Entwicklungshilfe - Nicht noch mehr Geld!

In der Entwicklungspolitik gilt das Motto: Viel hilft viel! Dabei ist eher das Gegenteil der Fall. Warum wir bei der Hilfe für arme Länder endlich völlig neue Wege gehen müssen

Illustration Entwicklungshilfe
Viel Geld wird in die Entwicklungshilfe gesteckt, heraus kommt dabei nur ein Tropfen auf den heißen Stein / Karsten Petrat

Autoreninfo

Klaus Stocker war Professor für Internationale Finanzierung sowie Manager bei einer Entwicklungsbank

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Porträt Klaus Stocker

Warum man gerade jene viel beschworenen 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens zum Ziel gesetzt hat, die jedes reiche Land für Entwicklungshilfe zur Verfügung stellen soll, weiß niemand mehr. Tatsächlich geben Fachleute hinter vorgehaltener Hand zu, dass bereits heute nicht genügend Projekte für das vorhandene Geld existieren. Außerdem: Was nutzt ein schnell hochgezogenes Krankenhaus, wenn anschließend der Medikamentenvorrat auf dem Schwarzmarkt verhökert wird und die Ärzte wegen ihres mageren Salärs Extrageld von den Patienten verlangen? Wenn Menschen beim Bau einer Straße oder einer Fabrik von ihren Grundstücken und Feldern einfach vertrieben werden, dann ist das sicherlich auch nicht im Sinne eines noch so gut gemeinten Entwicklungsprojekts. Um solche Szenarien zu vermeiden, braucht man Zeit für eine sensible Planung und Umsetzung – vor allem in Ländern mit korrupter Verwaltung.

Natürlich werden Experten auf Statistiken verweisen, nach denen sich in den 55 Jahren Entwicklungszusammenarbeit die Zahl der Analphabeten und die Kindersterblichkeit reduziert und die Lebenserwartung erhöht hat und sich Wasser- und Stromversorgung verbessert haben. Das ist tatsächlich so, und es wäre unfair, das nicht auch den Entwicklungsbemühungen der reichen Staaten zuzurechnen. Aber vielleicht wären diese Fortschritte ja auch erzielt worden, wenn es Entwicklungszusammenarbeit nicht gegeben hätte, weil die Regierungen dieser Länder dann gezwungen gewesen wären, selbst mehr Geld in die Entwicklung zu stecken und weniger Waffen zu kaufen. Der Rückzug des Westens aus Somalia hat allerdings gezeigt, dass auch das Gegenteil passieren kann – deshalb sollten wir vorsichtig mit vorschnellen Folgerungen sein. Wir sollten auch zugestehen, dass Entwicklungszusammenarbeit zur Stabilisierung vieler Regionen beigetragen hat.

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Michaela Diederichs | Do, 7. Juni 2018 - 15:12

 "Der Philosoph Valentin Yves Mudimbe zählt den esprit sorcier, den Hexenglauben, zu den größten Entwicklungsblockaden Afrikas. Wäre der Mann nicht Kongolese, er geriete unter Rassismusverdacht." Es ist wohl auch der Rassismusverdacht, der jede Diskussion darüber im Keim ersticken lässt. Fluchtursachen in Afrika lassen sich nicht kurzfristig beheben. Deshalb redet die Kanzlerin Unsinn, wenn sie davon im Zusammenhang mit der Migration spricht. Wir haben gar keinen Einfluss auf das Denken der Afrikaner. Afrika kann und muss sich selbst befreien - das musste Europa auch und zwar ohne Entwicklungshilfe. Es war ein langer und schmerzlicher Weg, geprägt von Hungersnöten, Seuchen, Irrungen und Wirrungen. Die Kanzlerin mag keine unschönen Bilder. Sie und wir werden diese aber auch in Zukunft ertragen müssen, wenn Afrika nicht endlich zur Vernunft kommt. Weder Geld noch Missionierung haben geholfen. Das gilt übrigens auch für das schwarze Haiti.

https://www.zeit.de/2005/38/Afrika

Michaela Diederichs | Do, 7. Juni 2018 - 16:17

Im aktuellen Spiegel findet sich ein gelungener Beitrag über einen Afrikaner, der seine Flucht nach Europa abbricht und nach Hause zurückkehrt. Der Artikel gibt ein guten Einblick in die Denkweise der Afrikaner. Den letzten Artikel, der sich voll umfänglich mit Afrikas alltäglichem Zauber auseinandersetzt, habe ich bei der FAZ gefunden. Er stammt aus 2007. Danach lesen wir nur vereinzelt von Albinos, Glatzenträgern und vergewaltigten Babys. Und es gibt m. W. auch nur einen wissenschaftlichen Beitrag dazu. Mit Geld können wir das Problem leider nicht zuschütten und auch nicht verschleiern. Die eingestellten Links dazu sind sehr lesenswert und dürften zumindest dem Entwicklungsminister nicht unbekannt sein.
http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/voodoo-afrikas-alltaeglicher-za…

