Streitgespräch über Russland - „Wir sind nicht aggressiv“

Wie groß sind die Mentalitätsunterschiede zwischen Russland und dem Westen? Warum agiert Russland außenpolitisch so aggressiv? Welche Rolle spielen die USA? Ein Streitgespräch zwischen dem deutschen Außenpolitiker Norbert Röttgen und dem russischen Putin-Vertrauten Wladimir Jakunin

Norbert Röttgen (links) und Wladimir Jakunin beim Gespräch in Röttgens Bundestagsbüro
Norbert Röttgen und Wladimir Jakunin in Röttgens Bundestagsbüro: Freundlich im Umgang, hart in der Debatte / Anja Lehmann

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Alexander Marguier ist Chefredakteur von Cicero.

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Herr Jakunin, Deutschlands neuer Außenminister Heiko Maas hat unlängst kritisiert, dass Russland „zunehmend feindselig“ agiere. Tatsächlich ist das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen so schlecht wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr. Wer ist schuld daran?
Wladimir Jakunin: Auf beiden Seiten herrscht die Neigung, die jeweils andere für sämtliche Fehlentwicklungen verantwortlich zu machen. In der New York Times vom 8. Mai schreibt Keith Gessen ausdrücklich, dass er es für einen Fehler hält, die Ursachen für die zunehmenden Spannungen einzig und allein bei Russland zu suchen.

Herr Röttgen, wie bewerten Sie die russische Politik der vergangenen Jahre?
Norbert Röttgen: Die russische Politik hat sich in dieser Zeit grundlegend verändert, hin zur Verletzung und zum Austritt aus der europäischen Friedensordnung. Stattdessen erleben wir, dass Russland als ein Gegenmodell zur westlich-liberalen Ordnung aufgebaut wird – und zwar seit dem Assoziierungsabkommen zwischen der EU und der Ukraine. Dieses Abkommen war sicherlich eine Herausforderung für Russland. Gleichwohl hat es mit seiner Reaktion gezeigt, dass es nicht bereit ist, die Souveränität anderer Nationen anzuerkennen. Die Entscheidung Putins, sich dem Abkommen mit militärischer Macht entgegenzustellen, hat in Russland letztlich zu einer Bewusstseinsveränderung geführt: Das Gefühl von Niedergang und Herabsetzung in der Bevölkerung wich zunehmend einem neuen Gefühl von Nationalstolz. Und dieser weitverbreitete Nationalstolz ist die wichtigste Machtbasis von Wladimir Putin.

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Joachim Wittenbecher | Mo, 4. Juni 2018 - 13:32

Es überrascht positiv, dass bei Herrn Jakunin mehr als einmal Selbstkritikfähigkeit aufleuchtet. Dem gegenüber scheint Herr Röttgen in seinen pseudo-westlichen Denkautomatismen zu verharren. Pseudo-westlich deshalb, weil es genug Vorbilder westlicher Politiker gäbe, die zur geistigen Flexibilisierung raten würden: Brandt, Genscher, Bush sen., Mitterand u.s.w. Es ist doch einfach lächerlich, dass die EU - gegen die USA - mit Russland in der Iran-Frage kooperiert, gerne russischen Goodwill in Anspruch nimmt und innereuropäisch das (wirkungslose) Sanktionsregime weiterführt. So geht Politik nicht - und Diplomatie ist eine Kunst. In Berlin mangelt es an dieser Staatskunst. M.E. zeichnet es sich jedoch ab, dass der Krim/Ukraine-Konflikt "eingefroren" wird und mittelfristig zwischen der EU und Russland ein kooperatives Verhältnis hergestellt wird.

ein typischer "Transatlantik-Denkfabriken-Denkenlasser" das heißt er läßt in diesen Denkfabriken für sich denken und gibt dann mit immer den gleichen Schlagworten in immer denselben Satzbausteinen in jedem Interview und in jeder Talkrunde das zum Besten was für ihn in diesen Denkfabriken gedacht wurde ergo kann er nur was neues zum Besten geben wenn was Neues für ihn gedacht wurde aber das kann natürlich dauern.

Yvonne Walden | Mo, 4. Juni 2018 - 16:50

Die politische Wirklichkeit sieht so aus:
Der Westen, organisiert in der NATO, braucht einen Gegenpart, sonst wäre auch sie - wie bereits der Warschauer Pakt Anfang der 1990er Jahre - eigentlich am Ende.
Was nicht sein darf, das nicht sein kann. Denn dann könnten die Rüstungsanstrengungen in allen NATO-Staaten massiv zurückgefahren werden.
Der Militärisch-industrielle Komplex würde also weniger Waffen, Munition und Rüstungsgüter produzieren und auch die militärische Führung müßte massiv verkleinert werden.
Wer will denn so was?
Wir Bürgerinnen und Bürger natürlich, aber wohl kaum diejenigen, die mit der Rüstungsproduktion Millionengewinne machen und auch nicht diejenigen, die von der NATO bzw. Bundeswehr irgendwie gut leben.
Dieses Argument wird politisch jedoch kaum ins Feld geführt, weil ja nicht sein kann, was nicht sein darf.
Die NATO lebt vom Kapitalismus und der Kapitalismus profitiert von der NATO.
Warum wird dies nach wie vor schamhaft verschwiegen?

