Asyl gewährte, obwohl einzelne Kommunen und Städte öffentlich ihre Bereitschaft bekundeten.

Ein User auf Twitter mahnte etwa, dass diejenigen, die jetzt den Hashtag verwendeten, auch wirklich Platz für einen Flüchtling in ihrer Wohnung machen sollten. Nico Semsrott, Satiriker und Mitglied des Europaparlamentes, rief sogar dazu auf, Flüchtlinge in den Brüsseler Abgeordnetenbüros zu beherbergen.

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Urban Will | So, 13. September 2020 - 09:32

unterschiedlichen Kulturen, Mentalitäten und Eigenheiten auf eigentlich ja doch so engem Raum, verbunden mit geographischer Vielfalt, machen Europa zu einem der schönsten und interessantesten Kontinente.
Dies soll offensichtlich ersetzt werden durch einen Einheitsbrei, den es aber so nie geben kann, wenn, dann vielleicht über einen jahrhundertelangen Prozess und so lange wird dieses Bankrott – Gebilde eh nicht halten. Es ist rein Utopie – gottseidank.

Die komplett irrsinnige deutsche Migrationspolitik ist Resultat einer über Jahrzehnte gepflegten „Schuldkultur“, aus der sich die wirresten Geisteshaltungen entwickelten. Bis hin zur unterschiedlicher Bewertung von Gewalttaten.
So etwas kann, soll und wird sich hoffentlich nie durchsetzen in Europa.
Massenmigration über ein völlig wirr interpretiertes Ayslrecht löst kein einziges Problem, sondern schafft nur neue.
Und bedient die Gemüter der Gesinnungs - Besoffenen.
Weitere „Morias“ werden folgen.

Sie haben die Idee des politisch intergrierten Europas selbstverständlich gewollt mißverstanden. Was in Deutschland möglich ist, soll auf europäischer Ebene nicht möglich sein? Oder sind Bayern, Ostfriesen, Sachsen usw. etwa in einem anonymen Brei aufgegangen, der sich - völlig inhaltsleer - Deutschland schimpft? Staatsgrenzen sind künstliche Gebilde, die der Geschichte geschuldet sind, und nicht natürlich gewachsen. Die Menschen in SH stehen den Dänen näher als den Bayern, letztere wiederum den Österreichern näher als den Saarländern usw.
Aber für einen Nationalisten ist die Idee eines geeinten Europas selbstverständlich ein Schreckgebilde.
Ein Europa, das selbstverständlich Defizite hat. Die man aber nicht dadurch beseitigt, dass man das Gerüst zerstört. Bedanken für diese Defizite darf man sich bei den ewigen Bremsern, bei Leuten wie Orban, Kacyznski oder Kurz, die Europa als unvollständiges, dadurch angreifbares Fragment konservieren wollen. Die AfD (und Putin usw.) bedanken sich.

Klare Gedanken und eine allgemeinverständliche Ansage von Henryk M. Broder an alle außerparlamentarischen und parlamentarischen Heuchler, von Links, über die Mitte bis Rechts.

»Eigentlich ist es obszön, wenn Politiker und Meinungsbildner, die in ihren Wohnungen oder Büros sitzen, das Schicksal von Menschen politisch ausschlachten, die heimat- und obdachlos im Freien übernachten müssen. {...} Die einen Politiker reden dennoch wie ehedem von einer „europäischen Lösung“, die es nie geben wird. Die anderen fordern einen neuen deutschen Alleingang beim Migranten-Transfer. Doch warum müssen alle Migranten nach Europa transferiert werden?

Höre: https://www.youtube.com/watch?v=c3bJYN-j71g

Charlotte Basler | So, 13. September 2020 - 10:15

Europa ist nicht die EU. (50 Länder gehören zum Kontinent, zum Staatenbündnis aktuell noch 28)
Europa ist der zweitKLEINSTE Kontinent.
Europa bedeutet bisher Frieden und Freiheit.
Europa ist unsere Heimat. Wir sollen uns sehr gut überlegen, mit wem wir unser Zuhause teilen können und wollen. Schon wieder wollen Einzelne für und eine Mehrheit bestimmen, indem sie in allen Medien besonders aktiv und aggressiv auftreten. Wir sollten endlich auch aktiv werden.