Michaela Diederichs | Do, 7. Juni 2018 - 23:17

Tansania mit seinem Edeltourismus im Hexenwahn. Dabei gilt Tansania noch als "entwickelt". Kann sich jeder auf Youtube anschauen. Einfach den Link bei Youtube eingeben. Wie es in Benin ausschaut, möchte ich lieber gar nicht wissen. Oder in Uganda, das einen Idi Amin hervorgebracht hat. Afrika hat unglaubliche Ressourcen und nutzt sie nicht. Weil Erfolg und Ehrgeiz durch Eifersucht und Neid verhindert werden. Dort finden wir Kommunismus in seiner ursprünglichen Form. Lieber Herr Wißmann, ich bin vermutlich eine Zumutung, weil Sie das ja alles lesen und anschauen müssen, bevor Sie mich freischalten. Aber es lohnt. Afrika ist für mich der schönste Kontinent überhaupt und gleichzeitig schaue ich dort zurück auf unser eigenes Stück Geschichte: das Mittelalter. Sie haben Geschichte studiert. Reisen Sie mit - und sei es nur filmisch oder vielleicht ja auch mal in echt, wenn die Redaktion Sie lässt.

Peter Lieser | Fr, 8. Juni 2018 - 09:20

Um es kurz zu machen, Entwicklungshilfe hat aus meiner Sicht nur Alibifunktion.
Und wie sollen sie sich "selber helfen", wenn Schwälbchen Milch und holländische Tomaten billiger sind als einheimische Produkte, der letzte Fisch schon in den Schleppnetzen der EU Trawler gelandet ist. Die Charity- Unternehmen den Textilmarkt mit gesammelten Plunder aus der EU überschwemmen. Für die Aufzählung der Schutzzölle reichen die Zeichen nicht........

Yvonne Walden | Fr, 8. Juni 2018 - 14:25

In reply to by Peter Lieser

Mit anderen Worten: Wir, die hochentwickelten kapitalistischen Staaten, wollen eigentlich mit Macht verhindern, daß uns aus den sogenannten Entwicklungsländern eine Konkurrenz erwächst.
Diese Sicht der Dinge ist jedoch kurzsichtig, wie ja anwachsenden Ströme von Menschen zeigen, die ihre Heimatländer verlassen, weil sie dem dortigen Elend auf irgendeine Weise entgehen möchten.
Es führt also kein Weg vorbei an einer Entwicklungshilfe, die beispielsweise die Länder der Europäischen Union, allen Voran Deutschland, vor einer Überforderung schützt, die durch eine weitere ungezügelte Einwanderung droht.
Dazu bedarf es jedoch einer völligen Umgestaltung unserer Wirtschaftspolitik. Erst wenn Menschen etwa auf dem afrikanischen Kontinent spüren und erkennen, daß ihre Zukunft im Heimatland erträglich und ihre wirtschaftliche Zukunft gesichert ist, wird man sie zum Bleiben vor Ort bewegen können.
Gelingt es uns nicht, dies zu erreichen, könnte eine Völkerwanderung kommen, die ihresgleichen sucht

Am 15.08.2011 erschien beim SWR dieser Beitrag. Ist seitdem irgend etwas geschehen? Eine Umgestaltung der Wirtschaftspolitik im Sinne Afrikas hat nicht stattgefunden. Und wenn, so würde dies auch erst nach Jahren bzw. Jahrzehnten greifen. Wie also soll es jetzt gelingen, Fluchtursachen in Afrika zu bekämpfen - so mal eben auf die Schnelle wird das nicht gelingen.
https://www.swr.de/international/hintergrund-warum-lampedusa-fuer-fluec…

Nein, andere Kontinente und Staaten interessieren unser Wirtschaftssystem( EU) nur als Rohstofflieferant und als willige Märkte. Dazu sollen andere Staaten dienen. Dazu bedarf es:
1. fremder Finanzmittel ( Kredite, Spenden) die über Konsum zurückfließen Können.
2. der Menschenproduktion von 3 % die in der 3.Welt Bedürfnisse und Konsumenten schafft.

Die hierdurch entstehen, örtlichen Kriege und ausbleibenden Entwicklungen werden dafür tabuisiert.