Clara Schwarze | Mo, 4. Juni 2018 - 16:54

Letztendlich kann man sich solche Gespräche inzwischen sparen. Zwei Seiten werfen sich die immer wieder gleichen Phrasen an den Kopf, wobei das Ziel vor allem die Öffentlichkeiten sind.
Was allerdings wirklich auffällt ist, wie schwach Norbert Röttgen dabei wirkt. Er bringt nichts außer den ewig gleichen Think-Tank-Narrativen, die jedes Problem auf persönliche Marotten der Führung der anderen reduzieren, jeden Interessenkonflikt moralisch überfrachten und wohl inzwischen der ganzen Welt auf die Nerven gehen. Dabei ist es dann auch teilweise wirklich erkennbar sachlich falsch.
Natürlich spielte zB Serbien bei Russlands Wegdriften aus dem Westen eine erhebliche Rolle. Nur das passt natürlich nicht ins "Narrativ",weil noch nicht der böse Putin im Amt war.
Man fragt sich inzwischen vor allem, ob Leute wie Röttgen eigentlich glauben, was sie erzählen. Leider hat man den Eindruck, was manches Scheitern der westlichen Außenpolitik wohl auch erklären könnte.

Dimitri Gales | Mo, 4. Juni 2018 - 20:57

dass Russland ökonomisch so etwas wie das Abbild der USA wird. Aus diesem Grund hat er damals die sehr westlich orientierten Oligarchen verhaften und in Lager sperren lassen. Die USA aber sind traditionsgemäss auf eine "Amerikanisierung" der Weltwirtschaft ausgerichtet, eine Art von Wirtschaftsimperialismus, der seit 1945 auch Europa ergriffen hat. Das gerade das schafft eine Dissonanz in den europäisch-russischen Beziehungen. Putin sieht in Europa eine Art vorgelagerte Bastion der USA.

nach meiner Wahrnehmung ist ich betone ist die EU eine vorgelagerte Bastion der USA. Nur mal die Karte in die Hand nehmen und schauen wo die Nato vor unserer unblutigen Wiedervereinigung stand und heute steht und der oberste Befehlshaber der Nato ist immer ein US Bürger fürs Kaffekochen und Propaganda ist die EU zuständig in der Person eines Generalsekretärs und da nimmt man aus psychologischen Gründen bewusst einen aus den nordischen Ländern weil die den Ruf haben die friedliebensten zu sein. Wichtig ist aber, dass man EU nicht immer mit Europa verwechselt die EU ist ein Teil Europas.

Alexander Mazurek | Mo, 4. Juni 2018 - 22:22

… wie der Herr Röttgen, sind ganz und gar nicht glaubwürdig. Der Satz "Warum agiert Russland außenpolitisch so aggressiv?" ist seit 50 Jahren völlig unverständlich, der "Drang nach Osten" aber immer noch gegenwärtig, die russischen Ressourcen sind für das IV. neoliberale LBGTQIAZD...Reich noch wertvoller als sie es für das III. Reich gewesen sind. Unsere gottlose "Moderne" lebt von Beute, das hat sie mit dem Islam gemeinsam, wie das beliebige Recht und die Unterwerfung. Deswegen gehört der Islam zur "Moderne", nicht nur zu Deutschland …
"Anders sein ist in Amerika unanständig" schreibt Ortega y Gasset in "Aufstand der Massen". So ist es, die Moderne bedeutet Einschmelzung der Unterschiede, die Assimilation; der Schmelztiegel als das Wesen der USA wurde auch in Sotschi präsentiert - wer sich nicht assimiliert, nicht einschmelzen lässt, der wird liquidiert - wie die Juden im III. Reich, die Kulaken im Bolschewismus, die Katholiken im protestantisch besetztem Irland … who's next?

Thomas Schreiber | Mo, 4. Juni 2018 - 23:16

Europäische Politik und vor allem Die Politik gegenüber Russland sollten wir als Europäer selbst gestalten. Nicht was USA und v.a. Trump denken sollte das Handeln bestimmen, sondern was WIR als Bürger wollen sollte das Handeln unserer Politiker bestimmen. Schließlich haben diese ja auch einen entsprechenden Amtseid geleistet.
Leider trägt da wieder der alte Politikerspruch ..."was kümmert mich mein Geschwätz von gestern" ...
Die Aggressivität die seitens der NATO und der Bundesregierung Russland gegenüber gebracht wird, widerspricht dem Willen, eines großen Teils der deutschen (und der in D mit anderen Wurzeln lebenden) Bevölkerung.
Ich (53) will das auch meine Kinder (2) , Enkel (bisher 1) und Urenkel in Frieden und Freundschaft mit allen aufwachsen können.

Politiker wacht auf , wehret den Anfängen und macht Politik für und nicht gegen Eure Wähler.

FranzWeiler | Di, 5. Juni 2018 - 09:06

Röttgen gehört weder in ein außen-,noch in ein innenpolitisches Amt.
Ideologisch verblendet und Rationalität ausblendend.

Robert Friedrich | Sa, 9. Juni 2018 - 13:41

Nicht die Russen stehen vor Berlin, sondern die NATO und damit auch deutsche Soldaten vor Moskau. Gefährlich oder beruhigend? In der Militärtaktik gibt es eine Strategie und die heißt Zangenbewegung. Die wird wohl gerade geübt.
Mein Schlaf ist gestôrt Herr Rôttgen.

Das Buch von Peter Scholl-Latour im Jahre 2007 beschreibt das Szenario ziemlich genau. Und ich denke die EU wird der Verlierer sein. An Herrn Röttgen zu appelieren ist zwecklos der versteht das nicht.

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