Christa Wallau | So, 13. September 2020 - 11:01

Der Wunsch, sich als Europäer zu fühlen, ist in Wirklichkeit die Sehnsucht nach einer "leeren Hülle" bzw. nach einem gewaltig überdimensionierter Beamtenapparat in Brüssel, Straßburg und anderswo, welcher in erster Linie der Wirtschaft dient. Wie ein Süchtiger sich die Erfüllung seiner Träume von Drogen erhofft, so gieren manche Leute nach einer Identität als Europäer.
Dabei gibt es sie gar nicht!
Immer, wenn es ans "Eingemache", sprich: an die
Eigeninteressen und Wertvorstellungen der einzelnen EU-Mitgliedsländer geht, zeigt sich der
wahre Charakter

.. hier der Rest: "Es gibt keine EU-Identität"

... zeigt sich der wahre Charakter dieses Konstruktes: Jedes Nation kämpft in erster Linie für ihre eigenen Interessen. Nur die Deutschen machen da eine Ausnahme.
Ihnen hat man ja über Jahrzehnte erfolgreich eingeimpft, daß sie kein Recht haben auf natürliches nationales Selbstbewußtsein oder gar Stolz.
Es ist deshalb kein Wunder, daß sich also die Deutschen am meisten nach einer "EU-Identität" sehnen.
Aber genau so wenig, wie ein Süchtiger die Erfüllung seiner Sehnsucht bei den Drogen (Ersatz für echte Liebe) findet, wird sich die deutsche Sehnsucht nach einer Europa-Identität erfüllen.
N i c h t s wird den Alt-Deutschen am Ende bleiben: Kein Heimatland, in dem sie sich noch wiedererkennen können, und auch kein Ersatz dafür.
Weder der Traum vom wonnigen Wohlgefühl des Lebens in einem Staat mit multikulturellen Parallwelten n o c h die Vorstellung, daß alle Europäer eine gemeinsame Identität entwickeln, werden jemals real werden.

Guido Lüchters | So, 13. September 2020 - 11:29

"Die Deutschen wollen sich als hilfsbereite Helden sehen"
So ist es.
Für mehr Migranten, sind einmal diejenigen, die dafür nichts abgeben müssen und diejenige die davon profitieren:
Immobilienfonds, Konsumkonzerne und Unternehmer, die nun Löhne drücken können oder Migranten als Sklaven arbeiten lassen.
Bezahlen muss das die untere Klasse und Mittelschicht: Hohe Mieten, niedrige Löhne, wegschmelzende Sozialkassen, höhere Krankenkassenbeiträge und Unsicherheit für ihre Kinder.
Wie schon berichtet wurde: die Reichen verschanzen sich in Deutschland zunehmend in Gated Communities.

Rainer Mrochen | So, 13. September 2020 - 12:08

...sind diese Leute nur bei der egoistischen Verteidigung ihrer vermeintlich elitären Positionen. In dem sie in ihrer "progressiven" Verblendung nach dem Motto verfahren "gebt mir einen festen Punkt am Himmel und ich heb die Welt aus den Angeln". Es handelt sich für mich um eine eher Minderheit, die einer absoluten Mehrheit ihren Stempel aufdrücken will. Es werden Ideale vorgetäuscht die keine sind und die EU wird vorgeschoben, um nicht persönlich haftend zu sein. Nur wer unmittelbar die Folgen seines Tuns spürt handelt weitsichtig. Sie haben absolut Recht es ist nicht nur bizarr widersprüchlich, daß gesamte Gebilde EU ist in seiner momentanen Zustandsbeschreibung eher bizarr.

Markus Michaelis | So, 13. September 2020 - 12:46

Ich glaube nicht, dass die Schuld für Lesbos bei der EU liegt und auch nicht, dass sich die anderen Staaten hinter Deutschlands Humanität verstecken.

Die EU ist (noch) kein Staat mit Handlungsfreiheiten - bis jetzt ist es ein Konsens von 27 Staaten und jenseits des Konsens beginnt schnell undemokratische Willkür (der Eliten oder von Bevölkerungsteilen). Man kann mehr anstreben, aber nicht herbeifantasieren.