Eine Konkurrenz hingegen kann Afrika hingegen nur durch sein billiges Menschenmaterial liefern, das auf unterstem Lohnniveau für Wettbewerb unter den sozial Schwachen in Europa sorgt. (Derzeitige sog, Flüchtlingskriese)

Ernst Laub | Fr, 8. Juni 2018 - 14:59

Mir ist in Lateinamerika ein deutscher Entwicklungshelfer begegnet, der vor allem die jungen einheimischen Studentinnen förderte, die ihm sexuell ergeben waren.
P.S. Nicht nur "Flüchtlinge" und Touristen (sowie Touristinnen) sind "Sexualtouristen. Auch "Entwicklungshelfer" gehören mitunter zu dieser Kategorie.

Michaela Diederichs | Fr, 8. Juni 2018 - 21:43

"Ich lebe zwei Leben. Mein Äußeres ist modern. Aber innen drin bin ich Himba. Für mich ist diese Mischung kein Problem, weil ich die Tradition sehr schätze. Das ist mir sehr wichtig. Denn wenn Du Deine Kultur verlierst – dann ist das wie ein Baum ohne Wurzeln." Ich war bei den Himbas, die noch absolut traditionell leben im Gegensatz zu dem Mann, den ich hier zitiere. Er spricht aus, was wir empfinden. In Afrika werden Selbstverständlichkeiten in so einfache, bildhafte Worte gefasst. Es muss uns auch der Balanceakt gelingen, Afrika zu helfen ohne alte Kulturen zu zerstören. Millionen Arbeitsplätze, eine intakte Infrastruktur auf einem riesigen Kontinent, Wohnraum, Schulen, Krankenhäuser, funktionierende Verwaltungen. Das alles wird nur behutsam funktionieren. Dabei muss es im Grunde wahnsinnig schnell gehen, sonst werden wir das Problem Flucht nicht bewältigen können.

http://www.deutschlandfunk.de/himba-nomaden-leben-wie-vor-500-jahren.72…

Thomas Kuhn | Mo, 11. Juni 2018 - 10:49

....alles andere ist lediglich Symptom Bekämpfung. Es scheint immer noch das größte Tabu zu sein sie Ursache zu bannen. Eine Entwicklung dieser armen Länder ist bei Bevölkerungswachstum von 3% ausgeschlossen.

Burkina Faso hatte z.B. im Jahr 1950 ca. 4,3 Millionen Menschen. Dieses Jahr wird es die 20 Millionen Marke überschreiten !!
Der sog. "Youth Bulge " sorgt für die begleitenden Kriege . Die Zahlen in Syrien sind ähnlich.
Diese Konflikte sind zwangsläufig bei dieser Menschenproduktion und können von der Wissenschaft mittlerweile gut vorausgesehen werden.
Der Begriff der sog. " Flüchtlingskrise" vernebelt diesen Umstand unsachlich, für die westliche Bevölkerung.

Hilfe muss auch die Ursachen bekämpfen, sonst wird sie unglaubwürdig.

Hans Page | Di, 12. Juni 2018 - 09:02

der EU Länder mit Afrika, der den lokalen Unternehmen keine Chance läßt. Entwicklungshilfe kann ohnehin nur staatliche Strukturen schaffen oder unterstützen, d.h. institutionelle und legale Rahmen schaffen. Die Wirtschaft kann durch Investitionen gefördert werden. Aber gegen unfaire Verträge kann Afrika nicht ankommen. Schluss mit europäischem Dumping von Tomatenmark, Hähnchenabfällen, gebrauchten Textilien und Autos. Die gesamte EU Politik mit Afrika gehört auf den Prüfstand, und verändert zugunsten von den wirklichen Wachstumspolen in Afrika.

Afrika hat einfach auf dem Weltmarkt keine Chance - weil die EU, die UNO das verhindert. Es gibt ganz viele kleine und sehr Erfolg versprechende Schritte auf dem Kontinent. Die gilt es zu fördern. Der Kontinent hat ein sehr großes Potential. Gerade weil die Menschen noch etwas haben, was uns vollkommen abhanden gekommen ist: Begeisterung und Aufbruchstimmung. Ich habe hier sehr viel über "Afrikas Hexen und Geister" geschrieben. Aber auf dem Kontinent gibt es auch sehr viele ermutigende Beispiele. Vom "Rosen züchten" in Äthopien, über erste Anfänge der Textilindustrie in Kenia. Die UNO macht es sich leicht, die Menschen einfach nach Europa zu "überweisen". Das geht an dem Kontinent total vorbei. Afrika braucht unsere Hilfe und Unterstützung bei dem Aufbau des Kontinents mit know how tranfer. Geld muss Afrika selbst in die Hand nehmen. Begehrte Rohstoffe und damit Geld gibt es genug. Die UNO richtet mit ihrer Politik mehr Schaden als Nutzen an.

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