Warum können Hausärzte nicht impfen? - „Der Wahlkampf spielt eine größere Rolle als Pragmatismus“

Während in den Impfzentren Impfstoff verdirbt, müssen Hausärzte Patienten abweisen, für die eine Impfung lebensnotwendig ist, die aber keine Priorität genießen. Auch Sibylle Katzenstein würde gerne impfen. Warum die Kampagne ruckelt, dafür hat sie eine beunruhigende Erklärung.

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Leere Wartezimmer: Die Hausärzte könnten sofort Risikopatienten impfen, dürfen aber nicht / dpa

Autoreninfo

Jakob Arnold hospitierte bei Cicero. Er ist freier Journalist und studiert an der Universität Erfurt Internationale Beziehungen und Wirtschaftswissenschaften. 

So erreichen Sie Jakob Arnold:

Sibylle Katzenstein betreibt eine Praxis für Allgemeinmedizin und Geriatrie in Berlin.

Frau Katzenstein, bisher läuft die deutsche Impfkampagne über die Impfzentren. Ist dieses Vorgehen effektiv?

Die Impfzentren scheinen mir nicht der richtige Weg zu sein. Stattdessen sollten wir auf etablierte Strukturen setzen. Wir Hausärzte wissen, welche Patienten dringend durch eine Impfung geschützt werden müssen.

Was meinen Sie damit?

Einzelschicksale kann ein Impfzentrum nicht erfassen. Ich hatte vor kurzem mit einer Familie gesprochen, die ich als Hausärztin betreue. Der Vater ist schwerbehindert, und ein Sohn muss beatmetet werden. Es sind also beides Hochrisikopatienten. Seit einem Jahr trauen sie sich aus Angst vor dem Virus nicht mehr aus dem Haus. Die Kinder werden nicht beschult. Die Mutter muss 24 Stunden am Tag als Pflegerin und mittlerweile auch als Lehrerin für die Kinder arbeiten. Und das ist kein Einzelfall. 

Und die Familie wartet bis heute auf die erlösenden Impfungen?

Ja. Wenn ich auch nur 20 Impfdosen zugewiesen bekommen hätte, wäre dieser Familie und einigen anderen meiner Hochrisikopatienten viel Leid erspart geblieben. Ich hätte sie innerhalb eines Tages geimpft. Dazu braucht es keine Bürokratie und Ethikräte. Seit heute weiß ich, dass ich zu einer der ersten Praxen in Berlin gehöre, die mit den Impfungen an den Start gehen können. Ich bin sehr erleichtert.

Unter der aktuellen Impfpriorisierung fallen viele Menschen unters Raster?

Die Priorisierung geht an vielen Menschen vorbei, für die die Impfung lebensrettend sein kann. Das sind nicht die Menschen, die in den Heimen leben; die wurden groß angelegt mit mobilen Impfteams versorgt. Die Privatpersonen, die zu Hause leben, wurden hingegen übersehen.

Wieso traut man dabei nicht der ärztlichen Entscheidung? In anderen Fällen entscheide ich doch auch jeden Tag mit dem Patienten, wie mit dieser oder jener Situation zu verfahren ist. Solche gemeinsamen Arzt-Patienten-Entscheidungen sind mein tägliches Geschäft. Die Entscheidung jedoch, ob jemand geimpft wird, die wird uns nicht zugetraut. 

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Christa Wallau | So, 14. März 2021 - 12:49

Dieses ist der Kernsatz!!!
Vergessen wir niemals das Ziel im Hintergrund:
Die übersättigten Märkte brauchen neue Bedürfnisse!
Da kommen Pandemien gerade recht.
Die menschlichen die Gier stehen im entgrenzten, globalen Kapitalismus alle Tore offen.
China hat das längst begriffen.

Walter Bühler | So, 14. März 2021 - 13:24

... kann man sich nur wünschen.

Deutschland im Stresstest, und es zeigen sich viele, viele gefährliche Risse. Warum keine vernünftige App, warum das Herumreiten auf einem absurden Datenschutz? Warum diese absurde Bürokratie um das Impfen? Warum die irren Kompetenzstreitereien?