Auch würde Deutschlands Humanität (die man sehr gut finden kann oder nicht) nichts Grundlegendes lösen oder verbessern. In der Bundestagdiskussion wurde bis auf den letzten CDU-Redner im Wesentlichen auf dramatische eigene Beobachtungen bei Moriabesuchen und die Unvereinbarkeit des Geschehens mit dem christlichen Glauben, den Menschenrechten, europäischen Werten abgezielt.

Als ob es um ein kleines Problem ginge, dass im Rahmen der bestehenden Weltordnung einfach anständig abzuwickeln ist.

Für mich sind das Fantasiedebatten in Fantasiewertesystemen mit Fantasiefeindbildern.

Bernd Muhlack | So, 13. September 2020 - 17:01

Unsere Tochter lebt seit 10 Jahren in UK, zunächst Studium in Edinburgh, inzwischen ein Job in London, es geht ihr sehr gut.
Sie wird des Öfteren als "die Kraut" bezeichnet, was jedoch nicht abwertend gemeint ist, im Gegenteil.
Finaler Brexit 31.12.20.
"always look on the bright side of life..."

Europa und seine "Nationen", Zivilisationen, kulturellen Eigenheiten - wunderbar!
Außer den selbstherrlichen Auto-/Eurokraten will mMn kaum jemand einen "Einheitsstaat".
Cui bono?

Freizügigkeit und sinnvolle Angleichung in gewissen Bereichen (etwa Steuerpolitik) ist okay.
Aber bitte keine Gleichmacherei und des Sonntags "Werte-/Haltungsreden" abliefern.

Wenn Staaten keine Afrikaner, Araber, (Moslems) wollen, dann ist das mMn zu akzeptieren.
"Es gibt keine Pflicht zur Selbstzerstörung!"
Peter Sloterdijk.

Es gibt keine Hypermoral die alles rechtfertigt!

13.000 "Morianer" sind eher Peanuts, machbar.
Jedoch ist das wie mit der Hydra aus der griechischen Mythologie.
Aber wo ist unser Herakles?

Helmut Bachmann | So, 13. September 2020 - 20:36

Die Verschiebung des Patriotismus auf die EU ist schon irgendwie witzig. Als ob dann nicht dieselben Fragen bewantwortet werden müssten wie in einem herkömmlichen Nationalstaat. Wenn man eine Identität als Wir entwickelt oder hat grenzt man sich ab, hat Grenzen, definiert sich.

Beate Weikmann | So, 13. September 2020 - 23:24

schließt das Eine das Andere aus? Warum kann nicht jeder seine Nationalität mögen und dennoch Europäer sein. Das sind wir, da wir ein Kontinent sind . Die Jugend wird sich das nicht mehr nehmen lassen und das ist gut so. Warum sollen die Menschen nicht zusammenstehen nur weil die Politik nicht immer alles richtig macht. Offene Grenzen, Niederlassungsfreiheit, ein wir Gefühl das uns alle zusammenwachsen lässt. Das alles seine Zeit braucht Höhen und Tiefen durchläuft, aber dennoch bleibt, darauf kommt es an.

Norbert Heyer | Mo, 14. September 2020 - 11:22

Schon einmal hat Deutschland in Europa für Krieg und Verwüstung gesorgt. Damals mit einer radikalen Diktatur mit unmenschlichen Verbrechen. Nach diesem Krieg setzte eine „Schuldkultur“ ein, wobei wir jedes Leid und jede Katastrophe in anderen Länder uns zueigen
machten. Als dann die Flüchtlingskrise begann, haben wir mit der Grenzöffnung und bedingungslosem Eintritt in unser Land ganz Europa düpiert. Wir haben mehr Migranten aufgenommen als alle anderen zusammen. Wir haben finanzielle Verpflichtungen übernommen, Herrn Erdogan für eine nicht funktionierende Grenzsicherung entlöhnt und Fehlbeträge innerhalb der EU übernommen. Trotzdem sind wir in der EU isoliert, teilweise verhasst und werden bestenfalls milde belächelt. Wir sind die Doofen für alle Probleme, man nimmt nur unser Geld, unsere Nachgiebigkeit und Toleranz in Anspruch, ernst nimmt man uns aber nicht. Alle wissen genau, bald fallen die Deutschen wieder um, für alles Leid auf dieser Welt opfern wir uns bis zur Selbstaufgabe.