In der Politik gibt es keine Partei und kein parteienübergreifendes Bündnis, welche die grundlegenden Strukturprobleme dieses Landes anzugehen wagt. Immer noch geht es den Parteien um die Sicherung der Posten für die eigene Klientel. Keine Aussicht, dass in der deutschen Politik das Gemeinwohl in den Fokus der politischen Arbeit gerät.

Heidemarie Heim | So, 14. März 2021 - 15:37

Also kommt zur Unfähigkeit noch Kalkül? Wie z.B. die Informationen bezüglich Lagertemperatur der neu entwickelten Impfstoffe! Schon klar, das Wissen darüber hätte der aufgeklärte Bürger auch längst selbst erlangen können! Ich dachte doch tatsächlich ich wüsste so einiges darüber, da ich mich dafür interessierte, aber nun komme ich mir nicht nur einigermaßen blöd vor, sondern auch total vera.... und desinformiert! Genau wie beim momentanen Dummgeschwätz bzgl. Lieferengpass des Stoffs von astra zeneca und der wahren Gründe dafür! Die USA horten an zwei Produktionsstandorten in jeweils zweistelliger Millionenhöhe Dosen von astra-zeneca und haben Ausfuhrbegrenzungen/ Verbote für hier dringend benötigte Komponenten zur Produktion des AZ-Impfstoffs, was auch unter Präsident Biden beibehalten wird! Der schlechte Witz dabei , in den USA ist der hier mittlerweile fast totgeredete/geschriebene Impfstoff noch nicht mal zugelassen! Maybe Export in die als geizig geltende EU? Wer bietet zuerst?

Bekanntlich nehme ich was das Impfen angeht eine gegensätzliche Position als Sie liebe Frau Stange oder unser Herr Konrad ein;)! Doch sprechen wir eine gemeinsame Sprache bzw. kritisieren was das bisherige Versagen der Corona-Politik in unserem Land und in der EU betrifft. Jedoch scheint es, wie die beiden vergangenen Landtagswahlen auch zeigten, vielen Bürgern noch nicht so klar vor Augen zu stehen, welche fatalen Folgen die politischen Fehlentscheidungen auf das Gesamtgesellschaftliche haben wird. Und wie Herr Konrad anmerkt, beschleicht einen inzwischen wirklich das dumpfe Gefühl, das man a) keinen vernünftigen Plan hatte seitens der Regierung, und b) dieser wie immer er geartet ist, sich inhaltlich darauf beschränkt sich mit einer Strategie des Vertröstens und Zeitgewinns bis zur Wahl durchzumanövrieren. Was Astra zeneca (Nebenwirkungen) betrifft, so dürfte man kein Medikament mehr annehmen, bei dem wie bei AZ errechnet das 0,004%ige Risiko einer schädlichen Nebenwirkung besteht!

Ernst-Günther Konrad | Mo, 15. März 2021 - 07:55

Das Interview zeigt eines ganz deutlich, man will derzeit keine flächendeckenden Impfungen. Als ich noch aktiv im Dienst war, kam einmal im Jahr, meistens Oktober eine Mail, dass jeder, der gegen Grippe geimpft werden möchte, beim ärztl. Dienst einen Termin machen und sich impfen lassen kann, so er es nicht privat geregelt hatte. Wer wollte ging hin, mit Ersatztermin sogar und gut war es. Erst verspricht man den Menschen, Impfen sei lebensrettend, wichtig und würde zur Beendigung der Lockdown Maßnahmen führen. Wo wir derzeit stehen, zeigt der Bericht und viele anderen Meldungen inzwischen deutlich.
Man will keine schnellen Impfungen. Man braucht die Panik und Angst. Man will kein Ende. So gut, wie es derzeit möglich ist ohne Parlament und Bürger zu regieren, wird es die Regierung nicht noch mal hinbekommen. Und ja, die BT-Wahlen im Herbst sind noch nicht durchgeführt. Jetzt, wo die 3. Welle begonnen haben soll. Ihr Impfgläubigen, wo ist Euer sichtbarer Aufschrei und Protest?